Kokugaku: Back to the roots

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Kokugaku: Back to the roots

Eine Folge des erwähnten Ein­flusses neo-konfuzianischer Gedanken in der EdoEdo 江戸 Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit); ShichigosanMatsuriPhalluskulteMoencheWuerdentraeger... mehr-Zeit war ein ver­mehrtes Interesse an Ge­schich­te und eine neue Lese­art ge­schicht­licher Quellen. Im esoterisch-bud­dhis­tischen Diskurs des japanischen Mittel­alters durch­forstete man alte Texte be­stän­dig nach zahlen- und zeichen­mystischen Über­ein­stim­mungen mit den eigenen religiösen Lehren. Man konnte auf diese Weise auch in solchen Texten religiöse Offen­barun­gen finden, die ideen­ge­schicht­lich nichts mit der eigenen Richtung zu tun hatten. Bud­dhis­tische Sutrensūtra सूत्र „Faden“, Lehrrede des Buddha, kanonische Schrift, jap. kyō 経 oder kyōten 経典 GluecksbringerFushimiTempelAmidismusFruehzeit... mehr, chinesische Klassiker und ein­heimische Mythen wurden sowohl von den An­ge­hörigen ver­schiedener bud­dhis­tischer Rich­tun­gen, als auch von den frühen Shintōisten auf diese Weise fast wahl­los zur Be­stätigung des jeweiligen Stand­punkts herangezogen.

„Zusammentreffen im Traum“ (muchū taimen zu) // Saitō Hikomaro. Edo-Zeit // Bild © Museum of Motoori Norinaga (letzter Zugriff: 2016/8) // Das „Zusammentreffen im Traum“ zeigt die Begegnung der beiden bekanntesten Gelehrten der kokugaku, Motoori Norinaga (stehend) und Hirata Atsutane (Mitte links). Das Bild illustriert die Traumvision des Atsutane, der Norinaga in Wirklichkeit nie getroffen hatte, sich aber aufgrund seines Traums als sein Nachfolger betrachtete. Die Illustration des Traums stammt von Saitō Hikomaro (1768–1854), einem weiteren Kokugaku-Gelehrten.
. 1 Gelehrtentreffen

Unter kon­fuzia­nischem Einfluss wurde diese Praxis schritt­weise in den Hinter­grund ge­drängt (obwohl auch die An­hänger des Zhu XiZhu Xi 朱熹 1130–1200; chin. Philosoph; Begründer des Neo-Konfuzianismus Neo-Konfuzianismus nicht immer ganz frei davon waren). Gegen Ende des sieb­zehnten Jahr­hunderts trat mit der „Lehre vom Alten“ (kogakukogaku 古学 „Lehre vom Alten“, neo-konfuzianische Richtung der Edo-Zeit ) eine Denk­schule auf, die eine Ent­mysti­fizierung der Ge­schichte und der klas­sischen Schriften forderte. Man be­mühte sich darum, den ur­sprüng­lichen Sinn der klas­sischen Schriften wieder zu ent­decken und die Fracht der mysti­fizierenden Inter­preta­tionen, die sich um diese Texte ge­bildet hatten, über Bord zu werfen. Das Interesse der kogaku war dabei auf das klassische China ge­richtet, doch be­reitete sie methodisch die spätere kokugakukokugaku 国学 „Lehre des Landes“, Nationale Schule, Nativismus; in der Edo-Zeit entstandene Gelehrtentradtion, die ihren Fokus auf das nationale Erbe Japans richtete OkuninushiBakumatsuShinto MittelalterStaatsshinto... mehr „Lehre [unseres] Landes“ (also die Lehre Japans) vor. Beide Schulen wandten sich zu­nächst der kritisch-philo­logischen Analyse alter Texte zu. Im Gegen­satz zu kogaku lehnte jedoch die kokugaku chinesisches Denken und chinesische Texte als „fremd“ ab und kon­zen­trierte sich ganz auf das, was als un­ver­fälscht Japanisch wahr­ge­nommen wurde.

Die wichtigsten Vertreter der Kokugaku

  • KeichūKeichū 契沖 1640–1701; philologischer Gelehrter, Vorläufer der kokugaku (1640–1701), ein ShingonShingon-shū 真言宗 Shingon-Schule, wtl. Schule des Wahren Wortes; wichtigste Vertreterin des esoterischen Buddhismus (mikkyō) in Japan AhnenkultMoencheYamabushiBekannte TempelBerg Koya... mehr-Mönch, gilt als Vorläufer der kokugaku. Er studiert zu­nächst das Sanskrit und seine Gram­matik, bevor er sich der japa­nischen Klassik zu­wendet, und ent­wickelt auf beiden Gebieten eine neue Her­an­gehens­weise, die für spätere kokugaku-Gelehrte wichtige An­sätze ent­hält.
  • Kada AzumamaroKada Azumamaro 荷田春満 1669–1736; Kokugaku-Gelehrter (1669–1736) wurde lange als der eigent­liche Begründer der kokugaku angesehen, da er 1728 um eine Ge­nehmigung zur Er­richtung einer ent­sprechenden Schule an­ge­sucht haben soll. In Azumamaros Ansuchen an das Shōgunat ist explizit von dem Ziel die Rede, den alten „Weg Japans“ zu studieren, der durch die Ein­flüsse von Bud­dhis­mus und Kon­fuzia­nismus in Ver­gessen­heit geraten sei. Neuere Forschungen er­achten dieses Dokument zwar für eine nach­trägliche Fälschung (McNally 2005), die Ziele der kokugaku werden darin aber in jedem Fall klar um­rissen.
  • Kamo no MabuchiKamo no Mabuchi 賀茂真淵 1697–1769; Kokugaku-Gelehrter (1697–1769) aus der Priester­familie des KamoKamo Jinja 賀茂神社 Bezeichnung für einen Schreinkomplex in Kyōto, der aus dem Kamigamo und Shimogamo Schrein besteht; das genaue Gründungsdatum ist unbekannt, wird aber im 6.-7. Jhdt. vermutet Schreins erschließt die älteste japanische Gedichte-Sammlung ManyōshūManyōshū 萬葉集/万葉集 759?; die älteste japanische Gedichtesammlung; wtl. Sammlung der zehntausend Blätter; OpferNamazu-e. Die meisten seiner Schüler, u.a. der Dichter Ueda AkinariUeda Akinari 上田秋成 1734–1809; Schriftsteller und Gelehrter , führen sein be­sonderes Interesse für die älteste japanische Poetik weiter fort.
  • Motoori NorinagaMotoori Norinaga 本居宣長 1730–1801; Shintō-Gelehrter der „nationalen Schule“ (Kokugaku) BakumatsuShinto MittelalterShintoGoetter des Himmels... mehr (1730–1801), ein Schüler Mabuchis, der im Brot­beruf Arzt ist, wendet sich dem japanischen Mythos zu. Seine philo­logische Ent­schlüsselung des KojikiKojiki 古事記 „Aufzeichnung alter Begebenheiten“; älteste jap. Chronik (712) ItsukushimaIse IzumoIzumo SchreinToriiOkuninushi... mehr (Kojiki-den) gilt als sein Haupt­werk und zu­gleich als intel­lektu­eller Höhe­punkt der kokugaku. Mit seiner Forschung ver­sucht er, das Denken und die Religion der alten Vor­fahren wieder­zu­erwecken. Neben seinen un­leug­baren Er­rungen­schaften auf dem Gebiet der philo­logischen Re­kons­truktion und Analyse sind seine Studien auch von einem diffusen religiösen Sendungs­be­wusst­sein getragen.
  • Hirata AtsutaneHirata Atsutane 平田篤胤 1776–1843; Kokugaku-Gelehrter BakumatsuShinto MittelalterShinbutsu bunriJenseits (1776–1843) rückt den politisch-religiösen Aspekt der kokugaku weiter in den Vor­der­grund. Unter ihm mutiert die Be­wegung von einer Ge­lehrten­gesell­schaft zu einer politischen Initiative, aus der die ersten konkreten Pläne zur Wieder­errichtung der Tennō-Herr­schaft und damit zur MeijiMeiji 明治 posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benannt FamilieGorintoJahrKamidanaMatsuri... mehr-Res­tau­ration entstehen. Wie Norinaga bemüht auch er sich um eine Wieder­findung des vor­bud­dhis­tischen Shintō.

Kokugaku und Shintō

Unter dem Ein­fluss der kokugaku entwickelt sich die Idee, dass Shintō seit alters her un­ver­änderlich auf die japanische Religion und Mentalität wirkt und vom Bud­dhis­mus nur über­tüncht wurde, zum Credo. Shintō und Tennō-Kult werden zu einem System ver­schmolzen, das zum Wesen der ja­panischen Kultur erklärt wird. Besonders inner­halb der Hirata-Schule erhält die an­fäng­lich rein akademische Richtung eine explizit national­istische Aus­richtung. Aus der Ver­klärung der Ver­gangen­heit wird eine rückwärts­gewandte, Tennō-zentristische Ideo­logie, die im zwanzigsten Jahr­hundert die Aus­er­wählt­heit Japans recht­fertigen und zur Legi­timation der Greuel­taten des japanischen Ultra­natio­nalis­mus dienen wird. Ideen­geschicht­lich lassen sich durch­aus Paral­lelen zur Ent­wicklung von der deutschen Romantik zum deutschen Faschismus feststellen.

Anderer­seits führte die Be­schäftigung der kokugaku mit alten Texten zu Er­kennt­nissen, die teil­weise bis heute Geltung haben. Die Maxime der kokugaku, alte Schriften nicht als göttliche Bot­schaften, sondern als Texte von Menschen für Menschen zu lesen, enthält ein auf­klärerisches Potential, durch das uns die Ge­danken der kokugaku-Gelehrten näher stehen, als die Speku­lationen früherer Ge­lehrten­genera­tionen. Vielleicht ist dies mit ein Grund dafür, dass das Shintō-Bild der kokugaku bis heute die gängigen Vor­stellungen von japanischer Religion prägt.

Verweise

Bilderläuterungen

  1. Taimenzu2.jpg
    „Zusammentreffen im Traum“ (muchū taimen zu) // Saitō Hikomaro. Edo-Zeit // Bild © Museum of Motoori Norinaga (letzter Zugriff: 2016/8) // Das „Zusammentreffen im Traum“ zeigt die Begegnung der beiden bekanntesten Gelehrten der kokugaku, Motoori Norinaga (stehend) und Hirata Atsutane (Mitte links). Das Bild illustriert die Traumvision des Atsutane, der Norinaga in Wirklichkeit nie getroffen hatte, sich aber aufgrund seines Traums als sein Nachfolger betrachtete. Die Illustration des Traums stammt von Saitō Hikomaro (1768–1854), einem weiteren Kokugaku-Gelehrten.
  2. Keichu hokusai.jpg
    Ajari Keichū in buddhistischer Mönchstracht // Buchillustration. 1848; aus Shūga hyakunin isshu, Hg. von Rokutei Senryū, ill. von Hokusai, u.a. // Bild © Rekishi jinbutsu gazō detabesu, National Institute of Japanese Literature // Keichū gilt als Vorläufer der kokugaku.
  3. Azumamaro hokusai.jpg
    Kada no Azumamaro // Buchillustration. 1848; aus Shūga hyakunin isshu, Hg. von Rokutei Senryū, ill. von Hokusai, u.a. // Bild © Rekishi jinbutsu gazō detabesu, National Institute of Japanese Literature // Kada Azumamaro war einer der Begründer der kokugaku.
  4. Mabuchi.jpg
    Kamo no Mabuchi // Farbe und Tusche auf Papier von Maruyama Ōzui (1766–1829). Edo-Zeit // Bild © Museum of Motoori Norinaga (letzter Zugriff: 2016/9/18) // Mabuchi erschließt das Manyōshū.
  5. Norinaga2.jpg
    Motoori Norinaga // Farbe auf Papier von Yoshikawa Yoshinobu, Detail. Edo-Zeit, 1790 // Bild © Motoori Norinaga Museum (letzter Zugriff: 2016/9/18) // Portrait des Gelehrten Norinaga im Alter von 61 Jahren.
  6. Atsutane.jpg
    Hirata Atsutane // // Bild © Waseda University Library (letzter Zugriff: 2016/8) // Der Kokugaku-Gelehrte Atsutane.

Links

Letzte Überprüfung der Linkadressen: Sept. 2016

Literatur

Harry Harootunian 1988
Things Seen and Unseen: Discourse and Ideology in Tokugawa Nativism. Chicago: University of Chicago Press 1988.
Mark McNally 2005
Proving the Way: Conflict and Practice in the History of Japanese Nativism. Cambridge, MA: Harvard University Press 2005.
Peter Nosco 1990
Remembering Paradise: Nativism and Nostalgia in 18th-Century Japan. Cambridge, Ma: Harvard University Press 1990.
Ikonographie 
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„Kokugaku: Back to the roots.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 3.12.2018). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Kokugaku?oldid=71389