Religion und Reichseinigung

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Religion und Reichseinigung

Die so­genannte Frühe Neuzeit beginnt in Japan, mit der politischen Wieder­ver­einigung des Landes unter der Herr­schaft der Tokugawa-Dynastie. Deren Be­gründer Tokugawa IeyasuTokugawa Ieyasu 徳川家康 1543–1616; 1. Tokugawa Shōgun; Reichseiniger Bekannte SchreineHachimanNikkoBekannte TempelAsakusa... mehr (1543–1616) er­lang­te durch seinen Sieg in der Schlacht von SekigaharaSekigahara 関ケ原 Sekigahara ist eine Gemeinde im Südwesten der Präfektur Gifu; 1600 fand hier die Schlacht von Sekigahara statt (1600) end­gültig die militärische Vor­herr­schaft über Japan und ließ sich im Jahr 1603 zum ShōgunShōgun 将軍 Shōgun; Titel der Militärherrscher aus dem Kriegeradel NikkoDaibutsu StatuenOkuninushiHonji suijakuKamakura... mehr er­nennen. Damit sicherte er sich und seinen Nach­kommen das politische Führungs­amt des Landes, das von nun an von seiner Residenz­stadt EdoEdo 江戸 Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit); ShichigosanMatsuriPhalluskulteMoencheWuerdentraeger... mehr (dem heutigen Tōkyō) aus regiert wurde.

Die Schlacht von Sekigahara // Wandschirm, byōbu (Holz, Papier, bemalt). 1854; Collection of The Town of Sekigahara Archive of History and Cultural Anthropology (関ヶ原町歴史民俗資料館所蔵) // Bildquelle: Wikimedia Commons (letzter Zugriff: 2018/8/7) // Darstellung der berühmten Schlacht von Sekigahara (1600), durch deren Gewinn Tokugawa Ieyasu die Vorherrschaft über Japan sichern konnte. Kopie eines Wandschirm-Gemäldes von Kanō Sadanobu 狩野貞信 (1597–1623), angefertigt für die Daimyō-Familie Ii in Hikone.
. 1 Die Schlacht von Sekigahara, 1600

Man nennt die fol­gende Periode der Tokugawa-Herr­schaft, daher Tokugawa- oder EdoEdo 江戸 Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit); PilgerschaftTenjinToriiHorrorklassikerOkuninushi... mehr-Zeit (1600–1867). Die histori­schen Um­stände der Reichs­einigung hatten auf die japanische Reli­gions­geschichte zahl­reiche Aus­wirkun­gen und sind zu­gleich durch reli­gions­ge­schicht­liche Ereig­nisse mit­ver­ursacht worden. Um diese Ent­wicklung zu ver­stehen, ist es not­wendig, etwa fünfzig Jahre vor die Reichs­einigung, also in die Mitte des sech­zehnten Jahr­hunderts zurück­zugehen.

Die Zeit der kämpfenden Länder

In der japanischen „Zeit der kämp­fenden Länder“ (Sengoku JidaiSengoku Jidai 戦国時代 Zeit der kämpfenden Länder, 1467–1568 NikkoBishamon-tenDaibutsu StatuenTerauke, 1467–1568) ringen min­des­tens ein Dutzend großer und zahl­lose kleinere Ter­rito­rial­fürsten (DaimyōDaimyō 大名 Territorialfürst, Titel des Kriegeradels AmidismusChristentumDainihonshiShinbutsu bunri... mehr) um militärische und politische Vor­macht. Die Periode be­ginnt mit dem Ōnin-KriegŌnin no Ran 応仁の乱 Aufruhr der Ōnin-Zeit; Bürgerkrieg 1467–1477, der insbesondere in Kyōto große Zerstörungen verursachte Shinto MittelalterYuiitsu shinto myobo yoshu (1467–1477), im Zuge dessen die kom­pli­zierten Besitz­verhält­nisse der alten Eliten endgültig über den Haufen geworfen werden. Auch die Hauptstadt Kyōto wird erstmals von maro­die­renden Heeren dem Erd­boden gleich­ge­macht. Von da an zählt nur noch die militärische Stärke der Daimyō, die immer wieder auf dem Schlacht­feld unter Beweis gestellt werden muss.

Der Bud­dhis­mus ist in dieser Zeit nicht nur als Religion all­gegen­wärtig, er be­teiligt sich auch aktiv an mili­tärischen und poli­tischen Aus­ein­ander­setzungen. Das größte und mächtigste Einzel­kloster mit aus­ge­dehnten Lände­reien und einer eigenen Armee ist nach wie vor der Tempel­berg HieiHiei-zan 比叡山 Klosterberg Hiei bei Kyōto, traditionelles Zentrum des Tendai Buddhismus Honji suijakuKamakuraVerwuenschungen, ein Kloster­komplex mit dem Haupt­tempel Enryaku-jiEnryaku-ji 延暦寺 Haupttempel des Hiei Klosterbergs Bekannte TempelOkuninushiHonji suijakuKamakuraVerwuenschungen... mehr, im Nord­osten Kyōtos, der sich in den ver­gangenen Jahr­hunderten als Schutz­macht des Kaiser­hauses und der Kaiser­stadt eta­bliert hat. Berg Hiei ist seit der Tempel­grüdung durch SaichōSaichō 最澄 767–822; Gründer des Tendai Buddhismus ArhatsOkuninushiHeian ZeitHonji suijakuKukai... mehr das geistige und organi­sato­rische Zentrum des japanischen TendaiTendai-shū 天台宗 Tendai-Schule, chin. Tiantai YamabushiNikkoBekannte TempelBerg KoyaBishamon-ten... mehr-Bud­dhis­mus und gebietet über ein landesweites Netz von Klöstern und Schrei­nen, die auch anders­wo als lokale Macht­zentren agieren. Da­neben sind weite Land­striche sowohl religiös, als auch mili­tärisch-poli­tisch vom AmidaAmida 阿弥陀 Buddha Amitabha; Hauptbuddha der Schulen des Reinen Landes (Jōdo-shū bzw. Jōdo Shinshū) JahrNikkoDaibutsu StatuenAmidismusAmidas Geluebde... mehr-Buddhismus dominiert (s. Amidismus). Einzelne Amida-Sekten haben ganze Pro­vin­zen unter ihre Kontrolle ge­bracht und dort eine Art gottes­staat­liches Regime er­richtet. Es kämpfen also nicht nur die SamuraiSamurai im Westen übliche Bezeichnung eines Mitgliedes der Krieger-Klasse des vorindustriellen Japans; bushi ist die in Japan gängige Bezeichnung Kamikaze unter­einander um die Füh­rung des Landes, auch reli­giöse Par­teien sind in die Kämpfe mit ein­ge­bunden.

In diese Zeit der Bürger­kriege fällt die An­kunft der ersten christ­lichen Mis­sio­nare in Japan, die zusammen mit portugiesischen Händlern das sagenumwobene Japan erkundeten und hier überrschend freundlich aufgenommen wurden. Einige japanische Terri­torial­herren er­kannten nämlich sehr schnell, dass die „südlichen Barbaren“ (nanbannanban 南蛮 „südliche Barbaren“, Europäer ), wie die Euro­päer damals in Japan hießen, über Techno­logien verfügten, die im Kampf um die Landes­herr­schaft von Vor­teil waren. Dazu zählten in erster Linie Feuer­waffen. Es spricht daher einiges dafür, dass die mili­tärische Eini­gung des Landes, die sich bald nach der An­kunft der christ­lichen Missio­nare ab­zu­zeich­nen begann, vor allem dieser neuen Kriegs­techno­logie zu­zu­schreiben ist, welche die exis­tierende mili­tärische Patt­stellung zum Kippen brachte (s. dazu auch den berühmten Film KagemushaKagemusha 影武者 wtl. „Schattenkrieger“ oder Doppelgänger; Historienfilm von Kurosawa Akira aus dem Jahr 1980 von Kurosawa AkiraKurosawa Akira 黒澤明 1910–1998; zählt zu den bekanntesten japanischen Filmregisseuren; v.a. bekannt für Historiendramen wie Rashomon (1950), Die Sieben Samurai (1954) oder Ran (1985). ).

Oda Nobunaga

Oda Nobunaga // Hängerollbild (Seide, Farbe). Edo-Zeit, 17. Jh.; Daiun-ji, Kyoto // Bild © Japaaan Magazine (letzter Zugriff: 2018/4/26) // Idealisierte Darstellung des Oda Nobunaga aus der frühen Edo-Zeit. Aufbewahrt im Daiun-ji, einem Tempel, der zum Gedenken an den 1582 ermordeten Feldherrn errichtet wurde.
. 2 Oda Nobunaga

Oda NobunagaOda Nobunaga 織田信長 1534–1582, Kriegsfürst, Reichseiniger WuerdentraegerBekannte TempelAmidismusChristentumNichiren... mehr (1534–1582) war der erste der so­ge­nannten „Drei Reichs­einiger“ (san'eiketsusan'eiketsu 三英傑 wtl. „drei ruhmreiche Helden“; ehrenhafte Sammelbezeichnung für die „Reichseiniger“ Oda Nobunaga, Toyotomi Hideyoshi und Tokugawa Ieyasu; steht der militärische Machtaspekt im Vordergrund, werden sie auch als tenkabito (Machtmenschen) bezeichnet ), der mit Hilfe der neuen Waf­fen eine hege­mo­niale Stellung inner­halb der kämpf­enden Par­teien er­rin­gen konnte. Seine guten Kon­takte zu den jesui­tischen Missio­naren, die zwischen ihm und anderen Europäern ver­mittelten, spielten in diesem Zu­sammen­hang keine geringe Rolle. Das Chris­ten­tum er­freute sich unter Nobunaga daher in Japan einer all­ge­meinen Duldung, wenn nicht gar För­derung. Gleich­zeitig zählten die oben er­wähnten bud­dhis­tischen Institu­tionen, die aktiv im Kriegs­ge­schehen mit­mischten, zu Nobunagas er­bittertsten Feinden.

1571 richtete Nobunaga in dem Bestreben, Kyōto und seine Um­gebung end­gültig seinem Herr­schafts­bereich ein­zu­gliedern, seine gesamte Streit­macht gegen Berg Hiei und äscherte den Kloster­komplex voll­kommen ein. Nach den Berichten euro­päischer Missio­nare wurden etwa 1500 Mönche und Mönchs­soldaten er­barmungs­los nieder­ge­metzelt und sämtliche der etwa 400 Kloster­gebäude zer­stört. Obwohl bud­dhis­tische Tempel bereits in früherer Zeit Ziel mili­tärischer Opera­tionen gewesen waren, konnte sich insbesondere Berg Hiei doch einer gewissen reli­giösen Scheu aller kriegs­führenden Parteien sicher sein. Wenn man viel­leicht auch das Leben der Mönche ge­ring achtete, so ver­sprachen doch die vielen reli­giösen Heilig­tümer Schutz vor krieger­ischen Aggres­sionen. Dem­nach rechnete man im TendaiTendai-shū 天台宗 Tendai-Schule, chin. Tiantai YamabushiNikkoBekannte TempelBerg KoyaBishamon-ten... mehr-Kloster wohl damit, dass Nobunaga gegen die eigenen Mönchs­heere vor­gehen könnte, aber ein direkter Angriff, der die Zer­störung des Klosters be­zweckte, wurde offen­sicht­lich nicht für möglich ge­halten. Nobunaga aber fühlte sich an die jahr­hunderte­alten Tabus gegen­über religiösen Institu­tionen nicht mehr ge­bunden. Mit einem einzigen mili­tärischen Schlag be­reitete er somit der Hege­monie der japa­nischen Tendai-Schule ein Ende und fügte dem Nimbus des ja­pa­nischen Bud­dhis­mus wohl auch ins­gesamt bleibenden Schaden zu.

Wie unter anderem Neil McMullin (1984) hervor­hebt, änderte Nobunagas un­ge­schminkte Macht­politik das Ver­hältnis zwischen welt­licher Regierung und bud­dhis­tischer Macht grund­legend. Anstatt sich von der Religion effektive spirituelle Unter­stützung der eigenen poli­tischen Ziele zu erwarten, wie dies ganz besonders im Zu­sammen­hang mit der Einführung des Buddhismus der Fall war, sahen die neuen Macht­haber im Bud­dhis­mus von nun an ledig­lich ein poli­tisches Instrument, dessen sie sich ge­schickt zu be­dienen suchten. Die Figur Oda Nobunagas stellt ein para­dig­matisches Bei­spiel dieses neuen Herrscher­typs dar. Nicht umsonst wurde er letzt­lich selbst von den Christen, die ihm im Grunde viel zu ver­danken hatten, mit den schlimmsten Ty­rannen des Alten Testaments wie NebukadnezarNebukadnezar ca. 640–562 v.u.Z.; Nebukadnezar II. war König des Neubabylonischen Reiches; ihm werden die Zerstörung des Tempels von Jerusalem und die Errichtung der Babylonischen Gärten zugeschrieben; r. 634–562 verglichen. Dies soll natür­lich nicht be­deuten, dass alle folgenden Herrscher Nobunagas religiösen Zy­nis­mus teilten und nicht auch einige aufrichtigen bud­dhis­tischen Glaubens waren. Doch waren poli­tische Führer von nun an nicht länger bereit, den vom Bud­dhis­mus selbst auf­ge­stellten Regeln zu folgen, wenn dies in irgend­einer Weise ihren eigenen Herr­schafts­interessen zu­wider lief. Dieser a-religiöse Pragma­tismus, der (bei aller Vor­liebe für religiösen Pomp und sakrales Zere­moniell) von nun an das Ver­hältnis zwischen politischen Herr­schern und bud­dhis­tischen Institu­tionen prägte, scheint ein wesent­licher Unter­schied zwischen der religions­ge­schicht­lichen Situation des japanischen Mittel­alters und der frühen Neuzeit zu sein.

Toyotomi Hideyoshi

Nobunaga war zwar auf dem besten Wege, Japan militärisch zu einigen, doch wurde er Opfer eines Mordanschlags, den einer seiner eigenen Generäle, Akechi MitsuhideAkechi Mitsuhide 明智光秀 1526–1582; Kriegsherr des Spätmittelalters; General und Mörder Oda Nobunagas , anzettelte. Ein anderer General, Toyotomi HideyoshiToyotomi Hideyoshi 豊臣秀吉 1537–1598, Feldherr, Diktator; bekannt als der zweite von drei Reichseinigern am Ende der „Zeit der kämpfenden Länder“ (Sengoku Jidai) , schwang sich daraufhin zum Rächer Nobunagas auf, besiegte Mitsuhide und beanspruchte ab da die Rolle des Diktators, die zuvor Nobunaga eingenommen hatte, für sich. Hideyoshi muss in der Tat ein genialer Stratege gewesen sein und setzte Nobunagas Feldzüge erfolgreich fort. Es gelang ihm unter anderem den Widerstand der Ikkō-shūIkkō-shū 一向宗 Ikkō Sekte, eine Fraktion des Buddhismus vom Reinen Land ( Jōdo-shū) AmidismusNichirenZen, also jenen amdistischen Gruppen, aus denen die heutige Jōdo ShinshūJōdo Shinshū 浄土真宗 Shin-Buddhismus, bzw. Jōdo Shin-Buddhismus; wtl. „Wahre Schule des Reinen Landes“ AhnenkultBekannte TempelAmidismusKamakura... mehr hervorging, zu brechen. Andere buddhistische Gruppen, wie z.B. die Shingon-shūShingon-shū 真言宗 Shingon-Schule, wtl. Schule des Wahren Wortes; wichtigste Vertreterin des esoterischen Buddhismus (mikkyō) in Japan ShikokuMyooFudo brachte er durch eine Mischung von Gewaltandrohung und Versprechen — also eine „Zuckerbrot und Peitsche“ Politik — auf seine Seite, während er gegenüber dem Christentum zu repressiven Maßnahmen griff (s. Christliches Jahrhundert).

Toyotomi Hideyoshi // Hängerollbild von Kano Mitsunobu (1565–1608), Detail; Uwajima Date Bunka Hozonkai // Bild © Date Museum, Ehime-ken (letzter Zugriff: 2016/9/5) // Portrait des Toyotomi Hideyoshi in Staatsrobe aus den Beständen des Daimyō-Hauses Date. Das Bild stammt von Kano Mitsunobu, der als eine Art Hofmaler Hideyoshis fungierte.
. 3 Toyotomi Hideyoshi

Doch war Hideyoshi religiösen Dingen keineswegs grundsätzlich abgeneigt, sondern versuchte lediglich, existierende Traditionen für seine eigenen Zwecke zu verwenden. Er tat dies denn auch in einem Ausmaß wie noch kein japanischer Herrscher vor ihm. Zu seinen ehrgeizigsten religiösen Plänen zählte die Errichtung des Hōkō-jiHōkō-ji 方広寺 Tempel in Kyōto, erbaut 1586-95 als Ahnentempel des Toyotomi Hideyoshi. Einstmals im Besitz der größten Buddha Statue Japans , eines neuen Tempels in Kyōto von noch nie dagewesenen Dimensionen, der eine Buddha-Statue bekommen sollte, die selbst den DaibutsuDaibutsu 大仏 Großer Buddha; monumentale Buddha Statue HachimanBekannte TempelPagodenBishamon-tenDaibutsu Statuen... mehr in Nara in den Schatten stellte (s. dazu Kap. Ikonographie, Daibutsu). Dieser Tempel sollte unter anderem als eine Art Familientempel der Toyotomi fungieren. Hideyoshis größtes Problem bestand nämlich darin, dass er aus verhältnismäßig niederen Verhältnissen stammte und über keine fest verwurzelten Familienallianzen verfügte. Er schuf daher einen neuartigen Herrscherkult um seine Person, in den auch der Hōkō-ji eingebunden war. Zwar starb er noch vor der Fertigstellung dieses Tempels, doch hatte er offenbar schon davor verfügte, dass nach seinem Ableben ein Schrein errichtet werden sollte, der dem neuen Großen Buddha als Schutzschrein dienen sollte. Die in diesem Schrein verehrte Gottheit sollte Hideyoshi selbst sein. Hideyoshi ordnete also nichts Geringeres als seine eigene Vergöttlichung an. Diese wurde in der Tat umgehend realisiert, sodass dem Tempel des Großen Buddhas bereits 1599 ein Schrein zur Seite stand, in dem Hideyoshi unter dem Götternamen Toyokuni DaimyōjinToyokuni Daimyōjin 豊国大明神 posthumer Name des vergöttlichten Toyotomi Hideyoshi; Gottheit des Toyokuni Jinja; alternative Lesung: Hōkoku Daimyōjin verehrt wurde.1

Sowohl der Tempel als auch der Schrein wurden von der Bevölkerung Kyōtos offenbar wohlwollend angenommen. Über ein Jahrzehnt lang wurden von hier aus großartige Feste veranstaltet, die in Wandschirmen aus dieser Zeit farbenprächtig festgehalten wurden. Irgendwann scheint die damit verbundene Popularisierung Hideyoshis den neuen Machthabern jedoch zu gefährlich geworden zu sein, sodass man Hideyoshis Schrein unter einem fadenscheinigen Vorwand im Jahr 1614 schleifen ließ. Er wurde erst in der Meiji-Zeit auf dem Gelände des mittlerweile stark reduzierten Hōkō-ji wieder errichtet.

Tokugawa Ieyasu

Mochitsuki der Reichseiniger // Farbholzschnitt (Papier, Farbe) von Utagawa Yoshitora. 1849; ōban // Bild © Museum of Fine Arts, Boston (letzter Zugriff: 2016/9/5). William Sturgis Bigelow Collection // Die drei Reichseiniger beim mochitsuki, der Herstellung von Reisklößen für das Neujahrsfest. Oda Nobunaga schlägt den Reis zu Brei, Toyotomi Hideyoshi formt daraus Klöße, Tokugawa Ieyasu isst sie auf. Hideyoshi ist hier als Affe gezeichnet. Dies entspricht seiner Physiognomie und seinem Spitznamen, saru (Affe), den er angeblich von Nobunaga bekam.
. 4 Nobunaga, Hideyoshi und Ieyasu
Mochitsuki der Reichseiniger

In Japan gibt es zahlreiche Aphorismen, die die Chara­ktere der drei Reichs­eini­ger ver­an­schau­lichen sollen. Unter an­de­rem wird die Reichs­eini­gung mit dem Akt des Reis­stamp­fens (mochitsukimochitsuki 餅つき traditionelles Herstellen von Reisklößen (mochi) für die Neujahrsfeier ) ver­gli­chen, einem tra­ditio­nel­len Brauch zu Jahres­ende, bei dem die für das Neujahr so wich­tigen Reis­klöße (mochi) her­ge­stellt werden. Nobu­nagas Rolle ist es, den Reis mit einem großen Holz­schle­gel (kine) zu stamp­fen, Hide­yoshi muss aus dem so ent­stan­den Teig die Klöße for­men und Ieyasu isst die mochi-Klöße schließ­lich auf.

In der Tat war Tokugawa IeyasuTokugawa Ieyasu 徳川家康 1543–1616; 1. Tokugawa Shōgun; Reichseiniger Bekannte SchreineHachimanNikkoBekannte TempelAsakusa... mehr historisch gesehen nicht nur der Nutz­nießer der mili­tä­ri­schen Er­run­gen­schaf­ten seiner Vor­gän­ger, er ver­stand es auch, ihre Nach­kommen aus dem Weg zu räumen und nicht nur sich selbst als legitimen Herrscher zu präsentieren, sondern auch seine Nachfolger. Damit institutionalisierte er das Tokugawa Shōgunat, das zu einer der stabilsten Regierungsformen der japanischen Geschichte werden sollte. Die meisten Reformen, die mit dieser Neuordnung einhergingen, waren allerdings schon von Nobunaga und Hideyoshi angedacht worden. So hatte bereits Hideyoshi das auf konfuzianischen Vorstellung fußende Vier-Stände-System shinōkōshōshinōkōshō 士農工商 wtl. „Krieger, Bauern, Handwerker, Kaufleute“; Vier-Stände-System, in dem eine hierarchische Ordnung innerhalb der genannten endogamen Berufsstände angestrebt wird; gesell. Ideal des Edo-Zeit eingeführt, dessen wichtigste Konsequenz die strikte Abtrennung einer militärischen Oberschicht (bushibushi 武士 Krieger, Samurai HachimanKamakuraZenStereotype oder samurai) war, die allein das Recht auf Waffen (Gewaltmonopol) besaß, dafür aber von Handel und Geldwirtschaft ausgeschlossen war.

Tokugawa Ieyasu // Hängerollbild (Tusche, Farbe, auf Seide). Edo-Zeit, Anfang 17. Jh.; Sakai City Museum; 57 x 48 cm // Bild © Money L. Hickman(1996). Japan's Golden Age: Momoyama. New Haven und London: Yale University Press, S. 77. // Offizielles Portrait von Tokugawa Ieyasu in schwarzer Hofbeamtenrobe (sokutai). Im Hintergrund sind Schreinbauten angedeutet, die möglicherweise den Tōshō-gū darstellen und auf die Deifizierung des Shōguns hinweisen sollen.
. 5 Tokugawa Ieyasu

Auch hinsichtlich des Kults seiner eigenen Person folgten Ieyasu und seine reli­giö­sen Berater dem Beispiel Hide­yoshis. Als der Diktator im Al­ter von 73 Jahren eines na­tür­lichen Todes starb, war bereits dafür gesorgt worden, dass er posthum zu einem kamikami Gottheit; im engeren Sinne einheimische oder lokale japanische Gottheit, Schreingottheit (s. jinja), Gottheit des Shintō AlltagAhnenkultGluecksbringerKamidanaMatsuri... mehr erhoben werden sollte. Diese Gottheit erhielt den Namen Tōshō DaigongenTōshō Daigongen 東照大権現 wtl. „Große göttl. Manifestation, die den Osten erleuchtet“; Götternamen des Tokugawa Ieyasu Nikko („Große göttl. Manifestation, die den Osten erleuchtet“) und wurde zunächst nahe von Ieyasus letzter Residenz auf Berg KunōKunō-zan 久能山 erste Begräbnisstätte und Schrein für Tokugawa Ieyasu; Ieyasu wurde hier unmittelbar nach seinem Tod beigesetzt, nach dem Transfer seiner sterblichen Überreste nach Nikkō wurde hier ein Zweigschrein des Tōshō-gū errichtet , schließlich aber in einem großartig ausgebauten Mausoleum in NikkōNikkō 日光 Tempel-Schreinanlage im Norden der Kantō-Ebene, Präf. Tochigi; beherbergt u.a. den Tōshō-gū Schrein Bekannte SchreineNikkoBerg KoyaSchreinanlage Ise... mehr sowie in vielen anderen Residenzstädten der Tokugawa eingeschreint (s. Kapitel Bauten, Nikkō).2

Die Verbreitung der Tōshō-gū Schreine zeigt, dass es von eminenter Bedeutung für das Tokugawa Shūgunat war, einen identitätsstiftenden Kult für den Begründer des neuen Regimes zu schaffen. Tōshō Daigongen diente einerseits der weitverzweigten Familie der Tokugawa als Ahnengottheit, doch mussten ihm auch führende Daimyō und Vasallen sowie der kaiserliche Hof in Kyōto huldigen. Viele Daimyō waren nun ihrerseits versucht, einen ähnlichen Kult für sich selbst oder ihren dynastischen Gründer ins Leben zu rufen, doch wurde dies von Seiten der Tokugawa strengstens untersagt. Religion wurde in der Edo-Zeit also sehr wohl wichtig genommen. Doch wurde sie von den Machthabern gerade aus diesem Grunde in einem noch nie dagewesenen Ausmaß kontrolliert, organisiert und in den Dienst der politischen Stabilisierung des Landes genommen.

Verweise

Fußnoten

  1. S. dazu Scheid 2003.
  2. S.a. Boot 2000 und Scheid 2003.

Bilderläuterungen

  1. Sekigahara.jpg
    Die Schlacht von Sekigahara // Wandschirm, byōbu (Holz, Papier, bemalt). 1854; Collection of The Town of Sekigahara Archive of History and Cultural Anthropology (関ヶ原町歴史民俗資料館所蔵) // Bildquelle: Wikimedia Commons (letzter Zugriff: 2018/8/7) // Darstellung der berühmten Schlacht von Sekigahara (1600), durch deren Gewinn Tokugawa Ieyasu die Vorherrschaft über Japan sichern konnte. Kopie eines Wandschirm-Gemäldes von Kanō Sadanobu 狩野貞信 (1597–1623), angefertigt für die Daimyō-Familie Ii in Hikone.
  2. Oda Nobunaga.jpg
    Oda Nobunaga // Hängerollbild (Seide, Farbe). Edo-Zeit, 17. Jh.; Daiun-ji, Kyoto // Bild © Japaaan Magazine (letzter Zugriff: 2018/4/26) // Idealisierte Darstellung des Oda Nobunaga aus der frühen Edo-Zeit. Aufbewahrt im Daiun-ji, einem Tempel, der zum Gedenken an den 1582 ermordeten Feldherrn errichtet wurde.
  3. Hideyoshi.jpg
    Toyotomi Hideyoshi // Hängerollbild von Kano Mitsunobu (1565–1608), Detail; Uwajima Date Bunka Hozonkai // Bild © Date Museum, Ehime-ken (letzter Zugriff: 2016/9/5) // Portrait des Toyotomi Hideyoshi in Staatsrobe aus den Beständen des Daimyō-Hauses Date. Das Bild stammt von Kano Mitsunobu, der als eine Art Hofmaler Hideyoshis fungierte.
  4. Wakamochi.jpg
    Mochitsuki der Reichseiniger // Farbholzschnitt (Papier, Farbe) von Utagawa Yoshitora. 1849; ōban // Bild © Museum of Fine Arts, Boston (letzter Zugriff: 2016/9/5). William Sturgis Bigelow Collection // Die drei Reichseiniger beim mochitsuki, der Herstellung von Reisklößen für das Neujahrsfest. Oda Nobunaga schlägt den Reis zu Brei, Toyotomi Hideyoshi formt daraus Klöße, Tokugawa Ieyasu isst sie auf. Hideyoshi ist hier als Affe gezeichnet. Dies entspricht seiner Physiognomie und seinem Spitznamen, saru (Affe), den er angeblich von Nobunaga bekam.
  5. Ieyasu.jpg
    Tokugawa Ieyasu // Hängerollbild (Tusche, Farbe, auf Seide). Edo-Zeit, Anfang 17. Jh.; Sakai City Museum; 57 x 48 cm // Bild © Money L. Hickman(1996). Japan's Golden Age: Momoyama. New Haven und London: Yale University Press, S. 77. // Offizielles Portrait von Tokugawa Ieyasu in schwarzer Hofbeamtenrobe (sokutai). Im Hintergrund sind Schreinbauten angedeutet, die möglicherweise den Tōshō-gū darstellen und auf die Deifizierung des Shōguns hinweisen sollen.

Literatur

Willem Jan Boot 2000
„The Death of a Shogun: Deification in Early Modern Japan.“ In: John Breen und Mark Teeuwen (Hg.), Shinto in History: Ways of the Kami. London: Curzon 2000, S. 144–166.
Jeroen Lamers 2001
Japonius Tyrannus: The Japanese Warlord Oda Nobunaga Reconsidered. Leiden: Hotei 2001.
Neil McMullin 1984
Buddhism and the State in Sixteenth-Century Japan. Princeton: Princeton University Press 1984.
Bernhard Scheid 2003
Schlachtenlärm in den Gefilden der kami: Shintoistische Vergöttlichung im Fadenkreuz weltlicher und geistlicher Machtpolitik.“ In: Hannelore Eisenhofer-Halim (Hg.), Wandel zwischen den Welten: Festschrift für Johannes Laube. Frankfurt/Main: Lang 2003, S. 619–45.
Ikonographie 
Diese Seite zitieren
„Religion und Reichseinigung.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 7.8.2018). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Reichseinigung?oldid=69184