Jizō Bosatsu

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Jizō Bosatsu

JizōJizō Bosatsu 地蔵菩薩 Bodhisattva (Bosatsu); skr. Kṣitigarbha, „Speicher oder Mutterleib der Erde“ Ikonographie (skt. KshitigarbhaKṣitigarbha क्षितिगर्भ „Schatzhaus/Mutterleib der Erde“, populärer Bodhisattva, jap. Jizō 地蔵 ) gehört mit KannonKannon 観音 auch Kanzeon 観世音, wtl. der den Klang der Welt erhört; skt. Avalokiteśvara; chin. Guanyin; als Bodhisattva des Mitleids bekannt PhalluskulteFushimiKasugaNikkoBekannte Tempel... mehr zu den mit Abstand populärsten BodhisattvaBodhisattva बोधिसत्त्व „Erleuchtetes Wesen“, jap. bosatsu 菩薩 ShichigosanPhalluskulteMoencheBekannte SchreineKasuga... mehr Figuren in Japan. Im Ver­gleich zu Kannon ist er viel­leicht nicht ganz so wirk­mächtig, dafür aber umso ver­trauter, all­täg­licher und „ein­hei­mischer“. Jizō-Statuen gibt es an allen mög­lichen und un­mög­lichen Stellen. Alle haben das Aus­sehen eines buddhis­tischen Mönchs mit kahl gescho­renem Schädel (eine große Aus­nahme unter Bodhisattva Figuren). In seinen Händen hält Jizō meist einen Pilger­stab und/oder eine Wunsch­er­füllungs­perle (nyoi no tamanyoi no tama 如意の玉 Wunschperle, Wunschjuwel Bishamon-tenGluecksgoetterImaginaere Tiere). Oft erscheint Jizō außer­dem ju­gend­lich oder sogar kindlich.

Abstieg des Bodhisattva Jizō (Jizō bosatsu raigō zu) // Hängerollbild, bosatsu (Seide, Tusche, Farbe, Gold). Muromachi-Zeit, 14. Jh.; 94,7 x 38,9 cm // Bild © Museum of Fine Arts, Boston (letzter Zugriff: 2016/8). William Sturgis Bigelow Collection // Jizō (skt. Kshitigarbha) mit Pilgerstab und Wunscherfüllungsperle (nyoi no tama), auf zwei Lotusblättern stehend, unterwegs auf einer Wolke, um Sünder aus der Hölle zu erretten.
Jizō Bosatsu // Statue, bosatsu (Holz) von Zen'en. 1223–26 // Bild © Asian Art Outlook (letzter Zugriff: 2016/8). Rockefeller Collection // Jizō (skt. Kshitigarbha) als Knabe in Mönchstracht mit dem Wunscherfüllungsjuwel (nyoi no tama) in seiner linken Hand.
. 1. 2 Klassische Jizō-Darstellungen aus der Kamakura-Zeit

Begleiter der Toten

Jizōs Popu­larität hängt zwei­fel­los mit seiner Rolle als Be­glei­ter der Toten­seele auf dem Weg in die Unter­welt zusammen. Zahl­reiche Legen­den erzählen, wie er in die Hölle hin­ab­steigt und die Sünder, die dort eigent­lich mehrere Erd­zeit­alter lang schmoren müssen, auf seine Lotosblüte holt und von ihren Qualen errettet. Daher findet man die meisten Jizō-Statuen auch auf Fried­höfen.

Jizō // Statue, bosatsu (Stein); Friedhof Oku-no-in, Berg Kōya // Bild © Super Ape, flickr 2007 (letzter Zugriff: 2016/8) // Steinstatue des Jizō (skt. Kshitigarbha) auf dem Friedhof Oku-no-in am Berg Kōya.
Moderner Jizō // Statue, bosatsu (Stein); Osore-zan // Bild © Eve Anderson, 2004 (letzter Zugriff: 2016/8) // Moderne Statue des Jizō (skt. Kshitigarbha) am Berg Osore.
. 3. 4 Jizō-Denkmäler auf Friedhöfen

Im Grunde spielt Jizō jedoch eine Doppel­rolle im buddhis­tischen Jenseits­glauben. Bestimmte Über­liefe­rungen sehen EnmaEnma 閻魔 skt. Yama; König oder Richter der Unterwelt; auch Enra; meist als Enma-ten oder Enma-ō angesprochen Heian ZeitIkonographieMyooWaechtergoetter... mehr, den strengen Richter der Unter­welt, als eine seiner Mani­fes­ta­tionen an. Jizō ist dem­nach sowohl für die Ver­ur­tei­lung als auch für die Gnade gegen­über jenen, die gegen die Gebote des Buddhis­mus verstoßen haben, ver­ant­wort­lich. Eines der zahl­reichen Beispiele dafür, wie nahe mild­tätige Barm­herzig­keit und furcht­ein­flößende Strenge in der buddhis­tischen Ikono­graphie beieinander liegen. (Siehe dazu auch das Kapitel „Mythen“, Jenseitsvorstellungen.)

Jizō und die Wasserkinder

Jizō erettet ein Kind aus der Hölle // Hängerollbild, bosatsu (Seide, Farbe, Tusche) von Kanō Dōhaku, Detail. Edo-Zeit, 1819; 148 x 88 cm // Bild © Online Archive of California (letzter Zugriff: 2016/8). Ruth and Sherman Lee Institute for Japanese Art // Detail aus einer Darstellung der buddhistischen Hölle, in der Jizō (skt. Kshitigarbha) in Kind errettet.
. 5 Jizō rettet ein Kind aus der Hölle

Als Retter der Seelen nimmt sich Jizō auch all jener an, die kein ordent­liches Begräbnis erhalten (muen botokemuen botoke 無縁仏 Verstorbene/ Totenseelen ohne Verwandtschaft , wtl. „BuddhasBuddha बुद्ध „Der Erleuchtete“, jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀 AlltagAhnenkultFriedhofGorintoShikoku... mehr ohne Bindung“), im speziellen ist er aber der Schutz­herr der un­ge­borenen (abgetriebenen) und früh ver­stor­benen Kinder. Man nennt sie mizukomizuko 水子 wtl. Wasserkinder; abgetriebene Föten oder Totgeburten , „Wasserkinder“. Zwischen diesen mizuko und Bodhi­sattva Jizō gibt es ein be­son­deres Nahe­verhältnis. Ohne Jizō, so eine populäre Er­klä­rung, könnten die Seelen der Kinder den Fluss der Unter­welt nicht über­queren und müssten ewig im Niemands­land zwischen Dies­seits und Jen­seits, dem Steinigen Flussufer (Sai-no-kawaraSai no Kawara 賽の河原 Ufer des Flusses der Unterwelt Jenseits), umherirren.

In Japan war Ab­trei­bung nie mit einem beson­deren Tabu belegt, aber man erachtete und erachtet die Un­ge­boren doch als Wesen, für deren Seelen gebetet werden muss. Diesen Glauben und die damit ver­bunden Rituale nennt man mizuko kuyōmizuko kuyō 水子供養 Gedenkriten für abgetriebene Föten (Wasserkinder) , Gedenk­riten für die Wasser­kinder. Auf vielen Fried­höfen gibt es bestimmte Areale für diesen Kult. Hier können Eltern von ab­ge­trie­benen oder tot­ge­borenen Kindern Jizō-Statuen auf­stellen lassen, die dann stell­ver­tretend für die Kinder mit Riten und Opfern bedacht werden. Man nennt solche Statuen­gruppen — oft ohne zu über­treiben — sentai Jizōsentai Jizō 千体地蔵 „tausend Jizō[statuen]“; Bezeichnung für Ansammlungen von Miniaturstatuen für Bodhisattva Jizō (tausend Jizō) oder „Jizō-Armeen“. Berühmte Fried­höfe für die Wasser­kinder mit den ent­srechen­den Jizō-Armeen gibt es bei­spiels­weise im Hase-deraHase-dera 長谷寺 Kannon-Tempel in Sakurai, Nara-ken; errichtet in der Nara-Zeit. Hauptattraktion ist eine über 10 m hohe Statue des Elfköpfigen Kannon. Ein Zweigtempel mit ebensolcher Statue befindet sich in Kamakura (Kamakura Hase-dera) Daibutsu Statuen in KamakuraKamakura 鎌倉 Stadt im Süden der Kantō Ebene, Sitz des Minamoto Shōgunats 1185–1333 (= Kamakura-Zeit) HachimanItsukushimaKasugaBerg KoyaDaibutsu Statuen... mehr; in Ogano-machi, im Norden Tōkyōs, wo zum Bon Fest alle Statuen be­leuchtet werden; oder auf dem großen Friedhof des Tempel­bergs Kōya südlich von NaraNara 奈良 Hauptstadt und Sitz des Tennō, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyō EmaYamabushiBautenHachimanItsukushima... mehr.

Ich per­sönlich habe immer den Eindruck, dass die Tausend-Jizō Statuen die mizuko-Kinder selbst re­prä­sen­tieren. Propor­tionen und Aus­sehen der glatz­köpfigen Mönchs­gestalt des Jizō werden auf den ent­sprech­enden Statuen dem Bild eines Säug­lings ange­glichen. Viele Eltern kleiden einzelne Statuen an, meist mit einem roten Lätzchen und Käppchen, manch­mal auch mit Kinder­gewand. Auch findet man gelegen­tlich Kinder­spiel­zeug als Opfer­gabe. Bestimmte Orte, die mit dem Ein­gang ins Jenseits identi­fiziert werden, wie etwa der Osore-zanOsore-zan 恐山 „Angst-Berg“; rel. Zentrum in Aomori-ken (Nordjapan), das als Abbild der Totenwelt gilt („Angst-Berg“) in Nord-Japan, sind u.a. an ihren Jizō-Statuen und ihren Wind­rädern erkenn­bar.

In früherer Zeit wurden mit­unter auch Säug­linge (meist Mädchen) gleich nach der Geburt „zurück­geschickt“, also getötet, und mit dem gleichen Kult bedacht. Auf den ersten Blick erscheint es zynisch, Föten oder Säuglinge zuerst zu töten, um sich dann ihrer leid­vollen Existenz im Jenseits an­zu­nehmen. Wenn man sich aber vor Augen hält, dass die Ent­schei­dung zu Abtreibung und Säug­lings­mord in einem vor­modernen Haushalt eher von der Groß­familie als von der Mutter selbst getroffen wurde, kann man sich vor­stellen, dass der Jizō-Kult vor allem den Müttern helfen sollte, über ihren Schmerz hin­weg­zu­kommen. Dies ist bis zu einem gewissen Grad auch heute noch so.

Seit dem zweiten Welt­krieg hat der Kult für die Wasser­kinder nicht etwa ab­ge­nommen, sondern wurde von vielen Tempeln so weit aus­gebaut, dass manche Autoren mizuko kuyō als eine Art neue Religion betrachten. Dies hat bis zu einem gewissen Grad damit zu tun, dass Ab­trei­bungen schon seit der Nach­kriegs­zeit relativ einfach und legal durch­geführt werden können, während andere Ver­hütungs­methoden, etwa die Pille, lange verboten waren. In den letzten Jahren ist die Ab­treibungs­rate in Japan zwar leicht gesunken, aber immer noch ver­hältnis­mäßig hoch. Der Buddhis­mus ver­bietet diese Praxis nicht grund­sätzlich, schürt aber latente Schuld­gefühle und bietet gleich­zeitig ver­hältnis­mäßig auf­wendige Riten an, durch die sich Eltern von ihrer Schuld frei­kaufen können.

Anmerkung von Gabriele Greve

Szenen auf dem Gelände des „Angstbergs“ // Statuen, bosatsu (Stein); Osore-zan // Bild © yuezhi, flickr 2005 (letzter Zugriff: 2005/10) // Ein Abbild der Unterwelt, wo vermummte Figuren von Jizō Bosatsu (skt. Kshitigarbha) zu unheimlichen Gespenstern zu werden scheinen.
Osore-zan

Zu den mizuko, bzw. den mabikimabiki 間引き wtl. Ausdünnen, Lichten; Töten von Neugeborenen -ko, den um­gebrachten Säug­lingen, und ihren roten Lätz­chen habe ich in einem Tempel folgende Er­klärung gehört: Jizō hat gelobt, alle Kinder aus der Vor­hölle zu retten. Weil Kinder noch keine Sünden be­gangen haben, kommen sie nämlich nicht direkt in die Hölle, das wäre ja un­ge­recht. Aber sie müssen am Grenz­fluss warten und während dieser Zeit Steine auf­einander schichten. Das ist ähnlich wie Sisyphos. Sie warten so lange, bis keiner mehr um sie trauert. Die Mutter bindet also eines der Kinder­lätzchen zu Jizō und bittet, durch den Geruch des Lätzchens das Kind in der Vorhölle zu identi­fizieren und zum Paradies zu bringen.

Wenn die Mutter früher, in der Edo-Zeit, zu lange trauerte, konnte sie nicht genug im Haus und am Feld arbeiten. Daher wurde ihr eine Periode von 7 Tagen nach dem Tod eines Kindes (nicht bei Abtreibung, aber bei mabiki, dem Töten eines weib­lichen Säuglings) ge­gönnt. Danach musste sie die Sachen des Kindes, Lätzchen und Spiel­zeug, bei Jizō „abgeben“ und die Trauerzeit war vorüber, die Mutter musste wieder arbeiten gehen! Eine recht diesseitliche Religions­benutzung.

Um den Iwaki-san in Nord­japan werden ver­storbene Kinder zu ihrem 20. Ge­burts­tag ver­heiratet. Die Tempel verkaufen ca. 50 cm große Puppen von Bräuten oder Bräuti­gamen, die dann mit dem toten Kind „verheiratet“ werden. Das macht die Eltern froh und die Tempel reich. Es ist er­staun­lich, dort in so einer Halle mit tausenden von Hoch­zeits-Puppen zu stehen! Die Itako-Shamaninnen am Osore-Berg reden den Eltern auch noch manch anderes ein — so werden Tennis­schuhe und Fahr­räder oder Frack und Regen­mantel gespendet, manche Tempel sehen aus wie Alt­waren­händler.1

Verweise

Fußnoten

  1. Dr. Gabriele Greve, ist Wahl­japanerin und Kunst­historikerin. Sie schickte mir die ergänzenden Hinweise zu dieser Seite per e-mail am 27.3.2002. S.a. Greve 1994, S. 60.

Bilderläuterungen

  1. Jizo 14c.jpg
    Abstieg des Bodhisattva Jizō (Jizō bosatsu raigō zu) // Hängerollbild, bosatsu (Seide, Tusche, Farbe, Gold). Muromachi-Zeit, 14. Jh.; 94,7 x 38,9 cm // Bild © Museum of Fine Arts, Boston (letzter Zugriff: 2016/8). William Sturgis Bigelow Collection // Jizō (skt. Kshitigarbha) mit Pilgerstab und Wunscherfüllungsperle (nyoi no tama), auf zwei Lotusblättern stehend, unterwegs auf einer Wolke, um Sünder aus der Hölle zu erretten.
  2. Jizo zenen1223-26.jpg
    Jizō Bosatsu // Statue, bosatsu (Holz) von Zen'en. 1223–26 // Bild © Asian Art Outlook (letzter Zugriff: 2016/8). Rockefeller Collection // Jizō (skt. Kshitigarbha) als Knabe in Mönchstracht mit dem Wunscherfüllungsjuwel (nyoi no tama) in seiner linken Hand.
  3. Jizo koyasan.jpg
    Jizō // Statue, bosatsu (Stein); Friedhof Oku-no-in, Berg Kōya // Bild © Super Ape, flickr 2007 (letzter Zugriff: 2016/8) // Steinstatue des Jizō (skt. Kshitigarbha) auf dem Friedhof Oku-no-in am Berg Kōya.
  4. Jizo osore.jpg
    Moderner Jizō // Statue, bosatsu (Stein); Osore-zan // Bild © Eve Anderson, 2004 (letzter Zugriff: 2016/8) // Moderne Statue des Jizō (skt. Kshitigarbha) am Berg Osore.
  5. Jizo jigoku.jpg
    Jizō erettet ein Kind aus der Hölle // Hängerollbild, bosatsu (Seide, Farbe, Tusche) von Kanō Dōhaku, Detail. Edo-Zeit, 1819; 148 x 88 cm // Bild © Online Archive of California (letzter Zugriff: 2016/8). Ruth and Sherman Lee Institute for Japanese Art // Detail aus einer Darstellung der buddhistischen Hölle, in der Jizō (skt. Kshitigarbha) in Kind errettet.

Links

Letzte Überprüfung der Linkadressen: Sept. 2016

Literatur

Hank Glassman 2012
The Face of Jizō: Image and Cult in Medieval Japanese Buddhism. Honolulu: University of Hawai'i Press 2012.
Gabriele Greve 1994
Buddhastatuen, Who is Who: Ein Wegweiser zur Ikonografie von japanischen Buddhastatuen. Kamakura: Paradise Publishers 1994. [2. Auflage. S.a. online-Fassung.]
Helen Hardacre 1997
Marketing the Menacing Fetus in Japan: Abortion and Buddhism in Japan. Berkely: University of California Press 1997.
William LaFleur 1994
Liquid Life: Abortion and Buddhism in Japan. Princeton: Princeton University Press 1994.
Ikonographie 
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„Jizō Bosatsu.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 25.4.2019). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Ikonographie/Jizo?oldid=72914