Das buddhistische Totenreichund seine Zehn Könige

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Bernhard Scheid, „Das buddhistische Totenreichund seine Zehn Könige .“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 11.8.2016). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen/Jenseits/Totenreich?oldid=64886

Wenn ein Mensch stirbt, folgt laut gängigen buddhistischen Vorstellungen eine bestimmte Zeit, in der Lohn und Strafe seiner irdischen Existenz nach den Gesetzen des Karma कर्म Karma (skt., n.) „Tat“, auch „konse­quente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen; jap. Gō 業siehe auch →  Buddhismus Lehre → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Shinto→ Bauten/Tempel→ Grundbegriffe/Weltbild→ Ikonographie → mehr festgestellt werden. Diese Übergangs­periode, die u.a. als das „mittlere Dunkel“ (chūin chūin 中陰 wtl. mittlere Dunkelheit; Totenwelt; Übergangsperiode zwischen zwei Phasen der Wiedergeburt; im engeren Sinne: sieben mal sieben Tage nach dem Tod) bezeichnet wird, entscheidet über Ort und Form der zukünftigen Wieder­geburt. Sie bildet also das eigentliche Totenreich und wird in den meisten buddhis­tischen Richtungen mit besonderer ritueller Aufmerk­samkeit bedacht. Im chinesischen Buddhismus entstand zudem die Vorstellung von einer Art Karma-Gerichts­hof. Er wurde von zehn Richter­königen (Jūō Jūō 十王 Die Zehn Könige oder Richter der Totenweltsiehe auch 10 Koenige → Alltag/Totenriten→ Mythen/Jenseits/Enma ) beherrscht, die das Totenreich regierten und — zu mindestens in den Anfängen dieser Konzeption — ihrerseits entweder von Buddha Shakyamuni शाक्यमुनि Śākyamuni (skt., m.) „Der Weise des Shakya-Klans“, Gautama Siddhartha; jap. Shaka 釈迦 oder Shakamuni 釈迦牟尼siehe auch →  Buddhas Leben → Grundbegriffe/Buddhismus→ Bauten/Tempel→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Ikonographie/Amida→ Ikonographie/Shaka → mehr oder von Bodhi­sattva Jizō Jizō 地蔵 wtl. Schatzhaus/Mutterleib der Erde; skr. Kṣitigarbha; populäre Bodhisattva Figursiehe auch Jizo → Alltag/Opfergaben→ Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi→ Alltag/Moenche→ Ikonographie/Jizo/Osorezan→ Mythen/Jenseits → mehr angeführt wurden.

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Bodhisattva Dizang (Jizō) und die Zehn Könige

Querbildrolle, bosatsu (Fragment). Tang Zeit, 10. Jh.; Dunhuang, Nord-China; 30 x 56 cm
Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)

Jizō und die Zehn Könige (Jūō). Deckblatt einer illustrierten Ausgabe des Sutras der Zehn Könige. Aus Höhle 17 der sogenannten „Tausend Buddha Höhlen“.

. 1 Jizō und die Zehn Könige (China, 9. Jh.)
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Jizō und die Zehn Richter

Felsskulptur, bosatsu. Heian-Zeit; Usuki, Kyūshū
Bild © Prismo, 2010. (Letzter Zugriff: 2016/8)

Jizō inmitten der Gruppe der Zehn Richter/Könige (Jūō) der Unterwelt.

. 2 Jizō und die Zehn Könige (Japan, 12. Jh.)

Die Vorstellung von den Zehn Königen wurde vor allem durch einen in vielen Ver­sionen über­lieferten Text ver­breitet, der land­läufig als Sutra der Zehn Könige (jap. Jūō-kyō Jūō-kyō 十王経 Sutra der Zehn Könige; apokryphe chinesische Schrift aus China, 8. oder 9.Jh.siehe auch→ Mythen/Jenseits→ Mythen/Jenseits/Enma ) bekannt ist. Die Urform des Textes entstand in der chine­sischen Tang Tang (chin.)chin. Herrschaftsdynastie, 618–907siehe auch Geschichtsperioden → Grundbegriffe/Buddhismus→ Bauten/Tempel→ Ikonographie/Shaka/Buddhas Leben→ Ikonographie/Waechtergoetter/Nio→ Mythen/Jenseits → mehr -Zeit, wahr­schein­lich im 8. oder 9. Jahrhundert. Die ältesten Kopien des Textes und der begleitenden Abbildungen finden sich in Dunhuang Dunhuang (chin.) 敦煌 Oasenstadt an der Seidenstraße und ehem. buddh. Zentrum im NW Chinassiehe auch→ Ikonographie/Shaka/Buddhas Leben→ Ikonographie/Myoo/Vajrapani→ Ikonographie/Waechtergoetter/Nio→ Mythen/Jenseits→ Geschichte/Fruehzeit/Shotoku Taishi → mehr , also im Nordwesten Chinas, wo über die Seiden­straße auch der Buddhismus in China Eingang fand.1 Die Zehn Könige sind demnach eindeutig in China entstanden. In Japan wurde die Toten­welt schließlich in Werken wie dem Ōjō yōshū Ōjō yōshū 往生要集 „Essentielle [Lehren] der Wiederbgeburt“, 985 von Genshin verfasstsiehe auch Heian Zeit → Mythen/Hoellen/Hoellenbilder (985) oder dem Jizō jūō-kyō Jizō jūō-kyō 地蔵十王経 „Das Sutra von Jizō und den Zehn Königen“, um 1200? (um 1200?) weiter aus­differen­ziert.

Furcht und Terror

  Shoko-o_2.jpg

Shokō-ō, der zweite Richter

Skizze (Papier, Farbe), Detail. Edo-Zeit; aus der Serie Jūōzu (Bilder der Zehn Könige)
Bild © MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien. (Letzter Zugriff: derzeit nicht online verfügbar)

Shokō-ō 初江王 (wtl. König des ersten Flusses), der zweite Richter der Totenwelt, lässt sich die Gerichtsakten vorlegen, während der Angeklagte vor ihm bereits gefoltert wird.

  Datsueba_mak.jpg

Datsueba

Skizze (Papier, Farbe), Detail. Edo-Zeit; aus der Serie Jūōzu (Bilder der Zehn Könige)
Bild © MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien. (Letzter Zugriff: derzeit nicht online verfügbar)

Datsueba, hier als weiblicher Hannya-Dämon dargestellt, markiert die Handflächen der von ihr entkleideten Totensseelen mit ihren Klauen.

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Folterszene vor dem zweiten Richter

Skizze (Papier, Farbe), Detail. Edo-Zeit; aus der Serie Jūōzu (Bilder der Zehn Könige)
Bild © MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien. (Letzter Zugriff: derzeit nicht online verfügbar)

Zwei Gerichtsdiener brechen einem Angeklagten die Knochen. Daneben stehen zwei Verstorbene, die offenbar mit besserem Karma ausgestattet sind.

  Folterszene_8.jpg

Höllenszene

Skizze (Papier, Farbe), Detail. Edo-Zeit; aus der Serie Jūōzu (Bilder der Zehn Könige)
Bild © MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien. (Letzter Zugriff: derzeit nicht online verfügbar)

In vielen Darstellungen der Zehn Richterkönige (Jūō) werden die Konsequenzen ihres Urteils gleichsam vorausschauend eingeblendet. Hier eine typische Folterszene in der Hölle, die auf einer Darstellung des achten Königs Byōdō-ō 平等王 (wtl. König des Ausgleichs) zu finden ist.

. 3. 4. 5. 6
Folterszenen am Gericht der Zehn Könige, Edo-Zeit

Die Zehn Könige herrschten je­weils über einen eige­nen Gerichts­hof und wurden be­reits auf den frühes­ten Dar­stel­lungen in chine­sischen Amts­roben dar­ge­stellt. Ihnen zur Seite standen Kerker­ge­hilfen, die als Misch­wesen von Mensch und Tier er­schie­nen und jeder­zeit zu sadis­tischen Foltern auf­gelegt waren. Das karmische Gericht wurde mit der Zeit mit immer grausameren Schrecken ausgestattet. Die Seelen der Ver­stor­be­nen – um nicht zu sagen „die armen Sünder“ – schienen vor diesem Gericht beinahe chancen­los. Ihre Behand­lung unter­schied sich nur gering­fügig von den Qualen der Hölle, wo sie mit größter Wahr­schein­lich­keit landen würden. Betrachtet man insbesondere die Darstellungen aus späterer Zeit, so ist von Nirvana, Barm­herzig­keit und Er­ret­tung aller Lebe­wesen keine Rede mehr. Mit barocker Lust an schaurigen Details schildern buddhistische Künstler das Totengericht als einen Ort, wo es nur noch darum geht, dem schlimms­ten Terror zu ent­kommen. Nicht die Hoffnung auf ein Ende des Leids, sondern die Furcht vor schlimmen Strafen soll die Gläubigen motivieren, die buddhistischen Gebote zu befolgen.

Die Jenseits­vor­stel­lungen des tradi­tionel­len sino-japani­schen Buddhis­mus scheinen daher ebenso angst­besetzt zu sein wie christ­liche Höllen­darstel­lungen. Barm­herzig­keit ist ledig­lich von Bodhi­sattva Jizō Jizō 地蔵 wtl. Schatzhaus/Mutterleib der Erde; skr. Kṣitigarbha; populäre Bodhisattva Figursiehe auch Jizo → Alltag/Opfergaben→ Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi→ Alltag/Moenche→ Ikonographie/Jizo/Osorezan→ Mythen/Jenseits → mehr zu erhof­fen, der ursprünglich als eine Art Vor­gesetz­ter, mehr und mehr aber auch als ein Gegen­spieler der Zehn Könige (nach dem good cop/bad cop-Prinzip) in Er­schei­nung tritt. Die Popu­lari­tät Jizōs in China und Japan ist also eng mit der Furcht vor den Zehn Königen ver­bunden.

Topographie des Totenreichs

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Totengericht

Schriftrolle (Papier, Tusche, Farbe), Detail. China, 10. Jh.; gefunden in den Höhlentempeln von Dunhuang; 29 x 491cm
Bild © Intenational Dunhuang Project, (British Library)

Hier wird der Gerichtshof im buddhistischen Jenseits in vielen Einzelheiten gemäß dem Tang-zeitlichen Sutra der Zehn Könige (Jūō-kyō) dargestellt. Hier die Szene vor dem Zweiten König. Die Totenseelen werden durch einen Fluss getrieben. Die hölzernen Joche zeigen die Totenseelen gemäß der vormodernen chinesischen Rechtspraxis als Delinquenten.

. 7 Der zweite König (China)
Die Totenseelen waten im Fluss der Unterwelt

Das Sutra der Zehn Könige Jūō-kyō 十王経 Sutra der Zehn Könige; apokryphe chinesische Schrift aus China, 8. oder 9.Jh.siehe auch→ Mythen/Jenseits→ Mythen/Jenseits/Enma 2 gibt nicht nur über die in der Totenwelt verbrachte Zeit Auskunft, sondern enthält auch bestimmte räumliche Vorstellungen über das „mittlere Dunkel“. Der Hof des ersten Königs dient einer Sammlung der Toten in der Art eines Gefangenen­transports. Von dort werden die Delinquenten durch den Fluss Nai getrieben, wobei gehörnte Dämonen die Menge im Zaum halten. Nur einige Privilegierte (Verstorbene mit gutem Karma) dürfen eine Brücke verwenden. Danach erreichen sie den „König des ersten Flusses“ (der unter den zehn Königen die Nummer zwei ist). Von nun an beginnt die Ausforschung der spezifischen Sünden jedes Verstorbenenen: Im Hof des vierten Königs gibt es eine Karma-Waage, die gute und schlechte Taten gegen einander abwiegt. Vor dem fünften König, Enma Enma 閻魔 skt. Yama; König oder Richter der Unterwelt; auch Enra; meist als Enma-ten oder Enma-ō angesprochensiehe auch Enma → Ikonographie→ Ikonographie/Jizo→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Mythen/Jenseits → mehr , werden Delinquenten, die ihre Taten abstreiten, mit einem Spiegel konfrontiert, der ihre Sünden zeigt. Am Hof des Siebenten Königs wird besonderes Augenmerk auf die Spenden der Hinterbliebenen gelegt. Nach hundert Tagen, am Hof des achten Königes werden die Toten noch einmal ausge­peitscht. Nach einem Jahr wird überprüft, ob die Hinter­bliebenen nicht vielleicht eine Sutrenkopie oder ein Bildwerk gestiftet haben. Am Hof des zehnten Königs, dem „König, der das Rad der Geburten dreht“ (nach drei Jahren oder im dritten Jahr) entscheidet sich schließlich endgültig, wo die Wieder­geburt stattfinden soll.

Im Sutra der Zehn Könige gibt es auch eine Rahmen­handlung, die eine etwas andere Nuance des Jenseits vermittelt als die bedrohlichen Beschreibungen der Jenseits­reise. Hier tritt Enma stell­vertretend für das gesamte karmische Gericht auf und leistet gegenüber Buddha Shakyamuni verschiedene Schwüre. Aus diesen wird klar, dass es besonders auf die rituelle Aktivität der Hinter­bliebenen ankommt und dass zumindest die schlimmsten Formen der Wieder­geburt vermieden werden können, wenn die Hinter­bliebenen nur alle Totenriten richtig vollziehen und Spenden an buddhis­tische Institu­tionen richten. Umgekehrt wird angedeutet, dass die schlimmsten Vergehen nicht Vatermord oder ähnliches sind, sondern Aneignung von Tempelgut.

In den frühesten Illustrationen, die dem Sutra beigefügt sind, erscheint die Hölle als schwarz ummauertes, deutlich abgegrenztes Gefängnis. Erst später weitet sie sich zu einer scheinbar grenzen­losen, unwirtlichen Land­schaft aus. Zweifellos war sie stets ein Ort unter der Erde, da es sich wörtlich um einen „Erdkerker“ (jigoku jigoku 地獄 wtl. „[unter]irdischer Kerker“, buddhistische Höllesiehe auch Hoellen → Mythen/Jenseits→ Mythen/Hoellen/Hoellenbilder→ Mythen/Jenseits/Enma ) handelt. Auch der Name Jizō bedeutet wörtlich „Erdbunker“ — ein Hinweis auf die lange Verbindung dieses Bodhisattvas mit dem unterirdischen Reich der Toten.

Unter den Königen ist neben Enma-ō, der im Sutra der Zehn Könige als Reprä­sentant der ganzen Gruppe auftritt und daher auch als Einzelfigur verehrt wurde (s. Enma), vor allem Taizan-ō, der König des Taishan (siebenter Hof) hervor­zuheben. Der Berg Taishan existiert tatsächlich in China und gilt als wichtigster der fünf heiligen Berge des Daoismus Dōkyō 道教 Daoismus, wtl. Lehre des Weges, chin. Daojiao; philosophisch-rel. Strömung Chinas; s.a. siehe auch Yin und Yang → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Hotei→ Geschichte/Zen → mehr . Er ist u.a. Sitz einer Gottheit, die die Toten­welt beherrscht. Die beiden Figuren Enma und Taizan-ō sind somit ein klarer Hinweis auf die Über­blendung von chinesischen und indischen Jenseits­vorstel­lungen in der Ausge­staltung des karmischen Gerichts.

In Japan kam schließlich noch die „Alte, die [den Toten] die Kleider auszieht“ (Datsueba Datsueba 奪衣婆 wtl. die Alte, die die Kleider wegnimmt; Dämonin des Totenreichssiehe auch Jenseits → Mythen/Hoellen/Hoellenbilder ) hinzu. Sie bestimmte die Schuld der Toten, indem sie ihre Kleider abwog, und vermittelte ihnen dabei bereits einen Vor­geschmack auf die kommenden Torturen.

Totengericht und Totenriten

Das buddhis­tische Totenreich ist wie gesagt eine Art Fegefeuer, in dem der endgültige Ort der Wieder­­geburt noch nicht fixiert ist. Während die Totenseele das Totenreich durchwandert, haben die Hinter­­blie­benen die Möglichkeit und in gewisser Weise sogar die religiöse Pflicht, die Ent­schei­dung des karmischen Gerichts durch Riten und Opfer­gaben zu be­ein­flussen.

Es ist also kein Zufall, dass die Vorstellung der Zehn Könige eng an das Ritual­wesen für die Toten gekop­pelt ist. Die Rituale im Diesseits finden näm­lich immer dann statt, wenn die Verstor­benen im Jenseits vor einen neuen Richter treten. Dies geschieht zunächst alle sieben Tage nach dem Ableben, bis sieben mal sieben Tage herum sind.3 Auch in heutigen bud­dhis­tischen Toten­riten wird diese Folge von Toten­ge­denken berück­sichtigt. Insbe­son­dere die Periode von sieben mal sieben Tagen gilt als die eigent­liche bud­dhis­tische Trauer­zeit. Dann ver­lang­samt sich der Rhyth­mus und die Toten treten nur noch einmal nach hundert Tagen und dann nach einem Jahr vor einen neuen Richter. Im dritten Jahr nach dem Tod ab­sol­viert man das letzte Gericht und wird danach in ein neues Leben (in einem der Sechs Wege der Wieder­ge­burt, rokudō rokudō 六道 wtl. die Sechs Wege = Bereiche der Wiedergeburtsiehe auch Jenseits → Ikonographie/Kannon/Bato Kannon→ Mythen/Hoellen/Hungergeister→ Geschichte/Heian Zeit→ Mythen/Jenseits/Enma ) entlassen.4 Wie das Sutra der Zehn Könige mehrfach betont, kann man das Urteil der Richter vom Dies­seits aus min­des­tens zwei Jahre lang be­ein­flus­sen. Ja, man kann sogar für das eigene Seelen­heil Vor­sorge treffen, indem man bereits zu Leb­zeiten in eigener Sache rituelle Opfer an die Zehn Könige richtet. Kurz gesagt: Je mehr rituellen Auf­wand man betreibt, umso besser sieht es im nächsten Leben aus. Negativ formu­liert könnte man auch sagen, dass die Richter­könige mit dem dies­seiti­gen Klerus paktieren und sich durch Wohl­taten, die man diesem erweist, in­direkt be­stechen lassen.

Fairerweise muss ein­schränkend dazu gesagt werden, dass das Sutra der Zehn Könige und ähn­liche Schriften in keiner bud­dhis­tischen Schule kano­nischen Status erlang­ten. Das heißt, dass die diver­sen Sutren der Zehn Könige nie in eine tripitaka त्रिपिटक tripiṭaka (skt., m.pl.) „Drei Körbe“, kanoni­sche Schriften des Buddhismus; jap. sanzō 三蔵siehe auch →  Buddhismus Lehre -Samm­lung auf­genom­men wurden, also nicht unbe­dingt als authen­tische Worte Buddhas galten. Zweifel­los waren sich die meisten gebil­deten Mönche bewusst, dass das chine­sische Gepräge der jen­seitigen Gerichts­höfe der indischen Her­kunft von Buddhas Lehren wider­sprach. Das hinderte sie jedoch nicht daran, den Kult der Zehn Könige bzw. des Richter­königs Enma Enma 閻魔 skt. Yama; König oder Richter der Unterwelt; auch Enra; meist als Enma-ten oder Enma-ō angesprochensiehe auch Enma → Ikonographie→ Ikonographie/Jizo→ Ikonographie/Myoo→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Mythen/Jenseits → mehr tatkräftig zu verbreiten. Lediglich die japanische Jōdo Shinshū Jōdo Shinshū 浄土真宗 Shin-Buddhismus, bzw. Jōdo Shin-Buddhismus; wtl. „Wahre Schule des Reinen Landes“siehe auch Amidismus → Bauten/Bekannte Tempel→ Alltag/Ahnenkult→ Geschichte/Kamakura→ Geschichte/Zen→ Geschichte/Reichseinigung → mehr war stets der Meinung, dass man das Nach­leben seiner Ahnen nicht be­einflus­sen könne und lehnte schon aus diesem Grund den Glauben an die Zehn Könige kate­gorisch ab.

Dreizehn Buddhas

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Dreizehn Buddhas (Jūsanbutsu)

Grabmonument, nyorai (Stein). Muromachi-Zeit, 1553; Konshō-ji, Nara-ken; Höhe: 1,73m
Bild © Itoshiki monotachi, (Blog) 2006. (Letzter Zugriff: 2016/9/18)

Die dreizehn Buddhas gelten als Urformen von dreizehn Königen, die über die Totenseelen richten. Grabmonumente wie dieses finden sich auf Friedhöfen häufig neben Darstellungen der Sechs Jizō, die ebenfalls einen besonderen Bezug zum Jenseits haben.

. 8 Grabmonument der 13 Buddhas

In der japanischen Muromachi Muromachi 室町 Stadtteil in Kyōto; Sitz des Ashikaga Shōgunats 1336–1573 (= Muromachi-Zeit)siehe auch Shinto Mittelalter → Grundbegriffe/Stereotype→ Ikonographie/Gluecksgoetter→ Mythen/Goetter des Himmels/Uzume→ Geschichte/Kamakura→ Geschichte/Amidismus → mehr -Zeit fügte man den chine­si­schen Grund­mustern schließ­lich noch wei­tere Toten­ge­denk­feiern hinzu, näm­lich den sieben­ten Gedenk­tag (sechs Jahre nach dem Tod), den drei­zehnten Gedenk­tag und den drei­und­dreißigs­ten Gedenk­tag. Dies ergab die Not­wendig­keit, drei weitere Gerichts­höfe im Toten­reich zu kon­struie­ren, sodass sich ein Set von Drei­zehn Königen ergab. Diese Könige erhiel­ten über­dies jeweils eine ent­spre­chende Urform, also einen honji honji 本地 (buddhistische) Urform (eines kami); s.a. suijakusiehe auch Shinto-Götter → Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga→ Ikonographie/Shinto-Goetter→ Geschichte/Honji suijaku→ Geschichte/Shinto Mittelalter → mehr -Buddha, woraus sich wiede­rum ein Set von Dreizehn Buddhas ergab, das eben­falls rituell ver­ehrt werden konnte. Dar­stel­lungen dieser Dreizehn Buddhas sind noch heute ver­einzelt auf Fried­höfen zu finden.

Der 33. Todestag wird zwar meist nicht mehr mit dem gleichen Aufwand ge­feiert, wie die frü­he­ren Todes­gedenk­tage, in vielen japani­schen Haus­halten wird er jedoch zum Anlass genom­men, die Toten­täfel­chen (ihai ihai 位牌 Ahnentäfelchensiehe auch Ahnenkult → Alltag/Totenriten→ Alltag/Totenriten/Sogiya→ Alltag/Friedhof→ Mythen/Geister/Kaidan ) der ent­sprechen­den Ahnen aus dem Haus­altar zu ent­fernen (da die Verstor­benen ja spä­testens jetzt eine neue Exis­tenz­form gefun­den haben).

Verweise

Verwandte Themen

Fußnoten

  1. Teiser, The Scripture on the Ten Kings, S. 9. Chinesische Vorläufer lassen sich bis in das Jahr 664 zurück verfolgen (idid., S. 48).
  2. Für eine englische Übersetzung aus dem Chinesischen s. Teiser 2003, S. 197–219.
  3. Diese sieben mal sieben Tage finden sich schon in Indien. Eine indi­sche Erklä­rung besagt, dass sich den Wesen im Toten­reich nur alle sieben Tage die Chance bietet, in eine neue irdische Exis­tenz zu schlüpfen. Man kann also dieser Erklä­rung zu Folge auch schon nach den ersten sieben Tagen wieder­ge­boren werden (Teiser 2003, S. 24).
  4. Die letzten drei Feiern — zum hun­dertsten Tag, zum ersten und zum zweiten Jahres­tag des Ablebens — scheinen auf vor­bud­dhis­tische chine­sische Bräuche zurück zu gehen: Ein Hin­weis auf die Über­blen­dung von vor­bud­dhistisch-chinesischen und indischen Bräuchen im Kult der Zehn Könige. (Vgl. Teiser, S. 25–26.)

Bilderläuterungen

  1. Jizo dunhuang.jpg

    Bodhisattva Dizang (Jizō) und die Zehn Könige

    Querbildrolle, bosatsu (Fragment). Tang Zeit, 10. Jh.; Dunhuang, Nord-China; 30 x 56 cm
    Bild © The British Museum. (Letzter Zugriff: 2011/7)

    Jizō und die Zehn Könige (Jūō). Deckblatt einer illustrierten Ausgabe des Sutras der Zehn Könige. Aus Höhle 17 der sogenannten „Tausend Buddha Höhlen“.

  2. Jizo usuki.jpg

    Jizō und die Zehn Richter

    Felsskulptur, bosatsu. Heian-Zeit; Usuki, Kyūshū
    Bild © Prismo, 2010. (Letzter Zugriff: 2016/8)

    Jizō inmitten der Gruppe der Zehn Richter/Könige (Jūō) der Unterwelt.

  3. Shoko-o 2.jpg

    Shokō-ō, der zweite Richter

    Skizze (Papier, Farbe), Detail. Edo-Zeit; aus der Serie Jūōzu (Bilder der Zehn Könige)
    Bild © MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien. (Letzter Zugriff: derzeit nicht online verfügbar)

    Shokō-ō 初江王 (wtl. König des ersten Flusses), der zweite Richter der Totenwelt, lässt sich die Gerichtsakten vorlegen, während der Angeklagte vor ihm bereits gefoltert wird.

  4. Datsueba mak.jpg

    Datsueba

    Skizze (Papier, Farbe), Detail. Edo-Zeit; aus der Serie Jūōzu (Bilder der Zehn Könige)
    Bild © MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien. (Letzter Zugriff: derzeit nicht online verfügbar)

    Datsueba, hier als weiblicher Hannya-Dämon dargestellt, markiert die Handflächen der von ihr entkleideten Totensseelen mit ihren Klauen.

  5. Folterszene 2.jpg

    Folterszene vor dem zweiten Richter

    Skizze (Papier, Farbe), Detail. Edo-Zeit; aus der Serie Jūōzu (Bilder der Zehn Könige)
    Bild © MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien. (Letzter Zugriff: derzeit nicht online verfügbar)

    Zwei Gerichtsdiener brechen einem Angeklagten die Knochen. Daneben stehen zwei Verstorbene, die offenbar mit besserem Karma ausgestattet sind.

  6. Folterszene 8.jpg

    Höllenszene

    Skizze (Papier, Farbe), Detail. Edo-Zeit; aus der Serie Jūōzu (Bilder der Zehn Könige)
    Bild © MAK, Museum für Angewandte Kunst, Wien. (Letzter Zugriff: derzeit nicht online verfügbar)

    In vielen Darstellungen der Zehn Richterkönige (Jūō) werden die Konsequenzen ihres Urteils gleichsam vorausschauend eingeblendet. Hier eine typische Folterszene in der Hölle, die auf einer Darstellung des achten Königs Byōdō-ō 平等王 (wtl. König des Ausgleichs) zu finden ist.

  7. 10kings dunhuang.jpg

    Totengericht

    Schriftrolle (Papier, Tusche, Farbe), Detail. China, 10. Jh.; gefunden in den Höhlentempeln von Dunhuang; 29 x 491cm
    Bild © Intenational Dunhuang Project, (British Library)

    Hier wird der Gerichtshof im buddhistischen Jenseits in vielen Einzelheiten gemäß dem Tang-zeitlichen Sutra der Zehn Könige (Jūō-kyō) dargestellt. Hier die Szene vor dem Zweiten König. Die Totenseelen werden durch einen Fluss getrieben. Die hölzernen Joche zeigen die Totenseelen gemäß der vormodernen chinesischen Rechtspraxis als Delinquenten.

  8. Jusanbutsu.jpg

    Dreizehn Buddhas (Jūsanbutsu)

    Grabmonument, nyorai (Stein). Muromachi-Zeit, 1553; Konshō-ji, Nara-ken; Höhe: 1,73m
    Bild © Itoshiki monotachi, (Blog) 2006. (Letzter Zugriff: 2016/9/18)

    Die dreizehn Buddhas gelten als Urformen von dreizehn Königen, die über die Totenseelen richten. Grabmonumente wie dieses finden sich auf Friedhöfen häufig neben Darstellungen der Sechs Jizō, die ebenfalls einen besonderen Bezug zum Jenseits haben.

Literatur

Stephen F. Teiser 2003
The Scripture on the Ten Kings and the Making of Purgatory in Medieval Chinese Buddhism. Honolulu: University of Hawaii Press 2003.
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