Was ist ein Schrein?

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Was ist ein Schrein?
Nuregami Daimyōjin.
Schrein, torii; Chion-in, Kyōto
Bild © Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2016/9/5).

Schutzschrein des Tempels Chion-in, des Haupttempels der Jōdo-shū. Der Name bedeutet wtl. Gott des Nassen Haars, die Gottheit selbst soll ein Fuchs sein, der aber nicht identisch ist mit Inari; die Schreinanlage befindet sich im hinteren Teil der Tempelanlage. Trotz dieser spezifischen Details kann die Schreinanlage selbst als typisch für heutige Schrein angesehen werden.

Torii von Itsukushima.
Schreintor, torii (Holz, bemalt). 1875; Itsukushima Schrein, Miyajima, Hiroshima-ken; Höhe: 16,6m
Bild © Miguel Michán, flickr, 2009. (Letzter Zugriff: 2016/9/5).

Das berühmte torii von Itsukushima bei Ebbe.

Torii-Tunnel.
Schreintore, torii (Holz); Kamakura
Bild © SBA73, flickr 2008. (Letzter Zugriff: 2016/8).

Torii-Tunnel im shinmei-Stil des Zeniarai Benten Schreins

. 1. 2. 3 torii, Erkennungszeichen eines Schreins

Ein Shintō-Schrein dient der Verehrung einer ein­hei­mischen Gottheit (kamikami Gottheit; im engeren Sinne einheimische oder lokale japanische Gottheit, Schreingottheit (s. jinja), Gottheit des Shintō AlltagAhnenkultGluecksbringerKamidanaMatsuri... mehr). Das Wort „Schrein“, jap. (jinjajinja 神社 Shintō-Schrein; rel. Gebäude für einheimische Gottheiten (kami) Shinto), wurde gewählt, um Ver­ehrungs­stätten für kami von bud­dhis­tischen „Tempeln“, jap. (teratera buddhistischer Tempel; das Wort leitet sich von einem koreanischen Begriff her, der ehemals in etwa tyər ausgesprochen wurde Tempel), zu unter­scheiden. Im engeren Sinn bezieht sich „Schrein“ auf ein ein­zel­nes Gebäude, meist be­zeich­net der Begriff aber eine „Schrein­anlage“, in der eine Vielzahl religiöser Gebäude zu finden sind.

Im Regelfall dient ein Schrein dazu, einen heiligen Ge­gen­stand aufzubewahren. Diesen Ge­gen­stand nennt man shintaishintai 神体 heiliges Objekt eines Shintō-Schreins; wtl. „Gottkörper“ MatsuriBekannte SchreineIse IzumoSchreinanlage Ise... mehr, wtl. „Gott-Körper“. Die häufigsten shintai sind Spiegel oder Schwerter, es kann sich aber auch, wie im Bud­dhis­mus, um Statuen handeln. Das shintai gilt als Sitz der Schrein­gott­heit, man sagt auch, dass es von einer Gott­heit „bewohnt“ wird. Bei der Grün­dung eines neuen Schreins muss die ent­sprech­ende Gott­heit zunächst „eingeladen“ werden, im shintai wohnhaft zu werden. Ein Schrein­gebäude ist also in erster Linie ein Speicher oder ein Schatz­haus zum Schutz des shintai. Es dient nicht als Ort religiöser Ver­samm­lungen oder Messen. Verglichen mit dem Christentum entspricht ein Schrein­gebäude daher eher einem Altar oder einem Tabernakel als einer Kirche. Dies gilt im übrigen auch für bud­dhis­tische Tempel in Japan, deren Haupt­gebäude ebenfalls als Schatz­häuser dienen. Im Gegen­satz zu bud­dhis­tischen Heilig­tümern (honzonhonzon 本尊 Hauptheiligtum eines Tempels ShikokuFushimiAsakusaTempel... mehr) werden die shintai aber niemals hergezeigt. Lediglich bei großen Schrein­festen (matsurimatsuri religiöses (Volks-)Fest MatsuriHadaka matsuriPhalluskulteItakoBekannte Schreine... mehr) werden sie, durch einen tragbaren Schrein vor Blicken geschützt, in einer Prozession umhergeführt.

Viele japanische Shintō-Schreine sind so klein, dass man sie nicht einmal mit einer mittel­euro­päisch­en Kapelle, sondern eher mit einem „Marterl“ (im österr. -süddt. Raum gebräuchlicher Ausdruck für „Bildstock“) ver­gleichen könnte. Die über­rasch­end hohe Zahl von 90.000 Schreinen (s. Grundbegriffe) ergibt sich wohl aus der Tatsache, dass auch solche Shintō-Marterln (hokorahokora Miniaturschrein (innerhalb einer Schreinanlage oder am Wegrand) Schreinbilder) in die Zählung mit auf­ge­nommen werden. Schrein­anlagen, die die Größe eines Ein­familien­hauses mit Klein­garten übersteigen, gibt es in ähnlich großer Zahl wie in Mittel­europa Kirchen.

Vokabel

Schreinanlage

Miniatur-Schreine (hokora).
Schrein (Holz); Miyoshi, Hiroshima-ken
Bild © Jake Davies, 2007. (Letzter Zugriff: 2008/2).

Miniatur-Schreine (hokora) in Miyoshi, Hiroshima-ken.

Der „Schrein nebenan“

Im Allgemeinen kann man die Be­deu­tung eines Schreins eher an der Größe seines Areals als an der Größe des eigentlichen Haupt­gebäudes messen. Die meisten wirklich einfluss­reichen Schreine sind von einer weit­läufigen park­ähnlichen Anlage umgeben, in der neben der Haupt­gott­heit auch eine Vielzahl von Neben­gott­heiten verehrt werden. Man erkennt diese Anlagen oft auch an dem dichten Wald, der sie umgibt. Es ist nämlich tabu, die Bäume inner­halb eines Schrein­areals zu fällen.

Diese größeren Schrein­anlagen sind zumeist am Fuß eines Hügels oder an einem sanft ansteigenden Hang gelegen. Daraus ergibt sich auf natürliche Weise eine Trennung in einen tiefer gelegenen Eingangs­bereich und einen erhöhten inneren Bereich. Der Eingangs­bereich dient eher profanen Zwecken, etwa dem Verkauf von Glücks­bringern. Der innere Bereich wird in vielen Fällen von einem niederen Zaun (tamagakitamagaki 玉垣 Zaun einer Schreinanlage, wtl. „Juwelenzaun“ ) umgrenzt und beherbergt die Gebäude für religiöse Zwecke — Haupt­halle (hondenhonden 本殿 Hauptgebäude eines Schreins Bekannte SchreineHachimanItsukushima), Zeremonien­halle (haidenhaiden 拝殿 Zeremonienhalle eines Schreins Bekannte SchreineTenjin), und Zweig­schreine. Die Haupt­halle ist mitunter durch einen weiteren Zaun geschützt, sodass man sie nur aus einer gewissen Distanz wahr­nehmen kann. Manchmal ist der Haupt­schrein sogar zur Gänze den Blicken der profanen Besucher entzogen.

Schreinanlage.
Schreinskizze von Nakashima Hiroko
Bild © Inoue Nobutaka, e.a. (Hg.), Shintō jiten. Tōkyō: Kōbundō 1994, S. 185.

Idealtypische Skizze einer Schreinanlage (jinja).

. 4 Typische Schreinanlage

Torii

Shinmei torii.
Schreintor, torii (Holz); Eingang des Äußeren Schreins von Ise (Gekū)
Bild © SBA73, flickr 2008. (Letzter Zugriff: 2016/9/5).

Ein Beispiel für ein torii im einfachen, rustikalen shinmei-Stil.

Torii

Für den Laien ist oft nicht leicht zu erkennen, ob ein religiöses Gebäude für eine shintōistische Gottheit bestimmt ist oder für eine buddhistische. Es gibt aber bestimmte Er­kennungs­merkmale, die auf einen Schrein hinweisen. Das markanteste Kenn­zeichen eines Schreins ist das toriitorii 鳥居 Torii, Schreintor; wtl. „Vogelsitz“ PhalluskulteOpfergabenBautenBekannte SchreineFushimi... mehr, das Shintō-Tor, das vor jedem Schrein steht. Die Bilder am Seiten­anfang zeigen einige torii-Varianten. In jedem Fall bleibt die Grund­form, zwei Quer­balken auf zwei Pfosten, dieselbe. Torii sind im Allgemeinen nicht vor bud­dhis­tischen Bau­werken zu finden sind. Diese „Regel“ hat sich allerdings erst in der jüngeren japanischen Religions­geschichte zweifelsfrei durch­gesetzt. Auf der Sidepage torii sind auch Beispiele von nicht-shin­tō­is­tischen torii, sowie von „Verwandten“ der torii außerhalb Japans angeführt.

Abgesehen von den torii gibt es in größeren Schrein­anlagen noch andere Kenn­zeichen religiöser Orte, etwa Laternen (tōrōtōrō 灯篭 Laterne, meist Stein oder Metall OpfergabenKasuga) (s. dazu das Beispiel des Kasuga Schreins) oder Löwenhunde (komainukomainu 狛犬 wtl. „Korea-Hund“, auch „Löwenhund“; Wächterfigur vor religiösen Gebäuden NikkoNioImaginaere TiereKomainu... mehr). Die meisten dieser Objekte stammen aus China und kamen mit dem Bud­dhis­mus nach Japan. Sie sind heute sowohl vor bud­dhis­tischen Tempeln als auch vor Shintō-Schreinen zu finden.

Götterseile und Zickzackpapier

Vermählte Felsen (meoto iwa).
Felsformation; in der Bucht von Ise, Futami Okitama Schrein, Mie-ken
Bildquelle: Bernhard Scheid, 2013.

Ein „männlicher“ und ein „weiblicher“ Felsen (meoto-iwa) sind hier durch ein Götterseil (shimenawa) ehelich verbunden. Die Felsen gehören zum Futami Okitama Jinja, der sich in der Gegend der Schreinanlage von Ise befindet. Abgesehen von diesem lohnenden Fotomotiv hat der Schrein nicht allzu viel zu bieten, auch sind die Felsen bei direkter Besichtigung überraschend klein. Dennoch handelt es sich um eine seit der Edo-Zeit berühmte Sehenswürdigkeit in Ise.

Götterseile

Das vielleicht archaischste Merkmal des Shintō ist das shimenawashimenawa 注連縄 shintōistisches „Götter-Seil“; geschlagene Taue aus Reisstroh. KamidanaPhalluskulteOpfergabenBekannte SchreineIse Izumo... mehr („Götterseil“), das aus einfachem Stroh geflochten wird. Es symbolisiert die An­wesen­heit eines Gottes oder einer göttlichen Kraft und ist häufig an der Front von Schrein­gebäuden oder an torii zu finden. Aber auch außer­halb von Schreinen stößt man immer wieder auf ein­drucks­volle Bäume (shinbokushinboku 神木 Heiliger Baum ) oder Felsen, die durch ein Götter­seil als Ort der kami ge­kenn­zeich­net sind. Shimenawa können sehr einfach oder kunst­voll ge­floch­ten sein. Oft sind sie mit Zickzack-Papier­streifen (shideshide 四手 Papierstreifen in Zickzackform, rituelles Emblem des Shintō Shimenawa) versehen, die ebenfalls als ein Kenn­zeichen für den kami geweihte Objekte fungieren. Shide können auch an Stäben an­ge­bracht werden. Sie werden dann als goheigohei 御幣 Papieropfergabe, Zickzack-Papier KamidanaOpfergabenRegenmachenShinto-Goetter bezeichnet und dienen als eine Art Opfer­gabe für die kami.

Verweise

Verwandte Themen

Auf den folgenden Seiten werden einige re­prä­sen­ta­tive Schreine sowie weitere Be­stand­teile der Schrein­architektur beschrieben. Shintō-Priester, die in allen größeren Schreinen zu finden sind, werden im Kapitel „Alltag und Praxis“ vorgestellt. Im Kapitel „Ikonographie“ erfährt man mehr über die Schrein­gott­heiten, im Kapitel „Mythen“ sind die wichtigsten Göttermythen zu­sammen­gefasst. Allgemeines zum Thema Shintō findet sich im Kapitel „Grundbegriffe“.

Bilderläuterungen

  1. Nuregami.jpg
    Nuregami Daimyōjin.
    Schrein, torii; Chion-in, Kyōto
    Bild © Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2016/9/5).

    Schutzschrein des Tempels Chion-in, des Haupttempels der Jōdo-shū. Der Name bedeutet wtl. Gott des Nassen Haars, die Gottheit selbst soll ein Fuchs sein, der aber nicht identisch ist mit Inari; die Schreinanlage befindet sich im hinteren Teil der Tempelanlage. Trotz dieser spezifischen Details kann die Schreinanlage selbst als typisch für heutige Schrein angesehen werden.

  2. Miyajima torii.jpg
    Torii von Itsukushima.
    Schreintor, torii (Holz, bemalt). 1875; Itsukushima Schrein, Miyajima, Hiroshima-ken; Höhe: 16,6m
    Bild © Miguel Michán, flickr, 2009. (Letzter Zugriff: 2016/9/5).

    Das berühmte torii von Itsukushima bei Ebbe.

  3. Torii zeniarai.jpg
    Torii-Tunnel.
    Schreintore, torii (Holz); Kamakura
    Bild © SBA73, flickr 2008. (Letzter Zugriff: 2016/8).

    Torii-Tunnel im shinmei-Stil des Zeniarai Benten Schreins

  4. Schrein skizze.jpg
    Schreinanlage.
    Schreinskizze von Nakashima Hiroko
    Bild © Inoue Nobutaka, e.a. (Hg.), Shintō jiten. Tōkyō: Kōbundō 1994, S. 185.

    Idealtypische Skizze einer Schreinanlage (jinja).

Literatur

Bernhard Scheid 2012
Shinto shrines: Traditions and transformations.“ In: John Nelson, Inken Prohl (Hg.), Handbook of Contemporary Japanese Religions. Leiden: Brill 2012.
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Ikonographie 
Diese Seite zitieren
„Was ist ein Schrein?.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 1.2.2019). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Bauten/Schreine?oldid=72135