Jinnō shōtō-ki

Religion-in-Japan > Texte > Jinno shotoki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Diese Seite zitieren:
Bernhard Scheid, „Jinnō shōtō-ki.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 15.4.2016). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Texte/Jinno_shotoki?oldid=61868

Das Jinnō shōtō-ki Jinnō shōtō-ki 神皇正統記 „Über die Wahre Abfolge der Göttlichen Herrscher“, Traktat von Kitabatake Chikafusa, 1339siehe auch→ Geschichte/Shinto Mittelalter→ Texte/Yuiitsu shinto myobo yoshu→ Geschichte/Neo-Konfuzianismus/Dainihonshi ist ein umstrittenes Werk. Umstritten vor allem deshalb, weil es im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahr­hundert als Quell­text der sogenannten Götterland-Ideologie interpretiert wurde und als Recht­fer­tigung für den japanischen Im­peria­lismus und Ultra-Nationalismus diente. Auch als Quelle des Shintō Shintō 神道 Shintō; wtl. Weg der Götter, Weg der kamisiehe auch Shinto → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Grundbegriffe/Stereotype→ Grundbegriffe/Weltbild→ Grundbegriffe → mehr wurde und wird das Werk immer wieder herangezogen. Es diente mit anderen Worten dazu, die Ver­bindung von Shintō und Tennō-Loyalismus als essenziellen Bestandteil der japanischen Geistes­geschichte zu belegen. Auf dieser Seite werden die wichtigsten Ideologeme des Jinnō shōtō-ki vorgestellt und in ihrem historischen Kontext erklärt.

Autor und Zeitumstände

Der Autor, Kitabatake Chikafusa Kitabatake Chikafusa 北畠親房 1293–1354; Krieger und Gelehrtersiehe auch Shinto Mittelalter → Texte/Yuiitsu shinto myobo yoshu (1293–1354), stammte aus der Familie der Minamoto, also einem der führenden Krieger-Klans des japanischen Mittelalters, und wurde in die Spät­zeit des von Minamoto no Yoritomo Minamoto no Yoritomo 源頼朝 1147–1199; Feldherr, Staatsmann, Begründer des Minamoto Shōgunatssiehe auch Kamakura → Mythen/Symboltiere/Tauben begründeten Kamakura Shōgunats geboren. Dieses Regime stand vor allem durch die aufwendigen Ver­teidigungs­maß­nahmen gegen mögliche Angriffe der Mongolen unter zunehmenden Druck. In dieser Situation sah der ungewöhnlich tatkräftige Tennō Go-Daigo Go-Daigo 後醍醐 1288–1339; Tennō der späten Kamakura-Zeit, der versuchte, die pol. Autorität des Kaiserhofes wieder herzustellen.siehe auch Shinto Mittelalter → Mythen/Tengu→ Mythen/Symboltiere/Tauben→ Geschichte/Neo-Konfuzianismus/Dainihonshi eine Chance, das Kamakura Shōgunat zu stürzen und die Re­gierungs­gewalt wieder in die Hände des kaiserlichen Hofes zu überführen. Er erhielt dabei die Unter­stützung verschiedener unzufriedener Krieger-Klans, selbst von Seiten­linien der Minamoto, u.a. von Kitabatake Chikafusa.

Einer von Chikafusas Verwandten, Ashikaga Takauji Ashikaga Takauji 足利尊氏 1305–1358; Feldherr, Staatsmann; regierte als erster Ashikaga Shōgun 1338–1358siehe auch→ Geschichte/Neo-Konfuzianismus/Dainihonshi , zählte zu Go-Daigos wichtigsten Feldherrn während der sogenannten Kenmu-Restauration (1333–1336), durch die das Kamakura Shōgunat endgültig gestürzt wurde. Schließlich wandte sich Takauji jedoch gegen Go-Daigo, begründete 1336 neuerlich ein Shōgunat mit Sitz in Kyōto (Muromachi Muromachi 室町 Stadtteil in Kyōto; Sitz des Ashikaga Shōgunats 1336–1573 (= Muromachi-Zeit)siehe auch Shinto Mittelalter → Grundbegriffe/Stereotype→ Ikonographie/Gluecksgoetter→ Mythen/Goetter des Himmels/Uzume→ Geschichte/Kamakura→ Geschichte/Amidismus → mehr -Zeit) und setzte einen Gegenkaiser ein. Go-Daigo vermochte allerdings eine Exil-Regierung ins Leben zu rufen, der auch Chikafusa angehörte. Von 1336–1392 gab es daher zwei kaiserliche Dynastien, den Nord­hof in Kyōto, der nach der Pfeife der Ashikaga tanzte, und den Süd­hof in den Bergen von Yoshino (südlich des Nara-Beckens). Go-Daigos Exilregierung war zwar politisch weit­gehend machtlos, aber doch stark genug, um nicht vom Ashikaga Shōgunat überrannt zu werden. 1392 kam es zu einer friedlichen Einigung zwischen den beiden Parteien.

 Kusunoki_masashige.jpg

Kusunoki Masashige

Statue (Bronze) von Takamura Kōun (1852–1934). Meiji-Zeit, 1893; Tōkyō, vor dem Kaiserpalast
Bild © Tōykō Views, flickr, 2011. (Letzter Zugriff: 2016/9/18)

Standbild des Kusunoki Masashige, der besonders in der Meiji-Zeit als Inbegriff des Tennō-treuen Samurai verehrt wurde. Erstes und berühmtestes Reiterstandbild nach westlichem Muster. Entstand in Kooperation mehrer Bildhauer unter Führung Takamuras und japanischer Historiker.

. 1 Kusunoki Masashige, Denkmal nahe dem Kaiserpalast in Tōkyō

Angesichts seiner Herkunft würde man in Kitabatake Chikafusa eher einen Partei­gänger des Shōgunats vermuten, doch er schlug sich auf die Seite von Tennō und Hof­adel und kämpfte für eine Rückkehr zu den politischen Ver­hält­nissen der Heian-Zeit, als der Krieger­stand dem Hofadel eindeutig untergeordnet war. Er stellt damit so etwas wie das intellektuelle Gegenstück zum berühmten Feldherrn Kusunoki Masashige Kusunoki Masashige 楠木正成 1294?–1336; Feldherr und loyaler Gefolgsmann von Go-Daigo Tennō dar. Auf politisch-militärischem Gebiet werden diesem Masashige vor allem zwei legendäre Leistungen zugeschrieben: Zum ersten machte er 1331 durch eine taktische Meister­leistung (die Ver­teidigung von Chihaya und Akasaka), die zum Aufstieg Go-Daigos beitrug, auf sich aufmerksam. Zum zweiten zog er 1336 gegen Ashikaga Takauji in die Schlacht, obwohl er wusste, dass er diesmal unterliegen würde. Er plädierte daher für eine Hinhalte-Taktik, doch da der Tennō nicht auf seinen Rat hören wollte, fügte er sich in sein Schicksal und starb in einem aus­sichts­losen Angriff. Die meisten anderen Generäle dieser Zeit wären in einer solchen Situation zur Gegen­seite übergelaufen. Aus diesem Grund gilt Masashige, insbesondere seit der Meiji Meiji 明治 posthumer Name von Kaiser Mutsuhito; nach ihm wird auch die Meiji-Zeit (1868–1912) benanntsiehe auch Geschichtsperioden → Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Bauten/Bekannte Schreine/Tenjin→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Alltag/Jahr → mehr -Zeit, als der Inbegriff des loyalen Untertanen in Japan.

Chikafusa, der die meiste Zeit seines Lebens an kaiserlichen Höfen verbrachte, war zwar als Feld­herr nicht so prominent wie Masashige, steuerte jedoch die Ideo­logie für die Loyalisten des Südhofes bei. Diese klingt bereits im Titel des Jinnō shōtōki (in etwa „Über die wahre/legitime Abfolge der Göttlichen Herrscher“) an. Es ist eine Kurz­dar­stellung der japanischen Geschichte mit besonderer Betonung der Kontinuität — und daraus abgeleitet der einzig legitimen japanischen Herrschafts­form —des Tennō-Hauses. Chikafusa begann das Werk 1339, nach dem Tod Go-Daigos, als Unter­weisung für dessen Sohn und Nachfolger. Er selbst saß zu dieser Zeit in seiner von Ashikaga-Truppen belagerten Festung in Hitachi (Ostjapan) fest, wo er sich vier Jahre halten konnte, bis er schließlich an den Südhof in Yoshino floh und dort bis zu seinem Tod (1354) weitere Werke verfasste.

Inhalt

Der berühmteste Satz des Jinnō shōtō-ki ist sein Beginn:

Groß-Japan ist ein Götterland. Die himmlischen Ahnen begründeten es und die Sonnen­gottheit übergab seine Herrschaft für ewig [an ihre Nachkommen]. Dies gibt es nur in unserem Land. Andere Dynastien haben nichts dergleichen. Deshalb nennt man dieses Land ein Götterland.

Damit weist Chikafusa auf die göttliche Ab­stammung des Tennō (und davon abgeleitet auch der anderen Bewohner Japans) hin, wie dies in den alten Chroniken Kojiki Kojiki 古事記 „Aufzeichnung alter Begebenheiten“; älteste jap. Chronik (712)siehe auch Mythentexte → Bauten/Schreine/Torii→ Bauten/Ise Izumo→ Bauten/Ise Izumo/Izumo Schrein→ Bauten/Bekannte Schreine/Itsukushima→ Ikonographie/Gluecksgoetter → mehr und Nihon shoki Nihon shoki 日本書紀 Zweitältestes Schriftwerk und erste offizielle Reichschronik Japans (720)siehe auch Mythentexte → Bauten/Schreine/Torii→ Bauten/Ise Izumo→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Bauten/Ise Izumo/Izumo Schrein→ Bauten/Bekannte Schreine/Itsukushima → mehr beschrieben ist. Der Begriff Götterland (shinkoku shinkoku 神国 wtl. „Götterland“siehe auch Shinto Mittelalter → Geschichte/Staatsshinto ) ist zwar keine Erfindung Chikafusas, wurde aber durch seine Schrift popularisiert.

Trotz dieser anscheinend „nationalistischen“ Grund­haltung macht Chikafusa auch von chinesischen Quellen Gebrauch und beweist große Gelehr­samkeit, wenn er japanische und chinesischen Geschichte miteinander in Beziehung bringt. Als Kind seiner Zeit glaubt er außerdem an die bud­dhis­tische Zeitenlehre, nach der man sich in der Endzeit des bud­dhis­tischen Gesetzes (mappō mappō 末法 Endzeit des Dharmasiehe auch Heian Zeit → Geschichte/Amidismus→ Geschichte/Nichiren oder masse) befände, und greift immer wieder auf die Karma कर्म Karma (skt., n.) „Tat“, auch „konse­quente Folge“; moralische Bilanz der gesetzten Handlungen; jap. Gō 業siehe auch →  Buddhismus Lehre → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Shinto→ Bauten/Tempel→ Grundbegriffe/Weltbild→ Ikonographie → mehr -Theorie zurück, um seine Zeit­genossen vor unmoralischem Verhalten zu warnen.

Letztlich folgt Chikafusa aber der traditionellen Historio­graphie und strukturiert die japanische Geschichte entlang der „Regierungen“ der einzelnen Tennō, bis hin zu ihren göttlichen Ahnen. Vor allem durch diese Struktur erhält der Text seine rote Linie, nach der der kaiserliche Souverän den Angel­punkt aller geschichtlichen Ereignisse des Landes dar­stellt. In die geschichtlichen bzw. mythischen Ereignisse streut der Autor immer wieder persönliche Inter­preta­tionen ein, die diese Kontinuität als Spezifikum der japanischen Geschichte heraus­streichen und daraus umgekehrt die Fortdauer des imperialen Herrschafts­anspruchs legitimieren.

Kosmologie

Besonders am Anfang seiner Schrift versucht Chikafusa sein initiales Statement, dass Japan ein Götter­land sei, durch eine Erörterung der Kosmo­logien und Kosmo­gonien der Drei Länder (Indien, China und Japan) zu erhärten. Dabei fällt eine besonders negative Sicht Chinas auf, die sich wohl aus den Zeit­umständen (die Angriffe der Yuan-Dynastie liegen kaum ein Menschen­alter zurück) erklären. Die bud­dhis­tische Lehre vom Weltenberg Sumeru सुमेरु Sumeru (skt., m.) Weltenberg des indisch-buddhistischen Universums; auch: Meru; jap. Shumi-sen 須弥山siehe auch →  Astrologie → Mythen/Jenseits/Ashura wird dagegen durchaus ernst genommen. Aus ihr schließt Chikafusa, dass Indien das Zentrum der von Menschen bewohnten Welt darstelle, während China und Japan lediglich periphere Reiche am Rand dieser Welt seien. Auch die bud­dhis­tische Lehre vom sukzessiven Weltenverfall (vgl. mappō mappō 末法 Endzeit des Dharmasiehe auch Heian Zeit → Geschichte/Amidismus→ Geschichte/Nichiren ) wird in anschaulichen Bildern wiedergegeben. Chikafusa scheint auch nicht zu bezweifeln, dass die Menschen gemäß der bud­dhis­tischen Lehre früher nahezu ewig lebten und um ein vielfaches größer waren als heute. Doch trifft dies scheinbar nur auf Indien zu, während für Japan die Welt­ent­stehungs­mythen der indigenen Chroniken gelten. Chikafusa lässt also die wider­sprüch­lichen Berichte unterschiedlicher Denk­traditionen neben einander bestehen, um letztlich auf den für ihn wichtigsten Punkt zu kommen: Nur in Japan gibt es eine Herrschafts­dynastie, die sich bis auf den Anfang aller Zeiten zurück führen lässt. Die dynastische Ordnung Japans hat damit einen quasi natur­gesetzlichen Charakter. In Indien und China hingegen sei es öfter vorgekommen, dass sich sogar Leute gemeinen Standes zum Herrscher aufschwangen.

Nach dem Klan des [ersten chinesischen Herrschers] Fuxi Fuxi (chin.) 伏羲 Erster von drei mythologischen Herrschern in China, Begründer der chinesischen Kultur; jap. Fukugisiehe auch Yin und Yang änderte sich der Klan-Name des Himmels­sohnes sechsunddreißig Mal. Das Ausmaß dieser Un­ordnung ist nicht zu beschreiben! Nur in unserem Land wurde von der Zeit, als Himmel und Erde sich teilten, bis zum heutigen Tag nie von der Sonnen­erbfolge (hitsugi) abgewichen. [...] Dieser Herrschafts­auftrag der Leuchtenden Gottheit (Amaterasu) ist etwas, das [uns] von anderen Ländern unterscheidet.

Im Folgenden geht Chikafusa detailliert auf die japanischen Schöpfungs­mythen ein, identifiziert Kuni no Tokotachi als die erste Gottheit und interpretiert alle weiteren im Sinne von Yin und Yang sowie den Fünf Wandlungen (gogyō gogyō 五行 Fünf Wandlungsphasen; Prinzip der chin. Naturphilosophiesiehe auch Yin und Yang → Texte/Yin und Yang/Kalender ). Die Nach­erzählung der Mythen des Götter­zeit­alters folgt laut Chikafusa strikt den antiken Schriften Nihongi, Kuji hongi und Kogo shūi (die damals als orthodoxen historische Quellentexte galten), doch schleichen sich gelegentlich Varianten aus dem Ise Shintō ein, die in den klassischen Mythen fehlen. Man nimmt daher an, dass die Watarai Priester des Äußeren Ise Schreins zu Chikafusas Informanten in mythologischen Fragen zählten.

Anlässlich der ersten Erwähnung von Amaterasu Amaterasu 天照 Sonnengottheit; Ahnherrin des Tennō-Geschlechtssiehe auch Goetter des Himmels → Grundbegriffe/Shinto→ Alltag/Pilgerschaft→ Bauten/Ise Izumo→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise → mehr betont Chikafusa, dass es sich um eine weibliche Gott­heit handelt (was auf dies­bezügliche Unsicher­heiten in der damaligen Rezeption schließen lässt). In der weiteren Nach­erzählung der Mythen des Götter­zeit­alters beweist Chikafusa große Quellen­kompetenz und versteht es meisterhaft, die verschiedenen Erzähl­varianten der Mythen anzudeuten, ohne die Geschichte allzu verwirrend zu gestalten. Als Einführung in die japanische Mythologie ist der erste Abschnitt des Werks in der Tat didaktisch gut gestaltet.

Herrschaftsauftrag

Die mythologische Szene, in der Amaterasu ihrem Enkel Ninigi Ninigi 瓊瓊杵 mytholog. Gottheit, Enkel Amaterasussiehe auch Goetter des Himmels → Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Bauten/Bekannte Schreine/Itsukushima→ Ikonographie/Shinto-Goetter→ Mythen/Goetter der Erde→ Mythen/Tengu → mehr zusammen mit den Drei Throninsignien den sogenannten Herrschafts­auftrag mit auf den Weg gibt, stellt einen der Höhe­punkte in Chikafusas Abhandlung der Mythologie dar. Auch in späteren Abschnitten greift er immer wieder auf diese Passage zurück. Sie wird zunächst wortgetreu nach dem Nihon shoki (Nebenvariante 1) wiedergegeben:

Sodann übergab Amaterasu die drei göttlichen Schätze. Zuvor sprach sie zu ihrem Enkel: „Dieses Land der Schilf­gefilde von eintausendfünfhundert Herbsten von Reisähren soll von meinen Nach­kommen beherrscht werden. Geh du, mein erlauchter Enkel, hin und regiere es! Möge deine himmlische Dynastie blühen und gedeihen, unendlich wie Himmel und Erde!“ Dann nahm die Große Gottheit den Schatz­spiegel in ihre Hände und übergab ihn dem erlauchten Enkel mit den Worten: „Mein Kind, wenn du in diesen Spiegel blickst, so sei es, als ob du mich anblicktest. An deinem Nacht­lager und in deinem Palast verehre ihn als heiligen Spiegel.“

Im Anschluss finden sich mittelalterliche Aus­schmü­ckungen, die in den Quellen des Altertums fehlen:

Zusammen mit den Yakasaka Krummjuwelen und dem Schwert Ama no Murokumo sind dies die Drei Insignien. Weiters sprach Amaterasu: „Erfülle das Reich mit Licht, gleich diesem Spiegel, beherrsche das Reich mit Wundern, wie sich diese Juwelen vermehren, und vernichte die Unfolgsamen mit diesem Schwert.“

Daran schließt der Autor folgende persönliche Interpretation an:

Man erkennt daraus, dass [die Drei Insignien] als göttliche Geister dieses Landes wahrhaftig die eine kaiserliche Linie darstellen. Die Weitergabe der Drei Insignien gleicht Sonne, Mond und Sternen am Himmel. Der Spiegel ist der Körper der Sonne. Die Juwelen sind der Geist des Mondes. Und das Schwert ist die Essenz der Sterne.

Zu den Insignien und ihrer magischen sowie symbolischen Bedeutung finden sich noch weitere, dem esoterischen Diskurs der Zeit entsprechende Ausführungen.

In einer späteren Passage geht Chikafusa noch einmal auf die Reichs­insignien ein. Diese sind ja, wie auch andere Quellen berichten, teilweise in der See­schlacht von Dan no Ura (1185) zusammen mit dem Kind­kaiser Antoku im Meer versunken, wie auch Chikafusa berichtet. Doch seien es im Grunde nur Kopien gewesen. Die Originale von Spiegel und Schwert befänden sich in den Schreinen Ise und Atsuta, von deren Gottheiten die kaiserliche Dynastie weiter beschützt werden würde.

Mandat des Himmels

Als direkter Verwandter Chikafusas wird Minamoto Yoritomo naturgemäß sehr positiv dargestellt. Seine Shōgunats­regierung stimmte laut Chikafusa mit dem Willen Go-Shirakawas Go-Shirakawa Tennō 後白河天皇 1127–1192; 77. Kaiser von Japan; (r. 1155–1158); stellte vor allem als Exkaiser im Mönchsstand ein wichtiges politisches Gegengewicht zu den Diktatoren Taira no Kiyomori und Minamoto no Yoritomo darsiehe auch Hoellenbilder → Ikonographie/Dainichi/Daibutsu→ Mythen/Tengu→ Mythen/Hoellen/Hungergeister (die dominante Figur innerhalb des kaiserlichen Haushalts im späteren 12. Jh.) überein und war daher legitim. Das Minamoto Shōgunat wird im übrigen durch die chaotischen politischen Zustände gerechtfertigt, die wiederum den Taira zur Last gelegt werden.

In der Darstellung der folgenden verworrenen Zeit­umstände taucht überraschender Weise das Konzept des himmlischen Mandats (tenmei tenmei 天命 „Mandat des Himmels“; konfuzianisches Konzept einer himmlischen Macht, die Herrscher oder Dynastien auf der Grundlage ihrer „Tugend“ einsetzt oder abberuft oder ten'i) mehrmals auf. Klassische chinesische Kon­fuzianer fassten das Mandat des Himmels als eine Art Grund­kapital auf, mit Hilfe dessen eine neue Dynastie an die Macht gelangen konnte, das sie aber durch untugendhaftes Verhalten auch verspielen konnte. Der Kon­fuzia­nismus erklärte und rechtfertigte auf diese Weise den Umsturz historischer Dynastien. Ganz ähnlich argumentiert Chikafasu im Hinblick auf die Krieger­dynastien der Taira, Minamoto und Hōjō. Mit Ein­schrän­kungen gilt das Prinzip, das auch als Ureid (hongan hongan 本願 „Ureid“; zumeist Gelübde des Buddha Amida, alle Lebewesen zu rettensiehe auch Amidismus → Bauten/Bekannte Tempel ) der kami bezeichnet wird, sogar für einzelne Mitglieder der kaiserlichen Dynastie selbst. Doch kann kein Fehler eines Tennō so gravierend sein, dass die Dynastie selbst — nach dem Willen der kami — komplett ausgelöscht oder entmachtet wird.1

Am Ende des Werks kritisiert Chikafusa die Inflation an Rang­erhö­hungen, die seit der späten Heian-Zeit an Mitglieder des Krieger­standes vergeben wurden, und macht diese Praxis dafür verantwortlich, dass Krieger mehr Macht anstrebten, als ihrem an­gestam­mten Status entsprach. Alle Untertanen, Krieger eingeschlossen, müssten bereit sein, gegebenenfalls ihr Leben für den Tennō zu geben, ohne an Belohnungen für ihre Verdienste zu denken. Die wichtigsten Faktoren, die für die Schwächung eines Regimes verantwortlich gemacht werden können, sind überzogene Ambitionen und Nicht­achtung des angestammten gesellschaftlichen Status seitens der Untertanen.

Rezeption durch die Nachwelt

Das Jinnō shōtō-ki erfuhr bereits in der Edo-Zeit große Beachtung und soll sogar die Große Geschichte Japans (Dai Nihon-shi Dai Nihon-shi 大日本史 Gesamtdarstellung der japanischen Geschichte bis 1392 in 397 Bänden, verfasst zw. 1657 und 1906siehe auch Dainihonshi → Geschichte/Neo-Konfuzianismus→ Geschichte/Bakumatsu ) der Mito-Schule inspiriert haben. In der Tat entstand dieses über zwei Jahrhunderte fortgeführte Mammut-Projekt aus einer ähnlichen Grund­haltung wie die Chikafusas. Angefangen von Tokugawa Mitsukuni, Daimyo von Mito, waren die Mentoren dieses Projekts zwar ver­wandt­schaftlich mit dem Tokugawa Shōgunat verbunden, teilten aber dennoch die Auf­fassung, dass letztlich der Tennō der oberste Souverän des Landes sei und versuchten dies historisch zu belegen.

Besonders ein­fluss­reich wurde das Jinnō shōtō-ki allerdings erst in der Meiji-Zeit. Im ersten quasi-universitären „Institut für Kaiserliche Studien“, das bereits 1868 gegründet wurde und stark von der kokugaku kokugaku 国学 „Lehre des Landes“, Nationale Schule, Nativismus; in der Edo-Zeit entstandene Gelehrtentradtion, die ihren Fokus auf das nationale Erbe Japans richtetesiehe auch Kokugaku → Ikonographie/Shinto-Goetter→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Geschichte/Shinto Mittelalter→ Geschichte/Staatsshinto→ Texte/Mythentexte → mehr geprägt war, stellte das Werk die erste geschichtliche Quelle dar, mit der sich die Studenten auseinandersetzen sollten. Auch später blieb es ein wichtiger Bestandteil im Schulunterricht.

Hermann Bohner

  Hermann Bohner.jpg

Hermann Bohner

Zeichnung. 1932
Bildquelle: Adi Meyerhofer. (Letzter Zugriff: 2014/10/7)

Hermann Bohner war ein führender deutscher Japanologe, der ab 1914 den Großteil seines Lebens in Japan verbrachte.

. 2 Hermann Bohner

Während die Pioniere der westlichen Japanologie das Jinnō shōtō-ki eher links liegen ließen, erlangte es in der Zwischen­kriegs­zeit zumindest in der deutsch­spra­chigen For­schung große Auf­merk­sam­keit. Verant­wort­lich dafür ist in erster Linie Hermann Bohner Hermann Bohner 1884–1963; deutscher Japanologe; ab dem Ersten Weltkrieg in Japan tätig (1884–1963), der die meiste Zeit seines Lebens ab 1914 in Japan ver­brachte und zweifel­los der beste deutsch­spra­chige Japan­kenner seiner Generation war. Er über­setzte das Jinnō shōtō-ki 1935 ins Deutsche und verfasste eine Ein­leitung dazu, die mit knapp 190 Seiten um­fang­reicher als die Über­setzung selbst geriet. Darin schrieb er dem Werk eine ähn­liche Bedeu­tung für das aufkei­mende National­gefühl Japans zu wie dem Buch Das Dritte Reich (1923) von Arthur Moeller van den Bruck (1876–1925) für den deut­schen National­sozialis­mus. Dass dies ein Lob und keine Kritik war, bringt Bohners eigene poli­tische Haltung deutlich zum Ausdruck.

Doch Bohner repräsentierte damit die vorherrschende Geistes­haltung der damaligen deutsch­sprachigen Japano­logie. In einer Rezen­sion lobte selbst der Jesuit Johan­nes Kraus, der Begründer der renom­mierten Fachzeit­schrift Monumenta Nipponica, Bohners Über­setzung und Inter­preta­tion des Jinnō shōtō-ki, eines „Bibel­buchs der völkisch-nationalen Weltan­schauung Japans“, wie Kraus sich ausdrückte.2 Japanische Zeit­genossen charak­terisierten das Werk hin­gegen, nicht weniger kryptisch, als Inbegriff des „nationalen Wesens“ (kokutai kokutai 国体 Nationalwesen, wtl. „Landeskörper“siehe auch Staatsshinto → Geschichte/Bakumatsu ). In Über­ein­stim­mung mit solchen Inter­pre­tationen setzte auch Bohner Chikafusas Götter­land sowohl mit kokutai als auch mit Shintō gleich.3

Götterland und kokutai

Das Götter­land Konzept wurde also im 19. und 20. Jahrhundert als Essenz eines nationalistischen Shintō-Begriffs angesehen, der im Grunde nicht viel mehr aussagte, als dass Japan seit Uranfängen von einer Dynastie göttlichen Ursprungs regiert werden würde. Das Wort Shintō selbst taucht im Jinnō shōtō-ki zwar auf, wird aber — wie etwa Michael Wachutka gezeigt hat — nicht in der Bedeutung einer nationalen Religion verwendet. Der Begriff kokutai war Chikafusa überhaupt unbekannt. Diese Begriffe dienten modernen Nationa­listen dazu, die an sich recht simple Botschaft des Jinnō shōtō-ki zu überhöhen und ihr eine religiöse Aura zu verleihen. Chikafusa selbst machte bei seinen gelegent­lichen Zwischen­betrach­tungen der japanischen Geschichte Anleihen beim Bud­dhis­mus, dem Konfuzia­nismus und der chinesischen Natur­philosophie. Diese Einflüsse wurden im nationa­listischen Diskurs allerdings herunter gespielt.

Das wichtigste und beiden Positionen gemeinsame Argument ist jedoch die Kontinuität: Weil es die Herrschaft des Tennō immer gegeben hat, muss sie auch immer weiter bestehen. Chikafusa verschweigt dabei keines­wegs, dass es fähige und unfähige Herrscher gegeben habe. Er sieht vielmehr in der Tatsache, dass sich die Dynastie trotz aller Krisen behaupten konnte, einen Beweis dafür, dass sie unter göttlichem Schutz steht.4 Auch das moderne kokutai Konzept lässt sich, wenn man versucht, es von allen Mysti­zismen zu entkleiden, auf diesen simplen Tradi­tionalis­mus herunter­brechen.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Chikafusas Position und dem modernen Nationalismus besteht in der intendierten Leser­schaft und im intendierten Zweck: Chikafusa richtete seine Schriften an den Adel seiner Zeit und versuchte erfolglos, die traditionellen Hierarchien zwischen Hof und Schwert­adel wieder zu errichten, um die Kon­kurrenz zwischen den Kriegern einzudämmen. Die modernen Nationalisten hingegen richteten sich an die gesamte Be­völ­kerung und leiteten aus der unge­broche­nen Herrschafts­linie eine Art Auftrag ab, die ganze Welt (oder zumindest ganz Asien) zu beherrschen.

Verweise

Verwandte Themen

Fußnoten

  1. Buch 3, Varley, S. 163.
  2. Monumenta Nipponica 1:1 (1938), S. 285.
  3. Bohner 1935; s.a. Wachutka 2013, S. 211–212.
  4. Das Jinnō shōtō-ki ist beispielsweise eine der ersten Quellen, die die Bedeutung der „göttlichen Winde“ (kamikaze kamikaze 神風 Götterwind; urspr. ein poetischer Beinamen der Provinz Ise, wird der Begriff seit den Mongolenangriffen des 13. Jh.s mit göttlichem Schutz im Krieg assoziiert und daher auch mit den Selbstmord-Piloten des 2. Weltkriegs in Verbindung gebrachtsiehe auch Kamakura → Alltag/Opfergaben→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Geschichte/Shinto Mittelalter→ Geschichte/Shinto Mittelalter/Kamikaze→ Alltag/Opfergaben/Blut- und Selbstopfer → mehr ) für die Abwehr der mongolischen Angriffe Ende des 13. Jh.s hervorhebt.

Bilderläuterungen

  1. Kusunoki masashige.jpg

    Kusunoki Masashige

    Statue (Bronze) von Takamura Kōun (1852–1934). Meiji-Zeit, 1893; Tōkyō, vor dem Kaiserpalast
    Bild © Tōykō Views, flickr, 2011. (Letzter Zugriff: 2016/9/18)

    Standbild des Kusunoki Masashige, der besonders in der Meiji-Zeit als Inbegriff des Tennō-treuen Samurai verehrt wurde. Erstes und berühmtestes Reiterstandbild nach westlichem Muster. Entstand in Kooperation mehrer Bildhauer unter Führung Takamuras und japanischer Historiker.

  2. Hermann Bohner.jpg

    Hermann Bohner

    Zeichnung. 1932
    Bildquelle: Adi Meyerhofer. (Letzter Zugriff: 2014/10/7)

    Hermann Bohner war ein führender deutscher Japanologe, der ab 1914 den Großteil seines Lebens in Japan verbrachte.

Links

Literatur

Hermann Bohner (Ü.) 1935
Jinnō-Shōtōki: „Buch von der Wahren Gott-Kaiser-Herrschaftslinie“. Tokyo: Deutsch-Japanisches Kulturinstitut 1935.
H. Paul Varley (Ü.) 1980
A Chronicle of Gods and Sovereigns: Jinnō Shōtōki of Kitabatake Chikafusa. New York: Columbia University Press 1980.
Michael Wachutka 2013
Kokugaku in Meiji-period Japan: The Modern Transformation of ‘National Learning’ and the Formation of Scholarly Societies. Leiden, Boston: Global Oriental 2013.
Ikonographie
Schriften
Religion-in-Japan > Texte > Jinno shotoki