Exzerpt:Dumoulin 1988

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Exzerpiertes Werk: Dumoulin, Heinrich (1988). „Die Malerei des Zen-Meisters Hakuin als Ausdruck religiöser Erfahrung.“ In: Elisabeth Gössmann und Günter Zobel (Hg.), Das Gold im Wachs: Festschrift für Thomas Immoos zum 70. Geburtstag. München: Iudicium, S. 267–302.

Heinrich Dumoulin (1905-1995) war ein deutscher Theologe, der sich insbesondere auf dem Gebiet des Zen-Buddhismus auszeichnete. In dem vorliegenden, in vier Abschnitte gegliederten, Artikel, stellt er das künstlerische Schaffen Hakuin Ekakus unter der Einbeziehung biografischer Hintergründe als Ausdruck religiöser Erfahrung dar.

Inhalt

Erfahrung und Ausdruck

Eine adäquate sprachliche Äußerung innerer Erfahrungen scheint zwar nicht möglich, Erfahrungen können aber dennoch – wenn auch in unvollkommener Weise – ausgedrückt werden. Hierin sieht Dumoulin den Grund für die zahlreichen Kunstwerke des Zen-Buddhismus. Laut dem japanischen Buddhologen Furuta Shokin lässt sich diese Zen-Kunst in zwei Kategorien einteilen: Zum einen wären da die Werke künstlerisch begabter Zen-Meister, die ihr Erleben der Erleuchtung bildlich oder kalligraphisch ausdrücken, zum anderen wären da die (als künstlerisch höherwertig betrachteten) Bilder von Berufsmalern, die erst nach Erlangung ihrer künstlerischen und technischen Fertigkeiten ihre Erfahrungen im Zen bildlich darstellten. Hakuin Ekaku gehörte zur ersteren Gruppe und zeichnete sich unter dieser durch seinen eigentümlichen, von konventioneller Zen-Malerei abweichenden Stil, der oftmals der Kritik unterworfen war, in besonderem Maße aus. [1]

Zenga

Laut Helmut Brinkler kann von zenga 禅画 (Zen-Kunst) als spezifische, klar definierte Kunstgattung innerhalb der ostasiatischen Kunst nicht gesprochen werden. Trotzdem weist zenga einige ihr eigene Charakteristika auf, die bereits der Zen-Meister und Philosoph Hisamatsu Shinichi benannte: Asymmetrie, Schlichtheit, schmucklose Erhabenheit, Natürlichkeit, abgründige Tiefe, Unweltlichkeit sowie Stille.

Trotz der schweren Definierbarkeit dieser Kunstart ragt laut Dumoulin zenga innerhalb der buddhistischen Kunst Ostasiens hervor. In Japan herrscht ferner eine engere Bedeutung dieses Begriffs vor: Zenga umfasst dort die Bewegung der Malerei innerhalb des Zen-Buddhismus seit dem 17. Jahrhundert, wobei die Werke Hakuin Ekakus sowie Sengai Gibons den Höhepunkt darstellen. Die Entstehung des zenga lässt sich während der Tokugawa-Zeit parallel zur buddhistisch inspirierter Malerei von Berufsmalern festmachen. Zenga entstanden im Gegensatz zu Letzteren, die im Auftrag des Adels oder höherer Geistlichkeit zur Dekoration von Tempeln oder Palästen geschaffen wurden, durch spontane Inspiration der Zen-Meister. Die Themen des zenga, wie beispielsweise Figuren der Zen-Geschichte, Buddhas und Bodhisattvas, entsprechen weitgehend denjenigen der traditionellen Tuschmalerei im Zen. Ein bedeutendes Merkmal von zenga, das für Tuschmalerei generell typisch ist, stellt die Symbolik der Bilder dar. Durch wenige Pinselstriche wird auf die Realität, aber auch auf darüber Hinausgehendes hingewiesen. Die weiße Bildfläche yohaku 余白, das Symbol von Unendlichkeit, ist dominant und die einzelnen Werke sind jeweils mit einer Aufschrift zur Erklärung der Bedeutung des Bildes versehen.

Hakuins Kunstschaffen zeichnet sich insbesondere durch seine volkstümliche Sprache, seinen beinahe karikaturhaften Humor sowie durch starke Symbolik aus. Seine Bilder lassen sich laut Dumoulin letztlich als Symbole seines Lebens betrachten. [2]

Hakuins Weg im Spiegel seiner Kunst

Dumoulin führt an, dass biografische Kenntnisse über Hakuin eine hilfreiche bzw. sogar unverzichtbare Stütze für das Verständnis seiner Kunstwerke darstellen. So kann die oftmalige Darstellung von Kannon, der weiblichen Gestalt Boddhisatvas, auf Hakuins enge Bindung zur frommen Mutter zurückgeführt werden. Hakuin soll nämlich als junges Kind durch einen Vortrag über die heißen Höllen in so starke Furcht versetzt worden sein, dass ihm seine Mutter, die er weinend nach einem Ausweg vor einem solchen Schicksal fragte, Kannon als Rettung präsentierte. Diese frühe religiöse Erfahrung und die damit verbundenen Gefühle sollen den jungen Hakuin letztlich zu seinem Entschluss mit 14 Jahren, dem örtlichen Tempel beizutreten, bewegt haben. Hakuins Geschichte bis zur Erleuchtung ist von Schmerz, Ängsten und Zweifeln geprägt, woraus sich seine Vorstellung des Erleuchtungsweges, nämlich das auf einen „Großen Zweifel“ die „Große Erleuchtung“ folgen würde, entwickelte. Zweifel und Angst sind neben der Mutterbindung weitere bedeutende Hintergründe für sein künstlerisches Schaffen.

Die selbst erlebte „Große Erleuchtung“, auf die später weitere stärkere und schwächere Erleuchtungserfahrungen folgten, gilt als Höhepunkt von Hakuins Leben und als zentrale Triebfeder seiner Kunst. Zu seinen beliebten Motiven sind Buddhas, Patriarchen des Zen und Zen-Meister zu zählen. Auch bei Hakuins Schülern fanden seine künstlerischen Fähigkeiten große Beachtung und seine Jünger spielten hierbei auch eine förderliche Rolle. Sein Schüler Suiō Genro (1712-1789), der vom Berufsmaler Ike no Taiga (1725-1776) im Malen unterrichtet worden war und in Hakuins 62. Lebensjahr zu seinen Jüngern trat, soll Hakuin sein eigenes Wissen vermittelt haben. Laut Dumoulin schuf Hakuin die hervorragendsten Werke im hohen Alter.

Im Laufe seines Lebens erlitt er als Folge seiner exzessiven Übungen zur Erlangung der Erleuchtung eine schwere Nervenkrankheit, die er mithilfe einer psychischen Heilmethode des Eremiten Hakuyū bekämpfen konnte. Diese Heilmethode stellte auch für viele seiner Schüler, die ebenfalls von diesem als „Zen-Krankheit“ bezeichneten Leiden befallen waren, eine Erlösung dar.

Zen-Meister, die die Erleuchtung erfahren haben, weisen stets Güte und Mitleid als grundlegende Charakteristika auf und dies ist laut Dumoulin bei Hakuins Werken offensichtlich. Seine Kunst könnte als „Bild-Predigt“ bezeichnet werden, da er sich auf volkstümliche Art an die Menschen wandte und seine Bilder teils einen besonders erzieherischen Charakter innehaben.[3]

Hakuins Bildkunst als Ausdruck seiner Erfahrung

Hakuins ereignisreiche Biografie mitsamt seinen Ekstasen sowie Übungen sind die Triebfedern seines Kunstschaffens, das stets seine Erfahrungen ausdrückt. Die von Dumoulin als bedeutend erachteten Motive sind:

  • Die Geistüberlieferung[4]: Quantitativ und qualitativ nehmen seine Darstellungen der Zen-Patriarchen, Zen-Meister sowie des Buddha Shakyamuni eine zentrale Stellung ein. Beispiele hierfür wären seine variierenden Bilder von Daruma, ein Triptychon (Dreiergruppe) von Daruma sowie den chinesischen Meistern Yün-men und Lin-chi oder auch ein Triptychon der drei Begründer des Rinzai Zen (Daiō Kokushi, Daitō Kokushi, Kanzan Egen). Dumoulin schließt aus Hakuins Werken auf dessen „Verbundenheit mit der Tradition“ [5].
  • Selbstbildnisse[6]: Seine Selbstporträts zeigen Hakuins Bekenntnis zur Rinzai-Schule. Er zeigt in seinen Porträts auch seine Ablehnung des mokushō-zen 黙照禅, des Zen der schweigenden Erleuchtung, der Sōtō-Schule sowie des Zen, das Rinzai-Meister Bankei (1622-1693) pflegte. Auch seine Bilder von Hotei, einem, der in Japan als eines der sieben Glückgsgötter bekannt ist und ein Kinderfreund war, können aufgrund der möglichen Rückschlüsse auf Hakuins Persönlichkeit und künstlerischen Stil unter die Kategorie der Selbstporträts gewertet werden, obwohl sie eigentlich keine Selbstdarstellungen sind.
  • Kannon[7]:Bodhisattvva Avalokitesvara (jap. Kannon), der sich im Buddhismus über die Geschlechterunterscheidung erhebt, wurde zunächst in männlicher Form dargestellt. Erst in China erfolgte eine Umwandlung des Bodhisattva zu einer weiblichen Gottheit der Barmherzigkeit. Ferner wurde das 25. Kapitel des Lotos-Sutra, das Bodhisattva ehrte, zu einem eigenen Sutra emporgehoben. Kannon und das Lotos-Sutra erreichten in Japan, unter anderem während der buddhistischen Erneuerungsbewegungen während der Kamakura-Periode, große Bedeutung. Auch in Hakuins Biographie lässt sich eine hohe Bedeutung der Gottheit der Barmherzigkeit und des Lotos-Sutra festmachen, die lebenslang eine bedeutende Rolle für ihn spielten. Seine Mutter machte ihn auf Kannon aufmerksam, die innerlich beide allmählich zu einer einzigen Gestalt verschmolzen. Als Junge soll er ferner die Versprechungen der Kannon, dem Glaubenden unglaubliche Kräfte zu verleihen, erfolglos mit einem heißen Eisenstab auf die Probe gestellt haben. Die Wahrheit des Lotos-Sutras soll er später in seinen vierziger Jahren vollkommen begriffen haben. Dem Lotos-Sutra zufolge erscheint Kannon in 33 Formen als Helferin der Leidenden, einige davon verarbeitet Hakuin in seinen Bildern. Andere Kannon-Bilder wiederum zeichnen sich durch ihre Neuartigkeit aus. Gemeinsam ist allen jedoch die Verarbeitung persönlicher Erfahrung und der Wunsch, dem einfachen Volk die Verehrung der Gottheit der Barmherzigkeit näherzubringen.
  • Die menschliche Existenz[8]: Hier beschreibt Dumoulin exemplarisch drei Bilder. Der Kern von „Blinde tasten über eine Brücke“ lautet nach Brinker: „Nur blindes Vertrauen und ablässiges Festhalten im Glauben an das Erleuchtungsziel führen ganz unerwartet schon gar nicht mehr erhofft – oft erst in hohem Alter – an das andere Ufer.“ [9] Die Brücke, die nach buddhistischer Auffassung Transzendenz andeutet, könnte hierbei ein Symbol der Hoffnung darstellen, da die sich langsam vorantastenden Blinden (zumindest) die Möglichkeit haben, ihr Ziel zu erreichen. „Der Fährmann“ erscheint als erleuchteter Mann, der, ungetrübt von weltlichen Kräften, sicher das andere Ufer ansteuert. In „Der Einäugige und der Blinde“ soll ausgedrückt werden, dass dem Menschen vielmehr ein geöffnetes inneres Auge vonnöten ist als zwei geöffnete körperliche Augen.
  • Symbolik[10]: Der generell in Religionen bedeutende Kreis findet auch im Zen-Buddhismus eine spezifische Bedeutung, nämlich die höchste Realität. Auch Hakuin hat sich in seinen Werken mehrfach dieser Symbolik bedient. Daneben stellte er ebenfalls Tiere, Pflanzen sowie alltägliche Gegenstände dar. So hat er beispielsweise in einem Bild eine langlebige Languste mit einer Aufschrift, die den Menschen von exzessiver Befriedung der Triebe und Gier abriet, dargestellt. In vielen derartigen Bildern brachte Hakuin dem ländlichen Volk auf verständliche Weise seine Weisheiten näher und übte so eine volkserzieherische Funktion aus. Laut Dumoulin schuf Hakuin keine Landschaftsmalerei im eigentlichen Sinne, Landschaften in seinen Bildern wie der Fuji-Berg, der oftmals von ihm gemalt wurde, stellen generell Symbolisches dar.
  • Kalligraphien [11]: Hierzu zählen auch seine Ein-Pinselstrich-Bilder wie beispielsweise die Eisenkeule oder der Eisenstab, welcher oft variiert Verwendung in seiner Kunst findet und ein beliebtes Motiv der Rinzai-Schule ist. Weiters waren auch Sprüche der Zen-Literatur, Titel sowie einzelne Schriftzeichen Motive. Als kalligraphische Kunstwerke können auch die Aufschriften seiner Bilder gesehen werden.

Anmerkungen

  1. Dumoulin 1988: 267-268
  2. Dumoulin 1988: 268-270
  3. Dumoulin 1988: 270-272
  4. Dumoulin 1988: 272-274
  5. Dumoulin 1988: 274
  6. Dumoulin 1988: 274-275
  7. Dumoulin 1988: 275-277
  8. Dumoulin 1988: 278-279
  9. Dumoulin 1988: 278
  10. Dumoulin 1988: 279-281
  11. Dumoulin 1988: 281-282