Rezension Scheid 2003

Aus Kamigraphie
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Rezensiertes Werk:

Scheid, Bernhard (2003). „Schlachtenlärm in den Gefilden der kami: Shintoistische Vergöttlichung im Fadenkreuz weltlicher und geistlicher Machtpolitik.“ In: Hannelore Eisenhofer-Halim (Hg.), Wandel zwischen den Welten: Festschrift für Johannes Laube. Frankfurt/M: Peter Lang. (Rezension.)


Bernhard Scheids Artikel "Schlachtenlärm in den Gefilden der kami: Shintoistische Vergöttlichung im Fadenkreuz weltlicher und geistlicher Machtpolitik." aus dem Jahr 2003 wurde sowohl online, als auch vom Verlag Peter Lang veröffentlicht. Es handelt sich um einen Blick hinter die historischen Kulissen der endenden Sengoku- und beginnenden Edo-Zeit, und auf die dort stattfindenden religionspolitischen Machtkämpfe im Kontext der Deifizierung von Toyotomi Hideyoshi und Tokugawa Ieyasu. Hierbei wird besonderes Augenmerk auf die Wechselbeziehungen politischer und religiöser Machtgefüge, die Rolle, die religiöse Spezialisten dabei spielten, und auf die Religionsgeschichtlichen Auswirkungen der geschilderten Ereignisse gelegt.

Inhalt

Kapitel 1: Historischer Überblick

Das erste Kapitel bietet eine Darstellung der historischen Ereignisse nach Toyotomi Hideyoshis Tod, der zunächst offiziell geheimgehalten wurde, um den laufenden Korea-Feldzug nicht negativ zu beeinflussen. Er gab bereits vor seinem Ableben Anordnungen zu seiner posthumen Vergöttlichung; sein Motiv war die ideologische Machtkonsolidierung für die Nachfahren seiner Dynastie. Zunächst wurde Hideyoshis „Nachlass“ von seinen höchsten Verwaltungsbeamten, den „Fünf Kommissaren“ (go-bugyô), verwaltet. Die eigentliche Deifizierung fand jedoch unter der Priesterfamilie der Yoshida, den Begründern des Yoshida-Shinto, statt.

Das Projekt „Toyokuni-Schrein“:

Der Akt der Apotheose Toyotomi Hideyoshis stellte laut Bernhard Scheid für die beteiligten Parteien ein enormes „religiöses Prestigeprojekt“ (S. 623) dar; beide versuchten Fuß zu fassen: Der profane Hideyoshi im Land der kami, die religösen Yoshida dagegen im weltlichen Japan der beginnenden Tokugawa-Zeit. Dies spiegelte sich bereits in der monumentalen Buddha-Statue des geplanten Schreines für Toyotomi Hideyoshi wieder, die in ihren Dimensionen sogar die große Nara-Statue übertraf. Bei der offziellen Verkündung des Namens der zusätzlichen Schreingottheit bzw. Schutzgottheit der Statue wurde, entgegen der allgemeinen Erwartung „Shin-Hachiman“ (Hachiman war bereits Schutzgottheit des Daibutsu in Nara), ein neuer Name von Yoshida Kanemi verwendet: „Toyokuni Daimyôjin“, oder „Große Lichtgottheit des fruchtbaren Landes“. Dies war insofern von Bedeutung, da eine Assoziation zu Toyotomis Namen enthalten ist; die Einweihungsrituale wurde von Yoshida-Priestern vollzogen. Diverse Schreinfeste sorgten für die baldige Popularität des „Toyokuni-Kultes“.

Nach einer kurzen Blüte setzte Tokugawa Ieyasu diesem Kult ein rasches und brutales Ende: Die Toyotomi wurden in der „Sommerschlacht“ von Ôsaka 1615 komplett von der historischen Landkarte getilgt, der Schrein wurde zerstört, und auch Hideyoshi durfte nur noch als gewöhnlicher Sterblicher verehrt werden.

Nach Hideyoshis Vorbild plante auch Tokugawa Ieyasu seine Deifizierung, um „seinen Machtanspruch ins Jenseits hinein fortzusetzen“ (S. 628). Hieraus entstand nach dessen Tod eine religiös-politische Debatte über das Ritual der Apotheose und den Namen der Gottheit, die, wie wir im besprochenen Artikel erfahren, für den Verlauf der japanischen Religionsgeschichte von enormer Signifikanz war.

Kapitel 2: Innovationen im Ritualwesen der Yoshida

Wie wir in diesem Kapitel erfahren, spielte die Priesterschaft deswegen eine wichtige Rolle für die Diktatoren, da durch sie ein permanenter Kult nach der Vergöttlichung verwirklicht werden konnte. Ausserdem erhalten wir eine Einführung in die Besonderheiten der Shintopraxis der Yoshida-Familie, die sich im Gegensatz zur klassischen "Arbeitsteilung", in der dieses Ressort dem Buddhismus zufiel, mit dem Tod beschäftigte. So gab es laut Autor Begräbnisriten, die, im privaten Rahmen, eine Alternative zum buddhistischen Begräbniszeremoniell darstellten. Sie fundierten auf der Konzeption von der „Göttlichkeit“ des menschlichen Herzens, wie sie im Yoshida-Shinto verbreitet war. Derartige Innovationen konnten aber laut Text erst durch Gewinn von religiöser Autorität, wie es bei den Yoshida der Fall war, öffentlich praktiziert werden.

Kapitel 3: Die Rolle der Yoshida-Priester

Dieses Kapitel widmet Bernhard Scheid der religionsgeschichtlichen Situation der Priesterfamilie der Yoshida, und ihrer Konkurrenz zum Buddhismus, dem sie mit ihrem Shinto als „eigenständige Religion“ (S. 633) gegenübertreten wollte. Dabei erfährt man unter anderem, dass Hideyoshi bereits zu Lebzeiten eine gewisse Vorliebe für diese Familie hatte, da bei einer Krankheit seiner Mutter Yoshida Kanemi gerufen wurde, um Gebete für sie abzuhalten (S. 631). Die Apotheose Hideyoshis ermöglichte einen sozioökonomischen Aufstieg der Yoshida, auch wenn sich ihr „moderner“ Shintokult nur schwer gegen die Traditionen und auch den Einfluss der buddhistischen Berater Hideyoshis durchsetzen konnte. Beispiel hierfür ist die Tatsache, dass man die neue Schreingottheit eine zeitlang sowohl als Shin-Hachiman, als auch als Toyokuni Daimyôjin bezeichnete.

Bonshun, Sûden und Tenkai:

Hier werden die Ereignisse nach Tokugawas Tod geschildert, und drei in diesem Kontext auftretende Figuren eingeführt:

  • Bonshun: nominell ein Zen-Mönch, Betreuer des Familientempels der Yoshida und Bruder von Yoshida Kanemi; er wird mit der Begräbniszeremonie des Ieyasu beauftragt
  • Sûden: Abt des Zen-Klosters Nanzen-ji und Vorgesetzter Bonshuns
  • Tenkai: Mitglied der Tendai-Sekte, er plant, diese wieder zu ihrer alten Macht zu erheben (Oda Nobunaga zerstörte mit dem Kloster auf dem Berg Hiei ihre Machtbasis)

Aufzeichnungen aus dem Tagebuch Bonshuns stellen den Verlauf der provisorischen Begräbniszeremonie im Hilfsschrein dar, während der Hauptschrein noch nicht fertiggestellt ist. Die letzten beiden Genannten waren religiöse Ratgeber Tokugawas, die in Konkurrenz zueinander traten, als man über das Procedere bei der Deifizierung debattierte. Bonshun schien hingegen nur eine Nebenrolle auf der Seite seines Vorgesetzten Sûdens zu spielen; nach dem „Toyokuni-Desaster“ (S. 638) waren die Yoshida in einer ernsten Bedeutungskrise.

Kapitel 4: Ichijitsu Shinto vs. Yuiitsu Shinto

Der Streit zwischen diesen beiden Richtungen ist Gegenstand des genannten Kapitels. „Sannô-Ichijitsu Shinto“ ist das Ergebnis der Arbeit Tenkais an einem Ritus, der sowohl die Apotheose Ieyasus, als auch die Theologie der Tendai-Sekte enthalten sollte. Als „buddhistisch-shintoistische Lehre rund um den Kult für den vergöttlichten Ieyasu“ (S. 638) konzipiert, trat diese Lehre in Konkurrenz zum „Yuiitsu-Shinto“ („der eine und einzige Shinto“) der Yoshida. Dieser Machtkampf vollzog sich eher sublim, an der Oberfläche stritt man über den Namen der neuen Gottheit. Die Yoshida wollten diesen wieder Daimyôjin nennen, während Tenkai die Bezeichnung Daigongen proponierte. Gongen, wörtlich „Erscheinungsform“, entsprach dem eher probuddhistischen Konzept honji suijaku, demzufolge die kami modifizierte Buddhaerscheinungen waren. Letztendlich, wie Bernhard Scheid erklärt, resultiert das Ganze in einem Erfolg Tenkais, welcher Ieyasu zum zweiten Mal bestattet und deifiziert. Man entschied sich also gegen die Yoshida; auch weil der von ihnen vorgeschlagene Titel durch die Assoziation mit Hideyoshi in Diskredit geraten war (vgl. S. 639). Im Anschluss wird der weitere Einfluss Tenkais und die Wende des Shogunats zum Buddhismus hin beschrieben. Der Autor des Artikels vermutet, dass der Sieg Tenkais zu dieser Tatsache entscheidend beigetragen hat.

Kapitel 5: Weitere Deifizierungen unter den Tokugawa

Das letzte Kapitel zeigt Tokugawa Iemitsus erfolglosen Versuch, Ieyasus spiritueller Nachfolger zu werden, womit die Apotheose Ieyasus den Anfang und das Ende der Instrumentalisierung des Shinto für das Tokugawa-Regime darstellt (vgl. S. 641). Auch wird nochmals darauf hingewiesen, dass die ideologische Niederlage der Yoshida das Verhältnis der kami zu den Buddhas wieder in das alte System des honji suijaku brachte. So wurde auch das Andenken an Hideyoshi in buddhistischer Manier umgedeutet. Dennoch praktizierten gegen den offiziellen cultus gewisse Daimyô shintoistische Begräbnisse im Sinne der Yoshida, was immerhin als eine „lokale Aufwertung“ (S. 642) des Yoshida-Systems betrachtet werden kann.

Bernhard Scheids Fazit:

„Insofern ist Miyajis Charakterisierung von Hideyoshis Apotheose als „Eröffnungsszene des modernen Shintō“ keinesfalls gänzlich von der Hand zu weisen. Hideyoshis Gottheit fungierte also als Stichwortgeber späterer Entwicklungen und trug somit letztlich doch einen kleinen Sieg davon.“ (S. 643)

Stellungnahme

Historisch akkurat und mit zahlreichen Referenzen zu anderen wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema gefüllt, bietet Bernhard Scheids Artikel interessante Einsichten in die ideologischen Kämpfe, die zur Zeit des großen Umbruchs nach der sengoku-jidai stattfanden, und ist somit nicht nur geschichtlich, sondern auch religionsgeschichtlich hochinformativ. Die zum Teil sehr ausführlichen Fußnoten stören eventuell geringfügig den Text- bzw. Lesefluss und hätten auch als Endnoten ihrem Zwecke gedient; ansonsten stilistisch gut und anschaulich geschrieben, ist „Schlachtenlärm in den Gefilden der kami“ meiner Meinung nach sowohl für Experten als auch für Einsteiger in diesem Fach ein durchaus lesenswerter Beitrag.



Dieser Artikel wurde ursprünglich für das Schwesterprojekt Hachiman-no-pedia verfasst.