Exzerpt:Bender 1979

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Rezensiertes Werk:

Bender, Ross (1979). „The Hachiman Cult and the Dōkyō Incident.“ Monumenta Nipponica 34/2, S. 125–153. (Rezension.)


Der Autor

Ross Bender (1929-2011) wuchs in einer mennonitischen Familie auf und erlangte im Jahr 1962 seinen Doctor of Philosophy (abgekürzt PhD) in Religion an der Yale University. Bei einer dreimonatigen Studienreise durch Afrika und Asien, welche er als Dekan der Associated Mennonite Biblical Seminaries Jahre später organisierte, lernte er u.a. auch die japanische Kultur und im Besonderen die religiösen Aspekte kennen.

Einer der daraufhin entstandenen Artikel trägt den Titel „The Hachiman Cult and the Dōkyō incident“ und beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle der Glaube an Hachiman 八幡 im Bezug auf die Erbfolge des kaiserlichen Thrones spielte. Dabei konzentriert sich Bender v.a. darauf, wie und warum Hachiman, der eine wenig bekannte, regionale Gottheit darstellte, mit dem politischen Geschehen der Nara-Zeit in Zusammenhang gebracht wurde und welche Probleme sich durch die Bedeutung der Göttlichkeit in der japanischen Geschichte ergeben. Dadurch soll ein klareres Bild der Gottheit und seiner Funktion am Hof im achten Jahrhundert entstehen.

Der Ursprung des Hachiman Kults

Der Ursprung des Hachiman Kultes liegt in der shizoku-Gesellschaft, da die Geschichte der uji, welche in Dokumenten aus dem neunten Jahrhundert erwähnt werden, in Verbindung mit Hachiman gebracht wird. Daher nimmt man an, dass die Entstehung des Kultes das Resultat einer Vermischung der Glauben an die verschiedenen ujigami 氏神 (Schutzgottheiten) der Klans ist und dessen Zentrum sich in dem Schrein in Usa bildete. Die drei Klans, deren Glaubensvorstellungen die wichtigsten Komponenten dieser Verschmelzung darstellen, sind der Usa-Klan 宇佐, der Karajima-Klan 辛嶋 und der Ōmiwa-Klan.

Die früheste Phase des Glaubens, welche auf den Usa Klan zurückgeht, war eine primitive animistische Religion mit maritimer Assoziation, wobei die verehrte Gottheit weiblich war. Während das Gebiet des Usa-Klans südlich von Buzen lag und Yamakuni genannt wurde, befand sich nördlich von Buzen das Gebiet des Karajima-Klans, welches den Namen Toyokuni trug. Im Laufe des sechsten oder siebten Jahrhunderts eroberte der Karajima-Klan das südliche Land und brachte seinen Glauben, welcher shamanistische Elemente beinhaltete und eine koreanische Gottheit verehrte, mit nach Usa. So kam es zu einer Verschmelzung, welche sich in einem neuen Gott, Hachiman, wiederspiegelte, der die politische Union der beiden Klans symbolisierte. Der Name Hachiman bildete sich aus den jeweiligen Ländernamen Yama und Toyo. Der dritte Klan, der mit dem Hachiman Kult in Verbindung steht, ist der Ōmiwa Klan, welcher enge Beziehungen zum Ōjin/Jingū Kult aufweist. Als ein Teil der Sippe von Yamato nach Kyushu ging, brachten sie diesen Kult mit und es fand eine weitere Verschmelzung statt (S. 127 – 130).


Hachiman in der Nara-Zeit

Die erste Erwähnung Hachimans im Shoku Nihongi 続日本紀 ist auf das Jahr 737 datiert. Der Hachiman Schrein erlangte immer mehr Wohlstand und Macht, bis er schließlich dreißig Jahre später aufgesucht wurde, um eine Verkündung der königlichen Thronfolge zu machen. Diese plötzliche Aufmerksamkeit des Hofes geht auf zwei verschiedene Aspekte zurück. Einen wichtigen Faktor stellte die besondere Lage der Usa-Region, welche mit der Legende von Jimmu in Verbindung gebracht wird und deren religiöse Form am Hof von Nara als einzigartig und machtvoll angesehen wurde, dar. Der zweite Aspekt bezieht sich auf die Rolle des Hachiman Schreins in Kriegszeiten. Der Hof bat Hachiman während der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Nara-Zeit immer wieder um Hilfe und so lernten die Menschen ihn zunächst als Kriegsgott kennen (S. 130 – 132).


Hachiman und der Bau des Daibutsu

Der Bau des Tōdai-ji 東大寺 mit dem Daibutsu 大仏, welcher vom Shōmu Tennō 聖武天皇 in Auftrag gegeben wurde und die Einführung des dazugehörigen provinzialen Tempelsystem, kokubunniji genannt, waren von größter Bedeutung für die Nara-Zeit. Hachimans göttliche Hilfe beim Bau des Daibutsu führte dazu, dass die ursprünglich shintoistische Gottheit vom Rang eines regionalen Gottes in den Status der meist verehrtesten Gottheit Japan erhoben wurde und in enger Verbindung zur kaiserlichen Institution stand. Nach der Errichtung wurde Hachiman der höchste Rang verliehen und er bekam mehr Aufmerksamkeit aus der Hauptstadt geschenkt. Somit entstand ein politischer Link zwischen der Hauptstadt und Usa, welcher dazu führte, dass Hachiman zur Legitimation von Ernennungen in politische Positionen verwendet wurde. Auch der Aufstieg der Fujiwara 藤原氏, welche sich führende politische Positionen aneigneten, wurde von Verkündungen des Orakels beeinflusst. Diese Machtkämpfe zwischen Hoffamilien, zu denen auch die Fujiwara zählten, und den kaiserlichen Familienmitgliedern waren Schlüsselfaktoren für den Aufstieg Dōkyōs (S. 132 – 138).

Der Dōkyō Zwischenfall

Dōkyō 道鏡 entstammte einem rangniedrigen Klan, dem Yuge no Muraji, und beschäftigte sich schon in sehr jungen Jahren mit der konfuzianistischen Lehre. Überdies beschäftigte er sich mit shamanistischen Elementen des Buddhismus, indem er versuchte, durch Meditation, welche eine gängige Praktik in der Nara-Zeit darstellte, übernatürliche Macht zu erlangen. Er wurde stark von magischen Riten der frühesten Phase der japanischen Religionen beeinflusst und er genoss großes Ansehen als Heiler. Sein Ruf drang bis an den Hof vor und man bat ihn, die kranke Kaiserin Kōken zu heilen. Dies brachte ihm ihr Vertrauen ein und als Kōken ab 764 als Tennō Shōtoku 称徳天皇 erneut die Regierungsgeschäfte übernahm, wurde eine Verordnung erlassen, die Dōkyō erst zum Daijin zenji 大臣禅師 und 765 schließlich zum Daijō Daijin Zenji 太政大臣禅師 ernannte, welches das höchste bürokratische Amt im Land war und in der Geschichte nur selten vergeben wurde. Politisch gesehen, betrieb man aktive Propaganda für den Buddhismus und schränkte die Macht der großen Klans ein, wobei Dōkyō seinen Einfluss nutzte und Mitglieder des Yuge Klans bei der Vergabe wichtiger Ämter berücksichtigte. Später wurde Dōkyō der Titel hō-ō 法王verliehen, welcher vormals zurückgetretenen Herrschern vorbehalten war.

Dōkyō verstand sehr schnell, dass Omen und Orakel großen politischen Einfluss am Hof von Nara ausübten und versuchte deshalb Kontrolle über Kyushu und damit über den Hachiman Schrein zu erlangen. Auch seine Thronfolge wollte er durch ein Orakel des Hachiman legitimieren, wurde jedoch von Shōtoku, die den hochrangigen Hofbeamten Wake no Kiyomaro 和気清麻呂 beauftragte, den Orakelspruch zu bestätigen, an seinem Vorhaben gehindert. Das Orakel sprach sich gegen Dōkyō aus und befahl Wake no Kiyomaro dies der Kaiserin mitzuteilen. Man nimmt an, dass Kiyomaro sein eigenes Urteil als das des Gottes ausgab und zudem mit den im Hintergrund agierenden Fujiwara verbündet war, die Dōkyō in Verruf bringen wollten. Aufgrund des großen Vertrauens der Kaiserin zum Orakel und der Bildung einer anti-Dōkyō-Bewegung am Hof, wurde eine Ernennung Dōkyōs zum Kaiser unmöglich. 770 starb Shōtoku und Dōkyō wurde seiner Ämter enthoben und ins Exil gesandt, wo er bald verstarb.

Nicht nur Dōkyōs Ansehen sank rapide, sonder auch das von Hachiman. Im Jahr 773 wurde von Kiyomaro, der nun Statthalter von Buzen war, eine umfassende Untersuchung anordnete, welche dazu führte, dass die junge Frau des Karajima Klans, welche das Dōkyō Orakel prophezeite, durch eine junge Frau aus dem Ōmiwa Klans ersetzt wurde und drei Priester zur Deutung von Orakeln herangezogen wurden. Der Usa Klan verlor somit das Anrecht auf den Schreinvorsitz (S. 138 – 144).

Hachiman Kult in der Heian-Zeit

In der Heian-Zeit begann eine neue Phase des Hachiman Kultes, indem ihm im Jahr 809 der Titel des Großen Bodhisattva (Dai Bosatsu) verliehen wurde. Wenig später wurde der Iwashimizu Hachiman Schrein in Kyoto von Gyōkyō 行教 von Daianji gegründet, der nach Usa reiste und von Hachiman eine Weissagung bekam, wonach er zur Hauptstadt gehen sollte, um für den Schutz des Landes zu beten. Dies zeigt deutlich, dass auch wenn der Dōkyō Zwischenfall einen vorübergehenden Verlust des Ansehens Hachimans zur Folge hatte, der Kult ausreichend stark war und in kürzester Zeit die Verehrung des Hofes zurückgewinnen konnte (S. 144 – 145).


Die politische Bedeutung Hachimans in der Nara-Zeit

In der Nara-Zeit, wurde das Interesse an den Beziehungen zu den Göttern immer deutlicher und Hachiman gewann immer mehr an Ansehen. Er wurde zum obersten Schlichter in der Frage der legitimen Erbfolge des kaiserlichen Thrones. Dieses Phänomen macht deutlich, dass es sich bei Zuhilfenahme eines Gottes um eine politische Notwendigkeit handelte, wobei man sich nicht Amaterasu zuwandte, obwohl diese als Urahnin der königlichen Familie gilt. Der Hof betraute den Shintogott Hachiman, dessen Herkunftsregion Usa, sein Erwählen für diese Rolle begünstigte, mit der Legimitationsfrage. In Zusammenhang mit seinem Aufstieg stand auch das Bestreben, eine akzeptable politische Balance zwischen den ursprünglichen Glaubenspraktiken und der buddhistischen Lehre zu erlangen. Somit wird deutlich, dass, während in früheren Zeiten die Thronfolge aufgrund der Abstammung legitimiert wurde, in der Nara-Zeit auch buddhistische Elemente bei der Legitimation eine Rolle spielten. Dies wird zu Shōtokus Herrschaft anhand des politisch eingesetzten Buddhismus, der im Dōkyō Zwischenfall endete, besonders deutlich (S. 145 – 153).


Kommentar

Der Artikel ist sehr detailreich und für jeden interessant, der sich für diese turbulente Zeit in der japanischen Geschichte interessiert. Der Einfluss Hachimans auf die politischen Strukturen und im Besonderen auf die Legitimierung der Thronerbfolge trug maßgeblich zur Geschichtsschreibung in Japan bei. Im Laufe des Artikels wird auch deutlich, dass Dōkyō den Gott für seine persönlichen Zwecke verwenden wollte, um so den Lauf der Dinge zu manipulieren. Er stammte aus einer unbedeutenden Familie und gelangte durch sein Geschick bis an den Königshof, und er wäre sogar noch mächtiger geworden, wenn er nicht einer Intrige, die sich ebenfalls Hachimans Ansehen zunutze machte, zum Opfer gefallen wäre. Besonders interessant waren die Zitate, die der Autor an diversen Stellen verwendet hat. Es lockert den Artikel auf und dadurch bekommt der Leser einen besseren Einblick in die politischen Strukturen und Begebenheiten; er fühlt sich in die Zeit zurückversetzt und kann das, was damals geschah, direkt miterleben.




Dieser Artikel wurde ursprünglich für das Schwesterprojekt Hachiman-no-pedia verfasst.