Exzerpt:Reichl 2011

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Exzerpiertes Werk:

Reichl, Christopher (2011). „The globalization of a Japanese New Religion: Ethnohistory of Seichō no Ie.“ Japanese Religions Vol. 36, S. 67–82.

In seinem Artikel beleuchtet der Autor Christopher A. Reichl, Professor der Anthropologie an der Universität von Hawaii, die religiösen Lehren Taniguchi Masaharus auf zwei Ebenen: der persönlichen Lebenserfahrungen des Gründers sowie die gesellschaftliche Stimmung seiner Zeit. Durch diese Kontextualisierung versucht er die konkrete Ausformung von Seichō no Ie, seiner zentralen Doktrinen und die nationale wie internationale Erfolgsgeschichte als Reaktion und Adaption auf die äußeren Gegebenheiten und Ausfluss der soziokulturellen Umstände darzustellen.

Kurzexzerpt des Inhalts

Zu Beginn weist der Autor darauf hin, dass Taniguchis persönliche Erfahrung mit Krankheit aller Wahrscheinlichkeit nach den Grundstein für das Dogma von Seichō no Ie, gelegt habe. Dieses lautet: Der physische Körper ist nicht real und seine Leiden daher ebenso wenig. Laut Reichl stellt dieser Zugang schlicht eine Verweigerung von Taniguchis beschämender Situation dar. Weitere Niederlagen in seinem Liebes- und Berufsleben ließen Taniguchi Machtlosigkeit und soziale Ausgrenzung auf diversen Ebenen erleben. Aus dieser Frustration und Enttäuschung heraus soll sein Interesse für Religion entwachsen sein. Durch unerwartete Erfolge seiner Selbstheilungsstrategien wurde nicht nur seine Lehre bestätigt, sie stellten für diesen gesellschaftlich marginalisierten Mann eine soziale Rehabilitierung seiner Person dar.

Neben der persönlichen Lebenserfahrung unterstreicht der Autor auch den Einfluss des historischen und kulturellen Kontextes auf die Lehren Taniguchis. Denn die ultra-nationalistische Stimmung in den Jahrzehnten zu Beginn des 20. Jhd., als radikal religiöse Ideen um sich griffen und der Shintō-Glaube zu einer Theokratie mit dem Tennō als institutionelles Machtzentrum entwickelt wurde, seien ebenso prägend für das Leben von Taniguchi und in weiterer Folge für Seichō no Ie, das 1930 gegründet wurde, gewesen. In diesem Zusammenhang findet der Autor harsche Worte, indem er Taniguchi als Opportunist bezeichnet, bereit Seichō no Ie als seinem Vehikel beinahe jegliche Ausgestaltung zu geben, die es ihm erlaubt zu prosperieren. In dem faschistischen Umfeld der damaligen Zeit gingen religiöse Gruppierungen zwei Wege, um ihren Beitrag zum japanischen Ultranationalismus zu leisten: entweder sie schlossen sich einer Shintō-Gruppe an oder sie organisierten Unterstützung für Japans Truppen in eroberten Gebieten.

Taniguchi ging beide Wege und schien sich nach Darstellung des Autors aus voller Überzeugung die Rhetorik und das Gedankengut der japanischen Propagandamaschinerie einzuverleiben. So soll er den pazifischen Krieg als heiligen Krieg proklamiert und seine radikalen Ansichten selbst nach Japans Niederlage aufrecht erhalten haben, indem er meinte, bloß der Kampf des „falschen“ oder „unechten“ Japans habe geendet. Die frappante Parallele zur Seichō no Ie Lehre zeige hierbei deutlich, dass Taniguchi auf persönlicher wie nationaler Ebene in selber Weise seine religiösen Theorien als Erklärungskonstrukt für Missstände anzuwenden versuchte. Der Autor relativiert zwar die Kriegsunterstützung durch Taniguchi im Vergleich zu anderen Neuen Religionen und weist auf die repressiven Folgen hin, die religiöse Gruppierungen erfuhren, die sich nicht in die Propagandamaschinerie eingliedern ließen; Konsequenzen, die Taniguchi als damaliges Mitglied von Omotō-kyō hautnah erlebte und vermutlich in Hinblick auf Seichō no Ies öffentliche Selbstdarstellung prägenden Einfluss hatten. Jedoch verdiene im Fall von Seichō no Ie die Tatsache, dass diese kriegsbefürwortende Haltung nach Japans Niederlage nicht aufgegeben, sondern die Kaiserverehrung während der Besatzungszeit noch verstärkt wurde, besonderes Augenmerk. Dadurch sei eine gewisse Assoziation Seichō no Ies mit dem Krieg in den Köpfen der Japaner entstanden, was ebenso die Aufmerksamkeit der Besatzungsmacht auf sich zog, indem Taniguchis nationalistische Schriften zensuriert wurden. Trotz eines Gesinnungswandels hin zum Pazifismus unter dem Nachfolger Taniguchis, sei es Seichō no Ie nie gelungen, dies der japanischen Gesellschaft überzeugend zu vermitteln und so hänge das „Kriegsgespenst“ auch heute noch über der Gruppierung. Der Autor sieht darin auch den Grund für die aktuell stagnierenden bzw. fallenden Mitgliederzahlen in Japan, wohingegen in japanischen Migrationsgemeinschaften, wo die geschichtlichen Hintergründe weniger bekannt sind, diese stark ansteigen.

Auch verweist der Autor auf den Konnex zwischen der globalen Ausbreitung der Lehre von Seichō no Ie und der Expansion des japanischen Reiches zu Beginn des 20. Jhd., in dessen Kielwasser entsprechende Missionsarbeit betrieben wurde. So sind die Rituale und Zeremonien weiterhin stark in der japanischen Kultur und dem Shintō verhaftet, ein Umstand der die Attraktivität der Gruppierung für Menschen ohne Japan-Bezug deutlich senkt. Eine stärkere internationale Ausrichtung werde jedoch von einigen Mitgliedern abgelehnt, worin der Autor ein Erbe der Vergangenheit von Seichō no Ie und eine Erinnerung an eine Zeit des Ethnozentrismus, die oftmals in japanischen Übersee-Gemeinschaften bewahrt werde, erblickt. Auch die unbestrittene Autorität aufgrund patrilinearer Erbfolge des aktuellen religiösen Führers, Taniguchis Enkel, soll eine Parallele zur Befürwortung der absolutistischen kaiserlichen Macht durch einen unfehlbaren gottgleichen Herrscher darstellen. Denn in einer Atmosphäre des nationalistischen Kriegsrausches, in der Japan seine Kultur, Religion und seinen Kaiser als die zukünftige Erlösung der Menschheit ansah, schuf Taniguchi seine religiöse Lehre. Dementsprechend sei sie neben ausländischen Ideen und universalen Prinzipien vermutlich auch von einem Gedankengut im Sinne des Staats-Shintōs geprägt, das den Tenno als einzigen legitimen Weltherrscher aufgrund seiner göttlichen Abstammung ansieht.

Kritik

Der größte Kritikpunkt des vorliegenden Artikels liegt meines Erachtens im Aufbau, da hierbei kein roter Faden ersichtlich wird. Zentrales Thema bildet das Kriegserbe von Seichō no Ie, beinahe schon willkürlich anmutend streut der Autor jedoch auch kontextlose Information ein und schweift so öfters vom Thema ab. Auch verwirren Brüche in der chronologischen Schilderung, da zwischen Vor- und Nachkriegszeit munter gewechselt wird. Dies hätte jedenfalls eine Überarbeitung benötigt, um das Verständnis des Textes zu erhöhen. Meines Erachtens zieht der Autor auch manche Schlüsse zu leichtfertig, die einer tiefergehenden Auseinandersetzung bedurft hätten. Generell rückt er Seichō no Ie vermutlich in ein zu negatives Licht, da er eine Relativierung im Vergleich mit anderen Neuen Religionen zu oberflächlich betreibt. Als Einstieg in dieses kontroversielle Thema eignet sich der vorliegende Artikel jedoch ausgezeichnet, da er die einschlägige Sekundärliteratur übersichtlich darstellt.