Mystik, Religion und Politik in der frühen japanischen Geschichte

Aus Kamigraphie
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In der Geschichte Japans wird die Politik immer wieder durch mysteriöse Praktiken oder kami beeinflusst. Einige dieser Einflüsse werden hier anhand wichtiger historischer Figuren kompakt dargestellt.

Yayoi-Zeit

Die Yayoi-Zeit, welche vom 5./3. Jahrhundert v. Chr. bis 3. Jahrhundert n. Chr. andauerte, wurde benannt nach einer Keramikart, welche im gleichnamigen Ort, Yayoi, gefunden wurde. Da in Japan zu dieser Zeit noch keine Schrift verwendet wurde, muss man sich auf chinesische Quellen verlassen. Diese Quellen stehen im Gegensatz zu den ersten japanischen Quellen, welche um 700 herum geschrieben wurden und auch diese Zeitperiode abdecken. So war Japan laut den chinesischen Quellen zu dieser Zeit noch kein geeinigtes Reich, sondern bestand aus den Herrschaftsgebieten verschiedener Klans. Laut den späteren japanischen Quellen, dem Kojiki und Nihongi wurde das geeinigte Japan zu dieser Zeit schon von einem Kaiser regiert, was jedoch sehr unwahrscheinlich ist. Des Weiteren gab es keine institutionalisierte Religion, jedoch wurden schon gewisse religösen Riten und Rituale vollzogen, wie Fundstücke vermuten lassen. Man spricht hierbei von japanischen "Urreligionen". Der Buddhismus hingegen war zu dieser Zeit noch nicht in Japan bekannt.

Jingū Kōgō

Die Historizität dieser Figur ist sehr umstritten, so gibt es teilweise Forscher die ihre Existenz komplett ablehnen, andere wiederum glauben, dass Teile der Geschichte einen wahren Charakter haben.

Jingū Kōgō lebte laut dem Nihongi von 169 n. Chr. bis 269 n.Chr. und war die Gemahlin des Chūai-Tennos und Mutter des Ōjin-Tennos. Nach dem Tod ihres Mannes regierte sie durch ihren Sohn, war deshalb jedoch nie in der Reighenfolge der Tennos.

Als der Chūai-Tenno gegen das rebellische Volk der Kumaso einen Feldzug starten wollte, wurde Jingū von Gottheiten besessen, welche durch ihren Mund befahlen anstatt der Kumaso ein Land voll Silber und Gold, Silla, ein Königreich der Halbinsel Koreas, einzunehmen. Als der Kaiser diesen Worten jedoch keinen Glauben schenkte und die Kumaso dennoch angriff starb dieser daraufhin und seiner Ehefrau wird mitgeteilt, dass diese einen Sohn gebären würde, welcher das Land beherrschen solle. Die Witwe glaubte, dass dies an der Missachtung des Willens der Gottheiten lag und beschloss dem Befehl zu folgen. So führte sie eine Zeremonie durch, um erneut mit den Gottheiten zu kommunizieren. Hierzu wurde ein Nakatomi als Saniha eingesetzt, was heißt, dass dieser die Botschaften interpretieren sollte. Der Minister Takeuchi no Sukune spielte Flöte, auf und unter welche die Kaisergemahlin wertvolle Stoffe legte und währenddessen die Gottheiten anbetete. Nach sieben Tagen und sieben Nächten bekam diese eine Antwort. So seien es die Gottheit Amaterasu und die drei kami von Sumiyoshi, die befahlen Silla anzugreifen. Nach einigen Vorbereitungen für den Feldzug konnte Jingū schlussendlich in See stechen, merkte allerdings, dass die Wehen einsetzten. Die Geburts verzögerte sie daraufhin mit Steinen, welche sie sich unter ihren Rock steckte. Daraufhin konnte sie unbeirrt ihren Feldzug antreten. Auch während der Expedition war ihr die Macht der kami beiseite gestellt, so kam sie beispielsweise mit einer riesigen Flutwelle, welche die das halbe Land überschwemmte, beim Feind an. Der König von Silla fürchtete daraufhin die Macht der Naturgötter aus Japan, ergab sich und versprach auf Ewigkeit Tributzahlungen zu tätigen. Im Zuge des Feldzugs konnte Jingū auch noch die anderen beiden Königreich der koreanschen Halbinsel unterwerfen. Siegreich kehrte sie daraufhin zurück wo sie eine erstaunlich leichte Geburt ihres Sohnes erlebte.

Asuka-Zeit

Andauernd von 592 bis 710 kam in dieser Zeit der Buddhismus aus dem koreanischen Reich Baekje nach Japan. Es ist eine Zeit zuerst unter dem Einfluss der Soga, dem Durchbruch des Buddhismus unter Shōtoku Taishi und politischen Wandels. Japan entwickelte sich langsam von einem Zusammenschluss mehrerer untereinander konkurrierenden uji zu einem Staatswesen nach chinesischem Vorbild.

Fujiwara no Kamatari

Aus Sicht der Religion und der Mystik ist Fujiwara no Kamatari 藤原 鎌足 deswegen interessant, weil um ihn nach seinem Tod ein Verehrungskult entstand, der zuerst wohl vor allem innerhalb der Familie blieb. Kamataris Grab wurde zunächst am Berg Ai in der Präfektur Settsu (heute Ōsaka) errichtet, aber 678 auf den Berg Tōnomine verlegt. Im Jahr 701 wurde dort ein Schrein errichtet, der heutige Tanzan Jinja der seit der Gründung von Tendai Mönchen des Berg Hie unterhalten wird, und darin befindet sich eine Holzstatue Kamataris. Diese Statue ist zentral für den Vehrehrungskult um Kamtaris Geist.

Kamatari wurde nicht als ein onryō 怨霊 angesehen, sondern eher als ein wohlwollender Beschützer der politischen Interessen der Fujiwara. Sein Geist warnte im Voraus vor Schwierigkeiten. Diese Warnungen kamen in Form von kosmischen Geräuschen: entweder durch Risse am Kopf der Kamatari-Statue oder durch ein Rumpeln des Berges (Tōnomine). Immer wenn sich die Statue meldete, wurden die Risse auf der Suche nach dem Epizentrum untersucht. Berichte wurden dem Hof überbracht, wo weitere Weissagungen im Zuge des Entscheidungsprozesses folgten. Insgesamt meldete sich die Statue von 1012 bis 1187 ganze 36 Mal, dass letzte Mal nach der Gründung der Kamakura Regierung. In dieser neuen gesellschaftlichen und politischen Ordnung war der Einfluss der Fujiwara nur noch gering, und weder die Statue noch der Berg gaben nochmals Geräusche von sich.

Weiters wurde Kamatari als Tōnomine-gongen als ein Avatar für Vimalakirti (jap. Yuima koji) angesehen. Es ist u. a. auf den Kult am Tōnomine zurückzuführen, dass diese Identifikation stattfand. Auch bezeichnet ein Dokument aus 1158 den Taishōkan 大織冠 als einen Avatar des Jōmyō daishi. Taishōkan ist ein Titel den nur Kamatari erhielt, und ist der höchste Rang in einem System, dass nur von 647 bis 685 benutzt wurde. Als Jōmyō wird Vimalakirti im Vimalakirti nirdesa Sutra bezeichnet. Kamatari = Jōmyō = Vimalakirti

Auf Kamataris Verbindung zu Vimalakirti geht auch die Entstehung des Yuima-e, des Vimalakirti Fests, im Kōfukuji zurück. Als er 656 schwer krank war, schlug eine Nonne aus Baekje vor, den „Abschnitt der Fragen über die Krankheit“ aus dem Yuima-gyo (Vimalakirit nirdesa sutra) zu lesen. Als Kamatari wundersamer Weiße genas, ließ er aus Dankbarkeit seine Residenz in Yamashina in einen Tempel umwandeln. Bei der Einweihungsfeier wurde das Yuima-gyo gelesen und das Fest fand danach zuerst jährlich statt, und wurde nachdem der Yamashinadera nach Nara umsiedelte und den Namen Kōfukuji annahm, erneut etabliert. Abgehalten wurde das Fest immer vom 10. bis zum 16. Tag des 10. Monats, da der 16. Tag als der Tag gilt, an dem Kamatari gestorben sei, und wurde erst mit den anti-buddhistischen Reformen der Meiji Restauration abgeschafft.

Das Yuima-e wurde über die Zeit von einer Lesung für den Wohlstand der Fujiwara zusätzlich zu einem Fest zur Unterstützung der kaiserlichen Familie, zur Unterstützung des Buddhismus und sollte auch Gelehrsamkeit und Weisheit fördern.

En no Gyōja

In der Asuka Zeit wurde das gesellschaftliche und religiöse Leben auch durch den aus Korea einströmenden Buddhismus mitgeprägt. Im Volk herrschte der Glaube an Magie und magische Rituale vor, es wurden auch Exorzismen durchgeführt. Der Buddhismus wurde durch sogenannte „ubasoku“ (= nicht offi¬ziell ge¬weih¬ter bzw. selbst¬er¬nann¬ter bud¬dhis¬tischer Mönch oder Laienpriester) in die Dörfer gebracht und so dem einfachen Volk vermittelt. In dieser Zeit lebte En no Gyōja, der legendäre Begründer des Shugendō(Erlangen von Wunderkräften durch Übung und magische Rituale) und der Ahnherr der Yamabushi. Er galt als Kräuterheiler, Magier und Exorzist und zog sich auf den Katsuragi Berg(Präfektur Nara) zurück, um dort magische Übungen zu praktizieren. Im Volk entstehen zahlreiche Legenden (die teilweise taoistisch mitgeprägt sind) um das Leben von En no Gyōja. Am bekanntesten ist die Geschichte von En als Dämonen-Zähmer: er soll seine magischen Kräfte so trainiert haben, dass er Dämonen bezwingen konnte und diese für sich arbeiten lies(Wasser holen usw.). Auf dem Berg Katsuragi hat En eine magische Be¬geg¬nung mit einem Skelett, das einen vajra fest umklammert hält und sich als Ens eigener Leich¬nam aus einer früheren Existenz heraus¬stellt. Miroku (Maitreya), der Buddha der Zukunft, offenbart En das „Mantra des Pfauen-Königs (Kujaku Myōō)“, um den Vajra aus der Um¬klamme¬rung des Skeletts zu lösen. Neben¬bei erlernt En damit auch die Kunst des Fliegens. Außerdem soll es mit einer Berggottheit zum Streit gekommen sein, woraufhin er diese mit magischen Sprüchen fesselt und auf dem Grund eines tiefen Tals einschließt. Er lebte zur Zeit des Monmu Tennō und wird in frühen Berich¬ten auch als ubasoku be¬zeich¬net. Ein Hofbeamter und Mediziner nimmt eine Zeit bei ihm Unterricht, bis er seinen Meister der Unruhestiftung mit seiner Magie bezichtigt, woraufhin En no Gyōja nach Izu verbannt wird. Diese Verbannung ist der am glaubwürdigsten dokumentierte Teil aus seiner Biografie. In einer anderen Version verschafft sich die gefangene Berggottheit durch einen Hofbeamten gehör und En wird deswegen verbannt. Die Orte, an welche En no Gyōja angeblich gepilgert ist, sind heute die religiösen Zentren der Yamabushi.

Heian-Zeit

  • Ca. 8. bis 12. Jahrhundert n. Chr.
  • Benannt nach der Stadt Heian-kyō 平安京 (heute: Kyōto 京都)
  • Fujiwara Familie hatte die eigentliche Macht
  • Erklärung von Katastrophen durch religiöse Praktiken
  • Glaube an Rachegeister und Dämonen (jp. goryō shinkō 御霊信仰)

Sugawara no Michizane

Sugawara no Michizane 菅原道真 wurde 845 geboren und war Gelehrter, Poet und Staatsmann. 903 ist er im Exil gestorben und wird heute als Tenjin 天神 („Himmelsgott“) Gottheit der Gelehrsamkeit verehrt.

Zu seinen Lebzeiten war Michizane sehr einflussreich und ist politisch immer weiter aufgestiegen, weshalb er zu einer Bedrohung wurde für den durch interne Streitereien und Machtkämpfe geschwächten Fujiwara-klan.
Fujiwara no Tokihira 藤原時平 (871-909) nutzte den persönlichen Rachefeldzug von Miyoshi no Kiyoyuki 三善清行 (847-918) gegen Michizane, um den damaligen Kaiser Daigo 醍醐天皇 (885-930) dazu zu bringen, sich ebenfalls gegen Michizane zu stellen und in durch eine Verbannung ins Exil aus dem Weg zu räumen. Somit würde die Thronfolge innerhalb des Fujiwara-klans gesichert sein. Kiyoyuki setzte das Gerücht in die Welt, Michizane wolle den Kaiser stürzen. Dieser, durch den Einfluss des Fujiwara-klans geblendet, stellte sich letztendlich ebenfalls gegen Michizane und verbannte ihn ins Exil, wo Michizane kurz darauf starb.
Nach seinem Tod wird das Land von diversen Katastrophen (u.a. Unwetter, Krankheiten, Sterbefälle) heimgesucht, was für dieses Zeitalter zwar nichts Ungewöhnliches war, jedoch starben mit den folgenden Jahren diejenigen, die mit der Intrige in Verbindung standen und aufgrund des sich in der Heian-Zeit gefestigten Glaubens an goryō 御霊 („Rachegeist“), brachte man diese Geschehnisse mit Michizanes zornigen Geist in Verbindung.

Die Sterbefälle innerhalb des Fujiwara-klans begannen 909 mit dem Tod von Fujiwara no Tokihira 藤原時平. 923 stirbt Kronprinz Yasuaki (Tokihiras Neffe) und 925 der neu ernannte Kronprinz (Tokihiras Enkel). 918 stirbt Miyoshi no Kiyoyuki 三善清行, der Anstifter der Intrige, als nach einer langen Dürre ein heftiges Gewitter ausbricht und ein gewaltiger Blitz in den Kaiserpalast einschlägt. Nach diesem Blitzschlag, als Schlüsselereignis des Tenjin-Glaubens, wird Michizane als Karai Tenjin 火雷天神 („Himmlischer Feuer-Donnergott“) dargestellt. Erstmals wird Michizane so in den Aufzeichnungen der Jenseitsreise von Kiyoyukis Sohn Dōken (später Nichizō 日蔵, 905-985[?] genannt) bezeichnet. Demnach trifft Dōken nach jahrelanger Meditation den Geist Michizanes auf einem Berg, welcher ihm erklärt, er verlangt von jedem, egal welchen Ranges, als Buddha verehrt zu werden, ansonsten würde sein Geist weiter Leid und Tod über die Leute bringen.
Danach erschien Michizanes Geist einer armen Frau namens Tajihi no Ayako. Er bezeichnet sich selbst als Tenjin 天神 und verlangt, dass ihm zu Ehren ein Schrein in Kitano 北野 errichtet werden soll (Kitano Tenman- 北野天満宮).
Diese zwei Orakel zeigen deutlich, dass sich der Tenjin-Glaube, sowohl auf buddhistische, wie auch auf shintoistische Elemente stütz und sich dabei keinem eindeutigen Glaubenssystem zuordnen ließ.
930 stirbt schließlich auch Kaiser Daigo 醍醐天皇. Aus Angst vor Michizanes Geist, setzte der damalige Kaiser Michizane wieder in all seine Ämter ein und gab die Order, egal welcher Schicht man angehöre, Michizane sei von nun an als Himmelsgott „Tenjin“ zu verehren. Der Schrein in Kitano wurde zum Schutz des Landes errichtet und Adelige, Samurai oder auch einfache Bauern kamen um ihn zu verehren. Somit war der böse Geist besänftigt und als kami mit „(positiver) Funktion“ stand er seitdem für Beseitigung falscher Anklagen, Aufrichtigkeit sowie den Schutz des Staates. Die Untrennbarkeit von Staat und Religion/Glaube in der Heian-Zeit wird durch diesen Wandel vom Rachegeist zum Schutzpatron erkannbar.

Das er heute als Schutzpatron der Gelehrsamkeit angesehen wird, und seine Stellung als Gott der Naturkatastrophen im heutigen Volksglauben völlig verdrängt wurde, liegt daran, dass sich der Tenjin-Glaube, mit den Jahrhunderten, immer wieder an den geistigen Wandel in Japan angepasst und sich nicht nur strikt an veraltete Lehren geklammert hat. So wurde in der Muromachi-Zeit 室町時代 (1338-1573) durch den chinesischen Einfluss auf den Tenjin-Glauben, Michizane eine Zeit lang, als buddhistischer Zen-Mönch angesehen, da dessen literarische Werke, durch die Manifestation des Zen-Buddhismus und der damit einhergehenden Relevanz chinesischer Literatur, an Bedeutung gewannen. Erst zur Meji Restauration 明治維新 (1868-1912) als man den Shintō zur Staatsreligion machen wollte, kam ein Gesetz zur Entfernung buddhistischer Elemente aus Shintō-Schreinen was für den Tenjin-Glauben bedeutete, sich völlig dem Shintoismus zuzuordnen. Heute sind die damals noch bedeutenden buddhistischen Einflüsse fast völlig in Vergessenheit geraten.

  • Im Kitano tenjin engi emaki 北野天神縁起絵巻 (Quelle unbekannt), Bildrollen aus dem 12.Jhdt, wird das Leben von Michizane und seine Taten nach seinem Tod dargestellt, sowie die Versuche der Menschen ihn zu besänftigen. Es gibt 30 verschiedene Versionen und sie werden als eine der bedeutendsten Erzählungen der Tenjin-Legende angesehen.

Abe no Seimei

Der historische Abe no Seimei 安倍晴明 (921–1005) war Teil einer etablierten Hofbürokratie (jap. onmyō-ryō 陰陽寮), die für Rituale und Magie konstituiert wurde. Dabei handelt es sich um eine synkretistische Form der esoterischen Kosmologie und Wahrsagerei namens onmyōdō 陰陽道 (dt. die Lehre von Yin und Yang). Onmyōdō entwickelte sich im späten 7. Jahrhundert aus einer Mischung aus daoistischen, buddhistischen und aufkommenden Shintō-Glauben und Ritualen. Während die onmyōji 陰陽師 auf die Gesuche der noblen Gesellschaft reagierten, wurde eine große Anzahl von onmyōdō-Ritualen formuliert, und allmählich entwickelte sich onmyōdō zu einem individuellen religiösen Körper. Allerdings kann der Begriff onmyōdō nicht in China oder Korea gefunden werden. Onmyōdō ist eine Religion , die nur in Japan entstand.

Die offiziellen Aufgaben des onmyō-ryō bestanden also aus vier Hauptabteilungen: eine Abteilung für Prophezeiung, eine zweite für Kalenderkunde, eine weitere für Astronomie und eine Abteilung für das Zeitnehmen der Wasseruhr. Abe no Seimei war der erste in der gesamten Abe-Familie, der den Beruf eines onmyōji ausübte und wurde erst im Alter von 40 Jahren als Schüler in die Abteilung der Astronomie aufgenommen. Zu Seimeis Aufgaben zählten, soweit man den historischen Quellen vertrauen kann, hauptsächlich das Wahrsagen über verschiedenste ungewöhnliche Erscheinungen wie Krankheiten, die Organisation und Abhaltung von Zeremonien und Festen sowie die Auswahl der Tage zur Durchführung dieser offiziellen Riten und Veranstaltungen.

Im Jahr 1000 führte Seimei für Ichijō Tennō, als dieser aus seiner temporären Residenz Ichijō-in 一条院 in den nach einem Brand neu errichteten Seiryō-den 清涼殿 zog, das Ritual Henbai 反閇 [1] durch. Laut dem Gonki 権記 [2] war es das erste Mal, dass aus Anlass des Umzugs eines Tennō in einen neu errichteten Palast ein Henbai durchgeführt wurde.

1001 wurde wegen der am Hof herrschenden Trauer um die verstorbenen Kaiserinmutter Senshi das Tsuina 追儺 [3] abgebrochen. Eigentlich hätte der Abbruch am Hof geheißen, dass auch alle anderen auf die Durchführung des Festes verzichten, doch Seimei veranstaltete es trotzdem in seiner eigenen Residenz. Shigeta sieht hierin den Anlass dafür, dass die Bewohner der Stadt angefangen hätten, das Fest auch privat durchzuführen.

Im Jahr 1002 führte Seimei für Fujiwara no Yukinari 藤原行成 das Ritual Taizan Fukun sai 泰山府君祭 durch. Dabei handelt es sich um eine Anrufung von Taizan Fukun und anderen Gottheiten, die mit dem Reich der Toten verbunden waren, um die Lebensspanne des Bittstellers zu verlängern, ihm Reichtum und Ehre zu bringen und Unglück abzuwenden. Das Ritual erlangte unter der Regentschaft von Kaiser Ichijō 一条天皇 zunehmend an Popularität und wurde schließlich eines der charakteristischsten Rituale, die von onmyōji durchgeführt wurden.

Die Legendenbildung über Abe no Seimei hat etwa hundert Jahre nach seinem Tod eingesetzt und die Geschichten über ihn verbreiteten sich rasch. Irgendwann haben sich jedoch die Details seines Lebens so mit unzähligen Legenden verflochten, dass die Wahrheit kaum mehr vom Mythos unterscheidbar war. Viele dieser Legenden um Seimei wurden in Textsammlungen wie Konjaku monogatarishū 今昔物語集, Uji shūi monogatari 宇治拾遺物語 , Ōkagami 大鏡 oder Heike monogatari 平家物語 niedergeschrieben.

Laut einer Legende war Abe no Seimei zu Lebzeiten halb Mensch und halb yōkai 妖怪 (dt. Monster). Sein Vater war ein Beamter am kaiserlichen Hof namens Abe no Yasuna 安部保名 und seine Mutter eine berühmte Schönheit namens Kuzunoha 葛の葉. Eines Tages reist Yasuna auf dem Lande, als er auf einen Offizier trifft, der Füchse jagt, um medizinische Tränke herzustellen. Yasuna empfindet Mitleid für einen weißen Fuchs den der Offizier gefangen hat. Er kämpft schließlich mit dem Offizier, um den Fuchs zu befreien. Später begegnet er dann einer schönen Frau namens Kuzunoha, die in Wirklichkeit der Geist des weißen Fuchs ist. Kuzunoha pflegt den verletzten Yasuna und begleitet ihn in seine Heimat, in der sie dann heiraten. Im Laufe der Zeit bekommen sie einen Sohn namens Seimei. Dieser scheint die Intelligenz und paranormalen Kräfte von seiner Mutter geerbt zu haben. Im Alter von fünf Jahren war Seimei bereits in der Lage, schwache oni 鬼 (dt. Dämon) zu kontrollieren und zu befehligen. Eines Tages erblickt Seimei jedoch den Fuchsschweif seiner Mutter, und jetzt, wo ihre wahre Identität offenbart wurde, beschließt sie, ihr Leben als Mensch aufzugeben und in den Wald zurückzukehren. Als Abschiedsgeschenk an Seimei verleiht sie ihm u.a. die Kraft, die Sprache der Tiere zu verstehen. Kuzunoha vertraut Seimei dann dem onmyōji Kamo no Tadayuki 賀茂忠行 an, damit er ein normales menschliches Leben führen könne und er nicht eines Tages selbst böse werden würde.

In einer Geschichte des Konjaku monogatarishū (16. Geschichte, 24. Kapitel) erkennt Kamo no Tadayuki, dass sein junger Schüler Abe no Seimei offenbar eine besondere Begabung als onmyōji besitzt, da Seimei eines Nachts fähig ist, eine Gruppe oni zu sehen und seinen Lehrer rechtzeitig vor ihnen zu warnen.

Interessant ist auch, dass Seimei v.a. in den Erzählungen von Ōkagami und Konjaku monogatarishū die Fähigkeit besaß, shikigami 式神/識神 zu befehligen. Meistens werden sie als unsichtbare Diener von onmyōji dargestellt. Sie sprechen mit Seimei, nehmen seine Befehle entgegen, überbringen Nachrichten und öffnen für Besucher die Fensterläden und das Tor zu Seimeis Residenz, bleiben dabei aber immer unsichtbar.

Einige andere Legenden handeln von einer Reihe magischer Duelle mit einem Konkurrenten Seimeis namens Dōman Ashiya 道満蘆屋, der oft versuchte, Seimei zu blamieren, damit er seine Position usurpieren könne. Dies gelang ihm jedoch nie.

Die Geschichten über Seimeis Herkunft und die Rivalität zwischen Seimei und Dōman Ashiya entstanden in der späten Muromachi-Zeit (1336–1573). Sie wurden danach immer wieder aufgegriffen und bis in die Meiji-Zeit (1868-1912) in etlichen Werken und Theaterstücken, wie zum Beispiel Jōruri 浄瑠璃 und Kabuki 歌舞伎, überliefert und weiterverarbeitet.

Gemeinsamkeiten

  • Größtenteils historisch fragwürdig
  • Politik durch mystische Praktiken/kami beeinflusst
  • Verrat/Verleugnung
  • Wirken bis in die Neuzeit
  • Keine klare Religion, keine Doktrinen
  • Alle Figuren in Shintō-Schreinen verehrt

Anmerkungen

  1. Ein Ritual, das bei Betreten eines fremden Raumes oder an einem gefährlichen Ort, durchgeführt wurde, um möglichen Schaden abzuwenden.
  2. Tagebuch von Fujiwara no Yukinari 藤原行成 (972–1027)
  3. Diese Zeremonie wurde in den letzten Tagen des Jahres im Palast abgehalten, um Krankheiten auslösende Dämonen aus der Stadt zu treiben.

Quellen

  • Borgen, Robert (1995). „Ο̄e no Masafusa and the Spirit of Michizane.“ Monumenta Nipponica 50(3), S. 357–384.
  • Blümmel, Maria-Verena und Josef Kreiner (Hg.) (2010). Kleine Geschichte Japans. Stuttgart: Reclam. (2. Aufl. u.d.T.: Geschichte Japans.)
  • Freiberger, Oliver und Kleine Christoph (2015). Buddhismus: Handbuch und kritische Einführung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. (2. Auflage.)
  • Grapard, Allan Georges (1984). „Japan's ignored cultural revolution: The separation of Shintō and buddhist divinities in Meiji "shimbutsu bunri" and a case study; tōnomine.“ History of Religions 23, S. 240–265. (Exzerpt.)
  • Shigeta, Shin'ichi 繁田信一 (2013). „A Portrait of Abe no Seimei.“ Japanese Journal of Religious Studies 40/1, S. 77–97.
  • Theile, Nina (2013). Der on’yōji Abe no Seimei und die oni: Genese einer literarischen Figur. Würzburg: Ergon. (Dissertation.)
  • Trede, Melanie (2003). Image, Text and Audience: The Taishokan Narrative in Visual Representations ofthe Early Modern Period in Japan.(Europäische Hochschulschriften Kunstgeschichte Bd. 399.) Frankfurt am Main: Peter Lang.
  • Tyler, Royall (1990). The miracles of the Kasuga deity.(Records of Civilisation 98.) New York: Columbia Univ. Press.