Rezension Eder 1951

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Rezensiertes Werk:

Eder, Matthias (1951). „Figürliche Darstellungen in der japanischen Volksreligion.“ Folklore Studies 10/2, S. 197–280. (Rezension.)


Der Verfasser

Geschrieben wurde der Artikel von Matthias Eder, der 1902 in der Nähe von Salzburg geboren wurde und sich 1930 zum Priester ordinieren ließ, woraufhin er als Missionar nach Japan ging. Da sein wissenschaftliches Interesse an der Sprache, Religion und Geschichte jedoch sehr tiefgehend war, machte er in weiterer Folge einen Doktor nicht nur in Japanologie, sondern auch in Sinologie und unterrichtete an verschiedenen Universitäten. Im Jahre 1942 fing er an, eine Zeitschrift mit dem Namen Folklore Studies herauszugeben, (in deren Rahmen auch der vorliegende Artikel erschienen ist), weil es ihm ein Anliegen war, dass auch ein westlich-sprachiger Leser Zugang zu Informationen über Japans (und Chinas) Volksreligion hat. Aus diesem Grund widmete er sich auch einer ausgeprägten Übersetzungstätigkeit, er übertrug unter anderem besonders viele Werke von Yanagita Kunio ins Deutsche. Matthias Eder verstarb im Jahre 1980 im Altern von 78 Jahren.

Inhaltliche Gliederung

Der Artikel ist sehr lang und äußerst detailliert, also keinesfalls an einen Leser gerichtet, der sich nur einen groben Überblick verschaffen oder eine ungefähre Idee des Themas möchte. Er ist in insgesamt fünf Kapitel aufgeteilt, wobei das erste, „Im Jahresbrauchtum gebrauchte Figuren“ mit Abstand das Längste ist und sich zuerst mit „Figuren zum Einladen der Götter“ und dann mit „Figuren zur Beseitigung von Unheil“ beschäftigt. Das zweite Kapitel ist überschrieben mit „Oshirasama, von einer Art von Schamanninen gebrauchte Figuren“, das dritte dreht sich um „Funadama, die Schutzgottheit der Fischerboote“ und das vierte um „Ebisu und Daikoku, zwei Glücksgötter“. Den Abschluss bildet ein Kapitel über „Mit der Steinverehrung in Zusammenhang stehende Göttergestalten“, wobei zuerst kôshin-Steine und dann jizô-Steine behandelt werden. Auf den letzten zwanzig Seiten verdeutlichen Abbildungen den Text auf den rund achtzig Seiten davor. Quellenangaben sowie nähere Ausführungen stehen in Fußnoten.

Inhalt

Eder konzentriert sich in diesem Artikel ausschließlich auf „die religiöse Betätigung der breiten Schichten des Volkes unabhängig vom staatlich kontrollierten Schintoismus [sic!] und von den Lehrsystemen des Buddhismus (S.197). Er hält fest, dass natürlich buddhistische Elemente, sowie daoistische und hinduistische in die Volksreligion eingegangen sind, aber nur nach Auswahl des Volkes. „Die Betätigung der Volksreligion ist Sache des Einzelnen, der Familien, Sippen, der Dorfgemeinschaften, der Berufsgruppen und Altersklassen“ (S.197-198). In diesem Rahmen sind Götterfiguren häufig, allerdings nicht als Bildhauerkunst, der Shinto ist immer eine Naturreligion geblieben (S.198). Götterfiguren heißen entweder hitogata („Menschengestalt“, Nachbildung von Menschen) oder katashiro („anstelle der Gestalt, Gestaltvertretung) (S.199).

Zuerst beschäftigt sich der Autor mit dem Glauben, dass Götter Bäumen inne wohnen können und den daraus resultierenden Bräuchen, die sich entweder dadurch äußern, dass der Baum ein entsprechendes Heiligtum bildet oder ein Stock mit Papier behängt oder mit einem Gesicht bemalt für bestimmte Rituale verwendet wird (S.199-205). Er beschreibt auch verschiedene Bräuche, durch die man mit Holz in Form von Ästen oder Masken den Feuer-/Herdgott zu beschwichtigen sucht bzw. seinen Segen erbittet (S.206-207). Der nächste, sehr lange Abschnitt ist Bräuchen gewidmet, die in Verbindung mit den dôsojin stehen, also Weggöttern, die oft auch mit Phalluskulten verbunden sind. Sie werden auch als sai no kami bezeichnet, was soviel wie „Grenzgott“ bedeutet, wobei das sai aus dem Wort sachi, „Glück“, entstanden sein soll. Auch sankurô ist eine andere Bezeichnung für einen Weggott. Die verwendeten Statuen werden entweder selbst als dôsojin bezeichnet oder aber einem dôsojin dargebracht. Naheliegenderweise sind dôsojin Fruchtbarkeit bringende Götter, weshalb viele Bräuche mit Bräuten, schwangeren Frauen oder Kindern zu tun haben (208-230).

Darauffolgend befasst sich Eder mit den Figuren, die Unheil abwenden sollen und teilt das Kapitel dabei in drei Abschnitte, nämlich „Figuren als Mittel zur Abwehr von Krankheiten“, „Figuren zur Beseitigung schädlicher Insekten“ und „Figuren der kultischen Reinigung“. Da es auch in Japan immer wieder zum Ausbruch von Epidemien kam, entwickelten sich Bräuche, die das Ziel hatten, die bösen Geister, die dabei am Werk waren, an ihren Ursprungsort zurückzusenden. Häufig wurden dafür Graspuppen hergestellt und anschließend verbrannt oder in Booten ausgesetzt und fortgeschickt (S.231-233). Auch Insektenschäden werden bzw. wurden in Japan übelwollenden Geistern zugeschrieben, sodass diese dadurch besänftigt werden sollen, dass man eine Strohfigur in einer Prozession herumträgt. Häufig finden solche Feste im Frühling und im Sommer statt, also zu Saat- und beginnender Erntezeit (S.234-237). Im Abschnitt „Figuren der kultischen Reinigung“ werden Bräuche im Zusammenhang mit dem sangatsu no sekku, dem Puppenfest der Mädchen, in aller Ausführlichkeit beschrieben bzw. solche, die sich daraus entwickelt haben oder zu der Form geführt haben, in der dieses Fest heute begangen wird, was erst seit der Meiji-Zeit der Fall ist. Auch hier kommt es vor, dass Puppen der Reinigung (misogi) willen weggeschwemmt werden (S.237-241).

Im den oshirasama bzw. oshiragami gewidmeten Kapitel lernen wir, dass dies paarige, also männliche und weibliche Figuren sind, die aus einem Stock bestehen, dem ein Gesicht aufgemalt oder aufgeschnitzt ist und die sich im Besitz von Bauernfamilien oder sogenannten miko, Frauen, die dem Dienst dieser Gottheit geweiht sind, befinden. Diese miko werden in manchen Gegenden auch itako genannt, meistens sind dies blinde Frauen, die an öffentlichen Plätzen oder in Privathäusern Rituale mit den oshirasama zelebrieren, was ebenfalls der Fruchtbarkeit dienen soll. Das ist auch daran erkenntlich, dass der Kopf der männlichen Puppe häufig einen Pferdekopf darstellt, es gibt also einen engen Zusammenhang zum aus China übernommenen Glauben an das Pferd als Fruchtbarkeitsspender (S.241-255). In der Edozeit war es weitverbreitet, dass das Amt der miko erblich war und Familien durch Generationen hindurch immer wieder miko stellten. Daneben gab es umherwandernde (aruki miko), die Nekromantie betrieben, dass die Seele eines Toten also in sie hineinkam und durch sie sprach (S.255-258).

Auch unter funadama versteht man eine weibliche und eine männliche Puppe, die als Schutzgottheiten auf Fischerboote mitgenommen werden und die meist aus gefaltetem Papier ausgeschnitten werden oder aber zum Teil aus Weidenholz bestehen und zusammen mit zwölf Lochmünzen, zwei Spielwürfeln und Frauenhaaren in einem Holzkästchen in der Mitte des Bootes untergebracht werden. Auch diese Figuren sind eng mit Phalluskulten verbunden und sollen einen reichen Fischfang gewährleisten (S.259-262).

Das darauffolgende Kapitel ist Daikoku und Ebisu gewidmet, die häufig als Paar auftreten und unter den seit der Muromachi-Zeit sehr geschätzten shichifukujin eine besondere Stellung einnehmen. Eder vertritt hier die These, dass Ebisu der dritte Sohn von Izanami und Izanagi war und nicht, wie von anderen oft vertreten, der erstgeborene. Er beschreibt ausführlich seine Entwicklung und Verschmelzung mit Hiruko, Ōkuninushi und Saburô und meint, dass er seit Mitte der Heian-Zeit unter dem Volk beliebt geworden ist (S.262-271). Daikoku hat sich aus dem aus Indien kommenden Kriegsgott Makahala in Japan schon früh zu einem Gott der Küche entwickelt und wird seit Anfang der Heian-Zeit als Daikoku in Japan geschätzt. Was einzigartig an der Verehrung der beiden Götter als Paar ist, ist, dass sie trotz ihrer völlig verschiedenen Herkunft gemeinsam verehrt werden, dabei aber ihren ursprünglichen Charakter bewahrt haben (S.271-273).

Im letzten Kapitel geht Eder auf Göttergestalten ein, die mit Steinen in Verbindung stehen und widmet sich dabei besonders dem kôshin- und dem jizô-Glauben. Beim ersteren werden für gewöhnlich an Dorfeingängen Steinsäulen mit einem Dach und einer Steinfigur aufgestellt, die ein Amalgam aus dem hinduistischen Gott Shiva und dem japanischen Weggott sai no kami sein soll und die alle sechzig Jahre neu aufgestellt wird (S.273-277). Die Statue von Jizô prägt das japanische Landschaftsbild wohl am häufigsten, ist er doch eine Erlöserpersönlichkeit, die Seelen aus der Unterwelt in den Himmel Amitabhas führen soll und der in Japan seit Ende der Heian-Zeit weit verehrt wird. Im Volksglauben ist er besonders der Beschützer der Wanderer, Schwangeren und Kinder, weshalb man so viele mit Lätzchen behängte Statuen sieht, da es die Vorstellung gibt, dass die Hexe Shôzuka no baba den Kindern bei der Überschreitung des Styx die Kleider wegnimmt und sie zum Aufhäufen von Steinen zwingt (S.277-279).

Im Schlusswort zeigt der Autor auf, dass die Vorstellungen der alten Japanischen Quellen, dem Kojiki und dem Nihon shoki, oft nicht in die verbreitete Volksreligion Japans aufgenommen wurden, sondern sich nur wenige ausgewählte Auffassungen verbreitet haben. Er weist darauf hin, dass es eine große Diskrepanz gab zwischen dem Glauben der herrschenden Schicht und der breiten Masse des Volkes (S.279-280).

Bewertung

Ich war erstaunt davon, mit welch großer Sorgfalt Eder an die Bearbeitung des vorliegenden Materials gegangen ist, mit welcher Umsicht er Quellen gesichtet und zitiert hat und vor allem, dass er die Vorstellungen der japanischen Volksreligion so wertungsfrei wiedergibt, was von seinem Hintergrund als Missionar her sehr überraschend ist. Deshalb finde ich den Artikel sehr empfehlenswert, auch wenn, der Autor oft so sehr ins Detail geht, dass man das Gefühl bekommen kann, den Überblick zu verlieren.