Rezension Inoue 2003

Aus Kamigraphie
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Cover shinto.jpg

Rezensiertes Werk:

Inoue, Nobutaka und u.a. (Hg.) (2003). Shinto: A Short History. New York: RoutledgeCurzon. (Jap. Originalausgabe 1998; Ü. ins Englische von Mark Teeuwen und John Breen, Rezension.)


Bei Shinto – A short history handelt es sich um ein von Inoue Nobutaka herausgegebenes Werk, das die historische Entwicklung des Shinto von der Frühgeschichte bis zur Moderne beleuchtet. Zentrale Themen sind drei Aspekte bei der Ausübung des Shinto: die an der Verehrung beteiligten Personen, die institutionellen Netzwerke, die eine Kontinuität des Shinto sicherten und die Lehren und Rituale. Das Buch wurde von John Breen und Mark Teeuwen aus Japanischen ins Englische übersetzt.

Mori Mizue behandelt die Formierung eines staatlich kontrollierten Shinto Glaubens aus der frühgeschichtlichen kami Verehrung, ausgehend von der Yayoi Zeit bis Ende des 9. Jahrhunderts. Itō Satoshi geht auf den Synkretismus zwischen Buddhismus und Shinto im Mittelalter ein. Die frühmoderne Periode wird von Endō Jun untersucht. Er setzt sich mit der Bildung einer eigenständigen Shinto Identität gegenüber dem Buddhismus auseinander. Inoue Nobutaka bespricht die Veränderungen des Shinto von der Meiji Ära bis in die Gegenwart, unter Einbeziehung verschiedener Shinto Sekten.

Introduction: what is Shinto?

von Inoue Nobutaka (S.1-11)

In der Einleitung beschreibt Inoue die Grundkonzepte, anhand derer die Geschichte des Shinto analysiert werden soll: Das religiöse System und die ostasiatische Sphäre der religiösen Kultur.

Ersteres sei die Zusammenfassung von religiösen Gruppen, die typologische Ähnlichkeiten aufweisen. Es handelt sich um ein „religiöses Ökosystem“, das in einer Gesellschaft eingebettet ist. Änderungen in der gesellschaftlichen Struktur haben einen Einfluss auf das religiöse System und vice versa.

Der zweite Begriff fasst die Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen Ostasiens zusammen und bezieht sich auf gemeinsame kulturelle Entwicklungen innerhalb dieser Region.

Ancient and classical Japan: the dawn of Shinto

von Mori Mizue (S.12-62)

In diesem Kapitel beleuchtet Mori Mizue die Ursprünge des kami Glaubens und seine Entwicklung zu einem vollständigen religiösen System im 7. Jahrhundert. Außerdem geht sie auch noch auf weitere Umwälzungen innerhalb dieses Systems bis ins 9. Jahrhundert ein.

Einhergehend mit der sozialen Stratifizierung durch den Nassreisanbau entwickelten sich in der Yayoi Zeit aus dem einfachen Naturglauben personifizierte Götter und eine Herrschaftsschicht, die sowohl rituelle wie militärische Macht besaß. Ab dem späten 3. Jahrhundert n. Chr. kommt es zu einer Systematisierung des kami Glaubens, die parallel zum Aufstieg des Yamato Reich verläuft: Die Yamato entwickelten ein System verschiedenster Schreine, einen Nachfolgeritus für die Königsherrschaft, spezielle Königsgräber, etc. Im 6. Jahrhundert wird die militärische und diplomatische Vormachtstellung des Yamato Hofs durch einen Abstammungsmythos weiter abgesichert. Die wichtigsten Merkmale sind:

  • die himmlische Abstammung und ein Mandat zur Herrschaft über Japan
  • die kaiserliche Genealogie, beginnend bei Jinmu Tennō
  • die Legenden und Überlieferungen der königlichen Linie und seiner alliierten Klans

Zentrale Figur für die Konsolidierung des Staatsshinto war Tenmu Tennō (r. 672-686): Er festigte die Genealogie mit der Beauftragung eines Geschichtswerks – diese Vorarbeit mündete in dem Erstellen des Kojiki (712) und des Nihon shoki (720). Weiters verstärkte er die Verehrung von Amaterasu als Ahnherrin der Tennō. Er schuf den bis heute gültigen Nachfolgeritus, dajōsai („das große Kosten“). Staatstechnisch reformierte er das Staatswesen durch die Einführung des Ritsuryō-Rechtssystems. Weiters führte er wahrscheinlich als erster den Titel Tennō (himmlischer Herrscher, Kaiser).

Für die rituelle Reinheit der staatlichen Institutionen und der rituellen Handlungen war das Ministerium für kami Angelegenheiten (jingikan) verantwortlich. Weiters sollte durch diverse Maßnahmen die Macht des Kaisers und sein Herrschaftsanspruch gestärkt werden.

Durch das Ritsuyō System wurde die Macht der lokalen Klans stark geschwächt, da ihre Machtbasis zersplittert wurde. Als Gegenmaßnahme versuchten die Klans ab dem 8. Jahrhundert, den Zusammenhalt zwischen den Mitgliedern durch so genannte Klangottheiten (ujigami) zu stärken. Ausschlaggebend für den Erfolg einer Sippe wurde jedoch zunehmend eine direkte Verwandtschaft mit dem Tennō (z.B.: Fujiwara Klan).

The medieval period: the kami merge with Buddhism

von Itō Satoshi (S.63-107)

Die Entwicklung des mittelalterlichen Shinto ist im Wesentlichen von zwei Strömungen geprägt, die sich nach dem Fall des Ritsuryō-Rechtssystems, das primär eine zentralistische Vorgabe für die Verehrung von kami beinhaltete, in folgenden Teilaspekten zusammenfassen lassen:

  • Unabhängige Entwicklung von Praktiken und Riten der kami Verehrung verschiedener politischer und sozialer Gruppierungen.
  • Vermischung mit buddhistischem Gedankengut, die sich in der neuen Vorstellung von kami als Manifestationen Buddhas, charakterisieren lassen. In Folge wurden buddhistische Vorstellungen übernommen, die hauptsächlich von einer individuellen Verehrung von Buddhas und Bodisatthvas geprägt sind.

Itō Satoshi untersucht in diesem Kapitel die Entwicklungen im Mittelalter, die im Zuge der Verbindung zwischen kami- Kulten und dem Buddhismus einhergingen. Er beleuchtet folgende Gesichtspunkte:

  • Entwicklung des Schreinwesens nach dem Fall des Risturyō- Systems. In diesem Kontext geht Itō Satoshi auf die Entwicklung nach der Etablierung des „Systems der 22 Schreine“ (nijunisha seido) im 10. Jhd. ein. In Zusammenhang mit der Zusammenfassung von lokalen Schreinen in „provinzielle Schreine“ (sōsha) und „erste Schreine“ (ichi no miya), steht deren Vernetzung innerhalb der Provinzen im Vordergrund. In der Unterscheidung zwischen öffentlichen Schreinen und Schreinen, die der Provinzverwaltung unterstellt sind, wird eine Legitimation der Machtansprüche lokaler Machthaber deutlich.
  • Verschmelzung zwischen Shinto- Kulten mit buddhistischen Lehren, unter Berücksichtigung der literarischen Unterscheidung der Begriffe shinbutsu shūgō und honji suijaku.
  • Entwicklungen in Bezug auf traditionelle kami- Klulte im Zuge der Beeinflussung von buddhistischen Geistesströmungen, in dem insbesondere auf die beabsichtigte Legitimation des Buddhismus eingegangen wird. Im Detail untersucht Itō Satoshi folgende shintoistische Geisteströmungen:

(1) Ryobu Shinto

(2) Sannō Shinto

(3) Shugendō

(4) Yin and Yang Glaube

The early modern period: in search of a Shinto identity

von Endō Jun (S.108-158)[Christian Zheden / Dominik Juchum]

The modern age: Shinto confronts modernity

von Inoue Nobutaka (S.159-197)

In Japan zur Zeit der Moderne fanden zwei große Veränderungen im religiösem System Shinto statt:

  1. Erschaffung eines neuen Schreinsystems
  2. Sektiererischer Shinto: 13 Shinto-Sekten aus 19. / 20. Jh., Shintō-kei shinshūkyō (vom Shinto abgeleitete "neue Religionen")

Weitere Veränderungen:

  • In der Meiji-Zeit wurde das Shrein-System vom modernen Staat unterstützt und getragen.
  • Shinbutsu bunri: Die Trennung der kami von buddhistischen Gottheiten.
  • Senkyōshi: Shinto Missionars Programm, welches 1869, durch die Funktion von Shinto als Verbreitungsmittel der Staatsideologie, eingeführt wurde.
  • 1973 bildete sich ein Institut, welches von Shintoisten und Vertretern der sieben buddhistischen Sekten (Jishū, Jōdo, Shinshū, Shingon, Zen, Tendai, Nichiren) gegründet wurde, das Taikyōin. Ein Netzwerk, das sich um die nationale Verbreitung religiöser Wertevorstellungen kümmerte. Die drei Prinzipien waren:
  1. Verehre immer die Gottheiten und liebe dein Land.
  2. Verdeutliche dir die himmlischen Prinzipien und den Weg des Menschen.
  3. Verehre den Kaiser und bleibe den Wünschen des Gerichts/Hofes treu.
1875 kam es zur Auflösung des Taikyōin.
  • Jinja honchō --> Diese Organisation kümmert sich um 99 Prozent der 79.000 Schreine in Japan und versucht zusätzlich einige Funktionen der Meiji-zeitlichen Ausbildung von Schreinpriestern zu erhalten. Sie ist auch für die "Prinzipien für ein Leben der kami-Verehrung" (Keishin seikatsu no kōryō) verantwortlich:
  1. Sei dankbar gegenüber den kami für deren Segen und gegenüber den Vorfahren für deren Wohltätigkeit; widme dich den Schreinritualen mit dem Herz voll Aufrichtigkeit, Helligkeit und Reinheit.
  2. Diene der Gesellschaft und allen Menschen; als Vertreter der Wünsche der kami, ordne die Welt und gib ihr Substanz.
  3. Respektiere den Herrscher als Vermittler der Wünsche der Sonnengöttin; sei sicher seinen Wünschen zu folgen; bete für gutes Glück für die Leute Japans und aller Nationen und bete auch, dass die Welt in Frieden und Wohlstand leben möge.

Japanische Religion lässt sich in vier Kategorien unterteilt:

  1. Shinto
  2. Buddhismus
  3. Christentum
  4. Andere.
  • Shinto Sekten:
- Izumo taishakyō
- Shinshūkyō
- Shintō shūseiha
- Shintō taiseikyō
- Shintō taikyō
- Shinrikyō
- Jingūkyō
- Izumokyō
  • Sekten, die Berge verehren:
- Ontakekyō
- Jikkōkyō
- Fusōkyō
  • Vermischte Kategorien:
- Kurozumikyō
- Misogikyō - Teilt sich in zwei Gruppen auf: Taiseikyō und Sakate-Gruppe
  • Neue Religionen - Als sich der Einfluss der Sekten allmählich verringerte, entwickelten sich neue Systeme des Shinto. Diese hatten mehr mit dem sozialen Wandel der Moderne gleich. Die vom Shinto abgeleiteten neuen Religionen, die ihren Ursprung im Shinto, Buddhismus und auch Christentum haben waren:
- Tenrikyō
- Konkōkyō
- Maruyamakyō
- Ōmotokyō - Fast alle Religionen die bis heute populär sind, leiten sich davon ab.
- Tenshō Kōtaijingūkyō und Jiu
- Tenshōkyō

Viele Sekten und vom Shinto abgeleitete neue Religionen behaupten, Verbindungen zu traditionellem Shinto-Glauben zu haben und nähern sich dem, was früher als Sekten-Shinto bekannt war.

Kommentar der Rezensenten

Im Allgemeinen empfanden wir das Buch als gut durchstrukturiert. Insbesondere wurde auf eine chronologische Abfolge der Kapitel und auch der jeweilig behandelten Themen Wert gelegt. In der Einleitung wird bereits detailliert das Grundkonzept vorgestellt, anhand dessen die Geschichte des Shinto untersucht wurde. Dieses Konzept wurde fortwährend beibehalten. Wichtige Fachtermini wurden in separat gekennzeichneten Abschnitten besprochen. Es wurde jedoch auf die Kennzeichnung japanischer Begriffe und Namen durch Kanji verzichtet.

Literaturangaben und Kommentare wurden mittels Endnoten am Kapitelende angegeben, was einen kontinuierlichen Lesefluss begünstigt. Zusätzlich wurde am Ende des Buches eine nach Epochen und Sprachen geordnete Bibliographie angegeben. Dadurch wird eine weiter führende Recherche deutlich erleichtert. Außerdem ermöglicht ein äußerst umfangreicher Index eine schnelle Suche einzelner Stichworte. In Bezug auf die inhaltliche Diskussion wird die Geschichte des Shinto aus dem Blickwinkel ostasiatischer Religionen betrachtet. Dies unterstreicht eine Hervorhebung von Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Religion dieser Region.

In Anbetracht des durchaus gut strukturierten Gesamtaufbaus, lassen sich dennoch bei den einzelnen Autoren stilistische Unterschiede feststellen. In diesem Kontext weisen die Ausführungen Inoues und Itos eine leicht nachvollziehbare Argumentationskette auf. Im Gegensatz dazu wirken die Darstellungen Endos und Moris etwas langatmig und zu narrativ. Zusammenfassend ist als positiv festzuhalten, dass man auch ohne Vorkenntnisse einen umfassenden Einblick in die Geschichte des Shinto erhält.




Dieser Artikel wurde ursprünglich für das Schwesterprojekt Hachiman-no-pedia verfasst.