Rezension Law 1994

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Rezensiertes Werk:

Law, Jane Marie (1994). „Violence, Ritual Reenactment, and Ideology: The ,Hōjō-e‘ of the Usa Hachiman Shrine in Japan.“ History of Religions 33/4, S. 325–357. (Rezension.)

Inhalt

Die Autorin Jane Marie Law beschäftigt sich in ihrem Werk mit dem buddhistischen Ritual Hōjō-e und wie es im Hachiman-Kult zelebriert wurde. Dabei spielt für sie das Thema „Gewalt“ eine bedeutende Rolle.

Hachiman und der Hachiman-Kult

Der Hachiman-Kult besteht aus einer Mischung aus Shintoismus und Buddhismus. Hachiman ist eine der komplexesten Göttlichkeiten. Er ist unter anderem die Reinkarnation des Kaisers Ōjin, der Beschützer der Nation, der Gott des Krieges, die Schutzgottheit des Minamoto-Klans und Beschützer der herrschenden Linie. Durch die buddhistische Strategie der Reinkarnation wurde Hachiman mit Kaiser Ōjin verknüpft und der Hachiman-Kult wurde auf nationaler Ebene legitimiert. Der Usa Hachiman-Kult war auch ein Instrument der Regierung um die zentrale Macht in Kyushu zu festigen. Der Guss des Monumentalbuddhas im Tōdai-ji stellte Hachiman im Jahr 743 in den Mittelpunkt und der Hof bekam extra religiöse und politische Macht. In der Heian-Zeit (784-1185) fand eine Veränderung der Gottheit Hachiman von einer Kyushu-Gottheit mit der Funktion eines Orakels und dem Titel des Großen Bodhisattva, hin zu einem Gott des Krieges statt. Somit zeigt die Geschichte des Hachiman-Kultes eine Umformung (S. 327, 329, 332-334, 337, 341).

Usa Hachiman-gū und das Hōjō-e-Ritual

Laut dem Fusō ryakki wurde der Usa Hachiman-gū im Jahre 571 gebaut, der Name Hachiman erscheint jedoch in den japanischen Chroniken nicht vor dem Jahr 737. Die Aufführung des Hōjō-e-Rituals umfasst alle Schreine, die zum Usa Hachiman-gū gehören. Das Hōjō-e ist ursprünglich eine Zeremonie für die Freilassung von Lebewesen und ist weit verbreitet im chinesischen und japanischen Buddhismus (S. 325, 330, 349).

Zum ersten Mal gab es das Hōjō-e im Jahr 745 im Usa Hachiman Schrein auf Kyushu, von dort aus verbreitete es sich in ganz Japan. Früher wurde das Hōjō-e jedes Jahr durchgeführt, seit der Meiji-Zeit (1868-1912) findet es jedoch nur noch alle vier Jahre statt (S. 326, 327). Das Usa Hachiman Hōjō-e ist primär ein Besänftigungsritual. Man hatte große Bedenken wegen der Gewalt im Hachiman-Kult und so entschloss man sich, als Wiedergutmachung und um die Opfer der Gräueltaten des Kults zu besänftigen, ein Hōjō-e durchzuführen (S. 327).

Ursprung des Hōjō-e-Rituals

Das Ritual entstand auf Grund des „göttlichen Krieges“ im Jahr 720; ein Kampf zwischen der Regierung (der von Priester des Hachiman-Tempels angeführt wurde) und dem Klan der Hayato. Der Krieg wurde von den Regierungsmächten gewonnen und die Hayato wurden brutal unterworfen. Durch den Sieg konnte man die kaiserliche Macht in Kyushu festigen und die Religion kam unter zentrale Gewalt. Jedoch gab es nach dem Untergang eine Plage in der Gegend, wo die Schlacht stattfand. Außergewöhnlich viele Schlangen befanden sich im Meer und man sagte, dass dies der Fluch der Hayato sei. Um nun die Geister der im Kampf umgekommenen Hayato zu besänftigen, entschloss man sich ein Hōjō-e zu zelebrieren. Würde man sie nicht besänftigen, würden die Übel wollenden Geister zurückkommen und zahlreiche Probleme verursachen. Deswegen ruft man die unglücklichen Geister zurück, stellt das Ereignis dar, welches dazu führte, dass die Personen unglücklich wurden und erlaubt den Geistern, die Geschichte auf ihre Art und Weise zu erzählen. Es ist üblich, dass eine Puppe (yorishiro) verwendet wird, von der die Geister Besitz ergreifen. Des Weiteren rezitieren buddhistische Mönche Sutren und lassen Schlangen und Fische im Wasser frei, während Tänze, vor allem Puppentänze, gezeigt werden (S. 327, 332, 335, 336, 350, 356).

Laut der Engi-Literatur sprach auch Hachiman selber, dass er „viele Leben nehmen musste“ um von Generation zu Generation die Welt regieren zu können. Um diesen Geistern „Frieden zu bringen“ soll eine Zeremonie durchgeführt werden, bei der Lebewesen ihre Freiheit zurückerlangen (S. 355, 342, 345).

Die Veränderung des Hōjō-e

Die Bedeutungen des Usa Hachiman Hōjō-e veränderten sich über die Zeit. Als Auslöser gilt die Plage nach dem Kampf gegen die Hayato. Das Ritual selber ist eine Machtdarstellung und es erinnert an die brutalen Ereignisse in der japanischen Geschichte. Diese werden durch das Ritual wieder aufgeführt, um die Menschen damit von neuem zu konfrontieren. Heute wird das Ritual von vielen Fischergruppen durchgeführt, um ihre Sicherheit auf dem Meer zu sichern und um die Geister der Fische zu besänftigen, die sie jedes Jahr fangen (S. 357).

Kommentar

Das Hōjō-e-Ritual in Verbindung mit der Gewalt des Hachiman-Kultes in der japanischen Geschichte steht im Mittelpunkt des Artikels. Obwohl im Buddhismus das Töten tabu ist, wurde die ursprüngliche Bedeutung des Hōjō-e, nämlich Lebewesen freizulassen, im Usa Hachiman Hōjō-e umgeformt. Es ist vielmehr ein Besänftigungsritual und man will dadurch die Gräueltaten in der Geschichte Japans abschwächen. Je erfolgreicher das Ritual ist, umso weniger denkt man daran, dass Hachiman so viele Menschen getötet hat.

Die Autorin fragt nach der Rechtfertigung des Rituals. Warum duldet man die Darstellung von Gewalt (durch die Puppenkämpfe) in einem – ursprünglich – buddhistischen und friedlichen Ritual? Wie rechtfertigt man diese Form des Hōjō-e gegenüber der Öffentlichkeit? Wie kann dieses Ritual über hunderte von Jahren fortdauern? Der Gedanke einer „Besänftigungszeremonie“ ist hier der Hauptpunkt für die Rechtfertigung. Indem Hachiman als Bodhisattva selber Reue für seine Gräueltaten zeigt und eben deswegen das Hōjō-e durchführen lässt, wird die Gewaltdarstellung legitimiert. Man veranstaltet das Hōjō-e als „Wiedergutmachung“, um die Geister der Opfer zu besänftigen. Die Puppenaufführung, das Bankett und die Tänze sind für ihr Wohl. Man gibt ihnen außerdem die Chance, die Geschichte aus ihrer eigenen Perspektive zu erzählen.

Für mich ist die Frage, wie dieses Ritual über hunderte von Jahren fortdauern konnte noch nicht ganz geklärt. Entweder habe ich es nicht genau aus dem Text herauslesen können oder die Autorin hat diese Frage nicht explizit geklärt. Es könnte damit zusammenhängen, dass das Ritual eine gewisse Popularität genossen hat und sicherlich auch noch hat. Vielleicht hat es sich schon so sehr etabliert, dass man es nicht mehr so einfach „abschaffen“ kann. Es wäre durchaus vorstellbar, dass auch der Kaiserhof den Erhalt des Rituals wünscht, da er durch den Hachiman-Kult in alter Zeit mehr politische Macht in der Kyushu-Region erlangte.

Der Artikel selber ist sehr umfangreich und bietet einiges an Material für das Thema „Hachiman“. Neben dem Hauptthema „Hōjō-e im Usa Hachiman-gū“ beschäftigt sich Laws Artikel auch mit dem historischen Ursprung des Hachiman-Kultes.



Dieser Artikel wurde ursprünglich für das Schwesterprojekt Hachiman-no-pedia verfasst.