Rezension Reitz 1943

Aus Kamigraphie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Rezensiertes Werk:

Reitz, Karl (1943). „Der Ritus des Shintō-Gottesdienstes.“ Folklore Studies 2, S. 19–38. (Rezension.)


Der Autor Pater Karl Reitz (1901–1959) war Missionar und Mitglied des katholischen Ordens Societas Verbi Divini (SVD), welcher in Japan die Universität Nanzan in Nagoya ins Leben rief, wo der vorliegende Artikel auch publiziert wurde. Wissenschaftlich war Reitz vor allem auf dem Gebiet des Shinto und der Volkskunde aktiv.

Karl Reitz liefert mit diesem Artikel eine sachkundige Einführung in die shintōistischen Riten an einem Shintō-Schrein. Das Augenmerk dieser Abhandlung ist die Vermittlung allgemeinen Wissens um die grundlegenden Aspekte eines shintōistischen Rituals und der damit verbundenen rituellen Gegenstände und Handlungsabläufe.

Inhalt

In der Einleitung beschreibt Reitz die Vielfältigkeit shintōistischer Riten und erwähnt hierzu auch relevante Zeremonien und Feste, geht jedoch nicht näher auf diese ein, da dies den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Er nimmt jedoch Bezug auf allgemeine Aspekte eines shintōistischen Gottesdienstes, nach dessen Ablaufschema er seinen Artikel aufbaut:

  1. Kamioroshi oder Koshin, Herabbeschwören des Gottes
  2. Anbieten von Opfergaben
  3. Rezitieren des Norito Gebetsspruches
  4. Kamiage, Rücksendung des Gottes

Das Kami-oroshi oder das Öffnen der Türflügel

In diesem Kapitel beschreibt Reitz zunächst eingehend den Aufbau eines shintōistischen Tempels und seine Aufteilung in Gebetshalle (haiden 拝殿) und Heiligtum oder den tatsächlichen Schrein (shinden 神殿). Hierbei lässt er die Bedeutung und die einzelnen Funktionen der Räumlichkeiten samt Ausstattung nicht unerklärt. Neben einer kurzen Beschreibung der am Shintō-Schrein anzutreffenden Glocken, deren Betätigung als Zeichen des erfolgten Gebets und der Verehrung von der jeweiligen Tempelgottheit (kami 神) verstanden wird, geht Reitz auch auf den Ursprung des shimenawa 注連縄 genannten Strohseils ein, das im Falle der Errichtung eines provisorischen Schreines (himorogi 神籬) für andere Gottheiten im Rahmen der Ritualvorbereitung als Einfriedung für dessen geheiligten Bereich dient und auf das Spannen eines Seiles hinter dem Rücken der Sonnengöttin Amaterasu zur Verhinderung ihrer Rückkehr in die Felsenhöhle, wie in Kojiki und Nihon shoki überliefert, zurückzuführen ist.

Der angebetete Kami wird vom saishu 祭主, dem Zeremonienmeister unter den Priestern (kannushi 神主), beschwört, vom Himmel herabzusteigen und dem Himorogi innezuwohnen. Beim Himorogi selbst handelt es sich um einen Kultgegenstand, der als Sitz des Geistes oder der Seele des Kami verstanden wird. Ein Himorogi aus der Frühzeit hingegen ist eine zur Verehrung der Gottheiten geweihte Kultstelle im Freien, als noch keine Schreine errichtet waren. Die alternative Schreibweise 霊室樹, die sich aus rei 霊 für Geist, muro 室 Haus oder Aufenthaltsraum und ki 樹 für Baum ergibt, lässt erahnen, dass dem Kami ein Baum, im Besonderen der Sakakibaum, als Aufenthaltsort diente.

Im Falle eines Gottesdienstes, der im Schrein stattfindet und sich an die Schreingottheit wendet, werden vom Saishu unter ehrfürchtigem Gebaren die Türflügel des Shinden geöffnet, damit der dem Schrein innewohnende Kami in direkten Kontakt mit den Zeremonienteilnehmern treten kann.

Das Darbieten der Opfergaben

Wie schon im Engishiki 延喜式 geschrieben steht, können als Opfergaben Speisen, Sake, Geräte, Waffen, Figuren aber auch lebende Tiere dienen. Es soll sich um Gegenstände handeln, die für einen Menschen von besonderem Wert sind, um der Bedeutung eines Opfers zu entsprechen. Heutzutage werden jedoch im Rahmen eines Gottesdienstes fast nur noch Speisen und Sake dargeboten. Diese Opfergaben sollen dem Kami nicht nur Verehrung und Unterwürfigkeit entgegenbringen, sondern ihn auch wohlwollend stimmen.

Die Darbringung der Opfergaben obliegt dem Saishu, der sie auf einem dafür vorgesehenem Tablett (sambo) schön anordnet und auf die Opfertische im Schrein stellt. Das Anordnen der Opfergaben erfolgt in vielen Fällen nach traditionellem Schema und nimmt daher längere Zeit in Anspruch. Hierbei wird manchmal musiziert. Das Schreinorchester spielt etenraku 越天楽, ein Stück aus der traditionellen Hofmusik gagaku 雅楽, zu dem manchmal die Tempelmädchen tanzen.

Das Rezitieren des Norito

Nachdem die Opfergaben dargeboten wurde, beginnt der Saishu mit der Rezitation des norito 祝詞, einem Gebet, das in poetisch bildhafter Weise feierlich vorgetragen wird. Der Charakter eines Norito ist nicht auf die Bittstellung beschränkt. Im Vordergrund steht die Lobpreisung der Tugenden und Gnaden der Gottheiten. Es handelt sich beim Norito um kein allgemeines Schriftstück. So wie es für jede Gottheit gesonderte Zeremonien gibt, so unterscheidet sich auch der Inhalt eines Norito bis zu einem gewissen Grad.

Im Anschluss an die Rezitation des Norito folgt ein Akt der Anbetung und die Opferung des tamagushi 玉串, eines Sakakizweigs mit Papierstreifen im Zickzackmuster verziert. Dieser Sakakizweig symbolisiert die Opfergaben in Form von an Zweigen gehängten Juwelen aus den alten Schriften.

Das Kami-age

Bevor der Kami wieder in sein Reich zurückgeschickt wird, tragen die Priester die Opfergaben vom Schrein fort. In vergangener Zeit entledigte man sich jeglicher Opfer, da es dem Menschen nicht zustand, sich einer der Gottheit gespendeten Sache zu bedienen. Heutzutage aber werden die Gaben aufgrund der Tatsache, dass es sich häufig nur noch um Speis und Trank handelt, von den Priestern verwertet oder an Besucher weitergegeben. Als abschließenden Akt sendet der Saishu vor dem Himorogi bzw. im Falle der lokalen Schreingottheit vor dem Shinden den Kami an den Ort zurück, woher er herabgestiegen ist. Sofern die Feier im Schrein stattgefunden hat, schließt der Saishu die Türflügel des Shinden in gleichermaßen ehrfürchtiger Weise wie bei dessen Öffnen und beendet somit die Zeremonie.

Kritik

Man merkt diesem Artikel aus den frühen Vierziger Jahren den etwas veralteten Schreibstil an. Nichtsdestotrotz bietet diese Abhandlung dem deutschsprachigen Leser eine prägnante Einleitung in die rituellen Praktiken am und im Shintō-Schrein, die allerdings zum Teil nicht mehr den heutigen Tätigkeiten entsprechen. Der Autor schildert in seinem siebzehn Seiten kurzen Artikel möglichst ausführlich die konkrete als auch religiöse Struktur eines shintōistischen Tempels sowie Funktionen der darin vorkommenden Gegenstände und Tätigkeitsbereiche der Tempelangehörigen. Entsprechende Informationen werden zudem mithilfe von Abbildungen und Fotografien veranschaulicht dargestellt. Einzelne Riten wie Zeremonien oder Feste werden zwar beispielhaft genannt, jedoch geht der Autor nicht gesondert auf sie ein, was aufgrund ihrer Vielseitigkeit auch nicht Zweck dieses Artikels ist. Im Großen und Ganzen jedoch ist es dem Autor gelungen, viele relevante Informationen auf nur wenigen Seiten gelungen zusammenzufassen. Man muss diesen älteren Text jedoch mit Vorsicht genießen, da sich viele Sitten und Bräuche des Shintō während des vergangenen Jahrhunderts gewandelt haben.