Rezension Smits 2006

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Rezensiertes Werk:

Smits, Gregory (2006). „Shaking up Japan: Edo Society and the 1855 Catfish Picture Prints.“ Journal of Social History 39/4, S. 1045–1078. (Rezension.)

Der Autor

Gregory James Smits ist Doktor der Philosophie an der Pennsylvania State University und unterrichtet für das Department of History and Religious Studies. Nach seinem Doktoratsstudium an der University of Southern California in verschiedenen Feldern der japanischen Geschichte, veröffentlicht Smits unzählige Arbeiten zum Thema Ryūkyū, immer mit Blick auf gesellschaftliche Themenfelder. Seine Forschungsarbeit befasst sich hauptsächlich mit den Themengebieten Japan, Okinawa, sozial- und kulturhistorische Forschung und Erdbeben.

Auch Smits Artikel “Shaking up Japan: Edo Society and the 1855 Catfish Picture Prints”, 2006 erschienen im Journal of Social History, dreht sich um Erdbeben und welche Auswirkungen diese auf die Bevölkerung hatten. Hier geht er auf die im 19. Jahrhundert stark boomenden Namazu-e 鯰絵, oder auch Wels-Bilder genannt, ein, die sich schlagartig nach dem großen Ansei-Erdbeben 1855 zu verbreiten begannen.

Inhalt

Namazu werden bestraft

Der Autor beginnt seinen Artikel mit einigen interessanten Fakten über das Ansei-Erdbeben. So schreibt er, dass der entstandene Schaden für ein Erdbeben der Stärke 6,9 – 7,1 mit 7000-10.000 Toten vergleichsweise hoch ist. Schon wenige Tage nach dem Erdbeben entstehen also die ersten Namazu-e um sich innerhalb der nächsten Wochen auf über 400 auszuweiten. Abgebildet werden größtenteils Namazu, häufig auch in vermenschlichter Form. Dies begründet sich in einem alten japanischen Volksglauben der besagt, dass ein riesiger Wels unter der Erde wütet wodurch ein Erdbeben ausgelöst wird. Jedoch ist sich Smits sicher, dass dieser Aberglaube nicht der einzige Auslöser für ein solch vermehrtes Auftreten der Namazu-e sein kann. Er meint, dass die Namazu-e lediglich ein Ausdruck der politischen Schwierigkeiten während dem Ende der Tokugawa-Zeit und des wachsenden politischen Bewusstsein der Bevölkerung sind. Smits möchte deshalb in diesem Artikel die Namazu-e im Hinblick auf die politische Situation gegen Ende des Bakufu-Regimes untersuchen, als politisch Strukturen geschwächt waren und durch neue ersetzt wurden.

Im ersten Abschnitt „A World in Mounting Turmoil 1830 – 1855“ beschreibt Smits die lange Reihe von Katastrophen und bedeutenden politischen Ereignissen, in die sich das Ansei-Erdbeben lediglich als Teil von Verkettungen einreiht. Beginnend mit der Tempō-Hungersnot bis hin zum Kontakt mit Commodore Perrys „Schwarzen Schiffen“, die als Darstellung für die aufkommende Schwäche der Regierung galten. Matsudaira Shungaku, ein bekannter Beamter des Bakufu-Regimes, ging sogar soweit zu behaupten, dass die Ankunft von Amerikanern, Russen und Briten als "göttliche Warnung" anzusehen seien und machte diese verantwortlich für die zur selben Zeit aufgetretenen Naturkatastrophen.

In „Causes of Earthquakes“ geht Smits genauer auf die Entstehung des Volksglaubens über die Namazu ein. Laut Smits war diese allgemeine Überzeugung keineswegs althergebracht sondern vielmehr zusammengesetzt aus chinesichen sowie alten japanischen Vorstellungen. Erst im 17. Jahrhundert entstand eine Verbindung zwischen dem Kashima-Schrein, Erdbeben und den Namazu. Der Namazu-Glaube selbst wurde jedoch eher als Humbug oder naive Erklärung für die Entstehung von Erdbeben angesehen. Vielmehr galt die chinesische Vorstellung eines Ungleichgewichts von Yin und Yang, dass Erdbeben auslöse, als wissenschaftlich überzeugend.

Gott Kashima hält Namazu im Zaum

Im nächste Abschnitt „Some initial Reaction to the Ansei-Edo-Earthquake“ beschreibt Smits unterschiedliche Namazu-e, die unmittelbar nach dem großen Ansei-Erdbeben entstanden. Anhand der beschriebenen Bilder behauptet Smits, dass hier bereits eine beginnende Nationalisierung der Bevölkerung zu erkennen ist. So wird zum Beispiel der Gott Kashima, dessen Aufgabe es eigentlich war die Namazu in Zaum zu halten, durch die Sonnengöttin Amaterasu als Beschützerin und Ahnengöttin des Japanischen Volkes ersetzt.

In den weiteren Sektionen beschäftigt sich Smits einerseits mit den verschiedene Bevölkerungsgruppen, in denen einige sehr unter dem Erdbeben gelitten hatten, aber auch jene existierten, die ihren Profit daraus zogen. Zu den Gruppen die vom Erdbeben profitierten zählt Smits u.a. Handwerker und Lebensmittelverkäufer, da deren Absatz folglich stark anstieg. Weiters beschreibt Smits in den darauffolgenden Teilen den Glauben der Bevölkerung an die heilende Kraft eines Unglücks oder eines Großereignisses. Nicht nur für die Bevölkerung Edos sonder eines Großteils Japans war klar, dass dieses Erdbeben und auch die Ankunft der Schwarzen Schiffe die Antwort auf das zuvor, durch ungleiche Verteilung des Wohlstandes und das geschwächte Regime, entstandene Ungleichgewicht war. Besonders die Schwarzen Schiffen Commodore Perrys wurden oft als Methapher in späteren Namazu-e verwendet.

Im letzten Teil „Broader Significance of the Earthquake and the Namazu-e“ geht Smints auf die politische Bedeutung des Erdbebens und den darauf folgenden Namazu-e ein. Der Autor beschreibt die Namazu-e als unterschwellige Kritik an den vorherrschenden Verhältnissen und am Bakufu. Außerdem bezeichnet er diese Zeit als „Protonationalismus“, da erst jetzt ein gewisses Gemeinschaftsgefühl („wir Japaner“) aufkommt. An dieser Stelle kritisiert Smits u.a. die Autoren Hobsbawm, Geller und Anderson, die dieses Nationalgefühl bereits viel früher als gegeben angenommen haben. Für das Bakufu-Regime haben das Ansei-Erdbeben und die Schwarzen Schiffe das Ende eingeläutet und, laut Smits, haben die Namazu-e-Künstler entschieden dazu begetragen.

Kritik

Der Artikel ist in acht Abschnitte unterteilt, welche alle mit einer zum jeweiligen Kapitel passenden Überschrift versehen sind. Durch die teils abstrakte Formulierung der Überschriften wird das Interesse des Lesers geweckt, führt jedoch oft dazu, dass man sich nicht vorstellen kann worüber der jeweilige Teil handelt. Als positiv zu bewerten ist Smits klarer Schreibstil. Seine genaue Formulierungen und ausführliche Erklärungen, die er oftmals mit bildhaften Beispielen von Namazu untermalt, halten das Interesse aufrecht und regen zum Weiterlesen an.

Der Artikel sollte eher eine breitere Zielgruppe ansprechen, da oft einfache Begriffe für den Nicht-Japanologen erklärt werden. Als einzigen Kritikpunkt möchte ich zum Schluss noch anmerken, dass die beiden Kapitel „Strong Medicine“ und „Big Black“ meiner Meinung nach in einen Abschnitt zusammengefasst gehören, da sie den selben Grundgedanken vertreten.