Rezension Smyers 1997

Aus Kamigraphie
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Rezensiertes Werk:

Smyers, Karen A. (1997). „Inari pilgrimage: Following one's path on the mountain.“ Japanese Journal Of Religious Studies 24/3-4, S. 427–452. (Rezension.)


In ihrem Artikel beschreibt Smyers die Merkmale und Besonderheiten rund um historische und zeitgenössische Pilgerrouten auf den Berg Inari bzw. des dort ansässigen Fushimi Inari Taisha 伏見稲荷大社.

Allgemeines

Im Gegensatz zu Pilgerfahrten, die den Wallfahrer einen festgelegten Ablauf auf einer vorgegebenen Strecke durchleben lassen, ist die Pilgerschaft auf den Berg Inari im Bezirk Fushimi nicht durch derartige Reglements gekennzeichnet. Inari-Wallfahrten finden auch – im Gegensatz zu buddhistischen Traditionen – nicht zwischen einzelnen religiösen Stätten, sondern in ihnen statt. Trotz der großen Zahl an Schreinen, die Inari 稲荷 gewidmet sind, gibt es in Bezug auf Pilgerrouten keinerlei Verbindungen zwischen ihnen. Grund dafür ist der sehr individuelle Zugang zur Gottheit Inari: Gläubige verehren ihre eigene Version des kami 神 und verbinden diese mit einem bestimmten, meist lokalen Schrein. Ein fremder Inari-Schrein beherbergt somit auch den Inari einer anderen Person.

Stilisierte Karte des Pilgerweges

Pilgerweg

Der Pilger startet am Fuße des Berges, umgeben von Schreinen, die den fünf kami des Fushimi Inari Taisha und weiteren Gottheiten gewidmet sind. Nach der rituellen Reinigung von Mund und Händen außerhalb des Haupttores, betet man am Hauptschrein und hat die Möglichkeit, eine Gebetszeremonie von einem Shintō-Priester durchführen zu lassen (das manche Pilger nicht in Anspruch nehmen). Anschließend beginnt der Aufstieg auf den Berg, der durch zahlreiche rote torii 鳥居 gekennzeichnet ist. Vorbei an Nebenschreinen, einem Teehaus und otsuka お塚, den unzähligen Steinaltären, gelangt man zu den „Vier Kreuzungen“ yotsutsuji 四つ辻. Hier offenbart sich ein Blick auf die profane Welt unterhalb des Berges. Diese Stelle markiert auch den Start- und Endpunkt des Rundganges durch die Berglandschaft. Die meisten Pilger gehen von hier aus gegen den Uhrzeigersinn, die drei heiligen Gipfel (ichinomine 一の峰, ninomine 二の峰, sannomine 三の峰) zu ihrer Linken. Der Pfad führt durch einen Zedernwald an verschiedenen heiligen Stätten sowie kleinen Wasserfällen, in welchen rituelle Waschungen stattfinden, vorbei. Zurück bei den „Vier Kreuzungen“ beginnt der rasante Abstieg, der bei Sanba 産婆 Inari („Hebammen-Inari“) endet und die Wiedergeburt in die irdische Welt bedeutet. Die meisten der Pilgerfahrten des Inari Berges sind nicht einzigartig für Inari, Felsen, Traditionen die sieben Geheimnisse und Bräuche die auf der Natur basieren durchdringen die Geschichten von anderen heiligen Stätten.

Die Entscheidung welche der Routen der einzelne Pilger gehen möchte ist ihm selbst überlassen, ebenso unterschiedlich sind auch die Motivationen der einzelnen Pilger. Die Pilgerreise findet immer zwischen den einzelnen 40.000 registrierten Inrai Schreine statt.

Traditionen, Riten, Bräuche

  • Die sieben wundersamen/geheimen Traditionen des Inari Yama“ (Inari yama no nana fushigi 稲荷山の七不思議)
  • Umhängen von roten Lätzchen (z.B. Fuchs-Statuen)
  • Opfergaben (Nahrung)
  • Spenden von großen oder kleinen torii
  • Entzünden von Kerzen
  • Almosengabe
  • Gebetsfahnen mit Namen der kami

Die Natur und deren Symbolik scheinen den Pilger zu durchdringen. Die Zeder (sugi 杉) beispielsweise gilt als Talisman. Ton vom Inari Berg wurde verwendet, um Schiffe, für Rituale (wie midoki 耳土器) vorzubreiten, oder um daraus Puppen für Rituale zu modellieren. Wasser aus einer bestimmten Quelle auf dem Berg wurde von Schmieden aufgrund seiner Reinheit verwendet.

Es gibt vielfältige Rituale, wie beispielsweise das Omo-karu ishi. Am Inari Berg wird diese Form des Stein-Wahrsagens am Okusha durchgeführt. Der Pilger steht vor zwei Steinlaternen mit abnehmbaren Deckel, macht eine kleine Spende, und stellt eine Frage. Er reibt sich die Hände über den Stein in Juwelenform, und hebt den Deckel der Laterne dreimal während er den Stein weiter reibt. Fühlt sich der Deckel leicht an, ist die Antwort positiv, aber fühlt er sich schwer an, so ist die Antwort negativ. Dieses Element des Inari Berges wird auch bei vielen anderen Inari gefunden.

Popularität damals wie heute

Seit der Heian-Zeit ist der Fushimi Inari-Schrein ein beliebtes Ziel von Pilgern aller Altersgruppen und Gesellschaftsschichten. Das Souvenir zu dieser Zeit war eine Zeder shirushi no sugi, die so populär wurde, das sie nun im direkten Zusammenhang mit den Inari steht. Alte Schriften wie z.B. Heiji monogatari 平治物語, Ōkagami 大鏡 oder Makura no sōshi 枕の草子 belegen insbesondere den Besuch von adeligen Pilgerinnen, die ihre religiöse Wanderungen alleine durchführten. Die bis heute andauernde Beliebtheit des Fushimi Inari Taisha erklärt sich u.a. durch die leichte Erreichbarkeit der Anlage. Die zentrale Lage und gute Anbindung an das Bahnnetz ermöglicht es, in kürzester Zeit zum Schrein zu gelangen. Ferner spielt die relativ kurze Dauer des Pilgerweges eine große Rolle in der Beliebtheit des Fushimi Inari. Für die gesamte Pilgerroute werden im Gegensatz zu anderen Wallfahrten nicht Tage oder gar Wochen gebraucht, sondern lediglich einige Stunden – je nach körperlicher Verfassung und Häufigkeit der Gebetsriten. Auch die völlige Freiheit in Bezug auf die Gestaltung der Pilgerschaft (in der Gruppe/ alleine, als Rundweg/ zu einer individuell festgelegten Stätte, zu jeder Tages- bzw. Jahreszeit) trägt dazu bei, dass sich der Schrein bei Pilgern nach wie vor großer Beliebtheit erfreut. So gibt es beispielsweise auch geführte monatliche Pilgergruppen, von ca. 50 Mitgliedern, denen mache jeden Monat, andere wiederum kommen von Zeit zu Zeit. Während die Zahl, wie die Route, ziemlich konstant bleibt, so ändern sich die Gesichter der Pilger sich von Monat zu Monat. Auch eine spezielle jährliche Pilgerreise wird angeboten, Smyers schließt – Victor und Edith Turner zitierend – mit der Überlegung, dass es sich bei dieser individuellen Art des Pilgerns nicht unbedingt um eine Abkehr von der Gesellschaft und der Entwicklung eines communitas-Gefühls (Kameradschaft unter Pilgern) handeln muss. Sie betont jedoch gleichzeitig, dass das Pilgern auf den Berg Inari, wie jede andere Pilgerschaft auch, eine „Auszeit“ von sozialen Normen und Erwartungen und in weiterer Folge die Möglichkeit darstellt, zumindest für kurze Zeit „seinem eigenen Weg zu folgen“.

Stellungnahme

Die detaillierte und interessante Ausführung zu diesem speziellen Thema ist wohl eher nicht für den durchschnittlichen Kyōto-Touristen gedacht, sondern bietet einen wertvollen wissenschaftlichen Einblick in die Praxis, die den Fushimi Inari Schrein umgibt. Smyers gibt ausreichend Beispiele aus historischen Quellen, um ihre Thesen zu untermauern und dem Leser persönliche Nachforschungen in diese Richtung zu ermöglichen. Der Leser merkt, wie viel Zeit in das Zusammentragen der Forschungsergebnisse (Interviews, Pilgerfahrten) geflossen sein muss. Wertvoll finde ich diesen Artikel auch deshalb, weil der Fokus hauptsächlich auf dem Pilger und seinem individuellen Zugang liegt, und weniger auf der Geschichte des Schreins oder den Riten der Shintō-Priester, die anderorts bereits behandelt wurden. 

Für meine Monographie über den Fushimi Inari Taisha ist der vorliegende Artikel sicherlich eine brauchbare Quelle, die mir so manchen Einblick ermöglicht, der mir ansonsten verborgen geblieben wäre.