Rezension Tyler 2011

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Rezensiertes Werk:

Tyler, Royall (2011). „Genji and the Luck of the Sea.“ The Disaster of the Third Princess. Canberra: ANU E Press, S. 131–156.


Autor

Royall Tyler, geboren 1936 in London, ist Japanologe und Übersetzer japanischer Literatur. Neben Übersetzungen zahlreicher Erzählungen und Nō-Theaterstücken, lieferte er 2000 eine neue Übersetzung des Genji monogatari, da ihm die bisherigen Fassungen nicht akkurat genug schienen.

Inhalt

In diesem Essay befasst sich Tyler mit einem Vergleich des Exils Genjis und seines anschließenden Aufstiegs zu den Erlebnissen des Bergglückprinzen Hikohohodemi aus dem „Bergglück und Meerglück“-Mythos des Kiki. Hierfür bedient er sich der Forschung um das Genji monogatari, sowie dessen Interpretationen im Kakaishō 河海抄[1] und anderer Chroniken (Fudoki). Er untersucht die Parallelen, indem er Murasaki Shikibus Erzählung mithilfe des Mythos analysiert. Tyler veranschaulicht die Bedeutung des Sumiyoshi Kults für den Ort, sowie die Personen von Akashi, stellt eine Verbindung zwischen Sumiyoshi und Jingū Kōgō her und führt diese Erkenntnisse letztendlich auf den Mythos um den Protagonisten aus dem Mythos, Hikohohodemi, zurück.

Ebenbilder

Genji-Forscher wie Shirane Haruo und Takada Hirohiko sind überzeugt, dass Murasaki Shikibu mit den alten Chroniken vertraut war. Aus diesem Grund ist auch anzunehmen, dass der oben erwähnte Abschnitt aus dem Roman Einflüsse aus eben diesen aufweisen. Diese Einflüsse werden in den Rollen der einzelnen Charaktere deutlich. Nach Shirane lassen sich die Rollen wie folgt aufteilen:

Genji

Genji entspricht in seiner Rolle Hikohohodemi. In beiden Fällen ist der Protagonist ein Held von einzigartiger Natur, der eine Reise in ein neues, ungewohntes Umfeld antritt, wo er nach längerem Aufenthalt sein Glück findet.

Suzaku

Hier weist Shirane auf die Unterwerfung des Honosusori durch seinen Bruder hin. Allerdings hat Genji nicht die Absicht, seinem Halbbruder die Macht zu entreißen, weswegen diese Verbindung lediglich auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass der jüngere Bruder den älteren übertrumpft (basshi seikō tan 末子成功譚). Auch die weitere Handlung des Romans unterscheidet sich im zweiten Band vom Mythos.

Akashi no Nyūdō

Der Mönch von Akashi spiegelt den Meeresgott Watatsumi wider. Als Erklärung nennt Shirane seine Affinität zum Meer und den Wunsch, seine Tochter mit einem besonderen Mann von hohem Rang zu verheiraten. Auch Genji fragt sich, weshalb seine Ambitionen so tief wie der Ozean sind.

Dame aus Akashi

Die Tochter des Akashi no Nyūdō entspricht Toyotama-hime, da sie einer Prinzessin gebührend würdige Charakteristika aufweist und mit Nachsicht und ungetrübtem Urteilsvermögen handelt. Genji erkennt erst spät, dass ihre Qualitäten die einer gewöhnlichen Person übersteigen. Akashi no Nyūdō redet ihr sogar ein, sie sei eine Mensch gewordene Gottheit (henge 変化).

Murasaki

Murasaki spielt eine unterstützende Rolle bei der Erziehung von Genjis Tochter ähnlich Tamayori-hime, die sich im Auftrag ihrer Schwester Toyotama-hime um Hikohohodemis Nachkommen kümmert.

Genjis Tochter

Anders als im Fall von Hiko Nagisatake Ugayafukiahezu no mikoto, Hikohohodemis Sohn und Vater von Jinmu Tennō, bekommt Genji eine Tochter. Sie erfüllt den gleichen Zweck wie der himmlische Ahn, nämlich eine kaiserliche Nachkommenschaft zu sichern.

Sumiyoshi als Bindeglied zwischen Mythos und Murasakis Werk

Sumiyoshi“ hat mehrere Bedeutungen: Einersets kann es sich dabei um den Ort Sumiyoshi handeln, oder aber andererseits um die Gottheit des Sumiyoshi, die sich aus den drei Tsutsu-Gottheiten Sokozutsu no O, Nakazutsu no O und Uwazutsu no O zusammensetzt und Ahnengottheit der Azumi ist. Oft wird auch Jingū Kōgō als vierte Gottheit dazugezählt, wobei es sich bei ihr um keine ursprüngliche Gottheit handelt. Jingū Kōgō stand in enger Verbindung mit den Tsutsu-Gottheiten. Ihr Wunsch soll es gewesen sein, als Sumiyoshi-Priesterin zu dienen, die Gottheiten jedoch verweigerten ihr diese Aufgabe und machten sie stattdessen zur vierten Sumiyoshi-Gottheit. Im Genji monogatari wird der Begriff Sumiyoshi allgemein als die Sumiyoshi-Gottheit „Sumiyoshi no kami“ verstanden. Die Geschichte des Sumiyoshi-Tempels wurde im Sumiyoshi taisha jindaiki 住吉大社神代記[2] niedergeschrieben. Laut diesem schloss Jingū Kōgō, auf ihrer Reise aus Kyūshū am Berg Fujishiro in der Provinz Kii, [3] Sumiyoshi in einen Schrein ein. Auf Ansuchen von Sumiyoshi wurde sein Schrein in Naniwa aufgestellt. Der Tempel wurde noch vor Murasaki Shikibus Zeit erbaut. Ob die Autorin des Genji monogatari darüber Bescheid wusste und die Informationen aus dem Sumiyoshi taisha jindaiki, einem nur wenigen Personen zugänglichen Schriftstück, verwenden konnte, bleibt allerdings ungewiss.

Im Roman betet Akashi no Nyūdō 18 Jahre lang zu Sumiyoshi, ihn mit einem angesehenen Schwiegersohn für seine Tochter zu segnen. Als Genji in das unweit von Akashi gelegene Suma reist, zieht ein großer Sturm auf. Nach Ansicht von Genji-Forschern handelt es sich um eine Tat Sumiyoshis. Die Gottheit setzt sich mit dem Helden in Verbindung und ruft ihn zu sich ins Meeresgefilde. Tyler interpretiert dies als typische Verhaltensweise einer Meeresgottheit wie Sumiyoshi. Die habsüchtige Meeresgottheit verlangt von den Opfern seines Zorns - in der Regel sind dies Schiffsreisende - den wertvollsten Gegenstand, den sie besitzen. In Genjis Fall verlangt der Gott jedoch nach Genji selbst. Genji aber ist es nicht möglich wie Hikohohodemi in das Meeresgefilde zu reisen und ignoriert die Rufe Sumiyoshis. Er folgt stattdessen der Einladung des Akashi no Nyūdō und reist nach Akashi. Da Akashi in Harima gelegen ist, einer Provinz die sich außerhalb (kigai 畿外) des Zentrums (kinai 畿内) des damaligen Japans befindet, bricht Genji die Regel, wonach es hochrangigen Personen verboten ist, in die äußeren Provinzen zu reisen. Somit ergibt sich auch in diesem Kontext ein Ortswechsel, von gewöhnlicher Umgebung hin zu einer neuen Welt, die Akashi no Nyūdō die Rolle des Meeresgottes Watatsumi aus dem Palast im Meeresgefilde zuschreibt. Genji fügt sich hiermit also dem Willen Sumiyoshis.

Genjis Aufstieg und die Herrlichkeit himmlischer Gottheiten

Tyler argumentiert, dass Genjis Rückkehr in die Haupstadt und seine rituelle Reinigung während des zweiten Besuchs in Naniwa nicht mit einem Aufstieg zu königlicher bzw. kaiserlicher Macht verbunden ist. Viel eher erreicht der Protagonist einen Zustand von höchster essentieller Bedeutung. Der Genji-Forscher Abe Yoshitomi, den Tyler für diese Argumentation zitiert, erklärt das Ergebnis dieses Reifeprozesses mit dem Begriff „physis“. Abe versteht darunter „die Essenz des Natürlichen oder die absolute Energie, die in der Erde verborgen liegt“. Auf die Person von Genji bezogen bedeutet das eine einmalige Herrlichkeit, gleich einer himmlischen Gottheit, die nur Genji zu eigen sein kann. Durch den Erfahrungsprozess des Exils in Suma und seiner symbolischen Begegnung mit Sumiyoshi reifte er zu diesem Status heran. Sumiyoshi spielt hierfür insofern eine tragende Rolle, da er wie Shiotsuchi no Oji im Mythos vom „Bergglück und Meerglück“ eine helfende Funktion ausübt und den Protagonisten auf den richtigen Pfad geleitet. Diese Herrlichkeit spannt sich jedoch, anders als im Mythos, nicht durch die gesamte Nachkommenschaft. Dass Genji eine Tochter bekommt und keinen Sohn, wie in Hikohohodemis Fall, lässt sich laut Tyler dadurch erklären, dass ein männlicher Nachkomme zu Genjis Zeit, nämlich der Heian Zeit (784-1185), keinen Zugang zur kaiserlichen Familie bot.

Conclusio

Wenn man der Einleitung des Kakaishō Glauben schenken will, hegte Murasaki Shikibu reges Interesse an den Schicksalen von Exilanten wie Minamoto no Takaakira, der 969 nach Kyūshū verbannt wurde. Es ist auch anzunehmen, dass sie mit dem Begriff des Exils durch den chinesischen Dichter der Tang-Dynastie Bo Juyi sehr stark vertraut war und dessen Einfluss sich im Suma-Kapitel ihres Werks widerspiegelt. Der „Bergglück und Meerglück“-Mythos dürfte ihr hierfür als gutes Fundament gedient haben.


  1. Das Kakaishō 河海抄 ist eine 20 Bände umfassende kommentierte Ausgabe des Genji monogatari aus der frühen Muromachi-Zeit (1333-1600). Hauptaugenmerk dieses Werkes, ist die interpretatorische Auseinandersetzung mit den oftmals mehrdeutigen Ausdrücken des Roman, insbesondere bei Waka-Gedichten. Der Verfasser des Kakaishō war Yotsutsuji Yoshinari.
  2. Beim Sumiyoshi taisha jindaiki 住吉大社神代記 handelt es sich um einen im Jahr 731 von den shintoistischen Priestern Tsumori Sukune Shimamaro und Tsumori Sukune Marōdo für das jingikan (Amt für Götterverehrung) vorgelegten einbändigen Bericht über den Sumiyoshi Taisha-Schrein in Settsu. Der Bericht schildert unter anderem den Ursprung der Gottheit Sumiyoshi, die Entstehung des Sumiyoshi Taisha, eine Übersicht deren Angehöriger, sowie der Schreinsschätze.
  3. Die heutigen Präfekturen Wakayama sowie der südliche Teil der Präfektur Mie