Rezension Bocking 2000

Aus Kamigraphie
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Rezensiertes Werk:

Bocking, Brian (2000). „Changing images of Shinto: Sanja takusen or the three oracles.“ In: John Breen und Mark Teeuwen (Hg.), Shinto in history: Ways of the kami. London: Curzon, S. 167–185. (Rezension.)
Bocking erläutert in seinem Artikel, durch den Vergleich zweier Versionen einer Schriftrolle, Veränderungen in der japanischen Religion (Beziehung zwischen Buddhismus und Shintō) während der „Trennung von Kami und Buddhas“ (shinbutsu hanzen) um 1868.


In den beiden Versionen der gleichen Schriftrolle spiegeln sich die Veränderungen wieder, die sich in der japanischen Religion durch die „Trennung von Kami und Buddhas“ (shinbutsu hanzen) während der Meiji-Restauration ereigneten. Die Trennung des Shintō vom Buddhismus sollte vor allem die machtvolle Stellung der buddhistischen Institutionen unterminieren und die Schreine von buddhistischem Einfluss reinigen. In Folge entstand eine neue, vom Staat gesponserte Form des Shintō, in dessen Mittelpunkt der Meiji Tennō und seine konfuzianischen Tugenden standen. Auch wenn der Shintō nach 1945 nicht mehr von der Regierung gefördert wurde, verblieb der Fokus der japanische Religion auf dem Ise Schrein und der Gottheit Amaterasu, sowie auf der Anschauung, dass Shintō und Buddhismus seit jeher getrennte Konzepte sind. Diese Veränderungen, die das moderne Verständnis der japanischen Religion beeinflussten, können durch die Schriftrollen betrachtet werden.

Autor

Brian Bocking hat Religionswissenschaft an den Universitäten Lancaster und Leeds studiert und arbeitete als Dozent für (japanische) Religionen an den Universitäten Stirling (Schottland), Tsukuba (Japan), Bath Spa (UK) und London. Der Autor hat weitgehend im Bereich der chinesischen und japanischen Religionen publiziert und folgende Bücher herausgegeben: Nagarjuna in China: A Translation of the Middle Treatise (Edwin Mellen Press, 1995), A Popular Dictionary of Shinto (Curzon Press, 1996) und The Oracles of the Three Shrines (Curzon Press, 2001).[1] Bocking ist derzeit Professor der Religionswissenschaft an dem Universitätskolleg Cork (Irland).

Vorwort

Die drei Gottheiten

Die Orakel der Drei Schreine (Sanja takusen 三社託宣) sind drei Weissagungen, den Schreingöttern von Ise Daijingū (Ise), Iwashimizu Hachiman-gū (Kyoto) und Kasuga Taisha (Nara) gewidmet. Es gibt viele Versionen der Sanja takusen, die schon länger als 600 Jahre bekannt sind. Im Mittelpunkt steht dabei Amaterasu (Sonnengöttin) begleitet von Hachiman (im Bild rechts unten) und Kasuga (links unten)[2]. Die verschiedenen Versionen der Rollen sind zwar nicht identisch, aber ähnlich und weisen Gemeinsamkeiten auf: Name und Titel der drei Schreine und mindestens ein Text (takusen) oder Abbild der Götter. In Bockings Artikel werden zwei Versionen herangezogen. Eine vor der Meiji-Restauration 1868 und eine danach, da in diesem Jahr eine dramatische Wendung in der japanischen Religion stattfand, die auch im vorliegenden Beispiel deutlich zu sehen ist.

Eine wichtige Funktion der Texte ist es, die Bedeutung der drei Schreine bzw. aller Schreine festzusetzen. Während dies in der ersten Version durch die Verknüpfung der drei Schreine mit den drei Tugenden des Buddhismus geschieht, ist die zweite Version nicht ausdrücklich an diese Tugenden gebunden und alle Texte stehen in Zusammenhang mit dem Ise Schrein sowie deren Gottheit Amaterasu.

Version 1: Ursprüngliche Form der Sanja takusen (prä-Meiji/ca.1394-1868) [3]

Edo-Zeit (1600-1868)

Laut Legende sind die drei Götter im Teich beim Tōdai-ji in Nara in der Shōō-Ära (1288-1293) erschienen. Dies war die Basis der Orakel und sie vermittelten moralische Gründzüge:

1. Reinheit (shōjō 清浄) - Hachiman Daibosatsu[4]

2. Ehrlichkeit (shōjiki 正直) - Tensho Kotaijin/Amaterasu[5]

3. Mitgefühl (jihi 慈悲) - Kasuga Daimyojin[6]

In dieser Version der Schriftrolle kommen neben den drei orakelhaften Texten alle Namen der Schreine sowie deren Götter vor.


Version 2: Post-Meiji Form der Sanja takusen (1868-1945)

ab 1868

Diese Version unterschied sich nicht nur in den neuen Illustrierungen der drei Götter, dargestellt im reinlichen Shintō-Stil, sondern auch in den Namen der Schreine/Gottheiten und vor allem im Text. Zu Beginn der Meiji-Zeit wurden während der „Trennung von Kami und Buddhas“ tausende Schreine mit buddhistischen Namen umbenannt und deren Götter ersetzt. Die neuen Namen hatten ihren Ursprung nun vor allem im Kojiki und die Titel „Daimyojin“ und „Daibosatsu“ wurden zu „Daijin“ und „Ōkami“. Die Grundlage der Texte war das Nihon shoki bzw. Nihongi. Die alten moralischen Werte wurden dabei von den sanchoku („three imperial commands“) ersetzt.

Die neuen Texte vermittelten:

1. Restauration → Legitimität und Autorität der kaiserlichen Linie.[7]

2. Heilige Spiegel (kaiserliches Insignium) beschreibt, wie die kaiserliche Gesellschaft mit dem Ise Schrein, der nun an der Spitze der Hierarchie der Schreine steht, das Privileg „Zutritt zu den göttlichen Ahnen“ verschafft.[8]

3. Beschreibt die Bedeutung eines Schreines und die Neudefinierung der Rituale in Abstimmung mit den kaiserlichen Hausschreinen. Dies erschaffte eine Verbindung zwischen den lokalen und dem Ise Schrein, sowie die göttliche Figur des Kaisers. → Rituale zum Wohle des Kaisers, anstatt für die einzelne Gemeinschaft.[9]

Durch die Veränderung der Texte, entstand nun auch ein neues Bild der Götter - ohne buddhistischer Symbolik. In der Prä-Meiji Version wird Hachiman als buddhistischer Mönch dargestellt, während er in der Post-Meiji Version als yumiya gilt und daher als Gott des Krieges dargestellt wurde. Kasuga - auf einem Hirsch reitend - ähnelt nun dem chinesischen Gott der Langlebigkeit Shou Lao/Jurojin und die zentrale Figur Amaterasu - zuvor eine buddhistische Figur mit einem kohai (buddhistischen Heiligenschein) und einem hoju (Wunsch-erfüllenden Juwel) tragend, wird folgend von den Strahlen der aufgehenden Sonne umrandet und mit den drei kaiserlichen Insignien (Juwel, Spiegel und Schwert) ausgestattet, dargestellt.

Ursprung der drei Orakel

Spiegelteich beim Tōdai-ji

1. Orakel: Weil Kaiser Shōmu die große Statue von Roshana (Vairocana) errichten lies, die heute der Grundstein für den Tōdai-ji in Nara ist, verreiste Gyōgi, ein buddhistischer Priester zum Ise Schrein, um sicherzustellen, dass der Bau nicht die einheimischen Götter verletzte. Nach sieben Tagen beten, erschien ihm Amaterasu und verkündete eine gute Nachricht.

2. Orakel: Es kam von Hachiman in Usa in Kyushu. Er verkündete seinen Wunsch in die Hauptstadt zu ziehen.

3. Orakel: War von Hachiman zum Mönch Dōkyō, dem kaiserlichen Berater von Kaiserin Shōtoku, indem Dōkyō behauptet, dass, wenn er Kaiser werden würde, das Land aufblühen würde.

Der Ursprung der Orakel erscheint in getrennten Orakeln, die alle Hachiman zugeschrieben worden sind. Laut Legende waren die Weissagungen bei einem Teich beim Tōdai-ji in der Shōō-Periode (1288-1293). Die erste schriftliche Überlieferung der Sanja takusen kommen in der Arbeit Daigo shiyōshō, entstanden fast ein Jahrhundert später zur Zeit der Ōei-Periode (1394-1428), vor. Hier wird beschrieben, dass die Orakel Bezug zu buddhistischen Priestern in der südlichen Hauptstadt haben, vor allem zu den priesterlichen Linie des Daigo-ji. Dabei änderte sich die Zuschreibung der Orakel von Hachiman auf Kasuga dank des Mönchen Nichiren (1222-82).

Kommentar

Das Thema dieses Artikel ist die Veränderung und der Vergleich der Sanja takusen von der Prä-Meiji-Zeit und Post-Meiji-Zeit. Der Wandel der Gottbedeutung, insbesondere von Hachiman, wird hier beschrieben. Der Autor erklärt zwar, dass es einen Wandel in der japanischen Religion zur Zeit der Meiji-Restauration gegeben hat und dass dies der Grund für die Abänderung der Texte der Sanja takusen sei, dennoch fehlt meines Erachtens ein wenig der Hintergrund zu diesem Wandel. Wahrscheinlich setzt der Autor von LeserInnen voraus, über diesen Wandel bescheid zu wissen. Auch ist mir der Bezug von Kasuga im Sanja takusen unklar, da für mich die Zuschreibungen und die Ursprünge der Orakel etwas irreführend sind. Über dies hinweg gesehen, ist der Artikel recht gut verfasst.

Anmerkungen

  1. Eine Liste sämtlicher Arbeiten Bockings - Artikel, Buchbeiträge, Videomitschnitte ect. - findet sich hier. (Stand: 2012/10/24). Aus: University College Cork
  2. Die Dreier-Formation ist auf das Kojiki und Nihon shoki zurück zu führen. Hier wird eine Hauptgottheit von zwei Bodhisattvas begleitet, um eine ausgeglichene symmetrische Einheit zu bilden. Im vorliegenden Fall standen die drei Schreine im Mittelpunkt der geistlichen Macht.
  3. Ergänzung aus Mori Mizue (2007), Sansha takusen (var. Sanja takusen) (Zugriff: 29.12.2007)
  4. Bocking 2000, S. 169 / The World of Shinto (Buddhist Promoting Foundation, 1985):
    „Though one might attempt to eat a red-hot ball of iron, one must never eat the food of a person with an impure mind. Though one might sit above a blazing fire hot enough to melt copper, one must never go into the place of a person of polluted mind. This is for the sake of purity.“
    Bocking 2000, S. 169
  5. Bocking 2000, S. 169 / The World of Shinto (Buddhist Promoting Foundation, 1985):
    „If you plot and connive to deceive men, you may fool them for a while, and profit thereby, but you will without fail be visited by divine punishment. To be utterly honest may have the appearance of inflexibility and self-righteousness, but in the end, such a person will receive the blessings of sun and moon. Follow honesty without fail.“
    Bocking 2000, S. 169
  6. Bocking 2000, S. 169 / The World of Shinto (Buddhist Promoting Foundation, 1985):
    „Even though it be the home of someone who has managed for long to avoid misfortune, the gods will not enter into the place of a person with perverse disposition. On the other hand, even though a man be in mourning for his father and mother, if he be a man of compassion, the gods will enter in there. Compassion is all important.“
    Bocking 2000, S. 169
  7. Bocking 2000, S. 170 / Aston W.G.(tr.): The Nihongi Tokyo (Tuttle,1972):
    Amaterasu Sume Omikami commanded her August Grandchild, saying:- „This Reed-plain-1500- autumns-fair-rice-ear Land is the region which my descendants shall be lords of. Do thou, my August Grandchild, proceed thither and govern it. Go! and may prosperity attend thy dynasty, and may it, like Heaven and Earth, endure for ever.“
    Bocking 2000, S. 170
  8. Bocking 2000, S. 169 / Aston W.G.(tr.): The Nihongi Tokyo (Tuttle,1972):
    Amaterasu Sume Omikami took in her hand the precious mirror, and, giving it to Ame no Oshi-ho-mimi no Mikoto, uttered a prayer, saying: -„My child, when thou lookest upon this mirror, let it be as if thou wert looking on me. Let it be with thee on thy couch and in thy hall, and let it be to thee a holy mirror.“
    Bocking 2000, S. 169
  9. Bocking 2000, S. 169 / Aston W.G.(tr.): The Nihongi Tokyo (Tuttle,1972):
    Taka-mi-musubi no Kami accordingly gave command, saying:- „I will set up a Heavenly divine fence and a Heavenly rock-boundary wherein to practise religious abstinence on behalf of my descendants. Do ye, Ame no Koyane no Mikoto and Futo-dama no Mikoto, take with you the Heavenly divine fence, and go down to the Central Land of Reed-Plains. Moreover, ye will there practise abstinence on behalf of my descendants.“
    Bocking 2000, S. 169



Dieser Artikel wurde ursprünglich für das Schwesterprojekt Hachiman-no-pedia verfasst.