Rezension Miyake 2001

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Rezensiertes Werk:

Miyake, Hitoshi (2001). „Shugendō: Essays on the structure of Japanese folk religion.“ Michigan Monograph Series in Japanese Studies, 32. (Rezension.)

Shugendō: Essays on the Structure of Japanese Folk Religion ist eine Sammlung von Essays zur Religion des Shugendō 修験道, die von Miyake Hitoshi ab den 70er Jahren in verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlicht wurden. Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit Shugendō, einem Volksglauben, der von buddhistischen und shintoistischen Einflüssen geprägt wurde. Der Charakter des japanischen Volksglaubens wird im zweiten Abschnitt des Buches näher erläutert.

Einleitung

Shugendō und die japanische Volksreligion stehen in einer engen Beziehung zueinander. Während der Heian-Zeit kultivierten die shugenja 修験者 volksreligiöse Praktiken. Durch asketische Übungen in den Bergen erlangen die shugenja übernatürliche Kräfte, die sie in magisch-religiösen Ritualen verwenden können. Für die Manipulation und Kontrolle dieser Kräfte werden Techniken von Schamanismus, Daoismus und esoterischem Buddhismus herangezogen. Durch die starke Ausbreitung der shugenja im 9. und 10.Jahrhundert bildete sich dann allmählich die Religion Shugendō.

In der Kumano Region liegen die Ursprünge der Shugendō Entwicklung. (Kumano sanzan 熊野三山 – die drei Schreine von Kumano) Die einflussreichsten Formen gibt es in der Kumano Region (Wakayama) und in der Yoshino Region (Nara – Berg Kinbu). Es gibt drei Shugendō Richtungen, die sich dort entwickelten: Honzanha 本山派 (zentrale Organisation der yamabushi 山伏 ; entstand aus dem Kumano Shugen; ging auf die Bedürfnisse der Dorfbewohner ein), Tōzanha 当山派 und Kumano Shugen 熊野修験 (übten starken Einfluss auf die japanische Volksreligion aus)

Bis zur Meiji Restauration entwickelte und verbreitete sich Shugendō ohne allzu große Probleme. Durch die Trennung von Shintō und Buddhismus kam es im fünften Jahr von Meiji zur Abschaffung des Shugendō. Die Lehre von den Shugendō Gottheiten besagte, dass die japanischen Gottheiten Inkarnationen von Buddhas und Bodhisattvas seien. Folglich mussten sich viele Shugendō Schulen den buddhistischen Sekten der Tendai oder der Shingon anschließen und viele Schreine wiederum wurden zu Shinto Schreinen. Nach dem zweiten Weltkrieg war die Gründung einer religiösen Organisation wieder erlaubt und der Shugendō konnte unabhängig werden.

Götter

Kumano sanzan und die Yoshino Region (Berg Kinbu) hatten viele Anbeter, die bei ihren asketischen Übungen in diesen Bergen kleine Bilder von dōji 童子 (Kindergottheit) oder ōji 王子 (Prinzgottheit) bei sich trugen, die ihnen als Schutzgottheiten dienten. Vor allem Kumano entwickelte sich zum Zentrum dieser Verehrung (konkurrierte mit dem Ise Schrein) und es kristallisierten sich die 12 Gottheiten von Kumano heraus. Diese waren unter anderem Erscheinungsformen buddhistischer Gottheiten. (z.B.: Ketsumiko no Kami 家都美御子大神, Hauptgottheit des Hongū Schreins 本宮 auf Kumano, ist eine Manifestation des Amida Buddhas.) Laut dem Autor gibt es einige Probleme beim genaueren Studium der 12 Gottheiten, da sich diese sowohl durch japanische Mythologie als auch buddhistische Doktrinen erklären lassen. Sie weisen daher in ihren Erscheinungsformen viele Gegensätze auf, da sie Eigenschaften heimischer und fremder Gottheiten in sich vereinigen. Auch in ihren Funktionen gibt es unzählige Variationen wie Schutz, Erfolg im Leben, Gesundheit, bis hin zu Orakeln die man vor allem den dōjis verdankt. Auch die Schreinanordnung der Kumano sanzan drückt eine Beziehung zwischen den 12 Gottheiten aus.

Riten

Die Rolle der shugenja, die sich in verschiedenen Gesellschaften (Dörfern etc.) niedergelassen hatten, war das Eingehen auf die täglichen Bedürfnisse dieser Menschen durch Rituale (z.B.: Wahrsagen, Orakel, Gebete, Exorzismus und rituelle Beschwörungen mit Zauberformeln). Zu den vier wichtigsten Aufgaben der Shugenja zählte die Durchführung von Bergaskesen und Pilgermärschen, die Aufsicht von kleinen Schreinen, das Verkünden von Weissagungen und die Anwendung ihrer magisch-religiösen Fähigkeiten. Die Rituale sind der Schlüssel zum Verständnis des Shugendō als populärer Religion. Der Autor hat diese in 13 Kategorien eingeteilt. Einige davon sind:

  • Practices in the Mountains (nyūbu shugyō 入峰修行)
  • Consecration Ceremonies (shōkanjō 正灌頂)
  • Demonstration of Magic-Religious Powers (genjutsu 験術)
  • Prayers of Possession (yorigitō 憑祈禱)

Diese Riten wurden früher auf einem Stück Papier (kirikami 切紙) geschrieben, vom Meister geheim gehalten und nur an den Schüler weitergegeben. Jedes dieser individuellen Rituale erfüllt eine wichtige Funktion und hat ein zentrales Thema, welches auf das tägliche Leben (Bedürfnisse, Probleme etc.) der Gläubigen eingeht.

Ein anderer Weg Shugendō zu verstehen, ist die Beschäftigung mit den asketischen Übungen in den Bergen, da diese die wichtigsten Rituale sind. Da es laut dem Autor ein zu umfangreiches Themengebiet ist, spezialisiert er sich in diesem Buch nur auf die asketischen Praktiken auf dem Berg Ōmine 大峰山 und Haguro 羽黒山, welche sich während des japanischen Mittelalters zum Zentrum dieser Praktiken entwickelt haben.

Das Ziel dieser Übungen ist das Buddha-Werden im eigenen Körper. (sokushin jōbutsu 即身成仏) Mit einfacheren Worten, „die Transformation eines weltlichen Mannes in einen heiligen Mann mit Hilfe eines mystischen Trainings auf einem heiligen Berg.“ Nicht nur im Shugendō sondern auch in der japanischen Religion wird der Berg an sich als etwas Heiliges und Kosmisches angesehen. Ursprünglich dauerte die Periode, in der diese Praktiken vollzogen wurden, von Herbst bist Frühling. Der Höhepunkt dieser Praktiken hat sich jedoch vom Ende des Sommers bis Herbstbeginn verlagert. Die zwei wichtigsten und mystischsten Rituale sind: „The Consecration Rite" und hashiramoto goma 柱源護摩. Am Ende dieser Rituale verwandelt sich der Praktizierende in ein axis mundi (ein kosmischer Berg der Himmel und Erde verbindet) und wird dadurch zu einem allwissenden religiösen Praktiker, welcher alles über den Kosmos weiß und alle Dinge im Kosmos kontrollieren kann. Das Ziel dieser Riten ist also das Erlangen übernatürlicher Kräfte, wie die eines Schamanen, Kräfte, mit denen sie Geister und Gottheiten exorzieren können, und die es ihnen ermöglichen, Feuer zu manipulieren und "in den Himmel fliegen zu können.“

Exorzismus

Eine Missachtung der sozialen Ordnung oder der Verstoß gegen die natürliche Ordnung wie z.B. religiöse Tabus zu brechen, können zu Unglück führen. Besonders der Zorn der Seelen von Verstorbenen, denen nicht eine ordnungsgemäße Verehrung zuteil wurde, wird gefürchtet. Diese können den Menschen schaden, indem sie ihn verfluchen oder seinen Körper in Besitz nehmen. Um einen Exorzismus durchzuführen, geht ein shugenja folgendermaßen vor: Zuerst praktiziert er einen Feuerritus um die Sünden der verfluchten Person zu verbrennen und betet zu den Schutzgöttern des Exorzismus. Anschließend ermittelt er den Grund des Unheils durch Weissagung und schlussendlich vertreibt er dieses durch ein Exorzismusritual.

Kosmische Betrachtungen und göttliche Manifestationen

Yamabushi-Tengu.jpg

Im Shugendō besteht der Kosmos aus der realen Welt und der „Otherworld“, in der Menschen, Geister, Berge, Flüsse etc. ihren Platz haben. Als die „Otherworld“ wurden in Japan seit jeher gefährliche, schwer zu erreichende oder zu durchquerende Orte wie Berge und Meere angesehen und man glaubte, dass diese mysteriösen Orte von den Geistern der Ahnen, den Göttern und bösen Geistern bewohnt wurden. Der Shugendō griff diesen Gedanken auf, wofür heilige Berge wie Ōmine oder Katsuragi 葛城 ein Beispiel geben. Die Idee des Meeres als „Otherworld“ lässt sich hingegen z.B. im Fudarakusenji (Potalaka) 補陀洛山寺 erkennen. Weiters wurden Blumenfelder der himmlischen Welt zugeordnet und Sümpfe wie Abhänge als Abgründe, die zur Höllenwelt führen, identifiziert. In Höhlen sieht man den Zugang zur „Otherworld“. Die Reisen der shugenja in die Berge oder die Askesen, der sie sich dort unterziehen, werden daher als spirituelle Reise wahrgenommen.

Aus der Sicht des Shugendō haben die Menschen denselben Charakter wie Dainichi Nyorai 大日如来, die göttliche Personifizierung des Kosmos. Wird der Mensch sich diesem bewusst, kann er durch Askese die Erleuchtung erlangen. Dieser Gedanke spiegelt sich auch in der Kleidung der shugenja wieder, die eine reichhaltige Symbolik aufweist Das wichtigste Ritual, um die Buddhaschaft zu erlangen ist das jikkai shugyū 十界修行, bei dem 10 rituelle Praktiken angewandt werden, die die 10 Reiche der Welt symbolisieren. Gleichzeitig wurden shugenja, die die Berge bewohnten seit jeher vom Volk als unheimlich betrachtet, wovon Begriffe für diese wie tengu 天狗 oder oni 鬼 zeugen. Sie wurden als Gestalten angesehen, deren Entität zwischen den Aspekten Mensch, Tier und Gottheit schwankte. shugenja, die durch Bergaskese magische Kräfte erlangt haben, setzten diese Fähigkeiten bei verschiedenen Ritualen ein. Am 8. April, dem Tag, an dem die Menschen glauben, dass die Berggottheit die Berge verlässt um die Ernte der Bauern zu beschützen, ist auch jener Tag, an dem shugenja, nachdem sie den Winter im Gebirge in Askese verbracht haben, zurückkehren. Daran lässt sich eine Identifikation mit der Berggottheit erkennen.

Die Verbannung der Frauen vom Berg Sanjō

In dem Buch wird auch das Thema der Frauenverbannung von heiligen Bergen an Hand des Berges Sanjō im Ōmine Gebirge erläutert. Dort versammeln sich seit alter Zeit (spätestens seit Mitte des 10. Jhdt.) Männer zur Askese, abgeschottet von der Welt und ihren Versuchungen, zu denen auch die weiblichen Reize zählen. Hingegen mehrerer Proteste und kurzfristigem gesetzlichen Vorgehen gegen das Verbot (Anfang der Meiji-Zeit) blieb dieses erhalten, wenn es auch in verschiedenster Weise aufgelockert wurde. So ist z.B. nicht mehr der ganze Berg abgesperrt und Frauen dürfen an gewissen Ritualen und Festen teilnehmen. Der Grund für dieses Eingeständnis liegt vor allem daran, dass man durch die Abwanderung der umliegenden Bevölkerung mehr und mehr dazu gezwungen war, auch Frauen mit einzubeziehen wie beispielsweise in dem Forstbetrieb. Anderseits ist das Geschäft mit dem Tourismus für die Gegend immer wichtiger geworden und um mehr Frauen anzuziehen, war man bereit gewisse Lockerungen in Kauf zu nehmen.

Volksreligionen

Im zweiten Teil des Buches beschäftigt er sich mit japanischen Volksreligionen. Zuerst erklärt er essenzielle Begriffe, die für das weitere Verständnis notwendig sind und stellt einen aktuellen Bezug zur heutigen Gesellschaft her, indem er exemplarisch die Riten des Volksglaubens im japanischen Alltag aufzeigt.

Im japanischen Wort für Natur, shizen 自然, sind nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch Himmelskörper (Sonne, Mond und Sterne) und inaktive Substanzen (Luft, Steine, Erde, Wasser und Feuer) enthalten. Danach folgt eine Verbindung zum kami-Glauben, die ja auch in der Natur manifestiert sind, wie heilige Bäumen, Steine etc. und auch in den Himmelskörpern (Amaterasu, Tsukiyomi) sowie Tieren (Taube Symbol des Hachiman).

"Worldly Benefits" sind Dinge, die Menschen mittels der Religion erbitten, um ihr Leben zu erleichtern, wie gute Ernte, leichte Geburt usw. Wenn sie jedoch Fragen bezüglich ihrer Zukunft haben, kaufen sie omikuji 御籤 (geschriebenes Orakel) oder konsultieren einen Wahrsager, wie z.B. shugenja oder miko 巫女. Die Worldly Benefits unterscheiden sich in ihrer Funktion und gehen mit der Zeit mit (z.B. Amulette gegen Autounfälle nach Einführung des Autos).

Traditionelle Religionen, die von den Japanern übernommen wurden, wurden hauptsächlich während der Muromachi und Azuchi-Momoyama Periode geprägt und waren vor allem in ländlichen Gemeinden verbreitet. Nach dem Zusammenbruch des Staats-Shinto wurde versucht, die Menschen wieder für die ursprünglichen Religionen zu begeistern und viele dieser neuen Religionen orientieren sich stark am Schamanismus und den Ideen des Shugendō.

Als Beispiel für heute noch praktizierte Riten beschreibt der Autor den Lebenszyklus eines Menschen. Dieser Zyklus beginnt, in dem ein Geist von einem neugeborenen Baby Besitz ergreift und ihn erst wieder verlässt, wenn dieser Mensch stirbt. Aber der Geist stirbt nicht, sondern er kommt in eine andere Welt und lebt dort weiter durch die Gebete der Hinterbliebenen und wird vielleicht zu einem kami. Beim Begräbnis begibt sich der Geist der toten Person in eine Gedenktafel, der Tote erhält danach einen buddhistischen Namen und wird verbrannt. Danach werden buddhistische Riten an jedem 7. Tag bis zum 49. durchgeführt, an dem die Trauerzeit endet und die Urne mit der Asche ins Grab gelegt wird. Weitere Riten werden am 100. Tag, sowie am ersten, dritten, siebten und dreizehnten Jahrestag durchgeführt. Nach dem 33. Jahrestag wird angenommen, dass der Geist eine Ahnengottheit wird und zu diesem Zweck wird ein sotoba 卒塔婆 (hölzerne Grabmarkierung) von einem lebenden Baum geschnitzt, bei dem noch Blätter und Äste dran sind. Dieser wird neben die Grabstelle gepflanzt und wenn der Baum schließlich Wurzeln bekommt, glaubt man, dass der Geist seine Metamorphose zu einem richtigen kami abgeschlossen hat.

Kommentar

Das Buch bietet einen guten Einblick in den Shugendō und der japanischen Volksreligion. Miyakes Ausführungen sind zwar aufschlussreich und detailliert, wenden sich jedoch an ein Fachpublikum, die dem Laien einen Einstieg in die Materie erschweren. Zwar sind die Essays zu den einzelnen Themenbereichen umfassend und abwechslungsreich dargestellt, aber die innere Kohärenz lässt zu wünschen übrig. Es wäre empfehlenswert gewesen, wenn er die Kapitel mehr miteinander in Einklang gebracht hätte, um mit Hilfe eines roten Fadens dem Leser die Lektüre zu erleichtern. Die zahlreichen Bilder und Grafiken tragen zum besseren Verständnis seiner Ausführungen bei und ermöglichen dem Leser einen Einblick in die verschiedenen Aspekte des Shugendō.



Dieser Artikel wurde ursprünglich für das Schwesterprojekt Hachiman-no-pedia verfasst.