Nationalismus in der Bakumatsu-Zeit

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Nationalismus in der Bakumatsu-Zeit

Unter bakumatsubakumatsu 幕末 Ende des Tokugawa-Shōgunats, 1853–1867 Neue ReligionenShinbutsu bunriTerauke versteht man die Spätzeit des Tokugawa Shogunats (bakufubakufu 幕府 wtl. „Zeltregierung“; Militärregierung, Shōgunat Terauke, 1603–1867), in der es nach einer Friedenszeit von über 250 Jahren zum Verfalls der staatlichen Autorität und zu bürgerkriegsartigen Unruhen kam. Innere Faktoren (Verknöcherung der Bürokratie und des Steuerwesens; unzeit­gemäßes Standes­system), ungünstige Klima­verände­rungen und Erdbeben ( → Ernterückgang → Hungersnöte) und Seuchen (durch Kontakt mit dem Ausland ausgelöst), aber vor allem die Bedrohung durch den Westen erzwangen das Ende der japanischen Isolationspolitik und führten zur Dezentralisierung der staatlichen Autorität.

Perrys zweiter Besuch in Japan (1854) // Lithographie (koloriert) von Wilhelm Heine. 1856 // Bild © US Naval History & Heritage (letzter Zugriff: 2016/9/18) // Im Gebiet des heutigen Yokohama, wo später auch die ersten Ausländerkolonien entstanden, treffen amerikanische Marine Offiziere unter Commodore Perry mit ihren japanischen Verhandlungspartnern zusammen. Das Bild beruht auf einem Aquarell von Wilhelm Heine (1827–1885), einem deutschen Künstler, der Perrys Mission als offizieller „Photograph“ begleitete.
. 1 Perry in Japan

Die Krisensituation spitzte sich 1853 zu, als sich ein amerikanisches Geschwader unter Kommodore Matthew Perry (1794–1858) gewaltsam Zutritt zum Hafen von Uraga nahe EdoEdo 江戸 Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit); ShichigosanMatsuriPhalluskulteMoencheWuerdentraeger... mehr verschaffte. Perry erzwang im Auftrag der amerikanischen Regierung Verhandlungen, die den Amerikanern ein Handels- und Niederlassungsrecht in Japan ermöglichen sollten. 1854 gewährte Japan dieses Recht aus Angst, andernfalls eine ähnliche Situation wie im teilkolonialisierten China heraufzubeschwören. England, Frankreich und Russland erhielten bald ähnliche Privilegien. Dies führte innen­politisch zu enormen Spannungen und starken xenophoben Reaktionen, die den Niedergang des Shogunats beschleunigten. Perry's Kanonenboote, die soge­nannten „Schwarzen Schiffe“ (kurobunekurobune 黒舟 „Schwarze Schiffe“; volkstümliche Bezeichnung für die amerikanischen Kanonenboote, die 1853 die Öffnung Japans erzwangen Staatsshinto), wurden zum Synonym für ein bedrohliches Ausland.

Ab den 1860er Jahren kam es zu gehäuften militärischen Auseinander­setzungen zwischen einzelnen Macht­blöcken in Japan. Angriffe auf Ausländer gab es zwar auch, doch fanden sie zumeist in Form von terroris­tischen Einzel­aktionen statt und wurden von den Behörden streng geahndet. Unabhängig von ihrer ideologischen Position bemühten sich alle Lager um militärische Aufrüstung, was unweigerlich zur Kooperation mit westlichen Mächten führte. Dies setzte eine Spirale der Modernisierung in Gang, die auch nach der politischen Neuordnung von 1868 ungehindert fortgesetzt wurde.

Die wichtigsten politischen Akteure

Chōshū Samurai // Photographie (handkoloriert) von Felice Beato. 1860er Jahre // Bild © Wikimedia Commons (letzter Zugriff: 2016/9/18) // Eine Gruppe junger Samurai bei militärischer Lagebesprechung (1864?). Einige in traditioneller Kleidung, andere teilweise in westlichen Uniformjacken. Der Photograph, Felice Beato, eröffnete 1863 eines der ersten Photostudios in Japan und erhielt schon vor 1868 die Möglichkeit, außerhalb der Ausländerghettos zu photographieren.
. 2 Samurai der Bakumatsu-Zeit
  • Bakufu (Shogunat), vertreten durch Ii NaosukeIi Naosuke 井伊直弼 1800–1860; Staatsmann des Bakufu; wegen pro-amerikanischer Politik ermordet (1815–1860), der die Verhandlungen mit Perry im Alleingang abschloss. Autoritäre Haltung nach innen, kompromissbereit nach außen.
  • Nordosten (Daimyate wie Mito oder Aizu im Norden der Kantō-Region), vertreten durch Feudalherren wie Tokugawa NariakiTokugawa Nariaki 徳川斉昭 1800–1860; Daimyō von Mito; Staatsmann; Vertreter der sonnō jōi-Ideologie Shinbutsu bunri (1800–1860). Autoritäre Haltung nach innen, kompromisslos nach außen.
  • Südwesten (Daimyate Satsuma in Kyushu, Chōshō in West-Honshū, Tosa in Shikoku). Relativ frühe Kontakte mit dem Westen, bakufu-kritisch, reformfreudig. Die meisten sogenannten Meiji-Oligarchen (politische Führer der Meiji-Zeit) stammen aus diesen Regionen.
  • Kaiserlicher Hof (Kyoto), vertreten durch Kōmei TennōKōmei Tennō 孝明天皇 1831–1867; 121. Tennō Japans; (r. 1846–1867); letzter Tennō der Edo-Zeit, Vorgänger und Vater des Meiji Tennō Staatsshinto (1831–1867) oder Iwakura TomomiIwakura Tomomi 岩倉具視 1825–1883; Staatsmann der Meiji-Zeit; Leiter der Iwakura Mission (1871–1873) 5-Artikel-Eid (1825–1883). In der Bakumatsu-Zeit kommt es dank der Tennō-loyalistischen Bewegungen zu einer Politisierung des kaiserlichen Hofes. Ideologisch gibt es eine starke Verbindung nach Mito (Tokugawa Noriaki).

Ideologische Lager

Politische Slogans

  • sonnō jōisonnō jōi 尊王攘夷 „Ehrt den Kaiser, verjagt die Barbaren“; anti-westlicher Slogan des 19. Jh.s (Zitat aus den Frühling- und Herbstannalen des Konfuzius) StaatsshintoKyoiku chokugoShinbutsu bunri, „Ehrt den Kaiser, ver­treibt die Bar­ba­ren!“
  • saisei itchisaisei itchi 祭政一致 Einheit von Ritus und Verwaltung bzw. von Religion und Staat Staatsshinto, „Einheit von Ri­tus und Re­gie­rung“
  • fukoku kyōheifukoku kyōhei 富国強兵 „reiches Land, starkes Heer“; politischer Slogan des 19. Jh.s , „Reiches Land, star­kes Heer“
  • wakon yōsaiwakon yōsai 和魂洋才 „Japanischer Geist, westliche Technik“; politischer Slogan der bakumatsu- und Meiji-Zeit Staatsshinto, „Japa­ni­scher Geist, west­liche Tech­nik“
  • bunmei kaikabunmei kaika 文明開化 „Aufklärung und Öffnung“; Modernisierungs-Slogan des 19. Jh.s , „Aufklä­rung und Öff­nung“
Weitere Schlagworte
  • kokutaikokutai 国体 Nationalwesen, wtl. „Landeskörper“ StaatsshintoKyoiku chokugoJinno shotoki, Landes­körper, Natio­nal­wesen
  • fukko shintōfukko shintō 復古神道 „Restauration des antiken Shintō“; Restaurations-Shintō Shinbutsu bunri, Restau­ra­tions Shinto
  • karagokorokaragokoro 唐心/漢意 „chinesischer Geist“; xenophober Begriff der kokugaku , „chine­si­scher Geist“
  • yamato-damashiiyamato-damashii 大和魂 „japanischer Geist“; Japanertum; nationalistisches Schlagwort oder yamato-gokoro, „ja­pa­ni­scher Geist“
  • rangakurangaku 蘭学 „Holland Studien“; in der Edo-Zeit: westliche Wissenschaft; der Namen erklärt sich aus der Tatsache, dass es im Edo-zeitlichen Japan den Holländern als einziger westlicher Nation gestattet war, Handelsverbindungen mit Japan zu unterhalten. , westliche Wis­sen­schaf­ten

Hirata Schule

Die „Nationalen Studien“ (kokugakukokugaku 国学 „Lehre des Landes“, Nationale Schule, Nativismus; in der Edo-Zeit entstandene Gelehrtentradtion, die ihren Fokus auf das nationale Erbe Japans richtete OkuninushiKokugakuShinto MittelalterStaatsshinto... mehr) erfreuten sich gegen Ende der Edo-Zeit insgesamt steigender Beliebtheit, doch beschränkten sich die meisten Vertreter auf die Produktion von gelehrten Abhandlungen, Gedichten und Romanen. Innerhalb der Schule des Hirata AtsutaneHirata Atsutane 平田篤胤 1776–1843; Kokugaku-Gelehrter KokugakuShinto MittelalterShinbutsu bunriJenseits kam es jedoch zu einer starken Politisierung, die auf einen Sturz des Shugunats und eine Regierung unter kaiserlicher Führung ausgerichtet war.

Zu den Forderungen der Hirata Schule zählte der Slogan saisei itchisaisei itchi 祭政一致 Einheit von Ritus und Verwaltung bzw. von Religion und Staat Staatsshinto, „Einheit von Ritus und Regierung“, also die politische und religiöse Autorität geeint in der Person des Tennō. Als Wertesystem schwebte Hirata die religiöse Welt Japans vor jeglichem buddhistischen und chinesischem Einfluss vor. Man sprach von der „Wiederherstellung des antiken Shinto“ (fukko shintōfukko shintō 復古神道 „Restauration des antiken Shintō“; Restaurations-Shintō Shinbutsu bunri), die in den ersten Jahren der Meiji-Zeit dann tatsächlich zu den politischen Agenda der neuen Regierung zählte.

Wie schon Motoori NorinagaMotoori Norinaga 本居宣長 1730–1801; Shintō-Gelehrter der „nationalen Schule“ (Kokugaku) KokugakuShinto MittelalterShintoGoetter des Himmels... mehr idealisierte Hirata Atsutane den vorgeblich schlichten, reinen „japanischen Geist“ (yamato-damashiiyamato-damashii 大和魂 „japanischer Geist“; Japanertum; nationalistisches Schlagwort oder yamatogokoro), der ohne komplizierte Lehrsätze spontan zu richtigen Entscheidungen finden würde, im Kontrast zum „chinesischen Geist“ (karagokorokaragokoro 唐心/漢意 „chinesischer Geist“; xenophober Begriff der kokugaku ), der moralische Entscheidungen durch Bücherwissen unnötig verkomplizieren würde. Damit war eine Kritik am Konfuzianismus und natürlich auch am Buddhismus verbunden.

Den größten Einfluss hatte die Hirata Schule in „bürgerlichen“ und bäuerlichen Kreisen sowie in der Welt der Shinto-Schreine. Hier konnte Hirata Atsutane seine Stellung festigen, indem er zeitweise als Leiter der familieneigenen Shinto-Akademien der Priesterdynastien Yoshida und Shirakawa fungierte. Unter Atsutanes Adoptivsohn Hirata KanetaneHirata Kanetane 平田鉄胤 1799–1880; Kokugaku-Gelehrter wurde Hirata zu einer alles überragenden Gründerfigur stilisiert, während es gelang ein überregionales Netzwerk an Schülern und Sponsoren aufzubauen. Zwischen Atsutanes Tod im Jahr 1843 und der Blüte-Zeit der Schule in der frühen Meiji-Zeit erhöhte sich die Anzahl zahlender Schüler von 500 auf 4000.

Späte Mito Schule

Die Späte Mito Schule hatte, im Gegensatz zur Hirata Schule, einen definitiven regionalen Kern in Mito, der Hauptstadt des Damyats Mito. Seit Tokugawa MitsukuniTokugawa Mitsukuni 徳川光圀 1628–1701; Daimyō von Mito-han, konfuzianischer Gelehrter und Historiker Neo-KonfuzianismusDainihonshiShinbutsu bunri widmete sich die Gelehrtentradition in Mito vornehmlich dem gigantischen Geschichtswerk Dai Nihon-shiDai Nihon-shi 大日本史 Gesamtdarstellung der japanischen Geschichte bis 1392 in 397 Bänden, verfasst zw. 1657 und 1906 Neo-KonfuzianismusDainihonshi. Doch auch in Mito kam es unter dem oben erwähnten Tokugawa Nariaki, einem Nachfahren des Mitsukuni, zu einer starken Politisierung. Der Mito-Gelehrte Aizawa SeishisaiAizawa Seishisai 会沢正志斎 1781–1863; Gelehrter der Mito Schule; wichtiger Vertreter der sonnō jōi-Ideologie trug durch seine „Neuen Thesen“ (Shinron, 1825) zur Verbreitung des Slogans sonnō jōisonnō jōi 尊王攘夷 „Ehrt den Kaiser, verjagt die Barbaren“; anti-westlicher Slogan des 19. Jh.s (Zitat aus den Frühling- und Herbstannalen des Konfuzius) StaatsshintoKyoiku chokugoShinbutsu bunri („Ehrt den Kaiser, vertreibt die Barbaren!“) bei, der besonders nach 1853/54 (Perry) in ganz Japan widerhallte. Während die daran zum Ausdruck gebrachte, radikal fremdenfeindliche Haltung nach der Meiji-Restauration (1868) rasch in den Hintergrund trat, erfuhr ein weiterer, von Aizawa popularisierter Terminus umso mehr Aktualität, nämlich kokutaikokutai 国体 Nationalwesen, wtl. „Landeskörper“ StaatsshintoKyoiku chokugoJinno shotoki (wtl. „Landes-Körper“). Damit war im Wesentlichen die spezifische, angeblich unvergängliche Position des Tennō in der japanischen Geschichte und Kultur gemeint, doch erhielt der Terminus im Kontext des modernen Nationalismus verschiedene ideologische Schattierungen.

Beide Begriffe stammen im übrigen aus konfuzianischen Klassikern. Daran zeigt sich bereits, dass die Mito-Schule nicht auf das Reservoir traditioneller konfuzianischer Werte verzichten wollte, auch wenn sie ebenso wie die kokugaku den Buddhismus kritisierte und dem Shinto nahe stand. Die Mischung aus konfuzianischer Moral und nationalen Mythen, die in der Mito Schule perfektioniert wurde, ist bis heute ein Markenzeichen konservativ-nationalistischer Kreise in Japan.

Mit der Gründung einer neuen Akademie, dem KōdōkanKōdōkan 弘道館 Akademie der Mito-Schule; wtl. Schule zur Verbreiterung des Weges; gegr. 1841 von Tokugawa Nariaki (1841), wurden die politischen Visionen der späten Mito Schule institutionalisiert und verdrängten den historiographischen Ansatz der frühen Zeit. Neben Aizawa etablierte sich auch Fujita Tōko (1806–1855) als prononcierter Vertreter eines Tennō-zentrierten und zugleich konfuzianischen Nationalismus.

In realpolitischer Hinsicht unterschied sich die Mito Ideologie allerdings auch insofern von der Hirata Schule, als es nie um die Abschaffung des Shogunats ging. Es sollte lediglich die Hierarchie zwischen Tennō und Shōgun symbolisch deutlicher zum Ausdruck gebracht werden. Tokugawa Nariaki sah darin explizit ein Mittel, um den Gedanken der Loyalität zwischen Shogun und Kriegerkaste auch innerhalb des Verbandes der Daimyō wieder stärker zu akzentuieren. Im übrigen versuchte er, durch politische Pakte mit dem Kaiserhof seine eigene Position innerhalb des Tokugawa Sippenverbandes zu stärken.

Aufstand der Tengu-Partei, 1864 // Farbholzschnitt (Papier, Farbe) von Utagawa Kuniteru (1808–1876) // Bild © Wikimedia Commons (letzter Zugriff: 2016/9/18) // Aufständische Vassallen von Mito in einer militärischen Konfrontation mit den Truppen des bakufu, die als Aufstand der Tengu-Partei (tengu-tō no ran, 1864–65) in die Geschichte einging. Auf ihrem Banner haben die Tennō-treuen Mito-Kämpfer den Wahlspruch sonnō jōi, „Ehrt den Kaiser, verjagt die Barbaren“, angebracht. In diesem Fall kämpfte aber selbst das Fürstenhaus von Mito auf der Seite des Shōgunats gegen die eigenen Vasallen.
. 3 Mito Kämpfer unter dem Banner sonnō jōi

Nicht nur ideologisch, sondern auch militärisch zählten Nariaki und seine Vasallen aus Mito zu den schlagkräftigsten Vertretern der sonnō jōi Bewegung. Empört über die aus ihrer Sicht übereilten Verträge mit den Westmächten gelang es einigen Mito Samurai den politischen Hauptverantwortlichen, Ii Naosuke, 1860 zu ermorden. Nariaki, der im gleichen Jahr eines natürlichen Todes starb, wurde daraufhin zum wiederholten Male aus der Hauptstadt Edo in seine Provinz verbannt, doch ansonsten fiel die Reaktion des Bakufu verhältnismäßig milde aus und der politische Einfluss Mitos nahm zu.

1867 sollten Nariakis realpolitische Ziele schließlich Realität werden, als sein Sohn YoshinobuTokugawa Yoshinobu 徳川慶喜 1837–1913; letzter Tokugawa-Shōgun aus der Linie der Mito Tokugawa; (r. 1866–1867); auch Tokugawa Keiki (auch: Keiki) zum neuen Shogun gekürt wurde. Doch wurde seine Regierung nach kaum einem Jahr durch den Putsch Tennō-loyaler Truppen aus West-Japan beendet. Während eine Art Kompromiss zwischen Bakufu und Tennō-Restauration für kurze Zeit möglich schien, kam es 1868 schließlich doch zu einem kurzen, aber heftigen Bürgerkrieg, in dem sich die Mito Anhänger als Feinde des Tennō wiederfanden. In der Meiji-Zeit wurde die Mito Schule allerdings schon bald wieder rehabilitiert.

Reformer

Der Westen Japans wurde traditionell von Familien beherrscht, die die Tokugawa zu den tozama daimyō zählten. Es waren dies wörtlich „entfernte Landesfürsten“, deren Vorfahren einst gegen die Tokugawa gekämpft hatten. Sie waren daher politisch isoliert, doch dank der Nähe zum Kontinent und der damit verbundenen Kontrolle von Handelsrouten gelang es ihnen in der Bakumatsu-Zeit, die wirtschaftlichen Probleme des Landes besser zu meistern als andere Regionen.

Ähnlich wie Mito etablierten auch die westlichen Daimyate regionale Akademien, in denen allerdings auch „holländische Studien“ (rangakurangaku 蘭学 „Holland Studien“; in der Edo-Zeit: westliche Wissenschaft; der Namen erklärt sich aus der Tatsache, dass es im Edo-zeitlichen Japan den Holländern als einziger westlicher Nation gestattet war, Handelsverbindungen mit Japan zu unterhalten. ) gelehrt wurden. Darunter verstand man sämtliche aus Europa und Amerika stammende Wissensgebiete, im besonderen aus dem naturwissenschaftlichen Bereich. Diese Studien wurden vor allem in Hinblick auf die Modernisierung des Militärs voran getrieben. Die größere Offenheit gegenüber westlichen Technologien dürfte wohl auch der Grund dafür gewesen sein, warum sich Truppen aus West-Japan schließlich in der Meiji-Restauration durchsetzen konnten.

Ideologisch waren aber auch die meisten Intellektuellen aus West-Japan durch den sonnō jōi Slogan geprägt. Auch im Lager der Reformer oder Modernisierer sah man also die Wiederherstellung der kaiserlichen Autorität und den Hinauswurf der Westmächte als oberstes Ziel an. Der Unterschied lag in der Wahl der Mittel bzw. in der Bereitschaft, vom westlichen Feind zu lernen.

Yoshida Shōin

Yoshida Shōin (1830–1859) // Retouchiertes Photo? s/w // Bild © Kindai Nihonjin no shōzō, National Diet Library (letzter Zugriff: 2016/9/18) // Der politische Reformer und Wegbereiter der Meiji Restauration Yoshida Shōin.
. 4 Yoshida Shōin

Yoshida ShōinYoshida Shōin 吉田松陰 1830–1859; Gelehrter der westlichen Wissenschaften; Aktivist der sonnō jōi-Ideologie (1830–1859) ist der bekannteste Vertreter der west­japa­nischen sonnō jōi-Bewe­gung. Er hatte einen beson­ders nach­haltigen Einfluss, da ein hoher Anteil von Politi­kern der Meiji-Zeit, ange­fangen von Premier Itō HirobumiItō Hirobumi 伊藤博文 1841–1909; Staatsmann; Premierminister der Meiji-Zeit , einst zu seinen Schülern gezählt hatten. Er starb aller­dings schon in jungen Jahren als poli­tischer Häftling des Shogunats und wird daher auch als „Märty­rer der Meiji-Restau­ration“ be­zeich­net.

Shōin stammte aus Hagi, dem Zentrum des Daimyats Chōshū (heute Yamaguchi-ken) im äußers­ten Westen der Haupt­insel Honshū. Schon als Jugend­licher stu­dierte und lehrte er an einer Art Militär­aka­demie in Hagi, geriet aber auch unter den Einfluss von Sakuma Shōzan (1811–1864), der kon­fuzia­nische Studien mit west­licher Natur­wissen­schaft verband. 1854 (mit vier­und­zwanzig) fasste Shōin den Ent­schluss, heimlich auf Perry's Schif­fen nach Amerika zu reisen, um die westlichen Wissen­schaf­ten aus nächster Nähe kennen zu lernen. Nach­dem der Plan ver­eitelt wurde, ver­brachte Shōin die meiste Zeit seines restlichen Lebens unter Arrest. In Hagi bedeutete dies jedoch nicht, dass er auf Lehre und Studium verzichten musste, im Gegenteil, er verwandelte seine Zelle – mit wohlwollender Duldung des Landesfürsten – in eine Gelehrtenstube und begann einen rasch wachsenden Schülerkreis um sich zu scharen. Kaum in Freiheit, schmiedete er ein Mord-Komplott gegen Ii Naosuke (s.o.), das wiederum scheiterte und ihm weitere komfortable Gefängnisaufenthalte in Hagi bescherte. Ii Naosuke verlangte jedoch im Zuge der „Säuberung der Ansei-Ära“ Shōins Auslieferung nach Edo, die mit der Hinrichtung Yoshida Shōins endete.

Trotz seines radikalen Anti-Ausländer Aktivismus wirkt Shōin weniger fremdenfeindlich als etwa die Mito-Schule, da er sich für eine Öffnung des Landes und eine Auseinandersetzung mit der westlichen Kultur und Technik engagierte. Seine Haltung lässt sich mit den Slogans fukoku kyōheifukoku kyōhei 富国強兵 „reiches Land, starkes Heer“; politischer Slogan des 19. Jh.s und wakon yōsaiwakon yōsai 和魂洋才 „Japanischer Geist, westliche Technik“; politischer Slogan der bakumatsu- und Meiji-Zeit Staatsshinto beschreiben, die etwa zu dieser Zeit entstanden. In letzter Konsequenz nahm Shōin jedoch bereits den Kolonialismus des zwanzigsten Jahrhunderts vorweg, indem er das Ziel vorgab, sich westliche Technologien anzueignen, um selbst in der Lage zu sein, benachbarte Länder zu anektieren und zur Weltmacht aufzusteigen.1

Shōin akzentuierte also die reformistischen Aspekte der sonnō jōi Ideologie, die vor und während des Umschwungs von 1868 tatsächlich Gestalt annahmen:

  • Tennō-Zentrismus (sonnō) als Mittel der Zentralisierung von staatlicher Gewalt und
  • Studium des Westens, um gegen Angriffe der „Barbaren“ (jōi) gewappnet zu sein.

Unter seinen Schülern gab es sicher einige, die das später aufkommenden Schlagwort bunmei kaikabunmei kaika 文明開化 „Aufklärung und Öffnung“; Modernisierungs-Slogan des 19. Jh.s , „Aufklärung und Öffnung“, so breit interpretierten, dass es zur Geringschätzung eigener Traditionen und Bräuche kam. Diese Identifikation mit einer als höher und mächtiger empfundenen Kultur war bei Shōin sicher noch nicht absehbar. Doch insgesamt folgte die Meiji-Politik in erstaunlich hohem Maß den Leitlinien, die Yoshida Shōin sowohl in seien Schriften als auch in seinem politischen Aktivismus vorgegeben hatte.

Verweise

Fußnoten

  1. „[Wir müssen] die Mandschrei besetzen und Russland bedrohen, Korea unterwerfen und uns China zuwenden, die Südinseln in Besitz nehmen und Indien angreifen.“ Brief an Yamada Raiki, 1856, zitiert nach Dumoulin 1939. Heinrich Dumoulins Aufsatz ist im übrigen ein gutes Beispiel für die kritiklose Verherrlichung von Shōins Patriotismus durch einen führenden deutschen Japanologen der Zwischenkriegszeit.

Bilderläuterungen

  1. Perry 1854.jpg
    Perrys zweiter Besuch in Japan (1854) // Lithographie (koloriert) von Wilhelm Heine. 1856 // Bild © US Naval History & Heritage (letzter Zugriff: 2016/9/18) // Im Gebiet des heutigen Yokohama, wo später auch die ersten Ausländerkolonien entstanden, treffen amerikanische Marine Offiziere unter Commodore Perry mit ihren japanischen Verhandlungspartnern zusammen. Das Bild beruht auf einem Aquarell von Wilhelm Heine (1827–1885), einem deutschen Künstler, der Perrys Mission als offizieller „Photograph“ begleitete.
  2. Choshu samurai.jpg
    Chōshū Samurai // Photographie (handkoloriert) von Felice Beato. 1860er Jahre // Bild © Wikimedia Commons (letzter Zugriff: 2016/9/18) // Eine Gruppe junger Samurai bei militärischer Lagebesprechung (1864?). Einige in traditioneller Kleidung, andere teilweise in westlichen Uniformjacken. Der Photograph, Felice Beato, eröffnete 1863 eines der ersten Photostudios in Japan und erhielt schon vor 1868 die Möglichkeit, außerhalb der Ausländerghettos zu photographieren.
  3. Tengu no ran.jpg
    Aufstand der Tengu-Partei, 1864 // Farbholzschnitt (Papier, Farbe) von Utagawa Kuniteru (1808–1876) // Bild © Wikimedia Commons (letzter Zugriff: 2016/9/18) // Aufständische Vassallen von Mito in einer militärischen Konfrontation mit den Truppen des bakufu, die als Aufstand der Tengu-Partei (tengu-tō no ran, 1864–65) in die Geschichte einging. Auf ihrem Banner haben die Tennō-treuen Mito-Kämpfer den Wahlspruch sonnō jōi, „Ehrt den Kaiser, verjagt die Barbaren“, angebracht. In diesem Fall kämpfte aber selbst das Fürstenhaus von Mito auf der Seite des Shōgunats gegen die eigenen Vasallen.
  4. Yoshida shoin.jpg
    Yoshida Shōin (1830–1859) // Retouchiertes Photo? s/w // Bild © Kindai Nihonjin no shōzō, National Diet Library (letzter Zugriff: 2016/9/18) // Der politische Reformer und Wegbereiter der Meiji Restauration Yoshida Shōin.
Ikonographie 
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„Bakumatsu-Zeit, 1853–1868 Aufbruch in eine neue Ära.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 19.11.2014). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Bakumatsu?oldid=44086