Geschichte/Christentum/Christenverfolgung: Unterschied zwischen den Versionen

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{{fl|I}}m Zuge der Verfolgung des Christentums, die ab 1614 systematisch in Japan durchgeführt wurde, entstanden unterschiedliche Methoden um Christen auszuforschen und dingfest zu machen. Abgesehen von Folter und physischer Vernichtung spielten auch subtilere Techniken eine Rolle. Dazu zählten:
  
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Mitunter versuchte man Christen nicht nur durch Strafen, sondern auch durch Be·loh·nungen ding·fest zu machen. Öffentlich auf·gestellte Ve·rordnungen legten detailliert fest, welches Kopf·geld auf die Anzeige von Christen aus·ge·setzt wurde.  
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Mitunter versuchte man Christen nicht nur durch Strafen, sondern auch durch Be·loh·nungen ding·fest zu machen. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts wurden regelmäßig Verordnungen auf Holztafeln veröffentlicht, die detailliert festlegten, welches Kopf·geld auf die Anzeige von Christen aus·ge·setzt wurde.  
 
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Auch wenn der An·zei·gende selbst Christ ist, bekommt er 500 Silbermünzen oder den der Anzeige ent·sprechenden Betrag. Wenn jemand aber einen Priester oder Mönch ver·steckt, so wird auch der Vor·steher ({{g|nanushi}}) seines Dorfes, die Nach·bar·schafts·gruppe ({{g|goningumi}}) und die ganze Ver·wandt·schaft bestraft.
 
Auch wenn der An·zei·gende selbst Christ ist, bekommt er 500 Silbermünzen oder den der Anzeige ent·sprechenden Betrag. Wenn jemand aber einen Priester oder Mönch ver·steckt, so wird auch der Vor·steher ({{g|nanushi}}) seines Dorfes, die Nach·bar·schafts·gruppe ({{g|goningumi}}) und die ganze Ver·wandt·schaft bestraft.
  
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右之通可被下之たとひ同宿并宗門之内たりといふとも訴人に出る品により銀五百枚可被下之隠置他所よりあらはるゝにおゐては其所之名主并五人組迄一類ともに 可被処厳科者也仍下知如件
 
右之通可被下之たとひ同宿并宗門之内たりといふとも訴人に出る品により銀五百枚可被下之隠置他所よりあらはるゝにおゐては其所之名主并五人組迄一類ともに 可被処厳科者也仍下知如件
  
天和二年五月日
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Version vom 7. November 2019, 19:04 Uhr

Christenverfolgung in der Edo-Zeit
Martyrium der Jesuiten, 1622 // Gemälde (Öl auf Japanpapier). Edo-Zeit, 17. Jh., Rom, Chiesa Il Gesù; 126 x 170cm // Bild © navstory.co (letzter Zugriff: 2019/11/7) // Das Gemälde stammt von einem unbekannten Maler, wahrscheinlich ein japanischer Christ, der von den Jesuiten ausgebildet wurde. Es dokumentiert die Massenhinrichtung von Jesuiten und ihren Anhängern am 10. Sept 1622 in Nishisaka, dem damaligen Richtplatz von Nagasaki. Das Christentum in Japan war zunächst 1587 verboten worden, 1614 wurde das Verbot erneuert und ab da konsequent durchgesetzt. Nach 1638 hielten sich nur noch versprengte Gemeinden von Untergrund-Christen (kakure kirishitan).
. 1 Hinrichtung von Christen, 1622

Im Zuge der Verfolgung des Christentums, die ab 1614 systematisch in Japan durchgeführt wurde, entstanden unterschiedliche Methoden um Christen auszuforschen und dingfest zu machen. Abgesehen von Folter und physischer Vernichtung spielten auch subtilere Techniken eine Rolle. Dazu zählten:

  • Apostasie-Schwur
  • „Bildertreten“, fumiefumie 踏み絵 „Bildertreten“; Zwangsmaßnahme zur Entlarvung von Christen Christentum (oder ebumi)
  • „Fünf-Mann Gruppen“, goningumigoningumi 五人組 Nachbarschaftsgruppe; wtl. „Fünfergruppe“ Terauke
  • Kopfgeld
  • Glaubensbestätigung durch buddhistische Tempel

Innerhalb dieser Methoden war es das System der Glaubensbestätigung durch buddhistische Tempel (terauke seidoterauke seido 寺請制度 System der Tempel-Bestätigungen DainihonshiStaatsshintoShinbutsu bunriTerauke), welches sich schließlich als wichtigstes Instrument der religiösen Kontrolle durchsetzte. Es diente auch als generelles Mittel der Verwaltung und Kontrolle und wird daher auf einer eigenen Hauptseite, Inquisition, genauer erläutert. Die anderen Methoden werden auf dieser Seite kurz aufgelistet.

Apostasie-Schwur

Ein eher in der Oberschicht von Kyoto verbreitetes Verfahren sah vor, dass ehemalige Christen, die ihrem Glauben freiwillig abschwuren, schriftliche Eide leisten mussten, die in der Formulierung endeten:

Sollte ich je zum Christentum zurückkehren, werde ich nach meinem Tod in die Hölle fahren [...] und dort die Qualen der fünf Kälten und drei Hitzen durch die Hände der Höllenteufel erfahren. 1

Dieses Verfahren machte sich zunutze, dass ähnliche Höllenvorstellungen sowohl im Christentum als auch im Buddhismus existierten.

Bildertreten

Pieta als fumie // Relief, fumie. 16.–17. Jh.; 18,8 x 13,8cm // Bild © Tokyo National Museum (letzter Zugriff: 2019/11/3) // Medaillon aus Bronze mit Pieta-Motiv (Maria und Jesus), wahrscheinlich in Europa hergestellt, aber in Japan als „Tretbild“ (fumie) verwendet. In der Edo-Zeit mussten Menschen, die im Verdacht standen Christen zu sein, auf solche Bilder treten, um zu beweisen, dass sie dem Christentum abgeschworen hatten. Das Medaillon trägt Spuren deutlicher Abnützung.
. 2 Fumie mit Pieta
Tretbild mit Marienmotiv // Relief, fumie (Bronze). 17. Jh.; 10,8 × 7,6cm // Bild © Tokyo National Museum (letzter Zugriff: 2019/11/3) // Marienmedaillon aus Bronze, wahrscheinlich in Europa hergestellt, aber in Japan in ein Holzbrett eingefasst, um als „Tretbild“ (fumie) zu fungieren. In der Edo-Zeit mussten Menschen, die im Verdacht standen Christen zu sein, auf solche Bilder treten, um zu beweisen, dass sie diese nicht in Ehren hielten. Das Medaillon trägt Spuren deutlicher Abnützung.
. 3 Fumie mit Maria

Das Bildertreten (fumiefumie 踏み絵 „Bildertreten“; Zwangsmaßnahme zur Entlarvung von Christen Christentum) wurde zunächst in Nagasaki, dem einstigen Zentrum des japanischen Christentums, unter der Regie des Stadtverwalters und Christenbekämpfers Mizuno MorinobuMizuno Morinobu 水野守信 1577–1637; Staatsbeamter der frühen Edo-Zeit, 1626–28 Verwalter von Nagasaki (Nagasaki bugyō); für die Einführung von fumie verantwortlich entwickelt. Verdächtige wurden genötigt, auf ein Bild — meist ein Medaillon aus Metall — mit christlichem Motiv (Jesus, Maria oder Kreuz) zu treten. Wer sich weigerte oder zögerte, entlarvte sich als Christ und musste mit der Todesstrafe, zumeist sogar mit Kreuzigung rechnen. In Nagasaki wurde das fumie mit der Zeit sogar zu einem routinemäßigen Brauch.2 Zugleich sorgte es dafür, dass das Christentum nie ganz in Vergessenheit geriet und mitunter eine neue, mysteriöse Anziehungskraft entwickelte.

Fünferschaften

Die Idee einer wechselseitigen Kontrolle durch sogenannte Fünferschaften (goningumigoningumi 五人組 Nachbarschaftsgruppe; wtl. „Fünfergruppe“ Terauke) soll ebenfalls im Zuge der Bekämpfung des Christentums entstanden sein und auf Sakai TadakatsuSakai Tadakatsu 酒井忠勝 1587–1662; Staatsbeamter und Daimyō; 1624–1638 Mitglied des obersten Regierungsrats (rōjū) , einen Daimyo und Beamten der frühen Edo-Zeit, zurückgehen.3 Er organisierte alle Haushaltsvorstände in seinem Lehen in Fünfergruppen und verfügte, dass jedes Mitglied einer solchen Gruppe und sämtliche Familienmitglieder strengste Strafen zu befürchten hätten, wenn auch nur einer unter ihnen Christ sein sollte. Diese Form der wechselseitigen Kontrolle wurde bald auch in anderen Teilen des Landes übernommen. Die damit verbundene Sippenhaftung schloss mitunter auch die jeweiligen Dorfvorstände und die lokalen Tempel mit ein. Dieses System entwickelte sich später unabhängig von anti-christlicher Überwachung zu einem autonomen Nachbarschaftsgruppen-System, das sowohl Kontrolle als auch Unterstützung beinhaltet und teilweise noch heute in Japan existiert.

Kopfgeld

Mitunter versuchte man Christen nicht nur durch Strafen, sondern auch durch Be­loh­nungen ding­fest zu machen. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts wurden regelmäßig Verordnungen auf Holztafeln veröffentlicht, die detailliert festlegten, welches Kopf­geld auf die Anzeige von Christen aus­ge­setzt wurde.

Verordnung

Auf der oben ab­ge­bildeten Holztafel aus dem Jahr 1711 ist folgendes zu lesen:

Verordnung

Der christliche Glaube (kirishitan shūmonkirishitan shūmon キリシタン宗門 Christentum im feudalen Japan; wtl. christliche Sekte ) ist seit langem verboten. Wer einen Verdächtigen entdeckt, muss ihn den Be­hörden melden. Als Be­lohnung gibt es

500 Siber­münzen für die An­zeige eines Priesters (baterenbateren 伴天連 christlicher Priester; Missionar )
300 Silbermünzen für die An­zeige eines Mönchs­bruders (irumaniruman イルマン/以留満 christlicher Mönchsbruder/Pater im feudalen Japan; wtl. Pater oder Bruder )
den gleichen Betrag für einen Re­kon­ver­tierten (tachikaerimonotachikaerimono 立ち返り者 wtl. sofortiger Rückkehrer; rekonvertierter (Christ); Person, die (dem Christentum) abschwört, es aber heimlich weiter praktiziert )
100 Silber­münzen für einen Laien.

Auch wenn der An­zei­gende selbst Christ ist, bekommt er 500 Silbermünzen oder den der Anzeige ent­sprechenden Betrag. Wenn jemand aber einen Priester oder Mönch ver­steckt, so wird auch der Vor­steher (nanushinanushi 名主 Dorfvorstehender; Dorfoberster zur Edo-Zeit ) seines Dorfes, die Nach­bar­schafts­gruppe (goningumigoningumi 五人組 Nachbarschaftsgruppe; wtl. „Fünfergruppe“ Terauke) und die ganze Ver­wandt­schaft bestraft.

Shōtoku 1 (1711), 5. Monat Verwaltungsbehörde


切支丹宗門は累年御制禁たり自然不審成もの有之は申出へし御ほうびとして

はてれんの訴人 銀五百枚
いるまんの訴人 銀三百枚
立かへり者の訴人 同断
同宿并宗門の訴人 銀百枚

右之通可被下之たとひ同宿并宗門之内たりといふとも訴人に出る品により銀五百枚可被下之隠置他所よりあらはるゝにおゐては其所之名主并五人組迄一類ともに 可被処厳科者也仍下知如件

正徳元年五月 奉行

Quelle: 26 Martyrs Musem, Nagasaki [2010/8]

Verweise

Fußnoten

  1. Hur 2007, S. 46
  2. Dies lässt sich unter anderem den Japan-Beschreibungen von Engelbert Kaempfer entnehmen.
  3. Hur 2007, S. 62.

Bilderläuterungen

  1. Nagasaki martyrs 1622.jpg
    Martyrium der Jesuiten, 1622 // Gemälde (Öl auf Japanpapier). Edo-Zeit, 17. Jh., Rom, Chiesa Il Gesù; 126 x 170cm // Bild © navstory.co (letzter Zugriff: 2019/11/7) // Das Gemälde stammt von einem unbekannten Maler, wahrscheinlich ein japanischer Christ, der von den Jesuiten ausgebildet wurde. Es dokumentiert die Massenhinrichtung von Jesuiten und ihren Anhängern am 10. Sept 1622 in Nishisaka, dem damaligen Richtplatz von Nagasaki. Das Christentum in Japan war zunächst 1587 verboten worden, 1614 wurde das Verbot erneuert und ab da konsequent durchgesetzt. Nach 1638 hielten sich nur noch versprengte Gemeinden von Untergrund-Christen (kakure kirishitan).
  2. Fumie pieta.jpg
    Pieta als fumie // Relief, fumie. 16.–17. Jh.; 18,8 x 13,8cm // Bild © Tokyo National Museum (letzter Zugriff: 2019/11/3) // Medaillon aus Bronze mit Pieta-Motiv (Maria und Jesus), wahrscheinlich in Europa hergestellt, aber in Japan als „Tretbild“ (fumie) verwendet. In der Edo-Zeit mussten Menschen, die im Verdacht standen Christen zu sein, auf solche Bilder treten, um zu beweisen, dass sie dem Christentum abgeschworen hatten. Das Medaillon trägt Spuren deutlicher Abnützung.
  3. Fumie maria.jpg
    Tretbild mit Marienmotiv // Relief, fumie (Bronze). 17. Jh.; 10,8 × 7,6cm // Bild © Tokyo National Museum (letzter Zugriff: 2019/11/3) // Marienmedaillon aus Bronze, wahrscheinlich in Europa hergestellt, aber in Japan in ein Holzbrett eingefasst, um als „Tretbild“ (fumie) zu fungieren. In der Edo-Zeit mussten Menschen, die im Verdacht standen Christen zu sein, auf solche Bilder treten, um zu beweisen, dass sie diese nicht in Ehren hielten. Das Medaillon trägt Spuren deutlicher Abnützung.

Literatur

Nam-lin Hur 2007
Death and Social Order in Tokugawa Japan: Buddhism, Anti-Christianity, and the Danka System. Cambridge, MA: Harvard University Press 2007.
Geschichte/Christentum (zurück zum Hauptartikel)
Ikonographie 
Diese Seite zitieren
„Christenverfolgung in der Edo-Zeit.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 7.11.2019). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Christentum/Christenverfolgung?oldid=73198