Ikonographie/Myoo

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Fudō Myōō &Co

  • daiitoku_myoo.jpg
    Daiitoku (skt.Yamantaka).
    Statue, myōō (Holz), Detail. Kamakura-Zeit, 13. Jh.; 137 x 64 x 92 cm
    Bild © Ruth and Sherman Lee Institute. (Letzter Zugriff: 2016/8).

    Daiitoku (skt. Yamantaka), ein myōō mit sechs Köpfen, sechs Beinen und sechs Armen.

  • aizen_bm.jpg
    Aizen Myōō mit Löwenkappe und Vajras in den Händen
    Holzskulptur 13.Jh., Kei-Schule
    Bild © British Museum [2010/9]
  • gosanze_myoo.jpg
    Bezwinger der drei Welten (Gōsanze Myōō).
    Statue, myōō. 14. Jh.; Mudō-ji, Berg Hiei; Holz
    Bild © Kyōto National Museum, Saichō and Treasures of Tendai (Ausstellungskatalog) 2005, S. 165.

    Gōzanze Myōō (skt. Trailokyavijaya) mit der charakteristischen mudra der Dämonenabwehr (Gōsanze-in).

Das Aussehen eines myōōmyōō 明王 wtl. Licht-König, auch „Mantra-König“ oder „Weisheits-König“; meist zornvoll dargestellte Schutzgottheit; skt. Vidyaraja KamakuraIkonographieDaikokuKannonBato Kannon... mehr (skt. Vidyārāja, „Mantra-König“) ist zweifellos nicht mit der entspannten Schönheit eines Buddhas oder Bodhisattvas zu vergleichen. Er hat zornverzerrte Gesichtszüge, Raubtierzähne und oft ein drittes Auge auf der Stirn. Seine Haut ist rot oder schwarz, in den Händen hält er gefährliche Waffen. Meist umgibt ihn eine Aureole von flackernden Flammen. Dennoch wird die Macht eines Myōō nicht als feindlich aufgefasst, sondern man trachtet danach, ihn als Verbündeten gegen böse Kräfte zu gewinnen. Der bei weitem populärste Mantra-König Japans ist FudōFudō Myōō 不動明王 prominentester japanischer Myōō (Mantra-König), wtl. „der Unbewegliche“ FeuergangYamabushiEn no GyojaVajrapaniKukai... mehr, „der Unbewegliche“ (ein Hinweis auf seine Unbeugsamkeit). Er ist, wie die anderen Myōō, mit dem esoterischen Buddhismus nach Japan gekommen, genießt aber auch außerhalb der esoterischen Richtungen (v.a Shingon und z.T. Tendai) ganz besondere Verehrung.

Fudō, der Unbewegliche

Fudō begegnet uns bereits im indischen Buddhismus (unter dem Namen Acala, was auch auf Sanskrit „unbeweglich“ bedeutet). Ikonographisch taucht er aber in Indien und China nur sehr selten auf. In Japan, wo er zusammen mit den meisten anderen Myōō erstmals durch KūkaiKūkai 空海 774–835, Gründer des Shingon Buddhismus; Eigennamen Saeki Mao, Ehrennamen Kōbō Daishi FeuergangShikokuBekannte SchreineFushimiBekannte Tempel... mehr (774–835), den Begründer des esoterischen Buddhismus, bekannt gemacht worden sein soll, erlangte er nicht nur eine größere Beliebtheit als in anderen asiatischen Ländern, auch innerhalb der japanischen Myōō ist kein anderer ähnlich populär wie er. Feuer und Schwert sind seine typischen Attribute, oft hält er auch ein Seil in seiner Linken zum Einfangen von Dämonen. Seine Haut ist zumeist schwarz oder blau.

Wenn Fudō rituell angesprochen wird, so meist im Zusammenhang mit den Feuer-Riten (goma gyōjigoma gyōji 護摩行事 buddh. Feuerritus, skt. Homa Feuergang) des esoterischen Buddhismus. Diese werden auch heute noch häufig praktiziert. Große Tempel haben oft Seitenaltäre, manchmal auch Seitengebäude, die Fudō geweiht sind und wo goma-Zeremonien abgehalten werden. Kleine Fudō Tempel findet man vereinzelt in gebirgigen Regionen, wo sie mit den Kulten der Bergasketen (yamabushiyamabushi 山伏 Bergasket, wtl. der in den Bergen schläft; Praktikant des Shugendō MatsuriFeuergangMoencheMoenchstrachtPilgerschaft... mehr) in Verbindung stehen. Auch entlang der Route der 88 Pilgertempel von Shikoku stößt man immer wieder auf Fudō-Kulte der yamabushi, die in Verbindung mit dem Feuer stehen (s. dazu den Gastartikel Fire Walk at Saba Daishi).

Aizen, Mantra-König der Liebe

Aizen MyōōAizen Myōō 愛染明王 wtl. Mantra-König der Liebe; einer der bekanntesten myōō Japans Ikonographie wird oft schreckenerregender als Fudō dargestellt. Erkennbar an seiner feuerroten Hautfarbe und an Pfeil und Bogen (neben anderen Waffen) kann er bis zu sechs Arme und Beine besitzen. Auch er erfuhr vor allem im esoterischen Buddhismus große Verehrung. Sein Name bedeutet zwar wörtlich „Mantra-König der Liebe“, doch bedeutet das lediglich, dass er die irdischen Leidenschaften der Menschen in die rechten Gefühle eines Bosatsu verwandelt — und das mit seinen Methoden. Wie die meisten anderen Myōōs (außer Fudō) dürfte Aizen mit dem Rückgang des esoterischen Buddhismus in der EdoEdo 江戸 Sitz der Tokugawa Shōgune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tōkyō ShichigosanMatsuriPhalluskulteMoencheWuerdentraeger... mehr-Zeit an Bedeutung verloren haben und ist daher heute verhältnismäßig wenig bekannt. Doch noch in der Edo-Zeit fühlten sich Liebende — oder die, die mit der Liebe handelten — zu ihm hingezogen. Er galt zu dieser Zeit als der Beschützer der Geishas in Yoshiwara, dem Freudenviertel von Edo.

Die Fünf Großen Myōō

Neben Fudō und Aizen stößt man vereinzelt auch auf die Gruppe der Fünf Großen Myōō (Godai MyōōGodai Myōō 五大明王 die Fünf Großen Myōō ), in deren Zentrum wiederum Fudō steht, während vier weitere Myōō nach den Himmelsrichtungen um ihn gruppiert sind. Laut Shingon Tradition verkörpern sie die zornvollen Erscheinungsformen der fünf Hauptbuddhas im Vajra-Welt Mandala und setzen sich folgendermaßen zusammen:

  1. Fudō, Mitte (Erscheinungsform des Dainichi NyoraiDainichi Nyorai 大日如来 Buddha Vairocana, der „kosmische Buddha“; wtl. „Großes Licht“ oder „Große Sonne“ Schreinanlage IseVajrapaniShotoku TaishiKukaiShinto Mittelalter... mehr). Mit lediglich zwei Armen, zwei Augen, etc. unter den Fünf Myōō der menschen­ähnlichste.
  2. Gōzanze MyōōGōzanze Myōō 降三世明王 skt. Trailokyavijaya, einer der Fünf Großen Myōō VajrapaniMudra, sk. Trailokyavijaya („Bezwinger der drei Welten“), Osten (Ashuku Nyorai). Steht auf zwei menschlichen Figuren, die Shiva und seine Gespielin repräsentieren.
  3. Gundari MyōōGundari Myōō 軍荼利明王 skt. Kundali, einer der Fünf Großen Myōō , sk. Kundali, Süden (Hōshō Nyorai).
  4. Daiitoku MyōōDaiitoku Myōō 大威徳明王 skt. Yamantaka, einer der Fünf Großen Myōō Enma, sk. Yamantaka („der Überwinder des Yama“), Westen (Amida NyoraiAmida Nyorai 阿弥陀如来 Amida Buddha; skt. Buddha Amitabha KannonHoellenbilder). Seinem Namen entsprechend überwindet er den König der Unterwelt (Yama, jap. Glossar:Enmaten), bzw. den Tod. Charakteristischerweise reitet Yamantaka auf dem Büffel des Yama (bzw. hat in manchen tibetischen Darstellungen auch den Kopf eines Büffels).
  5. Kongōyasha MyōōKongōyasha Myōō 金剛夜叉 skt. Vajrayaksha, einer der Fünf Großen Myōō , sk. Vajrayaksa („Vajra General“), Norden (Fukūjōja Nyorai). Besitzt ein Gesicht mit fünf Augen.
godai myoo
Die Godai Myoo des Toji, Kyoto, aus dem Jahr 839

Die älteste und berühmteste Darstellung dieser Gruppe stammt aus dem Jahr 839 und befindet sich im TōjiTōji 東寺 Ost-Tempel in Kyōto, eig. Kyōō Gokoku-ji (Tempel des Königs der Lehre zum Schutz des Landes) FushimiBerg KoyaBishamon-tenHonji suijaku... mehr, einem der Haupttempel des ShingonShingon-shū 真言宗 Shingon-Schule, wtl. Schule des Wahren Wortes; wichtigste Vertreterin des esoterischen Buddhismus (mikkyō) in Japan AhnenkultMoencheYamabushiBekannte TempelBerg Koya... mehr Buddhismus. Die Statuen wurden von KūkaiKūkai 空海 774–835, Gründer des Shingon Buddhismus; Eigennamen Saeki Mao, Ehrennamen Kōbō Daishi FeuergangShikokuBekannte SchreineFushimiBekannte Tempel... mehr in Auftrag gegeben, der diese Gestalten in Japan bekannt machte und dabei ihre Ikonographie z.T. eigenwillig veränderte. Sie repräsentieren somit den Ausgangspunkt der japanischen Myōō-Ikonographie. Allerdings setzte sich das Ensemble der Fünf nicht auf Dauer durch: Gestalten wie Aizen oder der pferdeköpfige Batō Myōō (auch Batō KannonBatō Kannon 馬頭観音 Kannon mit dem Pferdekopf, eine zornvolle Manifestation Kannons NikkoKannonBato KannonDrei Affen) überflügelten die Gruppe an Bedeutung. Lediglich der von Kūkai besonders verehrte Fudō fand in Japan so etwas wie seine wahre Heimat.

Wortbedeutung

Der Titel myōōmyōō 明王 wtl. Licht-König, auch „Mantra-König“ oder „Weisheits-König“; meist zornvoll dargestellte Schutzgottheit; skt. Vidyaraja KamakuraIkonographieDaikokuKannonBato Kannon... mehr ist aus den Zeichen für „hell“ und „König“ zusammengesetzt. „König“ (ō, skt. raja) wird im Buddhismus häufig im Sinn von Herrscher, Herr oder auch Beschützer verwendet. Das Zeichen „hell“ steht hier für Sanskrit vidya, was u.a. „Weisheit“ bedeutet. „Weisheitskönig“ oder „wisdom king“ ist daher eine geläufige Übersetzung von „Myōō“. Laut dem japanischen Standardwörterbuch des esoterischen Buddhismus (Mikkyō jiten) kann myō/vidya im esoterischen Buddhismus aber auch „durch magische Formeln erlangte Weisheit“ und davon abgeleitet „magische Formel“, bzw. „Mantra“ bedeuten. Dementsprechend bevorzuge ich die Übersetzung „Mantra-König“. Myōō sind demnach die Könige bzw. Herren oder Beschützer, die über die Mantren herrschen, oder aber durch Mantren angerufen bzw. aktiviert werden können.

Die kriegerischen Züge der Myōō

Myōō sind ebenso wie die meisten anderen Wächtergottheiten (tenbutenbu 天部 Gruppe der indischen bzw. aus Indien übernommene Gottheiten (skt. Deva) Bishamon-tenKamakuraIkonographieGluecksgoetterKannon... mehr) mit dem esoterischen Buddhismus (Tantrismus, Vajrayana) in Japan verbreitet worden. Obwohl die Ikonographie der japanischen Myōō sich oft bis zu KūkaiKūkai 空海 774–835, Gründer des Shingon Buddhismus; Eigennamen Saeki Mao, Ehrennamen Kōbō Daishi FeuergangShikokuBekannte SchreineFushimiBekannte Tempel... mehr zurückverfolgen lässt, war ihre große Zeit das japanische Mittelalter (12.—16. Jh.), als esoterische Riten in fast allen großen Tempeln, vor allem aber in Shingon und Tendai-Klöstern praktiziert wurden. Es hat den Anschein, als ob diese Beliebtheit furchterregender Figuren, auch wenn sie noch so symbolisch gedeutet werden mögen, in unruhigen, kriegerischen Zeiten besonders ausgeprägt war. Dies lässt sich bereits in Indien nachweisen, wo in den ersten Jahrhunderten u.Z. mit der Figur des „Vajraträgers“ (skt. Vajrapani, jp. kongōshukongōshu 金剛手 Vajra-Hand, skt. Vajrapani; s.a. Niō VajrapaniWaechtergoetter) ein Prototyp für alle weiteren zornvollen Gestalten entsteht. Der Buddhismus hatte in dieser Zeit zunehmend mit der Konkurrenz shivaitischer und vishnuitischer Glaubensformen zu kämpfen, in denen die jeweiligen Hauptgötter (Shiva und Vishnu) als siegreiche Kriegsherren dargestellt wurden, und übernahm dabei deren Umgang mit kriegerischen Symbolen. Zu diesen zählt auch der Vajra (jap. kongōkongō 金剛 skt. Vajra; „Diamant“, magische Waffe, Donnerkeil KukaiWaechtergoetter), der u.a. dem „diamantenen Fahrzeug“, Vajrayana, seinen Namen gab: ursprünglich handelte es sich dabei um eine Waffe oder ein Insignium der Herrschaft. Viele esoterisch-buddhistische Wächtergötter scheinen also zunächst als Verteidiger des Buddhismus gegen Feinde aus dem „hinduistischen Lager“ aufgetreten zu sein und machten sich dabei die Attribute ihrer Gegner zu eigen.

Sobald sich im Buddhismus die Auffassung durchgesetzt hatte, dass der Dharma nicht allein durch Mildtätigkeit und Weltentsagung, sondern auch durch den (symbolischen?) Einsatz kriegerischer Mittel beschützt, bzw. verbreitet werden konnte, entstanden also parallel zu Buddhas und Bodhisattvas neue Klassen von furchteinflößenden Erscheinungen, die entweder als „zornvolle Erscheinungsform“ eines Buddhas oder Bodhisattvas oder als zum Buddhismus bekehrte ehemals feindliche Gottheiten interpretiert wurden. Zur ersten Gruppe zählen in Japan die Myōō, die unter den zornigen Gottheiten somit eine Art Aristokratie darstellen. Sie genossen zusammen mit den niederrangigeren Deva-Gottheiten (tenbu) vor allem im von Bürgerkriegen gezeichneten japanischen Mittelalter große Verehrung.

Als wieder friedlichere Zeiten anbrachen, gerieten die meisten esoterischen Schutzgottheiten (mit Ausnahme Fudōs) weitgehend in Vergessenheit oder wurden in ihrem Wirkungsbereich eingeschränkt und umgedeutet. Die heutigen Glücksgötter Benzai-tenBenzaiten 弁才天/弁財天 Glücksgöttin, Gottheit des Wassers, der Musik und der Beredsamkeit; skt. Sarasvati; auch: Benten Hadaka matsuriBekannte SchreineItsukushimaToriiBishamon-ten... mehr, Bishamon-tenBishamon-ten 毘沙門天 Himmelswächter des Nordens, Glücksgott; abgeleitet von einem indischen Gott des Reichtums, Vaishravana Bishamon-tenVajrapaniGluecksgoetterDaikokuEbisu... mehr und Daikoku-tenDaikoku 大黒 Glücksgott; skt. Mahakala = „Großer Schwarzer“; auch Daikoku-ten AsakusaIzumo SchreinBishamon-tenOkuninushiGluecksgoetter... mehr können beispielsweise auf eine Karriere als furchterregende Schutzgotten zurückblicken. Besonders interessant ist der Fall des Daikoku, der einstmals auch unter dem Namen Makakara-tenMakakara-ten 摩訶迦羅天 Synonym von Daikoku-ten, skt. Mahakara (skt. Mahakala, wtl. „Großer Schwarzer“) in einer Gestalt verehrt wurde, die direkt aus dem tibetischen Buddhismus übernommen zu sein scheint. Im Laufe der Edo Zeit gewannen seine Eigenschaften als Gott des Reichtums aber die Oberhand über seine seine schaurigen Attribute. In manchen älteren Darstellungen noch seinem Namen gemäß schwarz und düster, ist er heute nur noch als ewig lächelnder Glücksgott bekannt. (S. dazu auch den Essay Metamorphosen des Daikoku.)

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„Fudō Myōō &Co.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 7.9.2010). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Ikonographie/Myoo?oldid=13363