Mythen/Imaginaere Tiere: Unterschied zwischen den Versionen

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Auf dem Meeres·boden steht der Palast ({{glossar:ryuuguu}}) des Drachenkönigs. Ein Urenkel der Sonnengottheit suchte einst diesen Drachenpalast auf, verliebte sich in eine Tochter des Drachen·königs, heiratete sie und nahm sie mit auf die Erde. Als er sie aber während der Geburt des ge·mein·samen Kindes in Drachen·gestalt er·blickte, zog sich die Drachen·tochter beschämt und ent·rüstet wieder ins Meer zurück. Ihr Sohn aber blieb auf Erden. Einer seiner Enkel war {{glossar:jinmutennou}}, der erste japa·ni·sche „Kaiser“. Die {{glossar:Tennou}}-Familie zählt somit nicht nur die Son·nen·gott·heit, son·dern auch den Dra·chen·gott zu ihren Ahnen (mehr dazu: [[Mythen:Götter_der_Erde | Göt·ter·mythen, Teil 2]]).
 
Auf dem Meeres·boden steht der Palast ({{glossar:ryuuguu}}) des Drachenkönigs. Ein Urenkel der Sonnengottheit suchte einst diesen Drachenpalast auf, verliebte sich in eine Tochter des Drachen·königs, heiratete sie und nahm sie mit auf die Erde. Als er sie aber während der Geburt des ge·mein·samen Kindes in Drachen·gestalt er·blickte, zog sich die Drachen·tochter beschämt und ent·rüstet wieder ins Meer zurück. Ihr Sohn aber blieb auf Erden. Einer seiner Enkel war {{glossar:jinmutennou}}, der erste japa·ni·sche „Kaiser“. Die {{glossar:Tennou}}-Familie zählt somit nicht nur die Son·nen·gott·heit, son·dern auch den Dra·chen·gott zu ihren Ahnen (mehr dazu: [[Mythen:Götter_der_Erde | Göt·ter·mythen, Teil 2]]).
  
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=== Chinesische Drachen ===
 
Die Blutsverwandtschaft von Kaiserhaus und Drachen ist kein Zufall.  
 
Die Blutsverwandtschaft von Kaiserhaus und Drachen ist kein Zufall.  
 
Chinesischen Mythen zufolge stellt der Drache seit dem legen·dären Gelben Kaiser (Huang Di, leg.r. 2696–2598 v.u.Z.) das Symbol·tier der kaiser·lichen Herrschaft dar (ähnlich wie in Europa der Adler).  Die Legende der drachen·artigen Vor·fahren des Tenno ent·stand also höchst·wahr·schein·lich aus dem Bedürfnis, dieses be·deu·tungs·volle Symbol·tier auch für das japanische Herrscher·haus zu instru·men·tali·sieren.
 
Chinesischen Mythen zufolge stellt der Drache seit dem legen·dären Gelben Kaiser (Huang Di, leg.r. 2696–2598 v.u.Z.) das Symbol·tier der kaiser·lichen Herrschaft dar (ähnlich wie in Europa der Adler).  Die Legende der drachen·artigen Vor·fahren des Tenno ent·stand also höchst·wahr·schein·lich aus dem Bedürfnis, dieses be·deu·tungs·volle Symbol·tier auch für das japanische Herrscher·haus zu instru·men·tali·sieren.
  
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Der Drache wurde im alten China — und wohl auch in Japan — zwar als real existierendes Tier aufgefasst, er unterschied sich aber von „normalen“ Tieren. Dies wird z.B. durch eine alte Legende illustriert, laut der Konfuzius, als er von seinem ersten und einzigen Treffen mit Laotse zurückkehrte, seinen Eindruck des mysteriösen Weisen folgender·maßen schilderte:
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Ich weiß, dass Vögel fliegen, dass Fische schwimmen und Wild laufen kann. Und was rennt, kann man zusammentreiben, was schwimmt, ist mit Netzen zu fangen und für das, was fliegt, kann man Pfeile benutzen. Was aber den Drachen betrifft, der auf Wind und Wolken reitet, so weiß ich nicht, wie ich ihn erfassen soll. Ich habe heute Laotse gesehen  — und wahrlich: Er gleicht diesem Drachen!
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| quelle = Matthias Claus (2006), nach Sima Qian, ''Shiji'' 史記 (um 100 v.u.Z.)
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Der Drache ist außer·dem das be·vor·zugte Tier der [[Texte:Yin und Yang/Tierkreis|Zwölf Tierkreiszeichen]] des chinesischen Kalenders (der auch in Japan Geltung hat). Und auch die vier Himmels·richtungen werden nach einer chinesischen Auf·fas·sung von Drachen be·herrscht (nach einer anderen Auf·fas·sung wird allerdings nur der Osten von einem blauen Drachen repräsentiert).
 
Der Drache ist außer·dem das be·vor·zugte Tier der [[Texte:Yin und Yang/Tierkreis|Zwölf Tierkreiszeichen]] des chinesischen Kalenders (der auch in Japan Geltung hat). Und auch die vier Himmels·richtungen werden nach einer chinesischen Auf·fas·sung von Drachen be·herrscht (nach einer anderen Auf·fas·sung wird allerdings nur der Osten von einem blauen Drachen repräsentiert).
  
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===Drachen im Buddhismus ===
 
Auch im Buddhismus ist der Drache als Gottheit aner·kannt. Buddhis·tische Drachen lassen sich zumeist auf die indischen {{skt:naga}}s zurück·führen, schlangen·artige Gottheiten, die neben den [[Ikonographie:Wächtergötter |Deva-Gottheiten]] eine eigene Kategorie von himmlischen Wesen dar·stellen. Der legendäre Begründer des {{skt:Mahayana}} Buddhismus, {{skt:Nagarjuna}} (2. Jh. u.Z.), soll seine neu·artigen {{skt:sutra|Sutren}} von den Nagas er·halten haben und trägt daher auch den Namen Nāga[a]rjuna, „Weißer Naga/Drache“. Auch in Indien sind die Nagas eng mit dem Wasser ver·bunden. Im Unter·schied zu den chinesischen Drachen sind sie eher niedrige, un·er·leuch·tete Kreaturen. In Japan lässt sich jedoch kaum ein Unter·schied zwischen buddhistischen Nagas und chinesischen Drachen feststellen.
 
Auch im Buddhismus ist der Drache als Gottheit aner·kannt. Buddhis·tische Drachen lassen sich zumeist auf die indischen {{skt:naga}}s zurück·führen, schlangen·artige Gottheiten, die neben den [[Ikonographie:Wächtergötter |Deva-Gottheiten]] eine eigene Kategorie von himmlischen Wesen dar·stellen. Der legendäre Begründer des {{skt:Mahayana}} Buddhismus, {{skt:Nagarjuna}} (2. Jh. u.Z.), soll seine neu·artigen {{skt:sutra|Sutren}} von den Nagas er·halten haben und trägt daher auch den Namen Nāga[a]rjuna, „Weißer Naga/Drache“. Auch in Indien sind die Nagas eng mit dem Wasser ver·bunden. Im Unter·schied zu den chinesischen Drachen sind sie eher niedrige, un·er·leuch·tete Kreaturen. In Japan lässt sich jedoch kaum ein Unter·schied zwischen buddhistischen Nagas und chinesischen Drachen feststellen.
  
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{{Literatur:Devisser_1913}} [Alt, aber gut.]
 
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* [http://web.archive.org/web/20060812234027/http://www2.gol.com/users/bartraj/goddessindex-1.html ''The Goddess, the Dragon, and the Island''], Robert A. Juhl (en.)<br/>Online-Studie des ''Enoshima Engi'', einer Schrein-Chronik, in der es um den Drachen und die Gottheit Benzaiten auf der heiligen Insel Enoshima geht. [Über [http://www.archive.org/ Internet Archive], 2010/8]
 
* [http://web.archive.org/web/20060812234027/http://www2.gol.com/users/bartraj/goddessindex-1.html ''The Goddess, the Dragon, and the Island''], Robert A. Juhl (en.)<br/>Online-Studie des ''Enoshima Engi'', einer Schrein-Chronik, in der es um den Drachen und die Gottheit Benzaiten auf der heiligen Insel Enoshima geht. [Über [http://www.archive.org/ Internet Archive], 2010/8]
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* [http://www.das-klassische-china.de/Tao/Ubersicht%20der%20versch%20Ausgaben/Historie%20Laotse%20+%20TaoTeKing.htm#1 Die alten chinesischen Quellen], Matthias Claus (2006)<br/>Aus: ''[http://www.das-klassische-china.de Das klassische China]''
 
* [http://www.blackdrago.com/easterndragons.htm Eastern Dragon Overview], Kylie McCormick (en.)<br/>Teil der Website ''[http://www.blackdrago.com/ The Circle of the Dragon]''.
 
* [http://www.blackdrago.com/easterndragons.htm Eastern Dragon Overview], Kylie McCormick (en.)<br/>Teil der Website ''[http://www.blackdrago.com/ The Circle of the Dragon]''.
 
* [http://www.bestiarium.net/ Das Drachenbestiarium] Georg Friebe<br/>Schwerpunkt Österreich und Deutschland, aber auch ein paar Bilder aus Asien.
 
* [http://www.bestiarium.net/ Das Drachenbestiarium] Georg Friebe<br/>Schwerpunkt Österreich und Deutschland, aber auch ein paar Bilder aus Asien.

Version vom 19. August 2012, 23:53 Uhr

Religion in Japan > Mythen > Imaginaere Tiere
Tiergötter und Götterboten, Teil 1 Legendäre Tiere

In Japan können Tiere sowohl im Buddhismus als auch im Shinto religiös ver­ehrt werden. Neben den realen Tieren tauchen in der reli­giösen Vor­stel­lungs­welt zahl­reiche mythische oder legen­däre Kreaturen auf. Sie sind zumeist aus ver­schie­denen bekannten Tieren zusam­men­gesetzt und werden aus Sicht der reli­giösen Vor­stel­lungs­welt als ebenso real emp­funden wie diese. Legen­däre Tiere, allen voran die Drachen, sind lediglich „mächtiger“ als die anderen Arten. Umgekehrt werden auch realen Tieren ima­ginäre Eigen­schaf­ten nach­gesagt. So verfügen z.B. Füchse und Tanuki, aber auch Schlagen, Katzen und andere über die Fähigkeit, vorübergehend eine menschliche Gestalt anzunehmen. Schließlich gibt es Mischformen von Tier und Mensch, die als Gespenster oder yōkaiyōkai 妖怪 Fabelwesen, Geisterwesen, Gespenster BodhidharmaGeisterOni und KappaNamazu-e... mehr einzustufen sind und anhand von Tengu und Oni genauer behandelt werden.

Drachen

Drachen kombinieren äußerlich die anatomischen Stärken aller möglichen Tiere: die Schuppen von Fischen und Schlangen, die Klauen und Flügel von Vögeln, die Zähne und Pranken von Tigern, außerdem Hörner, Fühler, usw. Manche Drachen können auch mensch­liche Gestalt annehmen.

Wolkendrache (unryū) // Wandschirmmalerei von Kaihō Yūshō (1533–1615), Detail; im Besitz des Zen-Tempels Kennin-ji, Kyōto // Bild © Kyōto National Museum (letzter Zugriff: 2016/8) // Drache (ryū) mit geschlossenem Maul („UN-Form“; UN-gyō). Das Pendant dieses Drachens ist mit offenem Maul („A-Form“; A-gyō) dargestellt. A steht für den Anfang (des Alphabets), UN für das Ende. Dieses A-UN Schema wird auch bei Torwächtern (Niō), Löwenhunden und anderen paarweise auftretenden Figuren gerne angewendet.
Wolkendrache (unryū) // Wandschirmmalerei von Kaihō Yūshō (1533–1615), Detail; im Besitz des Zen-Tempels Kennin-ji, Kyōto // Bild © Kyōto National Museum (letzter Zugriff: 2011/7) // Drachenkopf mit offenem Maul („A-Form“; A-gyō). Das Pendant dieses Drachens (ryū) ist mit geschlossenem Maul („UN-Form“; UN-gyō) dargestellt. A steht für den Anfang (des Alphabets), UN für das Ende. Dieses A-UN Schema wird auch bei Torwächtern (Niō), Löwenhunden und anderen paarweise auftretenden Figuren gerne angewendet.
Wolkendrachen (unryū)

Auf dem Meeres­boden steht der Palast (RyūgūRyūgū 龍宮 Drachenpalast; mythologischer Ort am Meeresgrund ) des Drachenkönigs. Ein Urenkel der Sonnengottheit suchte einst diesen Drachenpalast auf, verliebte sich in eine Tochter des Drachen­königs, heiratete sie und nahm sie mit auf die Erde. Als er sie aber während der Geburt des ge­mein­samen Kindes in Drachen­gestalt er­blickte, zog sich die Drachen­tochter beschämt und ent­rüstet wieder ins Meer zurück. Ihr Sohn aber blieb auf Erden. Einer seiner Enkel war Jinmu TennōJinmu Tennō 神武天皇 wtl. „göttlicher Krieger“; gemäß den japanischen Mythen der erste menschliche Herrscher (Tennō) Japans OkuninushiDainihonshiStaatsshintoKyoiku chokugoGoetter der Erde... mehr, der erste japa­ni­sche „Kaiser“. Die TennōTennō 天皇 jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmels OpfergabenEn no GyojaOkuninushiYasukuniGeschichte... mehr-Familie zählt somit nicht nur die Son­nen­gott­heit, son­dern auch den Dra­chen­gott zu ihren Ahnen (mehr dazu: Göt­ter­mythen, Teil 2).

Chinesische Drachen

Die Blutsverwandtschaft von Kaiserhaus und Drachen ist kein Zufall. Chinesischen Mythen zufolge stellt der Drache seit dem legen­dären Gelben Kaiser (Huang Di, leg.r. 2696–2598 v.u.Z.) das Symbol­tier der kaiser­lichen Herrschaft dar (ähnlich wie in Europa der Adler). Die Legende der drachen­artigen Vor­fahren des Tenno ent­stand also höchst­wahr­schein­lich aus dem Bedürfnis, dieses be­deu­tungs­volle Symbol­tier auch für das japanische Herrscher­haus zu instru­men­tali­sieren.

Der Drache wurde im alten China — und wohl auch in Japan — zwar als real existierendes Tier aufgefasst, er unterschied sich aber von „normalen“ Tieren. Dies wird z.B. durch eine alte Legende illustriert, laut der Konfuzius, als er von seinem ersten und einzigen Treffen mit Laotse zurückkehrte, seinen Eindruck des mysteriösen Weisen folgender­maßen schilderte:

Ich weiß, dass Vögel fliegen, dass Fische schwimmen und Wild laufen kann. Und was rennt, kann man zusammentreiben, was schwimmt, ist mit Netzen zu fangen und für das, was fliegt, kann man Pfeile benutzen. Was aber den Drachen betrifft, der auf Wind und Wolken reitet, so weiß ich nicht, wie ich ihn erfassen soll. Ich habe heute Laotse gesehen — und wahrlich: Er gleicht diesem Drachen!

Matthias Claus (2006), nach Sima Qian, Shiji 史記 (um 100 v.u.Z.)

Der Drache ist außer­dem das be­vor­zugte Tier der Zwölf Tierkreiszeichen des chinesischen Kalenders (der auch in Japan Geltung hat). Und auch die vier Himmels­richtungen werden nach einer chinesischen Auf­fas­sung von Drachen be­herrscht (nach einer anderen Auf­fas­sung wird allerdings nur der Osten von einem blauen Drachen repräsentiert).

Drachen im Buddhismus

Auch im Buddhismus ist der Drache als Gottheit aner­kannt. Buddhis­tische Drachen lassen sich zumeist auf die indischen naganāga नाग „Schlange“, indische Schlangengottheit, jap. naka 那伽 RegenmachenTengus zurück­führen, schlangen­artige Gottheiten, die neben den Deva-Gottheiten eine eigene Kategorie von himmlischen Wesen dar­stellen. Der legendäre Begründer des MahayanaMahāyāna महायान „Großes Fahrzeug“, buddhistische Richtung, jap. Daijō 大乗 OpferVajrapaniKukaiSaichoBuddhismus... mehr Buddhismus, NagarjunaNāgārjuna नागार्जुन legendärer Begründer des Mahāyāna-Buddhismus, jap. Ryūju 龍樹 En no Gyoja (2. Jh. u.Z.), soll seine neu­artigen Sutrensūtra सूत्र „Faden“, Lehrrede des Buddha, kanonische Schrift, jap. kyō 経 oder kyōten 経典 GluecksbringerFushimiTempelAmidismusFruehzeit... mehr von den Nagas er­halten haben und trägt daher auch den Namen Nāga[a]rjuna, „Weißer Naga/Drache“. Auch in Indien sind die Nagas eng mit dem Wasser ver­bunden. Im Unter­schied zu den chinesischen Drachen sind sie eher niedrige, un­er­leuch­tete Kreaturen. In Japan lässt sich jedoch kaum ein Unter­schied zwischen buddhistischen Nagas und chinesischen Drachen feststellen.

Die Verbundenheit mit dem Wasser äußert sich bei manchen Drachen im Besitz eines Edelsteins, mit dem sie Ebbe und Flut be­herrschen. Dieser Edelstein hat eine enge Ver­wandt­schaft mit dem buddhistischen Wunsch­erfüllungs­juwel (nyoi no tamanyoi no tama 如意の玉 Wunschperle, Wunschjuwel Bishamon-tenGluecksgoetterJizo), das auch von BodhisattvaBodhisattva बोधिसत्त्व „Erleuchtetes Wesen“, jap. bosatsu 菩薩 ShichigosanPhalluskulteMoencheBekannte SchreineKasuga... mehrs ge­tragen wird (Nyoirin Kannon). Schließ­lich werden Drachen auch für den Regen (oder das Ausbleiben des Regens) ver­ant­wort­lich gemacht und stehen daher in vielen asiatischen Ländern im Zentrum von rituellen Bitten und Zeremonien, um Regen herbeizuführen.

Wasser und Drachen bilden also eine assoziative Einheit, daher auch die häufigen Drachenfiguren bei Brunnen (temizuyatemizuya 手水舎 Schrein- oder Tempelbrunnen zum Reinigen von Mund und Händen OmairiOmairi Knigge) am Eingang von Tempeln oder Schreinen. Als Herrscher über das lebens­wichtige Element des Wassers können Drachen natürlich auch be­droh­lich sein bzw. die Gefahr von Naturkatastrophen in sich bergen. Grund­sätz­lich besteht zu Drachen aber ein positives, von Respekt geprägtes Verhältnis.

Drachen und Schlangen

Die Grenzen zwischen Schlangen und Drachen sind fließend, aus ikono­gra­phischer Sicht zählen sie zweifellos zur selben Familie. In den klas­sischen japa­nischen Mythen taucht z.B. die acht­köpfige Schlange Yamata no OrochiYamata no Orochi 八岐大蛇 Mythologische Schlange (Drache) mit acht Köpfen; wtl. „achtfach gegabelte Schlange“; wird von Susanoo besiegt RegenmachenGoetter der ErdeTricksterUzume... mehr auf, ein Unge­heuer von riesigen Aus­maßen, das nur mit List vom Kultur­heroen SusanooSusanoo 須佐之男 mytholog. Gottheit; Trickster-Gott, Sturmgott, Mondgott MatsuriItsukushimaShimenawaOkuninushiOpfer... mehr be­siegt werden kann. Auf bildlichen Dar­stel­lungen aus späterer Zeit wird diese Schlange stets als Drache abgebildet.

Susanoo und die Schlange Yamata no Orochi // Farbholzschnitt, kami (Papier, Farbe) von Utagawa Toyokuni (1769–1825). Spätere Edo-Zeit; 2 x 39.7 x 26.3 cm // Bild © Tokyo National Museum (letzter Zugriff: 2016/9/19) Susanoo rettet Prinzessin Kushinada vor der achtköpfigen Schlange (hebi). Im Vordergrund acht Töpfe mit Sake, Susanoos Trick, um das Monster betrunken zu machen. Wie für viele ukiyo-e der mittleren Periode typisch, ist der Held mit den Zügen eines Kabuki-Schauspielers ausgestattet.
Susanoo kämpft gegen die achtköpfige Schlange

Obwohl dieser Mythos an das negative Bild europäischer Drachen­geschich­ten erinnert, werden Schlangen in Japan, ähnlich wie Drachen, zumeist mit positivem Respekt und Ehrer­bietung angesehen. Der Gott des uralten Miwa SchreinsŌmiwa Jinja 大神神社 Ōmiwa Schrein, auch Miwa Schrein, nahe Nara; einer der ältesten Schreine Japans Bekannte SchreineSchreinanlage IseToriiOkuninushi taucht in den Mythen mehrfach auf und erscheint einmal in mensch­licher, einmal in Schlangen­gestalt. Noch heute opfert man dieser Gottheit im Miwa Schrein rohe Eier, da diese für Schlangen eine beson­dere Delikatesse darstellen sollen.

Das Hitachi fudoki, eine alte Chronik der heutigen Präfektur Ibaraki, be­richtet, dass sich in alter Zeit — unweit der Stelle, wo in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts massive Proteste gegen die Errichtung des Flughafens Narita ausgefochten wurden — gehörnte Schlangen gegen die Urbar­machung des Landes zur Wehr setzten und die Menschen attackierten. Nach einigem Hin und Her er­richtete man ihnen einen Schrein und brachte sie damit zur Ruhe. Man tauschte also Landrechte gegen religiöse Verehrung (die Konflikte der 1970er Jahre wurden hingegen vor Gericht entschieden). Aus dieser Er­zählung wird ersichtlich, dass die Schlangen für Gott­heiten ge­halten wurden, denen das Land ursprünglich gehörte.

Spätere Schlangenlegenden erzählen davon, dass sich Schlangen — ähnlich wie Füchse — in Menschen verwandeln können und oft unerkannt an der Seite eines menschlichen Ehepartners leben. Solche Legenden offenbaren meist eine starke erotische Komponente. Umgekehrt führt ent­täuschte Liebe, bzw. Eifersucht, zur Wiedergeburt als Schlange. Von diesem Schicksal sind — buddhistischen Legenden zufolge — vor allem Frauen betroffen. Eine von ihnen, Kiyo-himeKiyo-hime 清姫 Heldin einer berühmten Legende aus der Heian-Zeit (10. Jh.); Sinnbild rasender Eifersucht Horrorklassiker, die unglücklich in einen buddhistischen Mönch verliebt war, verwandelte sich aus Eifersucht in eine Schlange und verfolgte so ihren Geliebten bis in einen Tempel, wo er sich unter einer Tempelglocke versteckt hatte. Sie aber wand sich um die Glocke, brachte sie zum Glühen und tötete den Mönch auf diese Weise (siehe Horrorklassiker).

Schlangen gelten außerdem als die Tiergefährten der Glücksgöttin BenzaitenBenzaiten 弁才天/弁財天 Glücksgöttin, Gottheit des Wassers, der Musik und der Beredsamkeit; skt. Sarasvati; auch: Benten Hadaka matsuriBekannte SchreineItsukushimaToriiBishamon-ten... mehr (s.a. Sidepage Benzaiten), die wiederum mit zahl­reichen Drachen­mythen in Ver­bindung steht. Benzeiten war ur­sprüng­lich eine indische Fluss- bzw. Wasser­göttin, daher ihre Assoziation mit Schlangen und Drachen. Auch Benzaiten wird im übrigen für sehr eifer­süchtig gehalten, sodass es Männern und Frauen geraten ist, ihre Schreine nicht gemeinsam aufzusuchen.

In vielen Mythenkreisen der Welt steht der Schlange als Herrscherin des Wassers der Vogel, bzw. der Adler, als Be­herrscher des Himmels oder des Feuers gegen­über. In Indien ist dieser Gegensatz besonders stark aus­geprägt. Hier gibt es den Vogel­menschen GarudaGaruḍa गरुड Vogelmensch, jap. Karura 迦楼羅 Tengu, der den erwähnten Nagas — also den Schlangen­wesen — in ewiger Feind­schaft gegen­über­steht. In China und Japan ist dieser Gegen­satz nicht besonders präsent, vielleicht weil die Figur des Drachens zu über­mächtig ist und selbst viele Eigen­schaften von Vögeln besitzt. Der indische Vogel­mensch Garuda scheint jedoch in der Sagenfigur des japanischen Tengu einen Verwandten zu haben.

Löwen und Löwenhunde

Die Rolle des Löwen als Wächterfigur hat sich wahr­schein­lich von Vorder­asien aus nach Indien und Ostasien einerseits und nach Europa andererseits ausgebreitet. Dabei erwies sich der Löwe als äußerst vielseitig, was seine Symbolik betrifft: Weltliche Paläste bedienten sich seiner genauso wie religiöse Kultstätten, seien es nun Kirchen (der Markusdom in Venedig), buddhistische Tempel oder Shinto Schreine. Obwohl Löwen im Gegensatz zu Drachen eine real existierende zoolo­gische Spezies darstellen, kann man sie aus Sicht der (traditionellen) religiösen Ikono­graphie Japans zu den legen­dären Tieren zählen, weil sie nicht in Japan heimisch sind und daher von einer ähnlichen exotischen Aura umgeben waren wie die Drachen. Traditionelle ostasiatische „Löwen“ haben sich im übrigen vom Aussehen des realen Tiers einigermaßen weit entfernt und gewisse ikonographische Eigenheiten angenommen, die mehr an einen Hund (vor allem an einen Pekinesen) als an ein katzenartiges Tier erinnern (s.u.).

Löwentanz (Shishimai) // Buchillustration (Papier, Farbe) von Kitagawa Utamaro (1753?–1806); aus Waka Ebisu (Der junge Ebisu), 1789; 25,8 x 18,8 cm // Bild © Rijksmuseum, Amsterdam (RP-P-1960-11-3) (letzter Zugriff: 2016/9/18) // Die Abbildung stammt aus einer Kollektion unterhaltsamer Gedichte, zu denen Utamaro eine Serie von fünf Illustrationen schuf. Das vorliegende Bild zeigt eine Straßenszene in Edo während der Neujahrsfeiern. Straßenkünstler führen einen Löwentanz (shishimai) vor, größere Kinder amüsieren sich, kleinere fürchten sich.
Löwentanz zu Neujahr (Utagawa Utamaro, 1789) Vorlage:Credits2

Japanische Löwen kommen zwar selten in Geschichten oder Mythen vor, gelten aber offensichtlich als bewährte Geisteraustreiber. In dieser Funktion findet man sie beispielsweise, zusammen mit Drachen und Baku (s.u.), im Gebälk von Tempeln, Schreinen und histo­rischen Palästen, aber auch bei den Löwentänzen (shishimai), die unter anderem zu Neujahr aufgeführt werden. Die Tänzer schlüpfen dabei in komisch-groteske Masken, die mit dem Gebiss klappern können, und vollführen lebhafte Tänze. Ähnlich wie bei hiesigen „Krampus“-Auftritten reagieren kleine Kinder üblicherweise ängstlich auf die Löwentänzer, während sich Erwachsene amüsieren.

Komainu

Am häufigsten begegnet man in Japan jedoch paarweise aufgestellten Löwenwächtern, die ent­weder als karajishikarajishi 唐獅子 wtl. „China-Löwe“, auch „Löwenhund“; Wächterfigur vor religiösen Gebäuden; Synonym für komainu; auch karashishi Komainu, wtl. „chinesischer Löwe“, oder als komainukomainu 狛犬 wtl. „Korea-Hund“, auch „Löwenhund“; Wächterfigur vor religiösen Gebäuden NikkoSchreineNioKomainu... mehr, wtl. „Korea-Hund“, be­zeich­net werden. Letzte­res stellt heute die gän­gigere Be­zeich­nung dar. Wie diese Namen an­deuten, gibt es in China und Korea ähn­liche Statuen. Die beiden Bilder unten zeigen, dass es in manchen Fällen tat­säch­lich zu einer Dif­feren­zierung von Hund und Löwe kommt: Das linke Exemplar besitzt ein Horn und wird als „Korea-Hund“ an­ge­sehen. Das rechte, der „China-Löwe“, sieht eher wie ein Löwe aus. In der heute gängigen Ikono­graphie ver­mischen sich die beiden Typen jedoch zu einer ein­heit­lichen Spezies, die eben­sosehr einem Hund wie einem Löwen ähn­lich sieht und die man daher wohl am besten als „Löwen­hund“ be­zeichnet.

  • koma_kamakura1.jpg
    Löwenhund (komainu) // Statue, komainu (Holz). Kamakura-Zeit; im Besitz des Staatlichen Museums Kyōto // Bild © Kyōto National Museum (letzter Zugriff: 2011/7) // Mit geschlossenem Maul entspricht dieser Löwenhund der „UN-Form“ (UN-gyō). Während man dieses gehörnte Tier wtl. als „Korea-Hund“ (komainu) bezeichnet, wird sein hornloser Partner „Löwe“ (shishi) genannt. (Bei den meisten rezenten Beispielen gibt es diese Unterscheidung nicht.)
  • koma_kamakura2.jpg
    Löwe (shishi) // Statue, shishi (Holz). Kamakura-Zeit; im Besitz des Staatlichen Museums Kyōto // Bild © Kyōto National Museum (letzter Zugriff: 2011/7) // Mit offenem Maul entspricht dieser Löwenhund der „A-Form“ (A-gyō). Seine Gestalt ist verhältnismäßig realistisch und evoziert den Eindruck eines starken, mächtigen Tieres. Während man seinen gehörnten Partner als „Korea-Hund“ (koma'inu) bezeichnet, wird dieses Exemplar „Löwe“ (shishi) genannt. (Bei den meisten rezenten Beispielen gibt es diese Unterscheidung nicht.)
Löwenhunde, Kamakura Zeit

Komainu sind zumeist in Eingangsbereichen religiöser Kultstätten aufgestellt, wo keine mensch­lichen Wächter­figuren (niōniō 仁王 Wächterfigur, Torwächter BautenNikkoTempelTempeltoreVajrapani... mehr) Dienst tun, oder in manchen Fällen auch an der Rück­seite von Toren, an deren Vorder­seite Niō stehen. Man findet sie heute zumeist vor Shinto Schreinen, sie hatten jedoch ur­sprüng­lich nichts mit shinto­isti­schen Kamikami Gottheit; im engeren Sinne einheimische oder lokale japanische Gottheit, Schreingottheit (s. jinja), Gottheit des Shintō AlltagAhnenkultGluecksbringerKamidanaMatsuri... mehr zu tun und sind auch kein ein­deu­tiges Er­ken­nungs­merk­mal von Schreinen. In manchen Schreinen und Tempeln werden sie auch durch andere Tiere ersetzt, v.a. in InariInari 稲荷 Reisgottheit, häufig von Fuchswächtern bewacht Bekannte SchreineFushimiBerg KoyaShinto-Goetter... mehr Schreinen durch Füchse.

Während ältere Komainu durchaus imposant aus­sehen, haben rezentere Bei­spiele oft komische Züge (s. Sidepage). Hierarchisch stehen sie in jedem Fall unter den Niō-Torwächtern, doch teilen sie mit diesen die Be­sonder­heit, dass sie stets als Paar auftreten, dessen Partner sich vornehmlich in einem Punkt unterscheiden: immer hält einer von beiden den Mund offen (a-gyōA-gyō 阿形 Bez. für einen Typ von Wächtergottheit (niō) mit geöffnetem Mund; wtl. „A-Form“ (Figur, die ein „A“ ausspricht); Gegenstück von UN-gyō WaechtergoetterNio), der andere den Mund ge­schlos­sen (un-gyōUN-gyō 吽形 wtl. „HUM-Form“; Figur, die das Sanskritzeichen „HUM“, jap. un, ausspricht, und daher mit geschlossenem Mund dargestellt wird; Gegenstück von A-gyō (offener Mund); s.a. niō WaechtergoetterNio). Die zugrunde liegende Symbolik hat buddhis­tische Wurzeln (s. dazu Wächtergötter) und mag ehemals auch in China bekannt gewesen sein, hat sich aber dort nicht bis heute erhalten.

Sonstige legendäre Tiere

Elefanten und Baku

Als ein Tier, das im Leben des historischen Buddha eine gewisse Rolle spielte, ist der Elefant auch in Ostasien schon lange bekannt, ohne dass man seine genaue Gestalt je zu Gesicht bekam. Was man von ihm wusste, wurde wohl mit dem Tapir, einem anderen exotischen Tier, das man kaum kannte, vermischt und zu einem legendären Tier, dem bakubaku Baku, elefantenartiges legendäres Tier, das Träume frisst; auch:Tapir Nikko, neu zusammengesetzt. Bakus erfreuten sich in der EdoEdo 江戸 Hauptstadt der Tokugawa-Shōgune, heute: Tōkyō; auch: Zeit der Tokugawa-Dynastie, 1600–1867 (= Edo-Zeit); ShichigosanMatsuriPhalluskulteMoencheWuerdentraeger... mehr-Zeit besonderer Beliebtheit und sind heute noch im Verein mit Drachen und Löwen an den Außenfassaden von Tempeln und Schreinen aus dieser Zeit zu bewundern. Es wird ihnen nachgesagt, dass sie alles verschlucken können — auch und vor allem böse Träume! Das Schriftzeichen baku ziert daher auch manchmal das Schiff der Sieben Glücksgötter, die ja ebenfalls für Träume, vor allem für glücksbringende Träume zu Jahresbeginn, zuständig sind.

Ikonographie 
Diese Seite zitieren
„Tiergötter und Götterboten, Teil 1 Imaginäre Tiere.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 19.8.2012). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen/Imaginaere_Tiere?oldid=32091