Mythen/Imaginaere Tiere

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Tiergötter und Götterboten, Teil 1 Drachen und Schlangen

Tiere spielen in allen asiatischen Religionen eine viel größere Rolle als in den mono­theistischen Traditionen Europas und Klein­asiens. In Japan können Tiere sowohl im Bud­dhis­mus als auch im Shinto religiös ver­ehrt werden. Sie werden einer­seits als Boten von Gott­heiten angesehen, anderer­seits gibt es auch Gottheiten in Tier­gestalt, bzw. Gottheiten, die sich be­vor­zugt in der Ge­stalt eines be­stimmten Tieres zeigen. Die „mächtigsten“ Tiere sind wohl die Drachen. Magisch be­gabt sind aber auch Füchse und Tanuki (die auf der nächsten Seite be­sprochen werden). Unter den göttlichen Botentieren ist neben dem Fuchs vor allem der Affe von besonderer Bedeutung.

Drachen

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Wolkendrache (unryū) // Wandschirmmalerei von Kaihō Yūshō (1533–1615), Detail; im Besitz des Zen-Tempels Kennin-ji, Kyōto // Bild © Kyōto National Museum (letzter Zugriff: 2011/7) // Drachenkopf mit offenem Maul („A-Form“; A-gyō). Das Pendant dieses Drachens (ryū) ist mit geschlossenem Maul („UN-Form“; UN-gyō) dargestellt. A steht für den Anfang (des Alphabets), UN für das Ende. Dieses A-UN Schema wird auch bei Torwächtern (Niō), Löwenhunden und anderen paarweise auftretenden Figuren gerne angewendet.

Drachen kombinieren äußerlich die anatomischen Stärken aller möglichen Tiere: die Schuppen von Fischen und Schlangen, die Klauen und Flügel von Vögeln, die Zähne und Pranken von Tigern, außerdem Hörner, Fühler, usw. Manche Drachen können auch mensch­liche Gestalt annehmen. Auf dem Meeres­boden steht der Palast (RyūgūRyūgū 龍宮 Drachenpalast; mythologischer Ort am Meeresgrund ) des Drachenkönigs. Ein gött­licher Vor­fahre des TennōTennō 天皇 jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmels OpfergabenEn no GyojaOkuninushiYasukuniGeschichte... mehr suchte einst den Drachenpalast auf, verliebte sich in eine seiner Töchter, heiratete sie und nahm sie mit auf die Erde. Es kam aller­dings zur Trennung, als er sie während der Geburt des ge­mein­samen Kindes in Drachengestalt er­blickte. Die Drachentochter zog sich wieder ins Meer zurück, ihr Sohn blieb aber auf Erden, heiratete wieder eine Drachenprinzessin und zeugte schließ­lich Jinmu TennōJinmu Tennō 神武天皇 wtl. „göttlicher Krieger“; gemäß den japanischen Mythen der erste menschliche Herrscher (Tennō) Japans OkuninushiDainihonshiStaatsshintoKyoiku chokugoGoetter der Erde... mehr, den ersten Tenno. Die Tenno-Familie zählt also auch den Drachengott zu ihren Ahnen (mehr dazu: Göttermythen, Teil 2).

In China war der Drache ebenfalls mit dem chinesischen Kaiser ver­bunden. Seit dem legendären Gelben Kaiser (Huang Di, leg.r. 2696–2598 v.u.Z.) stellt er das Symboltier der kaiser­lichen Herrschaft dar (ähnlich wie in Europa der Adler). Der Drache ist außer­dem das be­vor­zugte Tier der Zwölf Tierkreiszeichen des chinesischen Kalenders (der auch in Japan Geltung hat). Und auch die vier Himmels­richtungen werden nach einer chinesischen Auf­fas­sung von Drachen be­herrscht (nach einer anderen Auf­fas­sung wird allerdings nur der Osten von einem blauen Drachen repräsentiert). Die erwähnte Legende von den Drachen-artigen Vor­fahren des Tenno ent­stand also höchst­wahr­schein­lich aus dem Bedürfnis, dieses be­deutungs­volle Symboltier auch für den japanischen Kaiser in Anspruch nehmen zu können.

Auch im Buddhismus ist der Drachen als Gottheit aner­kannt. Buddhistische Drachen lassen sich zumeist auf die indischen Nagas zurück­führen, schlangen­artige Gottheiten, die neben den Deva-Gottheiten eine eigene Kategorie von himmlischen Wesen dar­stellen. Der angebliche Begründer des Mahayana Buddhismus, Nāgārjuna (2. Jh. u.Z.), soll seine neu­artigen Sutren von den Nagas er­halten haben und trägt daher auch den Namen Nāga[a]rjuna, „Weißer Naga/Drache“. Auch in Indien sind die Nagas eng mit dem Wasser ver­bunden. Im Unter­schied zu den chinesischen Drachen sind sie jedoch eher niedrige, un­er­leuch­tete Kreaturen. In Japan lässt sich jedoch kaum ein Unter­schied zwischen buddhistischen Nagas und chinesischen Drachen feststellen.

Die Verbundenheit mit dem Wasser äußert sich bei manchen Drachen im Besitz eines Edelsteins, mit dem sie Ebbe und Flut be­herrschen. Dieser Edelstein hat eine enge Ver­wandt­schaft mit dem buddhistischen Wunsch­erfüllungs­juwel (nyoi no tamanyoi no tama 如意の玉 Wunschperle, Wunschjuwel Bishamon-tenGluecksgoetterJizo), das von manchen Bodhisattvas ge­tragen wird (Nyoirin Kannon). Schließ­lich werden Drachen auch für den Regen (oder das Ausbleiben des Regens) ver­ant­wort­lich gemacht und stehen daher in vielen asiatischen Ländern im Zentrum von rituellen Bitten und Zeremonien, um Regen herbeizuführen.

Wasser und Drachen bilden also eine assoziative Einheit, daher auch die häufigen Drachenfiguren bei Brunnen am Eingang von Tempeln oder Schreinen. Als Herrscher über das lebens­wichtige Element des Wassers können Drachen natürlich auch be­droh­lich sein, bzw. die Gefahr von Naturkatastrophen in sich bergen. Grund­sätz­lich besteht zu Drachen aber ein positives, von Respekt geprägtes Verhältnis.

Schlangen

Die Grenzen zwischen Schlangen und Drachen sind fließend. Schlangen gelten auch als Boten der Drachen, bzw. sollen sie nach einer chinesischen Auf­fassung Drachen im Stadium der Kind­heit sein. In den klassischen japanischen Mythen taucht eine acht­köpfige Schlange von riesigen Aus­maßen auf, die vom Gott SusanooSusanoo 須佐之男 mytholog. Gottheit; Trickster-Gott, Sturmgott, Mondgott MatsuriItsukushimaShimenawaOkuninushiOpfer... mehr nur mit List be­siegt werden kann. Auf bildlichen Dar­stellungen aus der Edo-Zeit wird diese Schlange stets als Drache abgebildet.

Obwohl dieser Mythos an das negative Bild europäischer Drachen­geschich­ten erinnert, werden Schlangen in Japan, ähnlich wie Drachen, zumeist mit positivem Respekt und Ehrer­bietung angesehen. Der Gott des uralten Miwa SchreinsŌmiwa Jinja 大神神社 Ōmiwa Schrein, auch Miwa Schrein, nahe Nara; einer der ältesten Schreine Japans Bekannte SchreineSchreinanlage IseToriiOkuninushi taucht in den Mythen mehrfach einmal in mensch­licher, einmal in Schlangen­gestalt auf. Noch heute opfert man im Miwa Schrein rohe Eier, da diese für Schlangen eine besondere Delikatesse darstellen.

Das Hitachi fudoki, ein alte Chronik der heutigen Präfektur Ibaraki, be­richtet, dass sich in alter Zeit gehörnte Schlangen gegen die Urbar­machung des Landes zur Wehr setzten und die Menschen attackierten. Während die Provinz­bewohner sich zurück­zogen, ging ein Ab­ge­sandter der Zentral­regierung mit Waffen­gewalt gegen die Schlangen vor und tötete einige von ihnen. Erst durch die Er­richtung eines Schreins konnte er sie aber end­gültig zur Ruhe bringen. Aus dieser Er­zählung wird ersichtlich, dass die Schlangen für Gott­heiten ge­halten wurden, denen das Land ursprünglich gehörte.

Schlangen gelten außerdem als die Tiergefährten der Glücksgöttin BenzaitenBenten 弁天 Glücksgöttin; Kurzform von Benzaiten BenzaitenSymboltiere (s.a. Sidepage Benzaiten), die wiederum mit zahl­reichen Drachen­mythen in Ver­bindung steht. Benzeiten war ur­sprüng­lich eine Fluss-, bzw. Wasser­göttin, daher ihre Assoziation mit Schlangen und Drachen.

Eine negative Eigenschaft, die Schlangen von Drachen unter­scheidet, liegt darin, dass Schlangen ein Sinnbild der Eifer­sucht darstellen. Zahl­reiche Geschichten aus der buddhis­tischen Erzähl­literatur des Mittelalters be­richten, wie ins­beson­dere Frauen, die zum Zeitpunkt ihres Todes Eifersucht in sich tragen, als Schlangen wieder­geboren werden (s. Horrorklassiker). Und auch Benzaiten wird bisweilen für sehr eifer­süchtig gehalten.

In vielen Mythenkreisen der Welt steht der Schlange als Herrscherin des Wassers der Vogel, bzw. der Adler, als Be­herrscher des Himmels oder des Feuers gegen­über. In Indien ist dieser Gegensatz besonders stark aus­geprägt. Hier gibt es den Vogel­menschen Garuda, der den Nagas, also den Schlangen­wesen, in ewiger Feind­schaft gegen­über­steht. In China und Japan ist dieser Gegen­satz nicht besonders präsent, vielleicht weil die Figur des Drachens zu über­mächtig ist und auch viele Eigen­schaften mit den Vögeln teilt. Der indische Vogel­mensch Garuda scheint jedoch in der Sagenfigur des japanischen Tengu einen Verwandten zu haben.

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Ikonographie 
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„Tiergötter und Götterboten, Teil 1 Imaginäre Tiere.“ In: Bernhard Scheid (Hg.), Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 18.10.2010). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Mythen/Imaginaere_Tiere?oldid=17137