Pilgerweg Shikoku

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Bernhard Scheid, „Pilgerweg Shikoku.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 21.9.2016). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Alltag/Pilgerschaft/Shikoku?oldid=67218

Shikoku ist die Geburts­insel von Kōbō Daishi Kōbō Daishi 弘法大師 Ehrentitel von Kūkaisiehe auch Kukai → Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Ikonographie/Myoo/Fudo→ Geschichte/Fruehzeit/Shotoku Taishi→ Ikonographie/Heilige Kūkai Kūkai 空海 774–835, Gründer des Shingon Buddhismus; Eigennamen Saeki Mao, Ehrennamen Kōbō Daishisiehe auch Kukai → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Bauten/Bekannte Schreine→ Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi→ Ikonographie/Mandala → mehr (774–835), des viel­leicht popu­lärsten Mönchs der japani­schen Religions­ge­schichte. Kūkai grün­dete den Shingon Shingon-shū 真言宗 Shingon-Schule, wtl. Schule des Wahren Wortessiehe auch Kukai → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Bekannte Tempel→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Tempel/Pagoden → mehr Bud­dhis­mus, der be­son­ders in Shikoku auch heute noch sehr stark ver­treten ist. Daher ent­stand in Shikoku eine Pil­ger­rou­te von 88 Tempeln (Shikoku hachijū hakkasho Shikoku hachijū hakkasho 四国八十八箇所 Die 88 Pilgerstätten von Shikoku.siehe auch Pilgerschaft → Ikonographie/Myoo ), die zu Ehren Kūkais unter­nom­men wird und die dem in Europa immer beliebter wer­den­den Ja­kobs­weg zumindest ebenbürtig ist.

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Die Pilgerroute führt rund um die gesamte Insel. Der Fußweg beträgt je nach gewählter Route zwischen 1100 und 1400km und kann bei guter Kon­di­tion in etwa 40 bis 50 Tagen be­wäl­tigt werden. Üb­lich­er­weise be­ginnt man mit Tempel 1 und um­rundet die Insel im Uhr­zeiger­sinn bis Tempel 88. Anfang und Ende befinden sich in unmittelbarer Nähe der Naruto-Meerenge, dem natürlichen Zugangsweg von Shikoku, der über die Insel Awaji führt. Die Tempel sind einzeln num­meriert und ver­schie­denen Buddhas बुद्ध Buddha (skt., m.) „Der Erleuchtete“; jap. butsu (hotoke) 仏 oder Budda 仏陀siehe auch →  Shaka → Grundbegriffe/Buddhismus→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Buddhismus Lehre/Vier Wahrheiten→ Ikonographie → mehr geweiht, gehören aber fast alle dem Shingon Bud­dhis­mus an. Sie ballen sich in fruchtbaren Tälern zu Gruppen zusammen und sind dazwischen oft spärlich gesät, verteilen sich jedoch gleichmäßig auf die vier Provinzen,1 denen Shikoku Shikoku 四国 kleinste der vier jap. Hauptinseln; wtl. Vier-Land, da es seit dem Altertum aus vier Provinzen besteht (wtl. Vier-Land) seinen Namen verdankt.

Pilger (henro henro 遍路 Pilger; Pilgerschaftsiehe auch Pilgerschaft oder o-henro-san) werden in Shikoku sehr freund­lich auf­ge­nommen. Der Brauch verlangt es, dass man ihnen kleine Ge­schen­ke (o-settai o-settai お接待 Almosen) — z.B. Essen, aber auch Geld — gibt, um auf diese Weise ein bisschen an ihrem frommen Werk zu partizi­pieren. Theo­re­tisch ist es daher mög­lich, auch gänzlich ohne eigene Mittel eine Pilger­schaft in Shikoku zu bestreiten. Tat­säch­lich profitiert aber die lokale Tourismus­branche nicht un­er­heblich von den Pilgern.

Osame-fuda und go-shuin

Sabadaishicallig.jpg  Shuin shikoku tempel4.gif
Eintrag ins Pilgerlogbuch
Bilder: D. Weiss

Wie auch auf anderen Pilgerrouten führen die meisten Pilger in Shikoku eine Art Log­buch mit sich, in das sie sich von jedem be­such­ten Tempel einen Stempel (shuin shuin 朱印 wtl. „roter (=offizieller) Stempel“; auch für rel. Zwecke, z.B. Stempel ins Pilgerlogbuch verwendet) und eine Kalligraphie ein­tra­gen lassen. Die Kalli­graphien enthalten meist den Tempel­namen und ein Sanskrit­zeichen (shuji shuji 種子 Symbolische Sanskrit-Zeichen; wtl. Samen (Skt. bija)siehe auch Pilgerschaft → Alltag/Friedhof/Gorinto→ Ikonographie/Mandala/Ryogai Mandara ), das den Haupt­buddha (honzon honzon 本尊 Hauptheiligtum eines Tempelssiehe auch Tempel → Bauten/Schreine→ Ikonographie→ Bauten/Bekannte Tempel/Asakusa→ Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Benzaiten → mehr ) des be­tref­fenden Tempels sym­bolisiert. Diese Bestätigungen belegen den Besuch des Tempels und sind als Nachweis der erbrachten Übung (shūgyō shūgyō 修業 Übung, Ausbildung; im rel. Kontext meist verbunden mit körperlichem Einsatz und/oder Askesesiehe auch Pilgerschaft ) extrem wichtig.

Osamefuda.gif

Umgekehrt spielen auch die sog. osame-fuda osame-fuda, nōsatsu 納札 „Visitenkarte“ eines Pilgers, Votivzettel eine große Rolle. Das sind Pa­pier­streifen, die mit einem Bild Kūkais und dem Spruch: „Ehre der Pilger­schaft zu den 88 heiligen Orten“ bedruckt sind. Die Pilger kaufen sie in Blöcken, schreiben auf die Rück­seite ihren eigenen Namen und opfern diese Zettel an jedem Tempel, den sie besuchen. Unter­schied­liche Farben re­präsen­tieren den „Rang“ eines Pilgers, abhängig davon, wie oft er die Route bereits absolviert hat. Osame-fuda sind also „Visiten­karten“ im wörtlichen Sinn und bedeuten nichts anderes als: „I was here.“

Auf vielen Pilger­routen ist es sogar üblich, dass Pilger osame-fuda mit ihrem eigenen Namen mit­führen und diese an den be­such­ten Tempeln oder Schreinen aufkleben. Be­lieb­te Pilgerstätten sind daher oft über und über mit osame-fuda überzogen. Gegen diese Art von Graffiti be­ste­hen keiner­lei Vorbehalte in Japan. Aller­dings sind solche „Visiten­karten“ stets nach einem fest­ge­legten Muster gestaltet.

  ameyadori.jpg

Suhara (Reisende im Regen)

Farbholzschnitt (Papier, Farbe) von Utagawa Hiroshige (1797–1858). Edo-Zeit; aus der Serie Kisokaidō rokujūkyū tsugi no uchi (Die 69 Stationen des Kisokaidō), Blatt 40, 1835–38; 22,7 x 35,3 cm
Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2016/9/19)

In Suhara, einem Ort an der Inlandsroute zwischen Edo und Kyōto (dem Kisokaidō), werden Reisende von einem plötzlichen Sommergewitter überrascht. Unter dem Dach eines kleinen Tempels hat auch eine Gruppe Pilger Unterschlupf gefunden. Ein Pilger nützt die Gelegenheit, um eine Botschaft an einen Pfosten zu pinseln — wahrscheinlich seinen Namen, ähnlich wie es heutige Pilger mit Hilfe einer „Visitenkarte“ (osame-fuda, nōsatsu) tun. Die Figur mit dem korbartigen Hut ist ein komusō, ein flötenspielender Bettelmönch, und gehört nicht zur Pilgergruppe. Zwei Bauern kommen herbeigelaufen, während im Hintergrund ein Reiter und sein Diener ihre Reise trotz des Regens fortsetzen. Das Motiv der vom Regen überraschten Reisenden findet sich häufig in den Motiven der ukiyo-e Künstler. Für dieses Bild Hiroshiges gibt es ein unmittelbares Vorbild in der Bildersammlung Itchō gafū von Suzuki Rinshō (1732-1803), wo ebenfalls ein Pilger mit Reiseschreibgerät dargestellt ist.

. 1 Pilger im Regen
Eine Gruppe Pilger hat unter einem Tempeldach Schutz vor dem Regen ge­fun­den. Ein Pilger nützt die Ge­le­gen­heit, um seinen Na­mens­zug an­zu­brin­gen.

Ausländische Pilger

Auch Ausländer beteiligen sich manchmal an der Wallfahrt in Shikoku, um in die Geheimnisse des japanischen Bud­dhis­mus einzudringen. Einer von ihnen, der Amerikaner Don Weiss, hat seine Er­fah­run­gen auf dem Shikoku Pilgerweg in seinem Buch Echoes of Incense ver­öffent­licht, das auch über das Internet zugänglich ist. 2006 brachte der Schweizer Ethnologe Tommi Mendel eine sehr sensible filmische Dokumentation heraus, die vor allem nach den Motiven jüngerer Shikoku Pilger fragt. Nach den über 60-jährigen bilden sie die zweit­größte Alters­kohorte, die sich auf den aufwendigen Fuß­marsch einlässt. Schließlich hat sich auch der Deutsche Gerald Koll zu einem „filmischen Selbstversuch“ mit einer Kamera im Gepäck auf den Weg der 88 Tempel begeben. Sein Do­ku­men­tar­film versteht sich als hin­ter­grün­di­ger Kom­men­tar zur Erfahrung des Pilgerns im All­ge­mei­nen, verrät aber auch viel über Japan aus einer unvoreingenommenen, nicht-japanologischen Perspektive.

Henroishi2.jpg Henroishito11.jpg
Traditionelle Wegweiser
Bilder: Don Weiss

Verweise

Fußnoten

  1. Die alten Provinzen hatten dieselben Grenzen wie die heutigen Präfekturen:
    • Awa, heute Tokushima-ken, Tempel 1–23
    • Tosa, heute Kōchi-ken, 24–39
    • Iyo, heute Ehime-ken, 40–65
    • Sanuki, heute Kagawa-ken, 66–88
    Die alten Provinznamen spielen in Shikoku immer noch eine wichtige Rolle.

Bilderläuterungen

  1. Ameyadori.jpg

    Suhara (Reisende im Regen)

    Farbholzschnitt (Papier, Farbe) von Utagawa Hiroshige (1797–1858). Edo-Zeit; aus der Serie Kisokaidō rokujūkyū tsugi no uchi (Die 69 Stationen des Kisokaidō), Blatt 40, 1835–38; 22,7 x 35,3 cm
    Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2016/9/19)

    In Suhara, einem Ort an der Inlandsroute zwischen Edo und Kyōto (dem Kisokaidō), werden Reisende von einem plötzlichen Sommergewitter überrascht. Unter dem Dach eines kleinen Tempels hat auch eine Gruppe Pilger Unterschlupf gefunden. Ein Pilger nützt die Gelegenheit, um eine Botschaft an einen Pfosten zu pinseln — wahrscheinlich seinen Namen, ähnlich wie es heutige Pilger mit Hilfe einer „Visitenkarte“ (osame-fuda, nōsatsu) tun. Die Figur mit dem korbartigen Hut ist ein komusō, ein flötenspielender Bettelmönch, und gehört nicht zur Pilgergruppe. Zwei Bauern kommen herbeigelaufen, während im Hintergrund ein Reiter und sein Diener ihre Reise trotz des Regens fortsetzen. Das Motiv der vom Regen überraschten Reisenden findet sich häufig in den Motiven der ukiyo-e Künstler. Für dieses Bild Hiroshiges gibt es ein unmittelbares Vorbild in der Bildersammlung Itchō gafū von Suzuki Rinshō (1732-1803), wo ebenfalls ein Pilger mit Reiseschreibgerät dargestellt ist.

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