Die Religion(en) der Frühzeit

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Bernhard Scheid, „Die Religion(en) der Frühzeit.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 7.4.2014). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Geschichte/Praehistorie?oldid=36045

Auch wenn über die japanische Religion vor Einführung des Buddhismus nur wenige ge­sicherte Aus­sagen mög­lich sind, kann man davon aus­gehen, dass in Japan schon seit vor­geschicht­lichen Zeiten Kami kami japanische Gottheitsiehe auch Shinto → Grundbegriffe/Buddhismus Lehre→ Bauten/Schreine→ Grundbegriffe/Weltbild→ Ikonographie→ Alltag/Omairi → mehr verehrt wurden. Aller­dings waren sowohl die Gestalten der Kami als auch die Formen ihrer Ver­ehrung sehr unter­schied­lich. Aus frühen chi­ne­sischen Berichten und aus den Mythen selbst kann man ent­nehmen, dass Frauen eine wich­tige Rolle in der Religion spielten. Das chine­sische Ge­schichts­werk Weizhi Weizhi (chin.) 魏志 Chin. Chronik der Wei Dynastie aus dem 3. Jh. u.Z.; enthält die frühesten Berichte über Japan (Wa)siehe auch Himiko → Bauten/Schreine/Torii→ Alltag/Opfergaben/Blut- und Selbstopfer (Chronik der Wei, 297 u.Z.) be­richtet, dass es um die Mitte des dritten Jahr­hunderts in Japan eine Priester­königin namens Himiko Himiko 卑弥呼 ca. 170–248; frühgeschichtliche Priesterkönigin; auch Pimiko (wahrscheinliche Bedeutung: „Kind der Sonne“); chin. Pei-mi-husiehe auch Himiko → Mythen/Goetter des Himmels→ Alltag/Opfergaben/Blut- und Selbstopfer gab, die das Volk mit Mitteln der Magie und Zauberei be­herrschte. Diese Be­richte erinnern an die mytho­lo­gische Kaiserin Jingū Jingū Kōgō 神功皇后 mytholog. Kaiserinsiehe auch Goetter der Erde → Ikonographie/Shinto-Goetter→ Mythen/Symboltiere/Tauben→ Geschichte/Praehistorie/Himiko→ Geschichte/Neo-Konfuzianismus/Dainihonshi , die mit magi­schen Mitteln einen erfolg­reichen Feld­zug gegen Korea führte, aber auch an die Gott­heit Amaterasu Amaterasu 天照 Sonnengottheit; Ahnherrin des Tennō-Geschlechtssiehe auch Goetter des Himmels → Grundbegriffe/Shinto→ Alltag/Pilgerschaft→ Bauten/Ise Izumo→ Grundbegriffe/Shinto/Jindo→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise → mehr , die sich mit magischen Mitteln gegen ihren unge­hor­samen Bruder Susanoo Susanoo 須佐之男 mytholog. Trickster-Gott; Sturmgott, Mondgottsiehe auch Goetter der Erde → Bauten/Schreine/Shimenawa→ Bauten/Bekannte Schreine/Itsukushima→ Alltag/Matsuri→ Ikonographie/Gluecksgoetter→ Ikonographie/Shinto-Goetter → mehr behauptet.

Ausgehend von solchen Berichten und Legenden nehmen manche Religions­historiker an, dass an der Spitze der früh­geschicht­lichen japa­nischen Klan­gesell­schaften Herr­scher­paare standen, bei denen den Männern die welt­lich-poli­tische, den Frauen die geistlich-reli­giöse Autorität zukam. Die zahl­reichen Götter­paare in den Mythen stützen diese An­nahme. Doch bereits in vor­bud­dhis­tischer Zeit änderte sich die starke religiöse Stellung der Frau.

Hügelgräber und Ujigami

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Grab des Nintoku Tennō (Daisen kofun)

Grabhügel, kofun. Mitte des 5. Jh.; Ōsaka, Ortsteil Sakai; Länge: 486m
Bild © www.georggerster.com, Georg Gerster, 1985. (Letzter Zugriff: 2016/9/6)

Das Daisen Kofun ist ein Hügelgrab (kofun) mit knapp einem halben Kilometer Länge. Es stellt das größte Mausoleum seiner Art in Japan und liegt heute mitten in der modernen Stadtlandschaft Ōsakas. Das Grab wird offiziell dem semi-mythologischen Nintoku Tennō zugeschrieben, doch ist die historische Existenz dieses Herrschers nicht über jeden Zweifel erhaben, sodass auch nicht sicher ist, wer wirklich in diesem Grab bestattet ist und aus welchem Jahr es stammt.

Grab des Nintoku Tenno

Vor der Übernahme des chinesischen Staats- und Rechtssystems im siebenten Jahr­hundert wurde der frühe japanische Staat von einer Konföderation von Klans (uji uji altjap. Klan, Sippe, Familiesiehe auch Frühzeit → Geschichte/Fruehzeit ) dominiert, unter denen der Klan des Tennō Tennō 天皇 jap. „Kaiser“-Titel, wtl. Herrscher des Himmelssiehe auch Goetter der Erde → Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Weltbild→ Alltag/Opfergaben→ Bauten/Ise Izumo/Schreinanlage Ise→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja → mehr -Geschlechts eine führende Stellung inne­hatte. Ein heute noch sicht­bares Zeichen dieser früh­geschicht­lichen Herr­schafts­form sind die riesigen schlüssel­loch­förmigen Grab­hügel (kofun kofun 古墳 Hügelgrab der japanischen Frühzeit (ca. 300–700), wtl. „altes Grab“siehe auch Fruehzeit → Bauten/Schreine/Torii→ Ikonographie/Shinto-Goetter→ Geschichtsperioden ), mit denen die Herr­scher zwischen dem dritten und siebenten Jahr­hundert ihre Auto­rität unter Beweis stellten. Ganz ähnliche archäologische Zeugnisse finden sich auch in Korea. Man nimmt an, dass es in dieser Zeit in beiden Gesellschaften zu einer zu­neh­menden Strati­fi­zierung der Gesell­schaft kam. Es bildete sich eine Aristo­kratie heraus, die ihren Status unter anderem durch die Ver­ehrung ihrer Ahnen in Form von Klan­gott­heiten (ujigami ujigami 氏神 Altertum: Klangottheit; heute: lokale Schutzgottheitsiehe auch Kamidana → Geschichte/Kami Kulte ) hervor­hob. Viele der ältesten heute noch bekannten Schreine, etwa der Kasuga Schrein in Nara Nara 奈良 Hauptstadt und Sitz des Tennō, 710–784 (= Nara-Zeit); ehemals: Heijō-kyōsiehe auch Nara → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Tempel→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Ise Izumo→ Bauten/Bekannte Schreine/Itsukushima → mehr , gingen aus diesen ujigami Verehrungsstätten hervor.

Die Kami-Verehrung der uji-Aristokratie stellt daher wahr­schein­lich keine besonders ur­tüm­liche religiöse Praxis dar, sondern ist Aus­druck der Zen­tra­lisie­rung des frühen ja­pa­nischen Staats­wesens und der damit ver­bun­denen Be­to­nung der patri­linearen Erb­folge. Das Auf­kommen der ujigami, die stets die Ahnen der männ­lichen Linie repräsen­tierten, steht möglicher­weise mit einer Ver­drängung der mütter­lichen Erb­folge und damit ein­her­gehend mit einer Schwächung der Stellung der Frau in rituellen Belangen in Zusammenhang.

Die ujigami standen nicht nur für die Ahnen eines patrilinearen Klans, sie waren auch mit dem Land des Klans ver­bunden und fungierten somit als Hüter der territorialen Klan­rechte. Mit der Ein­führung des chi­ne­sischen Staats­wesens im siebenten Jahr­hundert wurde jedoch das ganze Land zumindest der Theorie nach dem Tenno unter­stellt. Die alten Land­rechte der uji-Aristo­kratie wandelten sich in Ver­waltungs­ämter um, dh. man konnte Land nicht mehr be­sitzen, sondern nur noch im Namen des Tenno ver­walten. Wenn ein Ver­walter in Un­gnade fiel, konnten ihm seine Land­rechte ent­zogen werden. Vor allem da­gegen scheinen sich die „Kon­serva­tiven“ bei Hof ge­richtet zu haben. Diese Fraktion stellte ein Gegen­gewicht zur zu­neh­menden Sini­sierung der Ver­waltung dar und be­stand im Gegen­satz zum leistungs­betonten Modell der chi­ne­sischen Beamten­hie­rarchie auf den erblichen Privilegien der alten Klan-Aristokratie.

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