Windgott und Donnergott

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Bernhard Scheid, „Windgott und Donnergott.“ In: Religion-in-Japan: Ein Web-Handbuch. Universität Wien, seit 2001 (Stand: 26.7.2016). URL: https://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Ikonographie/Waechtergoetter/Wind_und_Donner?oldid=62844

Wind- und Donnergott (Fūjin Fūjin 風神 Windgott; auch Fū-tensiehe auch→ Ikonographie/Waechtergoetter und Raijin Raijin 雷神 Donnergott; auch Rai-tensiehe auch→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Mythen/Geister→ Mythen/Symboltiere/Namazu-e ) finden sich in der japanischen Kunst häufig als Paar. Man er­kennt sie im All­ge­meinen daran, dass der Wind­gott einen schlauch­artigen Sack um die Schultern trägt, in dem er die Winde auf­be­wahrt, während der Donner­gott von einem Kranz fliegender Trommeln umgeben ist, auf denen er bei Bedarf sein Konzert veranstaltet. Oft gibt es im Ausdruck der beiden Figuren einen ähnlichen Gegensatz, wie bei den Torwächtern (niō niō 仁王 Wächterfigur, Torwächtersiehe auch Nio → Bauten/Tempel→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Tempeltore→ Bauten/Bekannte Schreine/Nikko→ Ikonographie/Waechtergoetter → mehr ): Der eine aufbrausend und aggressiv (Donner), der andere zurückhaltend und bedächtig (Wind).

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Windgott (Fūjin)

Statue, tenbu (Holz, Glasaugen). Kamakura-Zeit; Sanjūsangen-dō, Kyōto
Bild © Sanjūsangen-dō, Scan aus dem Tempelkatalog

Figur des Windgottes (Fūjin) aus dem Gefolge des tausendarmigen Kannon.

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Donnergott (Raijin)

Statue, tenbu (Holz, Glasaugen). Kamakura-Zeit; Sanjūsangen-dō, Kyōto
Bild © Sanjūsangen-dō, Scan aus dem Tempelkatalog

Figur des Raijin aus dem Gefolge des tausendarmigen Kannon. Wenn man will, kann man in dieser Figur bereits die humorvollen Züge erkennen, die sich in späteren Darstellungen von Wind und Donner durchsetzen.

Wind- und Donnergott aus dem Gefolge Kannons.
Kyōto, Sanjūsangen-dō. Kamakura-Zeit

Wind und Donnergott zählen u.a. zum Gefolge des Tausend­armigen Kannon Kannon 観音 auch Kanzeon 観世音, wtl. der den Klang der Welt erhört; skt. Avalokiteśvara; chin. Guanyin; als Bodhisattva des Mitleids bekanntsiehe auch Kannon → Bauten/Bekannte Tempel→ Bauten/Bekannte Tempel/Asakusa→ Bauten/Schreine/Torii→ Alltag/Pilgerschaft→ Bauten/Bekannte Schreine/Fushimi → mehr . Die viel­leicht schönsten Skulpturen sind daher auch im Kannon-Heiligtum Sanjūsangen-dō Sanjūsangen-dō 三十三間堂 33 Klafter Halle; Kannon-Tempelhalle in Kyōtosiehe auch Kannon → Ikonographie/Waechtergoetter→ Mythen/Hoellen/Hungergeister→ Karte in Kyōto zu finden. Diese Figuren aus der Kamakura Kamakura 鎌倉 Stadt im Süden der Kantō Ebene, Sitz des Minamoto Shōgunats 1185–1333 (= Kamakura-Zeit)siehe auch Kamakura → Ikonographie→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Bauten/Bekannte Schreine/Itsukushima→ Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga→ Ikonographie/Jizo → mehr -Zeit scheinen zum Aus­gangs­punkt der meisten späteren Dar­stel­lungen geworden zu sein. Windgott und Donnergott bewachen u.a. auch das Tor des Kannon-Tempels Sensō-ji Sensō-ji 浅草寺 Tempel in Tōkyō; auch: Asakusa-derasiehe auch Asakusa → Alltag/Jahr/Shogatsu→ Alltag/Jahr→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Karte in Asakusa, Tōkyō.

Die ikonographischen Details, z.B. die drei- bzw. vierfingrigen Hände und Füße, bleiben auf fast allen Ab­bildungen gleich. Auch haben Wind­gott und Donner­gott oft ähnliche Hörner wie die japanischen oni oni Dämon, „Teufel“; in sino-japanischer Aussprache (ki) ein allgemeiner Ausdruck für Geistersiehe auch Oni und Kappa → Alltag/Jahr→ Ikonographie/Gluecksgoetter/Daikoku→ Mythen/Geister→ Mythen/Imaginaere Tiere → mehr (Dämonen), sie sind also ei­gent­lich be­droh­liche Figuren. Es gibt auch Dar­stel­lungen von Rachegeistern in Form eines Donner­gottes. Dies mag mit dem Donner in den alten Mythen zusammenhängen, wo er z.B. unter dem Namen Takemikazuchi Takemikazuchi 建御雷 Mythologischer Schwertgott (wtl. Gewittergott); Ahnengottheit der Fujiwara; u.a. in den Schreinen Kashima und Kasuga verehrtsiehe auch Goetter der Erde → Bauten/Bekannte Schreine/Kasuga→ Mythen/Goetter der Erde/Okuninushi→ Mythen/Symboltiere/Namazu-e als furchteinflößende, gefährliche Gottheit auftritt. Alles in allem sind Wind und Donner aber nicht so mächtig, wie man es aufgrund der Natur­gewalten, die sie re­prä­sen­tieren, erwarten würde. Viel­leicht liegt das am Einfluss des Buddhismus, der es mit sich brachte, dass der eigentliche Kompetenz­bereich der beiden Götter, das Wetter, anderen Wesen wie etwa den Drachen zugewiesen wurde. Gebete um Regen oder den Schutz davor scheint man daher kaum an Fūjin Fūjin 風神 Windgott; auch Fū-tensiehe auch→ Ikonographie/Waechtergoetter und Raijin Raijin 雷神 Donnergott; auch Rai-tensiehe auch→ Ikonographie/Waechtergoetter→ Mythen/Geister→ Mythen/Symboltiere/Namazu-e gerichtet zu haben. Mit der Zeit erhielten die beiden Gestalten hingegen eine humoristische Note, z.B. auf den berühmten Wand­schirmen aus der frühen Edo Edo 江戸 Sitz der Tokugawa Shōgune, 1600–1867 (= Edo-Zeit); heute: Tōkyōsiehe auch Geschichtsperioden → Grundbegriffe/Buddhismus→ Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Shinto→ Grundbegriffe/Stereotype/Herrigels Zen→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya → mehr -Zeit:

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Windgott und Donnergott (Fūjin raijin zu)

Stellschirm, tenbu (Holz, vergoldet, Farbe) von Ogata Kōrin (1658–1716). Edo-Zeit, 17. Jh.; im Besitz des Tōkyō National Museums; zweimal 164,5 × 182,4 cm
Bild © Wikimedia Commons. (Letzter Zugriff: 2016/8)

Wind- und Donnergott (Fūjin und Raijin). Die Vorlage zu diesem Bild stammt von Tawaraya Sōtatsu.

Wind und Donner
Stellschirm von Ogata Kōrin basierend auf einer Vorlage von Tawaraya Sōtatsu.
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Donnergott (Raijin)

Stellschirm (Holz, vergoldet, Farbe) von Tawaraya Sōtatsu, Detail. Frühe Edo-Zeit, 17. Jh.; „Nationalschatz“; im Besitz des ältesten Zen-Tempels von Kyōto, Kennin-ji; 169,8 x 154,5 cm
Bild © Kyōto National Museum. (Letzter Zugriff: 2016/8)

Vor lauter überschäumender Energie sind die Hände dieses Donnergottes (Raijin) in eine anatomisch unmögliche Stellung verdreht.

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Windgott (Fūjin)

Stellschirm, tenbu (Holz, vergoldet, Farbe) von Tawaraya Sōtatsu, Detail. Frühe Edo-Zeit, 17. Jh.; „Nationalschatz“; im Besitz des ältesten Zen-Tempels von Kyōto, Kennin-ji; 169.8 x 154.5 cm
Bild © Kyōto National Museum. (Letzter Zugriff: 2016/8)

Darstellung des Fūjin.

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Donnergott (Raijin)

Stellschirm, tenbu (Holz, vergoldet, Farbe) von Ogata Kōrin (1658–1716), Detail. Edo-Zeit, 17. Jh.; im Besitz des Tokyo National Museums; 164,5 × 182,4 cm
Bild © Cultural Heritage Online. (Letzter Zugriff: 2016/8)

Die Vorlage zu diesem Bild des Raijin stammt von Tawaraya Sōtatsu. Abgesehen von den Farben besteht der Unterschied zu Sōtatsus Vorlage v.a. darin, dass dieser Donnergott seinem Zwilling gerade in die Augen blickt.

Fujin korin.jpg

Windgott (Fūijin)

Stellschirm, tenbu (Holz, vergoldet, Farbe) von Ogata Kōrin (1658–1716), Detail. Edo-Zeit, 17. Jh.; im Besitz des Tōkyō National Museums; 164,5 × 182,4 cm
Bild © Cultural Heritage Online. (Letzter Zugriff: 2016/8)

Abbildung des Windgottes (Fūjin).

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Donnergott (Raijin)

Stellschirm, tenbu (Tusche, Farbe und Goldstaub auf Papier) von Tawaraya Sōtatsu (Werkstatt) (ca. 1600-1640). Frühe Edo-Zeit; 150,3 x 343,6 cm
Bild © Cleveland Museum of Art. (Letzter Zugriff: 2016/9/19)
Andrew R. and Martha Holden Jennings Fund

Dieser Donnergott (Raijin) befindet sich allein auf einem sechsteiligen Wandschirm. Er wirkt etwas wilder als das berühmte Wind- und Donner-Paar des gleichen Meisters, trägt aber ähnliche, fast comic-haft überzeichnete Züge.

Details der Stellschirme. Bitte anklicken.
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Wind- und Donnergott (Fūjin raijin zu)

Farbholzschnitt, tenbu (Papier, Farbe) von Utagawa Kuniyoshi (1797–1861); aus der Serie Shūeki hakke e (Die acht Trigramme des Yijing); zweimal 37 x 25,5 cm
Bild © Museum of Fine Art, Boston. (Letzter Zugriff: 2016/9)
William Sturgis Bigelow Collection

Darstellung des Fūjin und Raijin.
Den acht Trigrammen des Yijing sind unter anderem Elemente der Natur zugeordnet, z.B. Wind und Donner. Außerdem stehen die Trigramme auch für Himmelsrichtungen. Auf diese Weise entspricht der Donner dem Osten und der Wind dem Südosten. Seltsam sind die Tierbegleiter der beiden, Hahn und Hund. Man würde vermuten, dass sie den Tierkreiszeichen entnommen sind, die ja ebenfalls Himmelsrichtungen ausdrücken können, doch entspricht der Hahn dem Westen und der Hund im Verein mit dem Wildschwein dem Nordwesten.

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Abgestürzter Donnergott

Plastik, tenbu (Holz, Farbe). Edo-Zeit; 26 x 20 x 21 cm
Bild © Online Archive of California
Ruth and Sherman Lee Institute for Japanese Art Collection

Darstellung eines abgestürzten Raijin.

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Donnergott (Raijin)

Seidenrollbild, tenbu (Tusche, Farbe) von Kawanabe Kyōsai (1831–1889). Meiji-Zeit; 114 x 35,4 cm
Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2016/8)
William Sturgis Bigelow Collection

Darstellung des Raijin auf einem Seidenrollbild.

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Windgott (Fūjin)

Seidenrollbild, tenbu (Tusche, Farbe) von Kawanabe Kyōsai (1831–1889). Meiji-Zeit; 114 x 35,4 cm
Bild © Museum of Fine Arts, Boston. (Letzter Zugriff: 2016/8)
William Sturgis Bigelow Collection

Abbildung des Fūjin auf einem Seidenrollbild.

Weitere humoristische Beispiele

Frühformen

Frühere Darstellungen und Erwähnungen zeigen, dass ins­bsondere der Donner­gott ehe­mals eine mäch­ti­gere Stel­lung inne hatte, als in den liebe­voll-komi­schen Dar­stel­lungen der Edo-Zeit. Er brachte es in Japan zwar nie zu einer ähnlich be­herr­schen­den Position wie Zeus, Jupiter oder Thor im euro­päi­schen Kon­text, aber es gibt Hin­weise, dass mäch­tige Lokal­gottheiten oder gefähr­liche Rache­götter ur­sprüng­lich als Donner­götter ge­dacht wurden: Die Le­genden­samm­lung Nihon ryōiki Nihon ryōiki 日本霊異記 „Wunder­same Bege­ben­heiten aus Japan“; buddhistische Legendensammlung von Kyōkai (Anfang 9. Jh.)siehe auch Heian Zeit → Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya→ Alltag/Yamabushi/En no Gyoja→ Mythen/Hoellen/Hoellenbilder→ Mythen/Verwandlungskuenstler/Kitsune → mehr aus dem frühen neunten Jahr­hun­dert erzählt zum Bei­spiel von einem wackeren Helden, der einen Donner­gott zähmt, wäh­rend be­reits in der ältes­ten japa­ni­schen Chronik, dem Kojiki Kojiki 古事記 „Aufzeichnung alter Begebenheiten“; älteste jap. Chronik (712)siehe auch Mythentexte → Bauten/Schreine/Torii→ Bauten/Ise Izumo→ Bauten/Ise Izumo/Izumo Schrein→ Bauten/Bekannte Schreine/Itsukushima→ Ikonographie/Gluecksgoetter → mehr (720), von rächen­den Donner­gott­heiten die Rede ist (Izanami Izanami 伊耶那美 / 伊奘冉 Göttermutter, Göttin der Unterwelt (mi hier weibliche Endung)siehe auch Goetter des Himmels → Ikonographie/Gluecksgoetter→ Mythen/Goetter der Erde→ Mythen/Jenseits→ Mythen/Goetter des Himmels/Trickster → mehr Edpisode). In der Heian Heian 平安 alter Name Kyōtos, eig. Heian-kyō 平安京, „Stadt des Friedens“; politisches Zentrum 794–1185 (= Heian-Zeit)siehe auch Heian Zeit → Bauten/Bekannte Tempel→ Grundbegriffe/Shinto→ Ikonographie→ Bauten/Tempel/Pagoden→ Bauten/Bekannte Tempel/Berg Koya → mehr -Zeit offen­bart sich der rä­chende Aspekt der Don­ner­gott­hei­ten darin, dass „Zür­nende Geister“ (goryō goryō 御霊 „erhabener“ [Rache]Geistsiehe auch Geister → Bauten/Bekannte Schreine/Tenjin→ Geschichte/Kamakura/Verwuenschungen ) wie etwa Sugawara no Michizane Sugawara no Michizane 菅原道真 845–903, Heian-zeitl. Staatsmann und Gelehrter; posthum als Tenman Tenjin vergöttlicht, heute Gott der Gelehrsamkeitsiehe auch Tenjin → Bauten/Bekannte Schreine→ Mythen/Geister→ Geschichte/Staatsshinto in dieser Gestalt er­schei­nen, wenn sie Schaden über die un­dank­bare Nach­welt herab­rufen wollen. All diese Aspekte kommen in den spä­teren, bud­dhis­tisch ge­präg­ten Dar­stel­lungen von Donner und Wind nur noch ab­ge­mildert bzw. humo­ris­tisch gebro­chen zum Ausdruck.

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