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5 Forschungsansatz IV: Critical Realism

Der Critical realism stellt einen neuen und eigenständigen wissenschaftstheoretischen Ansatz dar, der sich in der Kritik an positivistischen (empiristischen) Konzeptionen sowie in der kritischen Auseinandersetzung sowohl mit der Struktur-Handlungs- Theorie von Anthony Giddens als auch mit poststrukturalistischen und hermeneutischen Theorien herausgebildet hat. (Der Critical realism ist keinesfalls mit dem kritischen Rationalismus von Karl R. Popper zu verwechseln!)

Roy BhaskarRoy Bhaskar ist Begründer des Critical realism. Seine „Realist Theory of Science“ erschien 1975. Bild: University of Lancaster

Als "Begründer" des Critical realism kann der britisch-indische Philosoph und Ökonom Roy Bhaskar (geb. 1944) gelten: Bhaskar hat als erster systematisch eine kritisch-realistische Wissenschaftstheorie entwickelt und ausformuliert. Selbstverständlich bezieht er sich dabei auf verschiedene AutorInnen (z.B. Rom Harré, Mary Hesse, Louis Althusser), die vor ihm oder zur gleichen Zeit teilweise ähnliche Argumente publiziert hatten, an die Bhaskar dann anknüpfen bzw. sie umarbeiten und mit neuen Thesen zu einer eigenständigen Theorie verbinden konnte.

Eine seiner zentralen Absichten war, eine philosophische, wissenschaftstheoretische Analyse darüber anzustellen, wie Wissenschaften real handeln, wie der reale Prozess der Produktion von wissenschaftlichen Erkenntnissen abläuft.

Wie funktioniert wissenschaftliche Erkenntnisproduktion? Der Critical realism fragt danach, wie wissenschaftliche Erkenntnisproduktionsprozesse wirklich funktionieren. Dabei werden folgende Aspekte betont:

  • Wissenschaft (d.h. die Produktion wissenschaftlicher Erkenntnisse) wird in der Regel nicht von isolierten einzelnen WissenschaftlerInnen betrieben, sondern sie ist eine gesellschaftliche Aktivität, die meist institutionalisiert (universitär oder außeruniversitär) ausgeübt wird und somit nicht nur ein individuelles Phänomen ist.
  • Wissenschaftliche Praxis fängt nie "bei Null" an (darauf hat vor allem Gaston Bachelard, ein französischer Wissenschaftstheoretiker und Wissenschaftshistoriker des 20. Jahrhunderts, hingewiesen), sie bezieht sich immer auf vorangehendes (meist ideologisches) Wissen und verändert dieses, sie erschafft also nicht, sondern transformiert Wissen.
  • Wissenschaft geht mit spezifischen Mitteln (z.B. Theorien, gesellschaftlich produzierte Instrumente) an dieses bisher produzierte Wissen heran.
  • Wissenschaft ist also Arbeit bzw. Produktion (von Erkenntnissen), d.h. die Veränderung von – teilweise wiederum vorher gesellschaftlich produzierten – Rohmaterialien (früher erzeugtes Wissen, Vorstellungen über den Untersuchungsgegenstand) mittels Produktionsmitteln (Gesellschafts- und Wissenschaftstheorien, theoriegeleitete Datenerhebung und Datenauswertung) in einem bestimmten wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext.
  • Wissenschaftliche Erkenntnis hat immer diese beiden Aspekte: 1. Erkenntnis ist ein – stets vorläufiges – Ergebnis eines Produktionsprozesses. 2. Erkenntnis ist immer Erkenntnis von etwas.
  • Wissenschaften produzieren (stets revidierbare) Erkenntnisse über eine Realität, welche die jeweilig forschenden WissenschafterInnen in der Regel nicht selber durch ihre Forschungen hergestellt haben.
  • Wissenschaft ist ein – nie abschließbarer – Prozess-in-Bewegung (d.h. es kann niemand beanspruchen, zu einem bestimmten Problem eine letzte, endgültige Antwort gefunden zu haben).
  • WissenschaftlerInnen müssen aufgrund der Differenz zwischen wissenschaftlichem und Alltags-Wissen eine längere Ausbildung durchlaufen, um als solche tätig sein zu können.
  • Wissenschaftliche Erkenntnisse werden in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und Situationen angewendet. (Bhaskar 2008/1975; 1998/1979)
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