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up 1 Was ist Kultur- und Sozialanthropologie?
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1.2.4 Ethnozentrismus

"Ethnozentrismus" ist für die Kultur- und Sozialanthropologie ein zentraler Begriff. Er wurde bereits 1907 von dem amerikanischen Anthropologen und Soziologen William Graham Sumner geprägt: "Ethnocentrism is the technical name for [the] view of things in which one’s own group is the center of everything, and all others are scaled and rated with reference to it" (Sumner 1906: 13).

Für Thomas Hylland Eriksen bedeutet Ethnozentrismus in erster Linie, die Handlungen und Meinungen Anderer durch die eigene kulturell geprägte Brille zu betrachten und zu bewerten (vgl. Eriksen 2010: 7 f.), wobei es ihm vor allem um den bewertenden Aspekt geht. Dies ist ein wichtiger Punkt, da auch wissenschaftliche Erklärungen von Zusammenhängen oft implizite Bewertungen enthalten. Trotzdem bleibt dieses Argument gegen den Ethnozentrismus letzten Endes ein moralisierendes: Es ist falsch, Andere abzuwerten, wenn sie nicht den eigenen kulturellen Maßstäben entsprechen.

Wenn man von Ethnozentrismus als empirischem Phänomen spricht, dann steht dieser wertende Aspekt sicherlich im Vordergrund: Die Wahrnehmung von Andersartigkeit, von kultureller Differenz, wird oft in negativ wertender Weise artikuliert und mit der Forderung nach Anpassung der Anderen an die eigenen Werte, Gewohnheiten und Maßstäbe verbunden.

In der KSA ist aber der epistemologische Aspekt von Ethnozentrismus entscheidender. Es mag nicht allzu schwer sein, die Haltung eines explizit wertenden Ethnozentrismus zu vermeiden; damit ist aber noch lange nicht sichergestellt, dass unsere kulturellen Vorannahmen ohne störenden Einfluss auf unsere Erkenntnisfähigkeit bleiben. In der ethnographischen Auseinandersetzung mit kultureller Diversität manifestiert sich das zentrale erkenntnistheoretische Problem des Ethnozentrismus in der Frage, ob und wie die eigene kulturell geprägte Weltsicht mit ihren Denk- und Erklärungsansätzen geeignet ist, die Realität der Anderen zu erfassen. Sind wir uns unserer eigenen kulturellen Annahmen ausreichend bewusst, um zu vermeiden, dass sie unsere Wahrnehmung anderer kultureller Sichtweisen und Praktiken verzerren? Sind unsere Erkenntnisinstrumente so beschaffen, dass sie nicht letztlich nur unsere eigenen Annahmen auf Andere projizieren und somit unsere Erkenntnis behindern?

Abbildung: EthnozentrismusAbbildung: Ethnozentrismus, M. Reitter

(WK & MR)

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