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up 1 Was ist Kultur- und Sozialanthropologie?
up 1.2 Was will Kultur- und Sozialanthropologie wissen?

1.2.7 Methodologischer Relativismus

Relativismus bezeichnet im Prinzip eine philosophisch- erkenntnistheoretische Position, nach der das, was man wissen kann, nie absolut ist. Die Realität sieht nicht für jedeN BetrachterIn in jeder Situation gleich aus, sondern ist von der betrachtenden Person, vom jeweiligen Blickwinkel abhängig. Für den Relativismus kann es dementsprechend keine absolute, sondern nur relative Wahrheit geben.

In der Kultur- und Sozialanthropologie wird eine solche Position im sogenannten "harten" Kulturrelativismus eingenommen, der im Prinzip nichts wesentlich anderes sagt, wenn er die Relativität von Positionen auf Kultur zurückführt. Menschen sind in unterschiedliche kulturelle Zusammenhänge eingebunden und betrachten die Realität daher aus unterschiedlichen Perspektiven. Jede Kultur hat ihre eigene innere Logik; es gibt keine gemeinsame Perspektive, die für alle Menschen in allen kulturellen Zusammenhängen gleichermaßen gültig ist. Menschen leben in unterschiedlichen kulturellen Welten, von denen sich jede ihre eigene Wirklichkeit konstruiert. Für den "harten" Kulturrelativismus gibt es keine "transkulturellen" Wahrheiten, im Extremfall nicht einmal die Möglichkeit, aus der Perspektive einer Kultur in jene einer anderen zu "übersetzen".

Die Haltung des methodologischen Relativismus geht nicht so weit. Sie nimmt nicht notwendigerweise die Existenz inkompatibler kultureller Welten an. Sie sagt vielmehr, wir können nicht voraussetzen, dass die Anderen, deren Welt wir verstehen wollen, diese auf ähnliche Weise sehen wie wir. Gehen wir also zunächst davon aus, dass ihre Welt anders ist, und versuchen wir, sie in ihrer eigenen Logik zu verstehen. Dieser Relativismus ist deswegen methodologisch, weil er von Diversität als methodischer Annahme ausgeht. Die Möglichkeit, sich transkulturell auf eine Wirklichkeit zu einigen, schließt das nicht aus.

Wir riskieren es, unsere Sicht der Welt, in der Andere leben, zu verzerren, wenn wir naiv davon ausgehen, dass diese der unseren gleichgeartet ist und dass unsere Perspektiven und Werte den besten Zugang zu ihr bieten. Der notwendige Relativismus dieser Haltung ist also ein methodologischer Zwischenschritt, der am Ende des Erkenntnisprozesses, anders als der eigentliche "harte" Kulturrelativismus, durchaus zu Aussagen führen kann, die Anspruch auf überkulturelle oder sogar universale Gültigkeit erheben (vgl. Eriksen 2010: 8 f.).

Abbildung: Methodologischer RelativismusAbbildung: Methodologischer Relativismus, M. Reitter

(WK & MR)

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