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up 1 Was ist Kultur- und Sozialanthropologie?
up 1.2 Was will Kultur- und Sozialanthropologie wissen?

1.2.9 Exkurs: Homogenisierung, kulturelle Diversität und "Anthropology at Home"

Foto: McDonalds in ThailandFoto: McDonalds in Thailand, Quelle: fbcdn.com

Dass Menschen in anderen kulturellen und sozialen Zusammenhängen leben als wir, erscheint uns im Fall der überschaubaren nicht industrialisierten Gesellschaften, mit denen sich die KSA früher in erster Linie beschäftigte, ziemlich evident. Heute kann man aber durchaus in die Ferne reisen, ohne auf so offensichtliche Weise mit Diversität konfrontiert zu sein.

Die Annahme weltweit zunehmender Ähnlichkeit kultureller Lebensweisen und sozialer Organisationsformen ist verbreitet und scheint naheliegend. Kann man aber aus Beobachtungen wie jener, dass die Einkaufsstraßen in den globalen und konsumorientierten Städten vielerorts gleich aussehen und man in diesen Straßen die gleichen Geschäfte der gleichen Handelsketten, möglicherweise sogar mit den gleichen Produkten findet, wirklich auf eine solche Angleichung schließen?

Tatsächlich gibt es wissenschaftliche Thesen, die davon ausgehen, dass im Zuge solcher Entwicklungen die Bedeutung kultureller Unterschiede schwindet und dass unter dem Einfluss von Industrialisierung und Globalisierung Gesellschaften und Lebensverhältnisse einander immer ähnlicher werden. In den Sozialwissenschaften werden diese unter dem Begriff der "Homogenisierungsthese" zusammengefasst. Viele AnthropologInnen, aber auch VertreterInnen anderer Sozialwissenschaften haben diese Annahmen jedoch als zu oberflächlich zurückgewiesen: Globale Einflüsse, Vorbilder, Waren und Informationen werden nicht einfach übernommen, sondern lokal interpretiert, transformiert und angeeignet. In diesen Prozessen, die mit Begriffen wie Glocalization (Robertson 1995) und Creolization (Hannerz 1992) beschrieben werden, bilden sich neue Formen von Diversität.

Aus anthropologischer Perspektive verbergen sich hinter der scheinbar zunehmenden kulturellen Ähnlichkeit also weiterhin Unterschiede, die man erst bei genauerem Hinsehen erkennen kann. Die Einsichten in die Existenz radikaler kultureller Diversität, die wir aus Begegnungen mit Menschen am Amazonas oder in der Kalahari gewonnen haben, haben auch den Blick für die vielleicht subtilere Diversität jener Realität geschärft, die oberflächlich betrachtet ähnlich aussieht wie die eigene.

Dieses subtilere Verständnis von Diversität hat auch dazu geführt, dass Kultur- und SozialanthropologInnen heute ihre eigenen Herkunftsgesellschaften als ebenso legitimes Forschungsfeld betrachten wie die fernen "exotischen" Lebenswelten, mit denen sich das Fach traditionell beschäftigt hat. Die sogenannte "Anthropology at Home" findet unter der Prämisse der Diversität und unter Anwendung ethnographischer Methoden auch in der scheinbar vertrauten Nähe ein reiches Forschungsfeld.

(WK & MR)

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