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up 2 Theoriengeschichte der Kultur- und Sozialanthropologie

2.3 Franz Boas und der US-amerikanische Kulturrelativismus

Foto: Franz BoasFoto: Franz Boas (ca. 1915), Quelle: wikimedia.org

Der historische Partikularismus war die erste wesentliche Spielart des Kulturrelativismus und half diesen als eine in den USA anhaltend einflussreiche Haltung zu etablieren. Wichtigster Begründer des historischen Partikularismus war Franz Boas, der ihn als Gegenposition zum klassischen Evolutionismus aufbaute.

Boas (1858-1942) wanderte 1887 aus Deutschland in die USA ein. Vom deutschen Idealismus in der Tradition Johann Gottfried Herders geprägt, gab er der amerikanischen Anthropologie nachhaltige Impulse. Angesichts des Scheiterns der großen evolutionistischen Modelle trat Boas dafür ein, sich der empirischen und historischen Komplexität des Einzelfalls zu widmen. Eine klare gemeinsame Entwicklungslinie der gesamten Menschheit gab es für Boas ebenso wenig wie einen gemeinsamen Maßstab, nach dem einzelne Gesellschaften als mehr oder weniger weit fortgeschritten eingeordnet werden konnten. Jede Gesellschaft besaß laut Boas ihre eigene Kultur, ihre eigenen Wertmaßstäbe und ihre einzigartige historische Entwicklung.

Die Aufgabe der KSA definierte er bescheidener als die Evolutionisten: Es ging darum, auf solider ethnographischer Grundlage kulturelle Formen in ihrer historischen Bedingtheit zu beschreiben und zu verstehen - eine klare Absage an die großen spekulativen Theoriegebäude der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die Richtung, die Boas dem Fach gab - empiristisch, historisch und kulturrelativistisch - wurde von seinen SchülerInnen weitergeführt. Unter ihnen waren Ruth Benedict und Margaret Mead, die ersten prominenten weiblichen Vertreterinnen des Faches, sowie Melville Herskovits, Alfred L. Kroeber, Robert Lowie, Edward Sapir, Clark Wissler und andere. Sie bestimmten die US-amerikanische Anthropologie bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Dem Einfluss von Boas ist es, wie Eriksen (2010: 16) unterstreicht, auch zuzuschreiben, dass die materialistische Haltung, die Morgan vertreten hatte, in den USA in den Hintergrund gedrängt wurde. Kulturrelativistische und idealistische Positionen sowie eine Sicht, die das Kulturelle gegenüber dem Sozialen hervorhob, blieben auch nach dem 2. Weltkrieg in der amerikanischen "Cultural Anthropology" einflussreich, es gab aber verstärkt auch andere konkurrierende Ansätze.

(WK & MR)

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