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up 1 Was ist Kultur- und Sozialanthropologie?
up 1.1 Was untersucht Kultur- und Sozialanthropologie?

1.1.4 "Kulturen" und Kultur

Kultur ist ebenso sehr eine Abstraktion wie Gesellschaft. Kultur ist daher ebenso wenig wie Gesellschaft in konkrete, klare Grenzen zu fassen. In der Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie wurden zahlreiche Versuche unternommen, den Begriff Kultur zu definieren. Aus diesen Versuchen entstanden seit dem 19. Jahrhundert unterschiedliche Konzepte, Theorien und Paradigmen, die auf diverse Kriterien zurückgriffen, mit deren Hilfe Grenzziehungen versucht wurden, wie beispielsweise Sprache, Ethnizität, Geographie oder gemeinsame Abstammung.

Die skandinavischen Anthropologinnen Kirsten Hastrup und Karen Fog Olwig beschäftigten sich in den 1990er Jahren intensiv mit verschiedenen Kultur- Begriffen und unterscheiden zwei Gruppen von Zugängen (Hastrup und Fog Olwig 1997: 1-3). Die eine Gruppe umfasst "monolokale Kultur-Konzepte": Kulturen werden hier primär als einmalige und voneinander getrennte Einheiten verstanden, die an bestimmten Orten oder in spezifischen Regionen lokalisiert sind. Eine solche Verortung von Kultur etabliert auch den Rahmen für ein bestimmtes Verständnis von kultureller Differenz. Ein klassisches Beispiel für diesen Zugang bildet das funktionalistische Kulturkonzept Malinowskis (vgl. Kapitel 2.4).

Die zweite Gruppe umfasst "translokale Kultur-Konzepte": Diese betrachten Kultur nicht als geschlossene Einheit, sondern unterstreichen ihre Einbettung in größere Zusammenhänge. Ein Beispiel für einen solchen Zugang stellen die Arbeiten von Eric Wolf dar: "Unsere Menschenwelt stellt eine vielfältige Totalität miteinander verbundener Prozesse dar, und Untersuchungen, die diese Totalität zerstückeln, ohne sie wieder zusammenzusetzen, verfälschen die Realität" (Wolf 1986: 17). Translokale Kultur-Konzepte bilden auch einen wesentlichen Aspekt der Analyse von Kultur unter Konditionen der Globalisierung, so z.B. bei Appadurai (1996) oder Eriksen (2007).

Werden "Kulturen" als abgegrenzte und in sich geschlossene Einheiten gedacht, so könnte man in Analogie zum "methodologischen Nationalismus" von einem "methodologischen Kulturalismus " sprechen, der ebenso kritikwürdig ist. Der Begriff des "methodologischen Kulturalismus" ist im Gegensatz zum "methodologischen Nationalismus" kein etablierter; er hat z.B. in philosophischen Fachdiskursen eine ganz andere Bedeutung als hier. Die Vorstellung von der Kultur als einem nach außen abgeschlossenen Rahmen für menschliche Interaktion und Sinngebung, die mit der Idee der eindeutigen Unterscheidbarkeit von "Kulturen" zusammenhängt, ist eine Sichtweise, die zumindest bis in die 1970er Jahre eine große Rolle in unserem Fach gespielt hat. Vereinfacht gesagt, nimmt diese Sichtweise an, dass "Kulturen" jeweils mit abgegrenzten Gruppen von Personen identifiziert werden können, dass es daher klare kulturelle Grenzen zwischen verschiedenen Gruppen gibt, dass die verschiedenen Gruppen jeweils in sich homogen sind, und dass Personen einer Kultur eindeutig zugeordnet werden können. Diese alte Vorstellung von Kultur, die gelegentlich als das Container- Modell von Kultur bezeichnet wird, war lange einflussreich. Sie steht in der Tradition von Franz Boas und wird oft mit dem Werk von Clifford Geertz assoziiert (vgl. Geertz 1973). Sie ist heute jedoch überholt (vgl. Eriksen 2010: 3 f.). Von "Kulturen" im Plural zu sprechen, wie dies im Alltagsdiskurs (und teilweise auch immer noch im Fachdiskurs) getan wird, ist daher im heutigen Verständnis unseres Faches nicht mehr zulässig.

"Kulturen" sind nicht als eindeutig gegeneinander abgegrenzt zu verstehen, weil unterschiedliche Aspekte von Kultur (etwa Sprache, Traditionen, Religion, Herkunft und Abstammung, gemeinsame Geschichte) nicht notwendigerweise deckungsgleich sind. Wenn sie es überhaupt erlauben, Diversität durch Grenzziehungen zu gliedern, so sind diese Grenzen vielfach nicht dieselben: religiöse und sprachliche Identität z.B. decken sich nicht. Sicherlich gibt es im Hinblick auf bestimmte kulturelle Aspekte manchmal mehr oder weniger klare Grenzen, so z.B. im Falle von Sprachgruppen. Aber selbst hier ist die Abgrenzung in der empirischen Realität oft nicht so eindeutig, wie wir sie zu denken gewohnt sind, weil unser Verständnis von Sprache von der vereinheitlichen Institution Schule geprägt ist, die durch nationalstaatliche Grenzen bestimmt ist und diese festigt. Phänomene wie Mehrsprachigkeit und sprachliche Inhomogenität stellen die Eindeutigkeit solcher Grenzen vielfach in Frage. Entscheidend ist also, dass an unterschiedlichen Aspekten von Kultur ansetzende Grenzziehungen nicht notwendigerweise übereinstimmen (auch wenn der moderne Nationalstaat mit seinen Institutionen die Tendenz hat, diese unterschiedlichen Aspekte von Kultur innerhalb seiner Grenzen zu homogenisieren).

Foto: Mehrsprachiges Straßenschild in Issime bzw. Eischeme (2010)Foto: Mehrsprachiges Straßenschild in Issime bzw. Eischeme (2010), Quelle: wikimedia.org

Entscheidend ist auch, dass Kultur nicht so in sich homogen ist, wie man früher annahm. Sie ist "vielschichtig", d.h. sie setzt sich an jedem gegebenen Ort aus unterschiedlichen Elementen und Ebenen zusammen, die sich aus lokalen und globalen kulturellen Interaktionen ergeben und historisch gewachsen sind. Sie ist daher nicht notwendigerweise in sich harmonisch, sondern enthält widersprüchliche Elemente. In der heutigen Auffassung unseres Faches ist Kultur also weder homogen noch eindeutig abgrenzbar, wenngleich öffentliche Diskurse dies nach wie vor gerne annehmen. Kultur mag Unterschiede schaffen, sie zieht aber keine eindeutigen Grenzen.

Das bedeutet wohlgemerkt nicht, dass kulturelle Phänomene nicht als Grenzen wahrgenommen werden oder empirisch beobachtbare Grenzen hervorbringen können. Es gibt zweifellos kulturelle Grenzen; sie sind aber nicht so beschaffen, dass sie Gruppen von Menschen eindeutig identifizieren und dass wir von diesen Gruppen als "Kulturen" sprechen können.

(WK & MR)

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