Interaktive Mindmap
Übergeordnete Kapitel
IconNummerTitel
up 9 Soziale Ungleichheit
up 9.3 Schwächen des Schichtungsbegriffs: Neue Theorien sozialer Ungleichheit

9.3.3 Bourdieu: Kapitalsorten und Geschmack

Pierre Bourdieu (1930-2002) stimmt mit Marx überein, dass die ökonomische Komponente bei der Platzierung des Individuums in der Gesellschaft zentral ist. Bourdieu identifiziert daneben aber noch zwei andere Kapitalsorten, die entscheidend für die Stellung des Individuums in der gesellschaftlichen Hierarchie (er nennt es den „sozialen Raum“) sind. Je nach Kombination und Gesamtumfang der Kapitalsorten positioniert sich das Individuum im sozialen Raum (Bourdieu 1985: 9ff). „Ausgehend von den Stellungen im Raum, lassen sich Klassen (…) herauspräparieren, das heißt Ensembles von Akteuren mit ähnlichen Stellungen, und die da ähnlichen Konditionen und ähnlichen Konditionierungen unterworfen, aller Voraussicht nach ähnliche Dispositionen und Interessen aufweisen (…)" (Borudieu 1985: 12).

Laut Bourdieu gibt es drei Kapitalsorten:

  • Ökonomisches Kapital: Geld, Eigentum, Besitz
  • Kulturelles Kapital: Wissen, Bildung, Bildungstitel
  • Soziales Kapital: Beziehungsnetze (formell und informell), „Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit einer Gruppe beruhen“ (Bourdieu 1983: 190f).

Die Kombination der Kapitalsorten werden verinnerlicht und formen die Handlungs- und Denkstrukturen des Individuums: den Habitus. Der Habitus bezeichnet NICHT die Handlungen selbst, sondern ist ein System von Dispositionen und Gewohnheiten, die den Handlungen zu Grunde liegen, die Handlungen wahrscheinlich machen. „Der Sinn für die eigene soziale Stellung als Gespür dafür was man „sich erlauben“ darf und was nicht, schließt ein das stillschweigende Akzeptieren der Stellung, einen Sinn für Grenzen („das ist nichts für uns“),(…), einen Sinn für Distanz, für Nähe und Ferne, die es zu signalisieren, selber wie von Seiten der anderen einzuhalten und zu respektieren gilt (…)" (Bourdieu 1985: 18). Die Distanzen zwischen den Positionen im sozialen Raum spiegeln sich also in der Praxis der Lebensführung wieder. Vermittelt durch den Habitus entstehen unterschiedliche Geschmäcker (Essen, Kleidung, Kunst, Wohnungseinrichtung etc.), Vorlieben für sportliche Aktivitäten, Geselligkeiten etc., nach denen die Zugehörigkeiten zu bestimmten sozialen Gruppen angezeigt wird. Dadurch werden Strukturen (re)produziert. Es erfolgt also ein permanentes Wechselspiel zwischen Strukturen und Handlungen.

Bourdieu fächert in einem seiner bekanntesten Werke „Die feinen Unterschiede“ (1984) diese Geschmacksarten auf (vgl. dazu Abels 2009a: 312ff):

  • Legitimer Geschmack der herrschende Klasse: dies sind Personen mit großem ökonomischen Kapital (wie Bänker oder Unternehmer) oder Personen mit großem kulturellen Kapital (wie Intellektuelle). Bsp.: Klavier, kennen viele Komponisten, Werke und Interpreten; philosophische Essays, Museumsbesuche, Golf, Jachtsegeln, Springreiten etc.
  • Mittlerer oder prätentiöser Geschmack der Mittelklasse: altbewährte Klassik, sie kennen die wichtigsten Komponisten mit Namen, lesen populärwissenschaftliche Zeitschriften, Besuch von Schlössern und historischen Stätten, asketischer Sport („Leib für den anderen“ wie beispielsweise Gymnastik)
  • Volkstümlicher oder barbarischer Geschmack der Classe populair: Habitus auf Funktionalität hin gerichtet, praktisch, naturalistisches Schönheitsideal; an der schönen blauen Donau, La Traviata, Schlager; Lesen von Liebesgeschichten;

Warum reproduziert sich nun diese Ungleichheit? Abels (2009a: 317) fasst es auf folgenderweise zusammen: „Soziale Ungleichheit erhält sich, weil in allen sozialen Klassen der Habitus das Gefühl vermittelt in seinen Kreisen kompetent zu sein. Deshalb weiß man sich auch der Achtung seinesgleichen sicher. Indem man sich dazu gehörig fühlt, kennt man die Grenzen, an denen man sich von anderen unterscheidet. Auch das stärkt das Selbstbewusstsein. Von oben nach unten wirken feine Unterschiede als Distinktion und Zurückweisung. Von unten nach oben nährt die Massenkultur die Illusion, dass im Prinzip keine kulturellen Grenzen bestehen.“

Untergeordnete Kapitel
Iconnumbertitle
Hilfe Interaktive Mindmap Seitenanfang
Anfang Sitemap Suche Bilder ZurückWeiter