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2.15 Objektivität

Es besteht unter SozialwissenschaftlerInnen weitgehend Konsens, dass die soziale Realität nicht unabhängig davon existiert, von welchem Standpunkt aus wir sie betrachten und mit welchen Theorien und Methoden wir sie zu verstehen und zu analysieren versuchen. Objektivität bezieht sich in den Sozialwissenschaften auf den Anspruch auf intersubjektiv nachvollziehbare und neutrale, wertfreie Erkenntnis. Im Unterschied zu anderen Formen der Erkenntnisgewinnung (etwa im Alltagsleben oder durch philosophische Spekulation), soll durch klare Begrifflichkeit und systematisches methodisches Vorgehen erreichet werden, dass der Forschungsprozess und die in ihm gewonnenen Erkenntnisse auch für Andere nachvollziehbar und überprüfbar sind. Zugleich wird vom Forscher/ der Forscherin eine den empirischen Tatsachen gegenüber unvoreingenommene Haltung verlangt.

Der Anspruch auf Objektivität ist in den Sozialwissenschaften allerdings zahlreichen Beschränkungen ausgesetzt: So sind die Festlegung der Forschungsfrage, Begriffsbildung, die Entwicklung eines Forschungsdesigns, Datenerhebung und Datenauswertung stets auch beeinflusst durch implizite Wertvorstellungen der beteiligten WissenschaftlerInnen sowie durch die Zeit- und Standortgebundenheit ihres Denkens. Von Bedeutung sind aber auch gesellschaftliche und institutionelle Kontexte (Gesetze, Forschungsförderung, akademische Routinen, dominierende Diskurse und Denkstile), auch der Forschungsgegenstand selbst legt gewisse Zugänge nahe, und die ausgewählten Forschungsmethoden erzeugen ihrerseits bestimmte Ausschnitte des zu untersuchenden Phänomens.

In den Sozialwissenschaften existieren Techniken zur Kontrolle dieser Einflüsse (vgl. Gütekriterien empirischer Forschung). Seit Max Weber wird intensiv darüber diskutiert, welche Rolle und Bedeutung den Werten und Werturteilen in der Forschung zukommen. Nach Weber sind Werte als allgemein gültige kulturelle Orientierungen unhinterfragter Teil unseres Handelns, und sie beeinflussen daher etwa auch die Wahl von Forschungsthemen. Der Forscher muss jedoch versuchen, diese Wertebasis zu erkennen und die möglichen Effekte auf die Forschungsergebnisse zu reflektieren. Gleichzeitig ist Weber jedoch strikt dagegen, dass ForscherInnen persönliche Werthaltungen einnehmen und vertreten, vielmehr müssen sie alles tun, um vorgefasste Meinungen und subjektive Wertvorstellungen nicht in den Forschungsprozess und die Beurteilung einfließen zu lassen. Dieser Standpunkt wird dahingehend kritisiert, dass jedes wissenschaftliche Tun von der sozialen Position beeinflusst ist und immer auch normative Aussagen enthält, d.h. Aussagen, die zum Ausdruck bringen, wie etwas sein bzw. wie gehandelt werden soll.

(ChR)

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