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2.21 Subjektivität

Subjektivität spielt als Kategorie in den Sozialwissenschaften eine große Rolle, da diese davon ausgehen, dass das Soziale nicht bloß eine objektiv und unabhängig vom Subjekt existierende Wirklichkeit ist. Ein Teil der empirischen Arbeit in den Sozialwissenschaften besteht aus diesem Grund darin, die über den Sinn konstituierte und strukturierte Wirklichkeit in Erfahrung zu bringen und zu rekonstruieren. Dies bedeutet, dass in vielen methodologischen Überlegungen auf unterschiedlichen Ebenen über die Rolle der Subjektivität bei der Forschungsarbeit reflektiert wird, auch wenn diese Problematik nicht immer klar zum Ausdruck gebracht wird.

Von Anfang an war es aus diesem Grund in den Sozialwissenschaften primär das Ziel, die auf jeden Fall vorhandene Subjektivität möglichst zu reduzieren, um gültige Aussagen über die Wirklichkeit treffen zu können. In diesem Sinn ist die Forderung von Émile Durkheim zu verstehen, wenn er verlangt, man möge die sozialen Erscheinungen als "soziale Tatsachen", also als außerhalb des Subjekts existierende reale Phänomene betrachten. In der Suche nach mehr Objektivität sehen sich die Sozialwissenschaften damit konfrontiert, dass jede soziale Tatsache immer auch subjektiv wahrgenommen und interpretiert wird, sowohl von den Akteuren in der Gesellschaft wie auch von den ForscherInnen selbst.

Dies führte zu methodologischen Überlegungen im Hinblick auf den notwendigen Umgang mit der Subjektivität. Bei der Diskussion über den Einsatz von qualitativen Methoden geht es heute zum Beispiel nicht darum, die Subjektivität auszuschalten, sondern viel eher darum, sie von Anfang an durch Einbeziehung verschiedener Techniken mit zu berücksichtigen. So wird in der Hermeneutik darauf hingewiesen, dass das Vorwissen und die (subjektive) Vorurteile der WissenschaftlerInnen bei der Forschungsarbeit eine Rolle spielen und man diese subjektive Aspekte daher als Teil des Forschungsprozesses immer wieder thematisieren sollte. Aneignungen und Interpretationen der eigenen Kultur durch Mitglieder einer Gesellschaft (emische Sicht) genauso wie Reflexionen und Interpretationen von sozio-kulturellen Erscheinungen durch ForscherInnen (etische Sicht) erfolgen immer mehr oder weniger entlang subjektiven Deutungen. Die in den Sozialwissenschaften angestrebte Objektivität wird daher immer nur möglich sein, wenn bei methodologischen Überlegungen dieses Phänomen entsprechend seiner Bedeutung für die wissenschaftliche Erklärung auch berücksichtigt wird.

(MFCh)

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