Zwischenergebnisse


Tast- und Duftdesign. Ressourcen für die Creative Industries in Wien
Haptic and Olfactory Design. Resources for Vienna's Creative Industries
2007-2010

Das Projekt untersucht am Beispiel von Wien, wie Materialien und Gerüche zur Stadtidentität beitragen, welche Wirkungen sie auf die Befindlichkeit und die Lebensqualität der Stadtbewohner haben und wie diese von Designern und Architekten eingesetzt werden, um eine bestimmte angenehme Atmosphäre zu schaffen.
Welche Materialien sind z.B. typisch für ein »Wiener Kaffeehaus« und wie riecht es dort im internationalen Vergleich mit anderen Weltstädten? Welche Düfte von Gärten und Parks werden von den Wienerinnen und Wienern mit ihrer Stadt verbunden?


Zwischenergebnis des WWTF-Projekts (2008/09)

Im zweiten Projektjahr lag der Forschungsschwerpunkt auf der Geruchslandschaft des öffentlichen Raums in Wien im Allgemeinen. Unter Anleitung der Projektleiterin Doz. Mădălina Diaconu wurden von Studierenden am Institut für Philosophie der Universität Wien smell maps und monitoring maps für verschiedene Orte in Wien erstellt. Außerdem führten Doz. Diaconu und Lukas Vosicky Interviews zur aktuellen und vergangenen Geruchslandschaft Wiens mit WienerInnen, spezifiziert nach Alter und Geschlecht, MigrantInnen unterschiedlicher Herkunft und Angehörigen der zweiten Generation. Diaconu untersuchte zudem die Wahrnehmung Wiens durch blinde Bewohner.

Die Forschungsgruppe von Prof. Gerhard Buchbauer am Departement für klinische Pharmazie und Diagnostik der Universität Wien führte gaschromatographische Duftanalysen an ausgewählten Plätzen Wiens durch. So wurden die Duftstoffe der Rose und des Flieders im Volksgarten, das Aroma der Schokolade und des Lebkuchens (in der Süßwarenfabrik Josef Manner & Co., Hernals) sowie des »frischen Brotes« (Bäckerei Mann) und auch die »Atmosphäre« in der Opernpassage mittels GC-MS-Methode analysiert.

Eine psychophysiologische Studie von Sandra T. Weber und Eva Heuberger befasste sich mit der Frage, ob bestimmte Duftstoffe distinkte Basisemotionen (Freude, Trauer, Angst, Ekel, Überraschung und Wut) auslösen. Zunächst wurden die Versuchspersonen aufgefordert, Gerüche zu nennen, die sie mit den genannten Emotionen verbinden. In einem zweiten Teil werden zwölf ausgewählte Gerüche auf maximal drei Komponenten reduziert und es wird versucht, Mischungsverhältnisse zu bestimmen, mit denen die genannten Gerüche im Labor repliziert werden können.

Am Institut für Botanik wurde von Marie-Louise Oschatz der endgültige Pflanzenplan des »Duftgartens« an der Universität für Bodenkultur erstellt.

Die Studierenden von Prof. James Skone und Ruth Mateus-Berr an der Universität für angewandte Kunst haben sich mit dem Thema des Spielzeugdesigns auseinandergesetzt und wurden im Rahmen eines Workshops mit der Designerin Masayo Ava (Berlin/Tallin) aufgefordert, Kinderbücher haptisch zu gestalten.

Die Ringvorlesungen an der Universität für angewandte Kunst im Rahmen des Forschungsprojektes wurden fortgesetzt. Als Gastvortragende konnten im Sommersemester 2008 zum Thema »Sinne und Wissenschaft« zusätzlich zu den Vortragenden aus den Forschungsteam Elisabeth Oberzaucher, Peter Wolschann und Peter Kuschnigg gewonnen werden. Im Wintersemester 2008/09 trugen zum Thema »Sinne und Gesellschaft« zudem Wolfram Aichinger, Manfred Wagner, Ernst Fürlinger und Jakob Fina vor.

Höhepunkt der internationalen Vernetzung war das interdisziplinäre Symposium »The Skin of the City. Urban Tactile Design« am 30./31. Mai 2008 an der Universität für angewandte Kunst mit den renommierten Sinnes-Spezialisten David Howes (Montreal), Heinz Paetzold (Deutschland), Patrick Devlieger (Löwen) und Juhani Pallasmaa (Helsinki).



Zwischenergebnis des WWTF-Projekts (2007/08)

» Pressematerial

Öffentliche Grünanlagen
Marie-Louise Oschatz, Ruth Mateus-Berr, Mădălina Diaconu, Sandra Theresia Weber, Claudia Benedetter, Eva Heuberger

Im Unterschied zum Gestank von Wien sind die Quellen zu den »grünen« Gerüchen der Wiener Stadtparks und -gärten eher spärlich. Befragungen und Mental maps zur Wiener Geruchslandschaft ergaben jedoch, dass die »Naturräume« (insbesondere in den Bereichen der Donau, des Wienerwaldes und der innerstädtischen Parks) als wesentlich für das Image von Wien betrachtet werden.
Aus einer kunsthistorischen Perspektive lässt sich feststellen, dass der im Vorderen Orient und im vormodernen Europa ausgeprägte synästhetische Charakter von Gärten und Parks durch die Betonung des Optischen in den letzten Jahrhunderten stark nachgelassen hat. Die gegenwärtige Alternative, sog. erlebnisorientierte »Gärten für alle Sinne«, sind in Fachkreisen umstritten. Zudem enthalten auch die Therapiegärten (einschließlich Blindengärten) Elemente von Tast- und Duftdesign, die allerdings hauptsächlich eine ergotherapeutische und pädagogische Funktion haben.
Das Gartendesign, das besonders den Tast- und Geruchssinn anspricht, stellt in den Vordergrund die »Materialien« (Vegetation, Bodenbeschaffenheit) und die Bewegung des Besuchers. Im experimentellen Duftgarten an der Universität für Bodenkultur in Wien wurden harmonierende Kombinationen von Duftpflanzen getestet und ein Blühkalender mit Zuordnung zu Duftfamilien erstellt.
Im Rahmen von Begehungen ausgewählter Wiener Parks mit Probanden wurde anhand eines mehrdimensionalen psychologischen Fragebogens eine allgemeine positive Wirkung der Grüngerüche auf die Befindlichkeit festgestellt.
Interviews mit allgemein Stadtbewohnern und speziell Gartendesignern und Landschaftsarchitekten dienten zur Identifizierung von Pflanzen und Gerüchen in Grünanlagen, die mit Wien subjektiv assoziiert werden, sowie auch von gelungenen und misslungenen Beispielen in Wien - mit dem Zweck, die Gestalter für diese Qualitäten zu sensibilisieren. Aus alldem folgt, dass synästhetische Gärten ein wichtiges Potential für die Steigerung der Lebensqualität und die Verstärkung der Identifikation der Stadtbewohner mit ihrem Lebensraum enthalten.

Wiener Kaffeehäuser
Lukas Marcel Vosicky, Gerhard Buchbauer, Marianne Pestitschek, Patricia Pauzenberger, Sandra Theresia Weber

Im Ausgang von der Wahrnehmungs- und Sinnesanthropologie sowie der Kunsttheorie (Ästhetik), die als ästhetische Werte für den Tastsinn die »Patina« und für den Geruchssinn die »Atmosphäre« bestimmten, zeigt sich hermeneutisch und auch kulturgeschichtlich, dass z.B. ein Wiener Kaffeehaus in seiner Eigenart von seiner Patina und seinen erzählten Geschichten lebt und diese eine gewisse Atmosphäre erzeugen, die selbst wiederum Geschichten produziert und provoziert. Dieses Zusammenspiel der Sinne hat nicht nur die Kaffeehausliteraten inspiriert, sondern führt heute noch zu heftigen Diskussionen um Demolierungen und Restaurierungen von Wiener Kaffeehäusern.
Durch gaschromatographische Analysen wurden - unter Verwendung eines dank der Universität Wien und Thermo-Fisher Scientific eigens im Rahmen des Projekts angeschafften GC-MS-Geräts - die Wiener Kaffeehausdüfte in fünf typischen Wiener Kaffeehäusern gemessen. Dabei wurde festgestellt, dass die Chromatograme der untersuchten Cafés sich nicht merklich voneinander unterschieden. In allen getesteten Cafés übertraf der Zigarettengeruch den wohlriechenden Kaffeeduft und die Nikotin-Peak-Intensitäten stiegen je nach Länge der Messdauer deutlich an.

Stadtmobiliar und öffentliche Verkehrsmittel
Mădălina Diaconu, Lukas Marcel Vosicky, James Skone

Gespräche mit Vertretern der Wiener Linien ergaben, dass bei der Gestaltung von Verkehrsmitteln und im Wartebereich ein Duftdesign jedweder Art keine Rolle spielt und auch nicht angestrebt wird, sofern man die notwendige Entlüftung (auch aus Brandschutzgründen) nicht schon per se als Duftdesign werten will. Ebenso trifft diese Beobachtung auf die Verwendung von Klimaanlagen in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu. Eine Offenheit zur bewussten olfaktorischen Gestaltung mithilfe bestehender Geruchsquellen lässt sich hingegen bei der für die öffentlichen Räume zuständigen Stadtverwaltung orten (z.B. bei Passagen). - Auf ein Tastdesign wird hpts. bei der barrierefreien Gestaltung (für Rollstuhlfahrer, Blinde und Mütter mit Kleinkindern) wert gelegt. Die Materialauswahl der Sitzplätze im öffentlichen Stadtraum und in den Verkehrsmitteln bzw. im Wartebereich erfolgt hauptsächlich nach den Kriterien der Haltbarkeit (gegen Vandalismus) und nach Kostenfaktoren. Das Corporate Design der Wiener Linien (z. B. der U-Bahn) orientiert sich vorrangig an optischen Elementen. Hinsichtlich der messbaren Parameter der Sitzplätze und Abstände in den Fahrzeugen werden im Wesentlichen die EU-Richtlinien angewandt, innerhalb derer nur ein geringer Spielraum zur Individualisierung möglich ist. Im öffentlichen Raum, bei der Gestaltung von Ruheplätzen etc., zeigt sich auch die Einbindung kommunaler Entscheidungsfaktoren.

Beduftung öffentlicher Räume (allgemeiner Überblick)
Elisabeth Wurglits, Sandra Theresia Weber, Eva Heuberger

Die Einsatzgebiete für Raumbeduftung erstrecken sich auf sehr unterschiedliche Kategorien von Räumen; je nach Einsatzort bedarf es verschiedener Beduftungs- bzw. Luftreinigungstechnologien.
Wenn auch bewiesen wurde, dass die Beduftung von Innenraumarbeitsplätzen sich positiv auf das Konzentrationsvermögen, die Motivation der Mitarbeiter und die kognitive Leistung auswirken kann, raten manche Berufsvereine von Raumbeduftung ab, da eine Sensibilisierung und allergische Reaktionen nicht ausgeschlossen werden können.
Öffentliche Räume werden oft nahe der Wahrnehmungsschwelle beduftet und Deklarationsvorschriften für Kaufläden, die eine Raumbeduftung für den Kunden kenntlich machen, fehlen bislang. Zahlreiche Firmen haben sich bereits auf die Zusammenstellung individueller Kompositionen spezialisiert.
Der zunehmende Einsatz von Duftstoffen im erweiterten öffentlichen Raum stößt weltweit auf Widerstand und gilt manchmal als Geruchsbelästigung, wie Kampagnen zur Desodorisierung zeigen. Seit 2007 sind die Hersteller und Importeure der Duftstoffe selbst für deren Sicherheit verantwortlich. Im Allgemeinen war jedoch bislang die Risikobewertung von Duftstoffen eher unprofessionell.



Zwischenergebnisse des WWTF-Projekts (Sommersemester 2007)

» Pressematerial

Univ.-Prof. Dr. Gerhard Buchbauer (Department für Klinische Pharmazie und Diagnostik, Universität Wien) bedient sich eines - dank der Universität Wien und Thermo-Fisher Scientific - eigens im Rahmen des Projekts angeschafften GC-MS-Geräts, das eine chemische Analyse von Geruchsquellen erlaubt. Dabei soll erstmals nicht unter virtuellen Laborbedingungen z.B. die einzelne Kaffeebohne untersucht werden, sondern wie sich im wirklichen Leben die gesamte »Atmosphäre« eines typischen Wiener Kaffeehauses darstellt.
VAss. Dr. Eva Heuberger und Mag. Sandra Theresia Weber vom selbem Department wagen sich ebenso nach draußen in die Gärten und Parks von Wien. Sie befragten mit einem validierten psychologischen Verfahren Studierende an drei Orten in Wien: a) experimenteller Duftgarten an der Universität für Bodenkultur, b) Volksgarten und c) Donauinsel (hier wurden drei Altersgruppen miteinander verglichen). Es zeigten sich durchgehend positive emotionale Auswirkungen der Geruchsatmosphäre. Somit würde ein bewusster Einsatz von Duftdesign in verschiedenen Lebensräumen der Stadt nicht nur den Wiedererkennungswert und damit die Identität Wiens stärken, sondern insgesamt die Lebensqualität nachweislich erhöhen.

Univ.-Prof. James G. Skone und VAss. Dr. Ruth Mateus-Berr (Abteilung für Design, Architektur und Environment für Kunstpädagogik, Universität für angewandte Kunst) nehmen in ihrer Forschungstätigkeit naturgemäß besonders Bedacht auf die Zielgruppe der Creative Industries in Wien. Sie zielen auf die Motivierung zur Gestaltung mit allen Sinnen bei Landschaftsarchitekten und Designern sowie auf die Sensibilisierung bei öffentlichen und privaten Auftraggebern und nicht zuletzt der Stadtbevölkerung. Durch intervenierende Interviews wird ermittelt, wie die derzeitigen Gestaltungsmöglichkeiten der Arbeit mit den Sinnen in Wien beurteilt werden, welche Argumente sich für ein Tast- und Duftdesign finden lassen und wie künftige Ressourcen etwa durch die Darstellung der Kompetenzen von Wiener Designern und ihre Ausbildung an der Universität für angewandte Kunst nutzbar gemacht werden können.

Mag. Marie-Louise Oschatz hat am Institut für Botanik der Universität für Bodenkultur einen kleinen experimentellen Duftgarten angelegt, der durch die Beobachtung der Wachstumsfolge und mithilfe eines Blühkalenders die Frage beantworten helfen soll, wie sich eine Gartengestaltung hinsichtlich einer Komposition mit Duftfamilien planmäßig umsetzen ließe. Dieser Duftgarten ist damit das Untersuchungsfeld für die Entwicklung eines Zusammenklangs und eines olfaktorischen (geruchsmäßigen) Gesamterlebnisses.

Mag. Lukas Marcel Vosicky geht von der Wahrnehmungs- und Sinnesanthropologie sowie Kunsttheorie (Ästhetik) von Univ.-Doz. Dr. Mădălina Diaconu am Institut für Philosophie der Universität Wien aus, die als ästhetische Werte für den Tastsinn die »Patina« und für den Geruchssinn die »Atmosphäre« bestimmte. So zeigt sich hermeneutisch und auch kulturgeschichtlich, dass z.B. ein Wiener Kaffeehaus in seiner Eigenart von seiner Patina und seinen erzählten Geschichten lebt und diese eine gewisse Atmosphäre erzeugen, die selbst wiederum Geschichten produziert und provoziert. Dieses Zusammenspiel der Sinne hat nicht nur die Kaffeehausliteraten inspiriert, sondern führt heute noch zu heftigen Diskussionen um Demolierungen und Restaurierungen von Wiener Kaffeehäusern. Und schließlich lautet eine der Definitionen des Wiener Kaffeehauses: »nicht zu Hause, und doch nicht an der frischen Luft«.

Projektleiterin Univ.-Doz. Dr. Mădălina Diaconu hat sich in ihrem Buch »Tasten, Riechen, Schmecken. Eine Ästhetik der anästhesierten Sinne« (Würzburg, 2005), in zahlreichen internationalen Fachartikeln und Vorträgen für eine ästhetische Theorie aller Sinne gegen den Vorrang des Sehens und des Hörens in der Wahrnehmungslehre und Kunsttheorie ausgesprochen. In diesem Sinne erarbeitet sie mit den Projektteams auf der Basis der von ihnen empirisch ermittelten Daten eine umfassende Sinnesanthropologie als Lehre von der Wahrnehmung der Sinne des Menschen und begründet theoretisch die interdisziplinäre Anwendung von Tast- und Duftdesign durch die Creative Industries in Wien.

Noch bis 2010 werden weiter Parks, Gärten und Kaffeehäuser, zudem der öffentliche Verkehr, Spielplätze und andere für Wiens Stadtkultur konstitutive Orte und Einrichtungen untersucht, z.B. durch die Ausarbeitung von Duftkarten und Duftkalendern. Auch wird es zur Zusammenarbeit mit dem ZOOM Kindermuseum kommen. Wissenschaftliche Interviews und commented walks mit WienerInnen, MigrantInnen, Touristen und SeniorInnen, die chemische Analyse von »Atmosphären« und die Erforschung von Erinnerungen an die vergangene »Duftlandschaft« Wiens sowie seine emotionale Wirkung heute ergänzen einander wahrhaft interdisziplinär. Und nicht zuletzt werden Wiener DesignerInnen und ArchitektInnen sensibilisiert, diese Ressourcen für ein »Tast- und Duftdesign« in Wien wahrzunehmen und zu nutzen.