TheatermacherInnen türkischer Herkunft in Wien
Michael Hüttler

Dieser Text (1) versucht die Aufmerksamkeit auf die drei größten in Wien tätigen Theaterhäuser bzw. Theatergruppen zu lenken, die derzeit (2003) von KünstlerInnen türkischer Herkunft geführt werden: das Theater des Augenblicks, das Interkulttheater und das Tiyatro Brücke. Die Zugänge zur Theaterarbeit sind sehr unterschiedlich - während die einen sich eher auf internationale künstlerische Zusammenarbeit konzentrieren und Kunst und "Anders sein" theatral wie theoretisch diskutieren, versuchen die anderen, mit Angeboten für die eigenen Landsleute zu punkten.

Die TheatermacherInnen türkischer Herkunft in Wien haben differenzierte künstlerische Zielsetzungen. Gemeinsam ist allen die Vorstellung von Theater als Stätte der Begegnung und Integration. Die Theaterhäuser, die von türkischen KünstlerInnen geführt werden, sprechen türkisches wie österreichisches Publikum an.

Einige Hintergrundinformationen sollen die Position dieser Theater verdeutlichen: In Österreich lebten im Jahr 2000 durchschnittlich 134.500 Personen mit türkischer Staatsbürgerschaft (2). Von dieser Bevölkerungsgruppe wiederum lebten 43.700 Personen in Wien und stellten dort somit den zweitgrößten Anteil an der ausländischen Wohnbevölkerung nach den Angehörigen der Staaten Ex-Jugoslawiens dar. Alle diese Menschen und die österreichische Mehrheit der Bevölkerung wären theoretisch das Potential an Zuschauern für türkische TheatermacherInnen und ein Zielpublikum für Integrationsprojekte mittels Theater.

Sehen die KünstlerInnen es als ihre Aufgabe, ein Angebot für die eigenen Landsleute zu entwickeln, oder geht es vielmehr rein um die künstlerische Arbeit, egal ob ein österreichisches oder türkisches Publikum angesprochen wird? Die nähere Betrachtung der drei größten Theater in Wien unter Führung von KünstlerInnen türkischer Herkunft gibt darauf eine Antwort.

Theater des Augenblicks
Das größte österreichische Theater unter Führung einer Künstlerin türkischer Provenienz ist das Theater des Augenblicks in Wien. Das Haus mit einer Kapazität von 99 Sitzplätzen und ganzjährigem Programm ist zu einem fixen Bestandteil der Off-Szene geworden und nur wenigen Besuchern ist der Umstand bekannt, dass die Leiterin türkischer Herkunft ist.

Gül Gürses, Gründerin und Intendantin des Theater des Augenblicks, kam 1981 aus der Türkei nach Wien. Nach dem Besuch des Konservatoriums für Schauspiel in Istanbul und Engagements als Schauspielerin am Staatstheater und Arbeiten am Bakirköy Volkstheater in Istanbul sowie an einem Theater in Ankara entschloss sie sich nach Österreich zu kommen. „Ich wollte Theaterwissenschaft studieren und die Möglichkeit haben, innovatives und gesellschaftspolitisches Theater zu machen“, meint Gül Gürses, die mittlerweile österreichische Staatsbürgerin ist, über die Beweggründe für ihren Neuanfang in einem fremden Land.

Eines ihrer der ersten Projekte war 1985 die Inszenierung von "Briefe an Taranta Babu" des türkischen Autors Názim Hikmet in türkischer Sprache im Dramatischen Zentrum in Wien. 1987 folgte die Gründung der Gruppe „Theater des Augenblicks“ gemeinsam mit der Schauspielerin und Tänzerin Sigrid Seberich. Vorerst als Freie Gruppe ohne festen Sitz inszenierte Gül Gürses 1988 nochmals das Stück "Briefe an Taranta Babu", diesmal auf deutsch. Anschließend ging sie mit dieser Inszenierung auf Tournee nach Südtirol.

1989 erarbeitete Gül Gürses die Theaterperformance "Guernica" nach Picasso. Den Text dazu lieferte der ebenfalls in Wien lebende Türke Hakan Gürses. Hakan Gürses trat in der Folge immer wieder als Dramaturg für das Theater des Augenblicks in Erscheinung. Mit "Guernica" gastierte das Theater des Augenblicks ein Jahr später beim Internationalen Theaterfestival in Istanbul sowie beim Musikfestival in Trento.

1990 wurde eine ehemalige KFZ-Werkstätte im 18. Bezirk in Wien adaptiert und die Räumlichkeiten zu einer festen Spielstätte für das Theater umgewandelt. In persönlicher Kleinarbeit haben daraus Gül Gürses und ihre damaligen Mitstreiter, der österreichische Musiker Hans Tschiritsch und der türkische Maler Kemal Seyhan, das Theater des Augenblicks geschaffen. 1999 nochmals renoviert und technisch auf den letzten Stand gebracht, präsentiert es sich derzeit als einer der modernsten Aufführungsorte für die Off-Szene in Österreich.

Die Eigenproduktionen des Theater des Augenblicks hatten und haben vielfach „Laborcharakter“. Dabei wurde vor allem auf die künstlerische Forschung Wert gelegt, was Gül Gürses als "Erforschung der Möglichkeiten von körperlichen Darstellungsformen" bezeichnet. Dazu wurden immer wieder internationale Theaterleute eingeladen, um in Workshops ihr Wissen mit den TeilnehmerInnen zu teilen. Beispiele dafür sind das Internationale Theater Laboratorium das dreimal stattgefunden hat (1991, 1992 und 1993), sowie einige Jahre später das International Dance Laboratory. Mit Yoshi Oida, Bruce Myers, Tuncel Kurtiz, Lin Huan Shang, La Fura dels Baus, Zygmund Molik oder Monika Pagneux kamen renommierte internationale PerformerInnen zu den Seminaren und Performances des Internationalen Theater Laboratoriums. Mit der Inszenierung von "Niemand auf Reisen" gemeinsam mit dem in Paris lebenden türkischen Regisseur Ali Ihsan Kaleci wurde die Gruppe 1991 zum Theaterfestival in Avignon und nach Italien eingeladen.

Zu einem Zeitpunkt, als der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2000 Gao Xingjian in Europa noch relativ unbekannt war, holte Gürses den Begründer des chinesischem Avantgardetheaters nach Wien, wo er 1992 im Theater des Augenblicks sein Stück "JA oder/und NEIN" zur Uraufführung brachte. Zwei österreichische Schauspieler und ein chinesischer Tänzer konnten unter Xingjians Regie beim Publikum Erfolge verbuchen. Die Kritik reagierte jedoch unterschiedlich: Die Reaktionen schwankten damals zwischen Enthusiasmus und Unverständnis. Bühnenbild und Ausstattung stammten von Kemal Seyhan. Die Kostüme wurden von Vedia Bakircioglu entworfen.

1993 produzierte Gürses gemeinsam mit den türkischen Peter Brook-Mitarbeiter Tuncel Kurtiz das "Epos von Scheich Bedreddin" nach Nâzim Hikmet. Mit dem Zyklus International Dance Laboratory – in drei Phasen von 1996 bis 2000 – wurde versucht, ein Netzwerk aus europäischen Theater- und Tanzschaffenden zu bilden. Mitbeteiligt waren unter anderem die Nordisk Teaterskole (DK), das LOT-Theater (D), die Compagnie Irene K. (B), die Scènes Bleues Compagnie (F) und Sound Art (GB). 1996 wurde im ersten Teil des Projekts unter dem Titel "Jahre der Einsamkeit" ein spartenübergreifendes Performance Projekt geschaffen, das von Rauminstallationen, Toninstallationen, Living-Installations sowie einer Videowerkschau begleitet wurde. Das International Dance Laboratory wurde als eines der ersten künstlerischen Projekte in Österreich von der Europäischen Kommission im Rahmen des Kaleidoskop-Programms gefördert. Neun internationale TänzerInnen und SchauspielerInnen entwickelten ein Stück, zunächst jeweils im eigenen Land und dann gemeinsam in den Räumen des Theater des Augenblicks in Wien. Unterstützt wurden sie dabei von den ChoreographInnen Irene Borguet-Kalbusch aus Belgien und Guillermo Horta aus Kuba. Ausgangspunkt und Inspirationsquelle war ein Roman des lateinamerikanischen Schriftstellers Gabriel Garcia Márquez. Daraus haben die PerformerInnen ihren eigenen Zugang zur Einsamkeit entwickelt.

1997/98 entstand der zweite Teil des „Einsamkeiten-Zyklus“ im Rahmen dessen die Performances "Human Protocol" und "dans le ravin de tes yeux – silence" erarbeitet wurden. Wiederum mit Förderung der Europäischen Kommission wurden mit internationaler Beteiligung – geprobt und gearbeitet wurde in Frankreich, Deutschland, Belgien und Österreich – zwei Stücke geschaffen, die bei Aufführungen in Wien, Braunschweig und London (auf Einladung des Österreichischen Kulturinstitutes im Rahmen des Festival of Central European Culture) der Öffentlichkeit vorgestellt wurden.

Im dritten Teil des „Einsamkeiten-Zyklus“ 1999/2000 begann Gül Gürses mit den Performances "TransChance I" und "TransChance II" eine verstärkte Zusammenarbeit mit türkischen Künstlern. In Wien, Braunschweig und Istanbul wurden Performances zum Thema Geschlechteridentität erarbeitet und gezeigt. In Istanbul erforschte das Projekt-Team des Theater des Augenblicks gemeinsam mit einer kulturellen Organisation von türkischen Lesben, Schwulen und Transgender-Personen die Geschichte und Gegenwart der Geschlechteridentität. An der Performance "TransChance" in Istanbul nahmen neben dem Team des Theater des Augenblicks vor allem türkische LaiendarstellerInnen teil. Bereichert um diese Erfahrung arbeiteten die PerformerInnen an der Entwicklung einer Aktion in Wien, wo im März 1999 die Aufführungsreihe "TransChance I" stattfand. Den Hintergrund bildeten dabei Video-Aufnahmen mit den AktivistInnen einer türkischen Gender-Gruppe, auf die die DarstellerInnen in einem interaktiven Spiel Bezug nahmen. Für "TransChance II – turning talks" bearbeitete Gül Gürses gemeinsam mit dem deutschen Regisseur Jörg Weber Textfragmente des an Autismus leidenden Schriftstellers Birger Sellin. Mit dieser Inszenierung des Theater des Augenblicks wurden erstmals in Österreich Texte dieses Autors auf die Bühne gebracht. Das Hauptaugenmerk der Regie von Gül Gürses und Jörg Weber galt dabei den Übertretungsprozessen. Von den Zuschauern konnten simultane Aktionen in vier Isolationsräumen, in denen die DarstellerInnen „eingeschlossen“ waren, beobachtet werden.

In der Performance "turning talks" zwängten sich vier internationale KünstlerInnen (aus Norwegen, der Türkei und Österreich) in eigens hierfür konstruierte Maschinen, um die ungeheure Einsamkeit des Autisten Sellin zu zeigen: „Ich will kein in mich mehr sein“ (Sellin 1993). Eine Collage von Textmonologen mit starker Betonung des körperlich-performativen Aspekts. Um den vielschichtigen, unabgeschlossenen und konstruierten Charakter der Identitäten und ihren Bezug auf die soziale wie psychische Einsamkeit einfangen zu können, verhalfen (neben der norwegischen Schauspielerin Anna Dworak und der türkischen Schauspielerin Ayse Dodanli) mit Heike Keusch (Wien) und Sevval Kilic (Istanbul) zwei DarstellerInnen Sellins Texten Ausdruck, die aufgrund ihrer sexuellen Präferenz bzw. Geschlechtsidentität „von der Norm abweichen“. Als TransChance Rahmenprogramm wurde vom 29. bis 30.10.1999 im Theater des Augenblicks das Symposium „transidentität im vergleich der kulturen“ veranstaltet. In Vorträgen, Berichten und Analysen wurde der Identitätsdiskurs und die aktuelle Situation von TransGender in Österreich, der Türkei und Indien untersucht.

Im Frühjahr 2000 veranstaltete das Theater des Augenblicks erstmals eine neue Performance Reihe: das Festival kontext:europa. Bei kontext:europa I wurden die markantesten RepräsentantInnen der zeitgenössischen unabhängigen Theaterszene Osteuropas auf die Bühne gebracht. Ergänzende Veranstaltungen, wie der Workshop des Grotowski-Schülers Przemyslaw Wasilkowski, Gesprächsforen und die Ausstellung über das Requisitentheater des polnischen Theatermachers Leszek Madzik im Polnischen Institut in Wien komplettierten die Aufführungen. Bei kontext:europa II im Jahr 2001 widmete man sich schwerpunktmäßig der Off-Szene Skandinaviens. Performances skandinavischer Theater Gruppen, teilweise vom Theater des Augenblicks mitproduziert und ein Symposium mit internationalen Theaterwissenschaftlern sprachen ein zahlreich erscheinendes Publikum an.

Die Reihe kontext:europa sowie das Gastspiel des "Workcenter of Jerzy Grotowski and Thomas Richards" mit der Produktion "One Breath Left" im Frühsommer 2001 zeigen, wie sich das Theater des Augenblicks positionieren will: als internationales Theater- und Kunstprojekt, unabhängig von ethnischer Herkunft. Obwohl Leitung, Assistenz, Dramaturg sowie der Ausstatter, also praktisch die gesamte Belegschaft, aus der Türkei stammen, hat dies kaum Auswirkungen auf das Publikum. Wenn türkische BesucherInnen in das Theater kommen, so sind das in den meisten Fällen kunstinteressierte VertreterInnen der "intellektuellen Oberschicht". Mit Projekten wie TransChance werden österreichische Besucher auf spezielle soziale und künstlerische Gegebenheiten in der Türkei aufmerksam gemacht. Gleichzeitig wird durch das Mitwirken von österreichischen KünstlerInnen, auf die Situation hierzulande Bezug genommen.

Das Kunstverständnis des Theater des Augenblicks bzw. seiner Leiterin Gül Gürses gibt sich losgelöst von einer nationalen Identitätsfrage und zielt auf eine internationale und interkulturelle Verständigung. Hauptkriterium ist die künstlerische Qualität. Wenn dabei KünstlerInnen aus der Türkei manchmal im Vordergrund stehen, so hat dies natürlich mit der Herkunft von Gül Gürses zu tun und damit, dass sie ihren kulturellen Background nicht verleugnen kann und will. Bei den Projekten des Theater des Augenblicks geht es weniger um die Integration oder Heranführung von in Wien lebenden türkischen Staatsbürgern ans Theater, als um den Versuch einer hochwertigen künstlerischen Zusammenarbeit mit internationalen KünstlerInnen. Es wird dabei nicht so sehr darauf Wert gelegt, ein türkisches Publikum anzusprechen, sondern auf die Einbindung türkischer KünstlerInnen - AutorInnen, RegisseurInnen, AusstatterInnen, PerformerInnen, DramaturgInnen, administrative MitarbeiterInnen - in das "alltägliche" künstlerische Geschehen. Die Integration, wenn man davon sprechen kann, liegt hier eher "im Theater" selbst; sie richtet sich nach "innen" und schafft so längerfristige "TeilnehmerInnen" an der alltäglichen künstlerischen Arbeit.

Interkulttheater
In Wien gibt es ein weiteres Theater mit festem Haus, das von einem Mitbürger türkischer Herkunft geführt wird: das Interkulttheater im 6. Bezirk. Leiter des Interkulttheaters ist der Istanbuler Aret Güzel Aleksanyan. Das Theater wurde 1987 ursprünglich von Misa Dimitrijevic, einem aus dem damaligen Jugoslawien stammenden Künstler, gegründet und trug unter seiner Leitung bis 1990 den Namen Yu-Theater. Aret Güzel Aleksanyan gastierte vorerst selbst mit einem kleinen Ensemble türkischer Schauspielern im Yu-Theater. In Anlehnung an das Yu-Theater gab man sich den Namen Tü-Theater, türkisches Theater. Es folgten einige kleinere Auftritte in türkischer Sprache für ein türkisches Publikum. Ab 1992 übernahm Aret Güzel die Leitung des Theaters in der Fillgradergasse und nannte es ab nun Interkulttheater.

1974 kam Aret Güzel Aleksanyan nach Wien, um am Reinhardt-Seminar Regie zu studieren. Es folgten Engagements bei Hans Gratzer und Dieter Haspel. Aret Güzel, seit 1998 österreichischer Staatsbürger, sieht sein Theater als das einzige feste Haus in Wien, das in der Theater- und Musikszene ein ständiges kulturelles Angebot für die hier lebenden Ausländer bereitstellt: "...wenn wir uns ... [das] Angebot für die ausländischen Mitbürger in Wien anschauen, so schränkt es sich auf das Interkulttheater ein."(3) Im Programmheft finden sich zu 90 Prozent Auftritte von Gruppen und Personen mit nicht-österreichischer Herkunft. Da kann durchaus vorkommen, dass das an und für sich deutsch geschriebene Programmheft eine Seite mit einer Ankündigung in rein türkischer Sprache bringt, wie beim Auftritt der in der Türkei populären Sängerin Nükhet Duru.(4) Solche Abende sind dann auch hauptsächlich für türkische Besucher gedacht, die sich an Boulevard aus der (ehemaligen) Heimat erfreuen und das Theater bei solchen Gelegenheiten auch stürmen.

Das Editorial des Programmheftes wird regelmäßig zu Statements genutzt, die sich mit dem Thema Integration befassen oder die Bezug auf die Lage der AusländerInnen in Österreich nehmen. Wenn Aret Güzel in Zeiten von politischen Veränderungen Gefahren auf die Menschen zukommen sieht, scheut er sich auch nicht, zu Protesten aufzurufen, wie etwa im Februar des Jahres 2000: "... stehen Sie auf, meine Damen und Herren, stehen Sie auf und brüllen Sie aus vollem Hals HALT! Erheben Sie Ihre Stimme! Sie sind viel zu leise. Schlafen Sie nicht mehr! Wachen Sie auf und stoppen Sie diesen Wahnsinn! Gehen Sie auf die Straße, sammeln Sie Petitionen, demonstrieren Sie dagegen, versuchen Sie, den Menschen zu erklären, was da für ein Spiel gespielt wird, machen Sie etwas gegen diese diskriminierende, klassifizierende, stigmatisierende, menschenverachtende, die Würde des Menschen mit den Füßen zertrampelnde, polarisierende Hetze in diesem Lande!"(5) Ein mutiger Schritt, immerhin gibt er sich offen als unbequem zu verstehen und riskiert so, die finanzielle Unterstützung für sein Theater zu verlieren.

Nach einigen kleinen Adaptionen bespielte Aret Güzel Aleksanyan das Interkulttheater mit Eigenproduktionen seines Tü-Theater Ensembles. 1994 kam es allerdings zu inhaltlichen Differenzen mit der Stadt Wien, dem Hauptgeldgeber, und somit zur Einstellung der Förderungen für das Tü-Theater. Da die Mittel für neue Stücke nicht mehr ausreichten und die Gruppenmitglieder andere Engagements annehmen mussten, löste sich das Ensemble in der Folge auf. Die Subventionen für den Betrieb des Interkulttheaters als Gastspielhaus wurden jedoch bis heute weitergewährt. Allerdings, wie der Intendant immer wieder betont, in so knapp bemessener Form, dass er sich künstlerische Wagnisse nicht erlauben kann und so gezwungen ist, sich auf mehr oder weniger sichere "Mainstream-Produktionen" zu konzentrieren.

Zerrissen zwischen dem Anspruch, künstlerisch hochwertige und auch risikoreiche Projekte zu präsentieren und der Realität, dem Zwang möglichst viele Eintrittskarten zu verkaufen, um eine gute Auslastung zu erzielen, bleibt die Risikofreude auf der Strecke. Experimente gibt es daher selten zu sehen. Das Spektrum an Darbietungen reicht von Jüdischer Volksmusik bis zu brasilianischen Rhythmen, von Jugendtheater in slowenischer Sprache bis zu Gastspielen aus der Türkei in türkischer Sprache, von Schauspielseminaren zu Schattentheater-Workshops, Poesie aus Persien findet ebenso Platz wie türkische Literatur. Im Schnitt gibt es im Interkulttheater fünf bis zehn verschiedene Veranstaltungen pro Monat, meistens ein oder zwei Abende pro Produktion. In den letzten Jahren werden zusätzlich zu den abendlichen Theater- und Musikveranstaltungen vormittags zeitgeschichtliche Dokumentarfilme und Filme für Kinder und Jugendliche gezeigt. Dieses Angebot ist frei zugänglich und wird hauptsächlich von Schulen wahrgenommen. Völlig unspektakulär wird hier das ganze Jahr über mehr oder weniger im Verborgenen geboten, was einmal im Jahr in lauten Umzügen spektakulär die Strassen erobert und von vielen erst dort wahrgenommen wird.

Die Intentionen des Interkulttheaters sind hoch gesteckt: es versteht sich als Begegnungsstätte verschiedener Kulturen und sieht seine Aufgabe darin, eine Plattform für gegenseitige Akzeptanz der verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher kultureller Herkunft in Wien zu bieten. Ziel ist es einerseits, die spezifische kulturelle Identität der in Wien lebenden Volksgruppen wahrzunehmen, deren kulturelles Selbstverständnis und die Pflege deren Muttersprache zu unterstützen, anderseits soll auch der Austausch zwischen der österreichischen Kultur und fremden Kulturen gefördert werden. Kenntnis und Verständnis von fremden kulturellen Ausdrucksformen, wie sie im Interkulttheater präsentiert werden, sollen Berührungsängste abbauen und die Chancen eines friedlichen interkulturellen Zusammenlebens erhöhen. Ein vorrangiges Zielpublikum sind daher Kinder und Jugendliche. Die Kunst soll bei der Entwicklung eines jungen Publikums zu mündigen Menschen mit Demokratieverständnis und breiten Perspektiven mithelfen. Trotz all der Bemühungen wird auch hier nicht die "breite Masse" der TheatergeherInnen angesprochen, sondern eine fast immer gleiche Schicht an Personen, die von Aret Güzel Aleksanyan zu 90 Prozent dem linken und grünen politischen Spektrum zugeordnet wird. Um durch effektive Werbung eventuell neues Publikum anzulocken, fehlt das Geld.

Das türkische Publikum ist, laut Aret Güzel Aleksanyan, heute im Vergleich zu 1991, als er seine Arbeit am Interkulttheater begonnen hatte, viel offener und vor allem selbstständiger geworden. Als er damals versucht habe, die Erwachsenen der sogenannten 1. Generation in sein Theater zu locken, sei er von vielen seiner türkischen Landsleute als unmoralisch beschimpft worden. Die Hemmschwelle ins Theater zu gehen, wäre unglaublich groß gewesen. Das habe sich aber im Laufe der Zeit verändert, und mittlerweile sind vor allem die Gastspiele in türkischer Sprache ein beliebter Treffpunkt. Allerdings dürfe man gerade dieses Publikum nicht durch Experimente auf der Bühne verschrecken.

Die Jugendlichen aus der Türkei und den ex-jugoslawischen Staaten stehen immer mehr zwischen den zwei Kulturen: der ihrer Eltern bzw. Großeltern und der österreichischen, in der sie aufgewachsen sind. Die Bedürfnisse dieser Jugendlichen werden derzeit hauptsächlich durch spezielle Clubbings, wie dem Club Bodrum mit DJs türkischer Herkunft und oriental t-pop, oder den samstäglichen Turkish Pop Nights im Dachgeschoß des Wiener Kaufhauses Gerngross mit DJs aus Istanbul, bedient. Dort sind die Jugendlichen allerdings unter sich, und es wird bereits offen von einer Ghettoisierung gesprochen. Mit traditionellem Theater oder Musik sind diese Jugendlichen kaum zu begeistern. Die Frage ob Aret Güzel glaube, dass er mit seinem Theater etwas zur Integration ausländischer Mitbürger beitragen könne, beantwortet er daher ziemlich illusionslos mit einem glatten: "Nein".

Tiyatro Brücke
Im Gegensatz zum Theater des Augenblicks oder dem Interkulttheater hat die jüngste Gruppe, das Tiyatro Brücke, keine eigenen Räumlichkeiten zur Verfügung. Die Aufführungen finden meist im Theatersaal des Jugendzentrum Ottakring im 16. Wiener Gemeindebezirk statt. Die Theatergruppe Tiyatro Brücke / Theater Brücke wurde unter der Leitung von Hakan Yavas im März 1998 als Teil des Vereins Anatolische Kunst und Kultur (6) gegründet. Hakan Yavas kam 1994 nach dem Schauspielstudium in Izmir, und seiner Tätigkeit als künstlerischer Leiter des Stadttheaters in Salihli, wo er mehrere Stücke selbst inszeniert hatte, als Student nach Österreich. Ausschlaggebend für seinen Entschluss zur Emigration war 1993 eine Begegnung mit Gül Gürses, die zu diesem Zeitpunkt mit einer Produktion des Theater des Augenblicks, dem "Epos von Scheich Bedreddin", gerade in der Türkei gastierte. Obwohl er sich um die österreichische Staatsbürgerschaft bemüht hat, ist Hakan Yavas noch immer türkischer Staatsbürger und hat auch erst vor kurzer Zeit eine Arbeitsbewilligung als Künstler erhalten.

Das lose Ensemble des Tiyatro Brücke besteht aus ca. 20 Personen, TürkInnen aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen. Bis auf wenige Ausnahmen hatten die meisten von ihnen, als sie zur Gruppe stießen, wenig oder gar keine schauspielerische Erfahrung. Diese LaiendarstellerInnen wurden von Hakan Yavas und Ceyhan Weilinger in Workshops und Kursen in Mimik, Improvisation, Bewegungs- und Sprechtechnik ausgebildet. Neu hinzukommende Ensemblemitglieder ohne große Schauspielerfahrung werden ebenfalls laufend durch Workshops auf ihren Einsatz vorbereitet.

Die Aufführungen (7) werden von einem rein türkischen Ensemble in türkischer Sprache dargebracht. Die Stücke haben türkische Sujets und sind meist bekannte türkische Volksstücke. Das Publikum besteht zu beinahe 100 Prozent aus TürkInnen. Die Barriere liegt auch hier, wie bei den türkischen Stücken im Interkulttheater, an der Sprache. Österreicher kommen nur, wenn sie in einem freundschaftlichem Verhältnis zu einem der Mitwirkenden stehen. Im Unterschied zum Interkulttheater werden hier aber die türkischen Stücke nicht als Gastspiele "importiert", sondern von den hier wohnenden Türken selbst erarbeitet.

Hakan Yavas Konzept ist, türkisches Theater für türkisches Publikum zu machen. Daher war auch das erste Stück, "Yedi Kocali Hürmüz" (Hürmüz und ihre sieben Männer) von Sadik Sendil, ein in der Türkei beliebtes Boulevardstück. Das Konzept mit populären türkischen Stücken, die Leute zu den Vorstellungen zu locken, ging auf. Bereits die erste Produktion war so gut besucht, dass die Gruppe zwei Monate später eine Wiederaufnahme ansetzen konnte. Ähnliche Erfolge konnte das Ensemble auch mit den beiden Nachfolgeprojekten "Deli Dumrul" (Der Verrückte Dumrul) von Güngör Dilmen und "Yasar ne Yasar ne Yasamaz" (Yasar, der weder lebt, noch tot ist) von Aziz Nesin bei der türkischen Bevölkerung in Wien erzielen. Mit Yasar, der weder lebt, noch tot ist wurde erstmals auch ein kritisches Stück zur Lage in der Türkei auf die Bühne gebracht.

Ausgangspunkt von Hakan Yavas Arbeit war seine Zielsetzung, die kulturellen Bedürfnisse der türkischen Einwanderer zu befriedigen. Er versucht mit seinen Stücken alle Schichten der TürkInnen zu erreichen, ein eher schwieriges Unterfangen. Dass er mit rein türkischen Themen in Stücken die von türkischen SchauspielerInnen auf türkisch gespielt werden nur türkische BesucherInnen anspricht, ist auch für ihn klar. Eine Gefahr der Ghettoisierung sieht er hierin aber nicht, denn seine BesucherInnen würden so wenigstens überhaupt ins Theater gehen; in ein deutschsprachiges Theaterstück würden sie keinesfalls gehen. Es sei egal ob die türkischen BesucherInnen in Wien aufgewachsen, oder neu eingewandert sind. Wenn etwas gezeigt werde, dass sie aus ihrer Kultur kennen sei, die Schwellenangst vor einem Theaterbesuch nicht so groß. Einmal davon überzeugt, dass sich der Besuch gelohnt habe, würden die meisten der Besucher immer wieder kommen. So hat sich mit nur drei Produktionen ein kleines Stammpublikum für das Theater Brücke herausgebildet.

2000 gab es zwei künstlerische Premieren für das Tiyatro Brücke: erstmals wurde ein Theaterstück für Kinder ab 5 Jahren: "Nasreddin Hodscha und Till Eulenspiegel" von Tunc Denizer wurde als erste Produktion in deutscher Sprache gespielt. Die Geschichte ist einfach und für Kinder gedacht: Nasreddin Hodscha ist auf der Suche nach seinem Esel Karakacan, der sich in eine österreichische Eselin verliebt hat und ihr gefolgt ist. Auf einem Bauernhof trifft Nasreddin Hodscha zufällig auf Till Eulenspiegel, dem langweilig ist, und der sich nichts sehnlicher wünscht, als einen Freund zum Spielen. In diesem Stück wird versucht, das Thema Integration für Kinder aufzubereiten. Anhand der Figuren Till Eulenspiegel und Nasreddin Hodscha - einem beliebten türkischen Volkshelden, eine Art türkischer Eulenspiegel - wird gezeigt, dass für Freundschaften eine andere Sprache oder eine andere Kultur kein Hindernis darstellt, sondern dass unterschiedliche Kulturen einander ergänzen und bereichern können.

Die Veränderungen in der Ausrichtung - am Beginn wurde nur für türkisches Publikum gespielt, jetzt auch für österreichisches oder zumindest deutschsprachiges - lassen sich auch anhand der Programmhefte ablesen. War das erste Programm zum Stück "Yedi Kocali Hürmüz" ausschließlich in türkischer Sprache geschrieben, so wurden die folgenden Programmhefte immer zweisprachig, d.h. in türkisch und in deutsch, verfasst. Das Programmheft zum letzten Stück, "Nasreddin Hodscha und Till Eulenspiegel", ist nur mehr in deutscher Sprache erhältlich.

Das Zielpublikum hat sich also innerhalb von nur drei Jahren gewandelt: von türkischsprachigen Einwanderern zu österreichischen und deutschsprachig aufgewachsenen türkischen Kindern. Während es dem Theater Brücke am Beginn vor allem darum gegangen ist, ein kulturelles (Theater-)Angebot für türkische Einwanderer zu bieten, so handelt es sich bei der bis dato letzten Produktion um einen Versuch, mittels eines Kindertheaterstückes bereits beim Nachwuchs Verständnis für "Fremde". die in Wirklichkeit doch nicht so sehr verschieden sind, zu erzielen.

Neben diesen drei oben besprochenen KünstlerInnen gibt es in Wien noch zahlreiche weitere türkische TheatermacherInnen und PerformerInnen, wie beispielsweise Ülkü Akbaba (IODO) (8), Durmus Dogan oder Mustafa Dogan.

Dieser Text sieht sich als Diskussionsgrundlage für weitergehende Untersuchungen zum künstlerischen Selbstverständnis von KünstlerInnen türkischer Herkunft in Österreich und zur Frage nach den Möglichkeiten einer Integration mittels Theater. Es wurde bewusst keine Wertung der unterschiedlichen Zugänge vorgenommen, da es sich um verschiedene Ansätze handelt. Institutionen wie das Theater des Augenblicks und das Interkulttheater sind aus dem Wiener Veranstaltungsbereich nicht mehr wegzudenken. Durch eine Programmpolitik, die bewusst auf (inter-)kulturelle Vielfalt setzt und sich mit experimentellen Eigenproduktionen einen Namen gemacht hat, sowie durch die moderne Bühne als Spielort für die Freie Szene sind diese Theaterhäuser fest im Wiener Kulturleben verankert. Neu hinzugekommene Gruppen wie das Theater Brücke haben es etwas schwerer. Es wird sich zeigen, ob es in Wien für diese und andere künstlerische Vorhaben auch in Zukunft Geld und Publikum geben wird.


Endnoten
1 Dieser Text erschien 2003 in: Monika Wagner, Susanne Schwinghammer, Michael Hüttler (Hg.): Theater. Begegnung. Integration? Frankfurt/M: IKO, 2003, S. 93-110.

2 vgl. Statistik Austria, Statistische Übersichten, 14.1. Bevölkerung und Vorausschätzung, [Internet: www.statistik.at (Zugriff am 1.9.2001)]

3 Programmheft Interkulttheater März - April 1999, S.3.

4 vgl. Programmheft Interkulttheater Mai bis Juni 2000, S. 11.

5 Programmheft Interkulttheater Jan. bis Feb. 2000, S.5.

6 Der Verein Anatolische Kunst und Kultur wurde mittlerweile in Culture Meeting Point umbenannt.

7 Premieren: 12.12.1998: Yedi Kocali Hürmüz / Hürmüz und ihre sieben Männer von Sadik Sendil; 15.5.1999: Deli Dumrul / Der verrückte Dumrul; von Güngör Dilmen; 11.3.2000: Yasar ne yasar ne yasamaz / Yasar, der weder lebt, noch tot ist; von Aziz Nesin; 25.11.2000: Nasreddin Hodscha und Till Eulenspiegel von Tunc Denizer

8 Ülkü Akbaba war im Theaterbereich v.a. in den frühen 90er Jahren mit dem Theater IODO aktiv. Stücke: Das Meer und die Frauen (1990), Die Trommel (1992); danach erfolgte eine Verlagerung der Tätigkeit in den Bereich Film, Literatur und Wissenschaft mit Projekten wie L-Minor, einer Lesungsreihe zum Thema Minderheiten (1995) oder dem Filmfestival Neue Filme aus der Türkei (1998)



Michael HÜTTLER, 2004

bei Zitaten bitte angeben:

Michael Hüttler, TheatermacherInnen türkischer Herkunft in Wien, 2004 [Internet: http://www.univie.ac.at/theaterethnologie/ gte_buchsite 2.Huettler.html] (
= Onlineversion des 2003 erschienen Textes: Michael Hüttler, TheatermacherInnen türkischer Herkunft in Wien, in: Monika Wagner, Susanne Schwinghammer, Michael Hüttler (Hg.): Theater. Begegnung. Integration? Frankfurt/M: IKO, 2003, S. 93-110.)