Ein bewusst (?) missverstandener Protest

Kritisches Hinterfragen ist auch in Zeiten von Corona angebracht.

Der Kommentar ist in der Wiener Zeitung am 14. 5. 2021, S. 21 erschienen.

Zahlreiche namhafte Schauspielerinnen und Schauspieler verspürten in der jüngster Zeit offenbar das Bedürfnis, sich zu den Corona-Maßnahmen in Deutschland und Österreich kritisch zu äußern, und produzierten kurze ironisch-satirische Videos, publiziert auf der Seite www.allesdichtmachen.de. Keine 24 Stunden später war ein Shitstorm im Gange, auf den auch viele heimische Medien, allen voran der ORF, aufsprangen. Sofort wurde diese Kampagne als “missglückt” beschrieben, sobald es Kritik daran gab. Dies stellt eine Wertung dar, die so journalistisch vorschnell ist. Die Adjektive “umstritten” oder “viel diskutiert” wären auch zutreffend gewesen, ob sie wirklich “missglückt” war, kommt darauf an, was sie bezwecken wollte. Ein Hauptpunkt der Kampagne ist jedenfalls auch die mediale Berichterstattung über die Pandemie, unter anderem die ständige Angstmache.

Erstaunlich und erschreckend ist, wie die Kampagne abgelehnt und oft absichtlich missinterpretiert wurde. Die Diskussionskultur in der Gesellschaft scheinen nach einem Jahr Corona blank liegende Nerven zu dominieren; das Bemühen, die andere Seite zu verstehen und Grautöne wahrzunehmen, scheint kaum noch vorhanden. Sobald nicht die medizinisch schlimmen Seiten der Pandemie an oberste Stelle gestellt werden, gilt man als rechts und Verschwörungsideologe. Das Argument, dass die Rechten diese Kampagne unterstützen, kann wohl nicht Grund sein, dass sie besser nicht gemacht worden wäre.

Viele Menschen sind mit den Corona-Maßnahmen teils nicht einverstanden, wollen sich aber mit den Rechten trotzdem nicht solidarisieren. Das spricht für eine wache Demokratie, denn die Alternative wäre, derart drastischen Eingriffen in die Grundrechte der Bevölkerung mit derart weitreichenden Kollateralschäden (steigende Armut, depressive Kinder- und Jugendliche, massive wirtschaftliche Einbußen) gleichgültig gegenüberzustehen.

Verwunderlich scheint auch, wie wenig die zeitliche Eingeschränktheit der Maßnahmen auf die Dauer der Pandemie eingefordert wird. Die Notwendigkeit, für die Teilnahme am öffentlichen Leben – sei es im Gastgarten, Konzert oder Kino – einen Pass vorzuzeigen, sollte auf jeden Fall zu Wachsamkeit führen. Es sollte interessieren, wie lange diese Zugangsbeschränkungen gelten und unter welchen Voraussetzungen sie wieder zurückgenommen werden – da nachzufragen ist Aufgabe der Medien. Eine Diskussion darüber findet aber derzeit kaum statt. Vielmehr verfestigt sich der Eindruck, dass viele sehnsüchtig auf ihre Impfung als Erlösung aus dieser Lage warten, diese wurde von vielen als Allheilmittel herbeigesehnt. Aber auch da müssen Fragen erlaubt sein, die Sorgen von Menschen mit Vorerkrankungen betreffend Nebenwirkungen müssen auch ernst genommen und deren Fragen beantwortet werden.

Man könnte die so heruntergemachte Kampagne also durchaus als Beitrag zu einer dringend nötigen Diskussion betrachten, denn teils ist sie sehr gelungen und thematisiert, wie Folgsamkeit gegenüber diesen drastischen Maßnahmen eingefordert wird.

Mag.a Margarete Gibba

Corona und Islam

Aus verschiedenen Gründen bietet Covid-19 wieder Anlass für Hetze.

Der Kommentar ist unter anderem Titel in der Wiener Zeitung am 6. 5. 2021, S. 22 erschienen.

Zu Beginn der Vireninvasion hat es eine Weile lang so ausgesehen, als ob Zugewanderte, ihre Nachkommen und Musliminnen für einmal in Ruhe gelassen werden, weil das Aufbauen neuer Feindbilder für die professionellen Aufwiegler attraktiver war. weiterlesen »

“Kein Recht auf Aufenthalt”

Leserbrief zum Artikel von Christina Traar in der “Kleinen Zeitung” vom 3.2.2021

Sehr geehrte Redaktionsmitglieder der Kleinen Zeitung!

Mit zunehmender Verwunderung musste ich den gestrigen Artikel zu den Abschiebungen der Kinder vergangene Woche nach Georgien lesen. Dieser sollte wohl den Versuch darstellen, eine neutrale Sicht auf den Fall zu präsentieren, las sich aber leider wie eine Werbeeinschaltung für das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (unterstützt durch das Foto). weiterlesen »

Täter und Täterinnen

Über Gewalt gegen Frauen und ihre Ursachen

Der Kommentar ist am 16. 12. 2020 in der Wiener Zeitung erschienen.

Anlässlich der internationalen Aktionstage im November und Dezember veröffentlichte der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) die Broschüre „Gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Handlungsmöglichkeiten und Präventionsmaßnahmen. Ein Leitfaden für Multiplikator/innen“.

Die Vorstellung dieses Produktes lieferte der Integrationsministerin einen Anlass für einen ihrer bekannt integrationsfeindlichen Auftritte, in denen eine bestimmte Menschengruppe pauschal an den Pranger gestellt wird. Die meisten Medien übernahmen dann die Agenturmeldung mehr oder weniger wörtlich. weiterlesen »

Wenn es kracht in Favoriten …

Der Kommentar ist am 15.7. 2020 in der Wiener Zeitung erschienen.

Wer trägt die Verantwortung für die gewalttätigen Übergriffe bei friedlichen Demonstrationen?

Wenn manche Politiker und manche Kommentatoren behaupten, die Ausschreitungen seien ein importierter ethnischer Konflikt zwischen Türken und Kurden, der sich in Europa fortsetze, dann ist das eine sehr verkürzte Darstellung, die die komplexen Ursachen nicht erkennen will. Bei den Angriffen von Randalierern mit niedrigem Durchschnittsalter auf Demonstrantinnen und Demonstranten, die gegen das Morden in Nordsyrien und für Frauenrechte auf die Straße gingen, prallen mehrere Gegensatzpaare aufeinander: Rechts und Links, Konservativ und Liberal, Mann und Frau, Nationalismus und Weltoffenheit. weiterlesen »

Leserbrief zu „Die den Karren ziehen“ von Barbara Coudenhove-Kalergi

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Freude haben wir den Beitrag „Die den Karren ziehen“ von Barbara Coudenhove-Kalergi vom 15.04.2020 gelesen.
Online nachlesen
Sie betont darin mit zahlreichen anschaulichen Beispielen welch positiven Wirken und welche Notwendigkeit die Zuwanderung für Österreich hat.
Damit holt sie medial und sozial viel zu oft benachteiligte Bevölkerungsgruppen vor den Vorhang.

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Achtung: Enkel nicht streicheln!

Viele Ältere haben es satt, im Namen der Heiligen Corona als hilfsbedürftige Alte stigmatisiert zu werden.

Der Kommentar ist leicht geändert in Die Presse vom 3. 4. 2020, S. 26 erschienen.

Die Einführung unbequemer Maßnahmen – deren Notwendigkeit hier nicht in Zweifel gezogen wird – erfolgt in zermürbender Regelmäßigkeit mit Verweis auf Alte und Kranke. 20- und 30-Jährige fühlen sich berechtigt und sogar verpflichtet, ihre Eltern und Großeltern zu ermahnen und zu maßregeln, was sie nun zu tun und zu lassen haben. Aber dieses „Wir müssen unsere Senioren schützen“ – viele der Generation 65plus können es nicht mehr hören. weiterlesen »

CFP der under.docs

Call for Papers:
under.docs – Fachtagung zu Kommunikation
Future in Progress – Kritische Perspektiven auf Wandel und Fortschritt

Ein Team von Studier­­­enden der Geistes- und Sozialwissenschaften an der Uni Wien veranstaltet eine Konferenz mit dem Titel „under.docs – Fachtagung zu Kommunikation. Future in Progress – Kritische Perspektiven auf Wandel und Fortschritt” von Studierenden für Studierende. Diese Fachtagung soll einerseits Jungwissenschaftler*innen ab Bachelor- bis prae doc-Niveau in ihrer akademischen Tätigkeit und ihrem Werdegang fördern und auch das Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten bestärken.
Die Tagung wird aus Vorträgen, Postersessions und alternativen Präsentationen bestehen. Sie findet vom 14. – 16. Mai 2020 in Wien statt. weiterlesen »

Leserbrief zum Kommentar der Anderen „Religionskritik als Rassismus?“

Der Kommentar erschien am 26.4.2019 im Standard

Schon seit den 1980er-Jahren wird über Neo-Rassismus, Rassismus ohne Rassen und kulturellen Rassismus diskutiert – als einer Form des Rassismus, der ohne „Rassen“ auskommt, die ja (und wenigstens das ist mittlerweile recht unbestritten), auch eine Konstruktion sind. Abseits der als einheitlich konstruierten biologischen Merkmale können auch kulturelle oder religiöse Symbole genutzt werden, um „die Anderen“ zu konstruieren: Die Juden, die Muslime oder die Flüchtlinge, beispielsweise. Darüber, dass das Konzept eines kulturellen Rassismus möglicherweise zu schwammig ist, um ausgrenzende Ideologien wie Antisemitismus oder Anti-Muslimismus zu erfassen, wird in der Fachwelt durchaus diskutiert. Dennoch scheint es einigermaßen absurd, im Jahr 2019 einem Universitäts- und einem Fachhochschulprofessor erklären zu müssen, wieso Rassismus doch etwas mit Religion zu tun haben kann und ihr rein biologistischer Rassismus-Begriff lang überholt ist. weiterlesen »

Über Verbrecher und ihre Nationalitäten

Der Kommentar erschien am 6. 2. 2019 in der Wiener Zeitung.

Die Ursache von Morden liegt nicht in der Herkunft der Täter, sondern in sozialen Faktoren – und somit auch in der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung.

In manch einseitiger Betrachtung wurden die jüngsten Bluttaten auf patriarchale Gesinnungen in den Herkunftsländern von Aggressoren zurückgeführt. Explizit oder implizit ergibt sich daraus die Forderung: Schafft Migration ab, dann sinkt die Kriminalitätsrate! Aber kann das stimmen? weiterlesen »