Mai112019

Leserbrief zum Kommentar der Anderen „Religionskritik als Rassismus?“

Der Kommentar erschien am 26.4.2019 im Standard

Schon seit den 1980er-Jahren wird über Neo-Rassismus, Rassismus ohne Rassen und kulturellen Rassismus diskutiert – als einer Form des Rassismus, der ohne „Rassen“ auskommt, die ja (und wenigstens das ist mittlerweile recht unbestritten), auch eine Konstruktion sind. Abseits der als einheitlich konstruierten biologischen Merkmale können auch kulturelle oder religiöse Symbole genutzt werden, um „die Anderen“ zu konstruieren: Die Juden, die Muslime oder die Flüchtlinge, beispielsweise. Darüber, dass das Konzept eines kulturellen Rassismus möglicherweise zu schwammig ist, um ausgrenzende Ideologien wie Antisemitismus oder Anti-Muslimismus zu erfassen, wird in der Fachwelt durchaus diskutiert. Dennoch scheint es einigermaßen absurd, im Jahr 2019 einem Universitäts- und einem Fachhochschulprofessor erklären zu müssen, wieso Rassismus doch etwas mit Religion zu tun haben kann und ihr rein biologistischer Rassismus-Begriff lang überholt ist.

Momentan haben aber eben solche Meinungen Hochkonjunktur, die sich in Richtung des sehr rechts geneigten Diskurses flexibel biegen. Sie bringen ja auch vielen LeserInnen Erleichterung – wenn nämlich das eigene Bauchgefühl, die eigenen Vorurteile gerechtfertigt werden.

So seufzt innerlich erleichtert auf, wer liest, dass das Unwohlsein, das ihn angesichts einer Kopftuchträgerin in der Straßenbahn beschleicht, berechtigt ist und er das leise anklopfende schlechte Gewissen somit guten Gewissens ignorieren kann. Ja, wenn die Frau auch „in politischer Absicht Symbole im öffentlichen Raum nutzt, vor sich her oder auf sich trägt, die eine diskriminierende Ungleichbehandlung, Entwürdigung oder Instrumentalisierung von Personen oder sozialen Gruppen gutheißen“, dann bitte, darf mich das wohl stören, vor allem, wenn diese „misogyne, rassistische oder antidemokratische Symbole und Praktiken“ repräsentieren. Das bedeutet, dass jede, die sich öffentlich sichtbar mittels Kopftuch zum Islam bekennt, alle Gräueltaten gutheißt, die im Namen des Islam weltweit begangen werden.

Auf derlei Unsinn ist schwer zu antworten. Man könnte den Vergleich heranziehen, dass jeder, der irgendwo an sich sichtbar ein Kreuz trägt, die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche rechtfertigen muss. Das wäre dann wohl die „berechtigte Kritik“, die „ausgehalten“ werden muss. Ob ein Vorschlag a la „Schleich di ham in Vatikan!“ dann wohl auch noch als Kritik zählte? Nein, das wäre dann wohl ein bedauerlicher Einzelfall, für den keiner etwas kann.

Es werden aber nicht nur diskriminierende Praxen legitimiert und Dinge einfach behauptet („im Namen einer Religion“, da wird wohl der Islam gemeint sein, „wurden 900 Millionen Menschen massakriert“), es werden auch diejenigen delegitimiert, die solche Diskriminierungen nicht einfach hinnehmen wollen, sondern anprangern, sammeln, diese aufzeigen. Diese werden dann als selbsternannte, subjektive, islamistische (!) Denunzierer verunglimpft, auf deren hochpolitisches Gejammer die linken Medien aufspringen.

Gerade solche Aussagen zeigen, wie weit die Islamfeindlichkeit in Österreich schon gediehen ist, steht doch dieser Artikel in genau solch einer Tradition, denn Religionskritik ist nicht Rassismus oder Anti-Muslimismus, aber wenn jeder und jedem Gläubigen bestimmte (negative) Eigenschaften zugeschrieben werden, dann ist das (kultureller) Rassismus, und wenn das Herumreiten auf der genauen Bezeichnung dieses Phänomens damit einhergeht, den Betroffenen ihre Diskriminierungserfahrungen abzusprechen, ist dies umso eindeutiger.

Mag.a Margarete Gibba

Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung an der Universität Wien

univie.ac.at/tmb

Feb072019

Über Verbrecher und ihre Nationalitäten

Der Kommentar erschien am 6. 2. 2019 in der Wiener Zeitung.

Die Ursache von Morden liegt nicht in der Herkunft der Täter, sondern in sozialen Faktoren – und somit auch in der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung.

In manch einseitiger Betrachtung wurden die jüngsten Bluttaten auf patriarchale Gesinnungen in den Herkunftsländern von Aggressoren zurückgeführt. Explizit oder implizit ergibt sich daraus die Forderung: Schafft Migration ab, dann sinkt die Kriminalitätsrate! Aber kann das stimmen? weiterlesen »

Dez062018

Über „unkontaktierte Völker“

In dem Artikel „Die letzten unkontaktierten Völker der Welt“ im Standard vom 29. 11. 2018 von Bianca Blei werden indigene Gesellschaften aus abgelegenen Gegenden in aller Welt in einer Weise dargestellt, die man – höflich formuliert – als vereinfachend bezeichnen kann.

Die existenziellen Bedingungen für indigene Gruppen sind so verschieden wie die Staaten, in denen sie leben, aber gemeinsam ist ihnen Marginalisierung, oft Diskriminierung und rassistische Ausgrenzung. Außerdem teilen sie Zuschreibungen von Primitivität, Rückständigkeit und Ahistorizität von Seiten ihrer Nachbargesellschaften – bis hinein in westliche Medien. weiterlesen »

Aug042018

Muslimen reicht’s.

Über eine abendliche Diskussionsrunde in Karls Garten

Das Magazin „biber“, das über die multiethnische und multireligiöse Gesellschaft Österreichs berichtet, zeichnet sich einmal aus durch diverse Durchmischung seiner Redaktion und zudem, weil es pikante transkulturelle Themen aufgreift (Selbstbezeichnung: „biber mit scharf“), die die örtliche Medienlandschaft enorm bereichern, aber keineswegs den niedrigen Instinkten huldigen wie die anderen Gratisblätter.

Unlängst (am 24. 7.) war die Zeitschrift Veranstalterin eines sommerlichen Podiums- und Publikumsgesprächs im Karls Garten: „Muslimen reicht’s“. Unter diesem Titel würde man eigentlich erwarten, über die Befindlichkeiten von Menschen zu hören, die seit Längerem regelmäßig und ganz generell einem feindlich gesinnten verbalen Dauerbeschuss ausgesetzt sind. Wie geht es jemandem, dessen Religion zwar seit mehr als hundert Jahren offiziell anerkannt ist, dessen zentrale Glaubenssätze und -praktiken aber immer mehr von politischen Parteien und inzwischen systematisch von ganz oben diskriminiert werden? Wie geht es ihnen bei den ständigen Forderungen nach Verboten von Kopftuch, Schächten, Fasten, Beschneidung …? weiterlesen »

Mai272018

Call der Under.Docs der Uni Wien

Gerne leiten wir einen Call der Under.Docs weiter:

„Wir sind ein Team von Studier­­­enden der Geistes- und Sozialwissenschaften an der Uni Wien, die eine Konferenz mit dem Titel „under.docs – Fachtagung zu Kommunikation. “Widerstehen und Widersprechen“ von Studierende für Studierende veranstalten. Diese Fachtagung soll einerseits Jungwissenschaftler*innen ab Bachelor- bis prae doc-Niveau in ihrer akademischen Tätigkeit und ihrem Werdegang fördern und auch das Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten bestärken. Sie findet vom 18. – 20. Oktober 2018 in Wien statt.“

Hier geht es zum CFP: http://underdocs.univie.ac.at/wp-content/uploads/2018/05/under.docs-CfP-2018.pdf

Mai242018

In eigener Sache: DSGVO und Verstärkung

Liebe AbonnentInnen der Teilnehmenden Medienbeobachtung!

Auch wenn auf unserem Blog derzeit wenig los ist: Tot sind wir nicht, lediglich in der normalen Mühle zwischen Beruf, Familie und ehrenamtlichem Engagement leicht eingeklemmt. Da wir aber finden, es braucht nach wie vor – und eigentlich jetzt erst recht! (siehe Kommentar von Petra Stuiber) – kritische Medienbeobachtung, bitten wir um eure / Ihre Zustimmung, über künftige Blogbeiträge per E-Mail informieren zu dürfen.

Wie alle wissen, tritt am 25. Mai die neue Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) in Kraft. Aus diesem Anlass möchten wir unsere E-Mail-AbonnentInnen um ihre aktive Einwilligung zur weiteren Datennutzung bitten. Wenn ihr / Sie weiterhin Interesse an Teilnehmender Medienbeobachtung habt, abonniert bitte neu die E-Mail-Zusendung von Blogbeiträgen – nach einer Bestätigung der E-Mail-Adresse werden dann auch in Zukunft unsere Blogbeiträge per E-Mail zugesandt. Alle anderen Adressen werden von uns gelöscht. Selbstverständlich kannst du / können Sie auch Ihre Einwilligung jederzeit widerrufen und unsubscriben.


 

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Jan242018

Ein Marshallplan mit Afrika

Bevor gegen Hilfszuwendungen für Afrika gewettert wird, sollte zu allererst die Geschichte Europas auf diesem Kontinent betrachtet werden. Europa hat ab dem auslaufenden 15. Jahrhundert Teile Afrikas ausgeplündert. Europa hat sich an Afrika immer nur bereichert, durch Ressourcen (Seltene Erden, Gold, etc.), Anbau- und Ablageflächen oder versklavte Arbeitskräfte. Bis heute scheint es unmöglich dem Kontinent auf Augenhöhe zu begegnen. Dies wird vor allem im Sprechen über Afrika stark deutlich (Stichwort: Shithole-Countries). Aus fast allen Ecken schallt es, wenn über den Kontinent gesprochen wird: Armut, Korruption, Vetternwirtschaft, Unterernährung, Krankheiten, um nur ein paar Schlagworte zu nennen. Ein Marshallplan – oder fast schon eine Restitution der gestohlenen und enteigneten Ressourcen – zur Erzeugung eines Gleichgewichts zwischen den Kontinenten scheint angebracht. weiterlesen »

Dez122017

Was wir aus der Kopftrophäen-Debatte lernen könnten

Der Kommentar erschien am 12. 12. 2017 in der Wiener Zeitung.

Nicht nur die Toten verdienen Respekt, sondern auch die Lebenden – und zwar alle, unabhängig von Herkunft und Religion.

Gegenwärtig wird darüber diskutiert, ob man die menschlichen Überreste, die bisher als Kunst und Ethnographica betrachtet wurden, aus den Auktionshäusern und Schaukästen der endlich umbenannten Völkerkunde-Museen entfernen soll oder nicht. Dabei wird argumentiert, dass Leichenteile aus Pietät und aus Respekt dem Tod und dem Verstorbenen gegenüber nicht mehr verkauft und ausgestellt werden sollten, auch um rechtsextremen Umtrieben und Ansichten keinen Vorschub zu leisten.

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Nov012017

Sprache ist nicht gleich Sprache

Wer, was, wann, wo und wie sind die fünf Frageworte, die wohl einem jeden Bericht zu Grunde liegen. Dies ist bestimmt auch beim Artikel „Ein Haus der Geschichten“ von Judith Belfkih, der die Eröffnung des Weltmuseums zum Thema hat, der Fall. Doch über das Wie lässt sich streiten. In welcher Weise, mit welcher Sprache wird über ein Thema gesprochen und welche Annahmen werden getroffen? Die Kultur- und Sozialanthropologie (KSA) setzt sich unter anderem auch intensiv mit diesem Wie auseinander. weiterlesen »

Sep292017

Islam sells

Der Kommentar erschien am 27. 9. 2017 in der Wiener Zeitung.

Islam bringt Stimmen, Islam macht Quote, Islam lenkt ab. Wie man eine Religion und deren Angehörige auf ihre Kosten für politische Zwecke nutzen kann.

Ein neues Schlagwort macht die Runde: „der politische Islam“ ist in aller Munde, taucht in allen Medien auf und bei allen Parteien und wird bei jeder einschlägigen Veranstaltung erneut in die Köpfe der Wahlberechtigten gehämmert. Inzwischen kann bei dem Thema jeder mitreden. Es ist wie beim Wetter, beim Straßenverkehr und beim Sex, alle wissen Bescheid.
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