„Illegale“ in Österreich – zur Problematik von Begriffen und Zahlen

Leserbrief zum Artikel „Bis zu 100.000 ‚Illegale‘ in Österreich“ von Ania Haar, erschienen in der Presse am 4.5.2010, verfasst von Christina Hollomey

Sehr geehrte Ania Haar, sehr geehrte Redaktion,

Migration, und besonders die undokumentierte Seite davon, ist ein in Politik und Medien viel diskutiertes Phänomen. Jedoch wird es nur selten in seiner Komplexität und Vielschichtigkeit dargestellt. Der Artikel „Bis zu 100.000 ‚Illegale’ in Österreich“ von Ania Haar, erschienen am 4.5. in der Presse, bemüht sich darum, vermeidet Pauschalisierungen und will Informationen kritisch aufbereiten – wird diesem Anspruch aber schlussendlich nicht gerecht.

AktivistInnen und ExpertInnen haben vielfach darauf hingewiesen, dass zwar eine Handlung oder der rechtliche Status einer Person, jedoch nie eine Person selbst, illegal sein kann. Dennoch bleiben viele mediale Beiträge, so auch der Text von Ania Haar, dem Begriff der „Illegalen“ treu, auch wenn ersichtlich wird, dass der Begriff als problematisch betrachtet wird – ich nehme an, der Einfachheit oder Verständlichkeit halber. Damit tragen sie aber dazu bei, jene negativen Stereotype zu verfestigen, die das Bild über Betroffene in der öffentlichen Diskussion prägen. „Illegale“ würden bewusst und gezielt staatliche Regelungen unterwandern und stellten eine Bedrohung für die öffentliche Sicherheit und die nationale Gemeinschaft dar. Die Rolle des Staates bei der Illegalisierung von MigrantInnen gerät durch diese Begrifflichkeit aus dem Blickfeld: Schließlich sind es staatliche Regelungen, die bestimmen, wer in einem Land als „illegal“ gilt und wer nicht.

Das im Artikel gewählte Beispiel eines alkoholsüchtigen Polen, der aufgrund einer strafbaren Handlung mit einem Aufenthaltsverbot belegt wurde, trägt nicht gerade dazu bei, dieses negative Bild aufzubrechen. Eher schürt es weitere Ängste in der Bevölkerung vor „den (kriminellen) Illegalen“.

Denselben Effekt haben Zahlen über „Illegale“, welche oft aus dem Zusammenhang gerissen präsentiert werden. Zu Recht mahnt die Autorin, solche Zahlen seien „mit Vorsicht zu genießen“, jedoch wird sie selbst dieser Forderung nicht gerecht: So spricht der Artikel von „57.000 ‚Illegalen’ im Jahr 2003 und schon 97.000 im Jahr 2007“. Korrekterweise bezieht sich der Begriff „Illegale“ in diesem Fall auf irregulär beschäftigte AusländerInnen und schließt damit auch legal aufhältige EU BürgerInnen, die in Österreich „schwarz“ arbeiten, mit ein. Zudem werden die Zahlen fälschlicherweise dem ICMPD (International Center for Migration Policy Development) zugeordnet. Nicht berichtet wird, dass diese Schätzungen von Michael Jandl und Friedrich Schneider zwar in der erwähnten Studie des ICMPD (deren Mitautorin ich bin) zitiert werden, allerdings aus methodischen Gründen als äußerst problematisch und unzuverlässig kritisiert werden.

Besonders in Bezug auf medial und politisch aufgeheizte Themen, wie das der irregulären Migration, tragen JournalistInnen eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit und den Betroffenen, exakt zu informieren und die Information so darzustellen, dass sie den Betroffenen, z. B. durch die Verfestigung negativer Stereotype, nicht schadet.

Mit besten Grüßen,
Mag.a Christina Hollomey
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung, http://www.univie.ac.at/tmb/

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