„Plötzlich gab es eine Telefonnummer des Islam“ – doch die der KSA lässt weiter auf sich warten

Medien und Öffentlichkeitsarbeit waren eines der Schwerpunkt-Themen der Tage der Kultur- und Sozialanthropologie 2010 – und zwar sowohl aus wissenschaftlicher Sicht wie auch in Bezug auf die Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse und Ansichten: Im Workshop „Medien und Medienkritik“ wurden verschiedene medienanthropologische Forschungen des Instituts vorgestellt, während die Podiumsdiskussion das Verhältnis der KSA zu Medien und Öffentlichkeit thematisierte.

Der von der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung koordinierte Workshop zeigte verschiedene Facetten medienanthropologischer Forschung – von der Produktion (Budka) über die Auswirkungen von Medien und Medientechnologien (Santer, Mader) bis zu Fragen von Kreolisierung (Mader, Hirzer) und Identität im Zusammenspiel von Repräsentation am Beispiel der Öffentlichkeitsarbeit der Islamischen Glaubensgemeinschaft (Sticker).

In allen Beiträgen wurden Fragen von Macht rund um Formen von Mediennutzung und Repräsentation thematisiert: Philipp Budka brachte „Beispiele indigener Medienproduktion im nordwestlichen Ontario, Kanada“, und stellte diese in den Kontext der kanadischen Gesellschaft sowie Hierarchien innerhalb indigener Gruppen, wobei er insbesondere auf die Fallbeispiele Wawatay und MyKnet.org einging. Die mit „Prezi“ gestaltete sehenswerte Präsentation findet sich online unter http://prezi.com/xkujayvv5dgl/.

Vera Santer kritisierte in ihrem Beitrag zum „Einfluss von Mobiltelefonen auf politischen Protest am Beispiel der EDSA-II-Bewegung auf den Philippinen 2001“ Sichtweisen, die neuen Technologien automatisch revolutionäre Kraft zuschreiben würden. Dieser technologiedeterministische Blick hänge eng mit Fortschrittsglaube, Machtzuschreibungen und Idealisierung von Technologien zusammen und müsse im kultur- und sozialanthropologischen sowie ethnographischen Kontext überarbeitet werden. So wurden im konkreten Fall der EDSA-II-Bewegung Mobiltelefone zwar eingesetzt, um die Demonstrationen zu organisieren, gleichzeitig aber wurde von anderen Massenmedien dem Handy übertriebenes Potenzial zugeschrieben. Schließlich hätte in Studien kein Zusammenhang zwischen SMS und der Teilnahme an den Protesten festgestellt werden können. Der Einfluss der Massenmedien sowie Parteien-Netzwerke und andere Netzwerke seien mitzudenken und zu berücksichtigen.

Elke Mader thematisierte in „Kommunikation, Intimität und Imagination: Bollywood auf Twitter“ eine neue Kommunikationsform zwischen „Stars“ und „Fans“, wobei insbesondere auch die Frage der Macht rund um Repräsentation und „Followers“ sichtbar wurde. Mader sieht eine Veränderung des Publikums durch neue Medientechnologien hin zu einer „participatory audience“. Die neue Dimension der Vernetzung brauche neue analytische Konzepte, die über Netzwerk und Gemeinschaft hinausgehen, wobei sie auf die Konzepte der „communitas“ (Turner) und „conviviality“ (Overing) hinwies. Am Beispiel des Bollywood-Stars Shah Rukh Khan zeigte sie, dass über Twitter auf verschiedenen Ebenen Intimität hergestellt wird – beispielsweise über die Reflexion von Befindlichkeiten und die Ritualisierung von Kommunikationsabläufen.

Auch Petra Hirzer widmete sich dem Thema Bollywood, allerdings unter dem Gesichtspunkt der „produktiven Medienaneignung am Beispiel der Rezeption indischer Populärkultur in Arequipa, Peru“. Sie griff dafür auf das Kodierungs-Dekodierungs-Modell von Stuart Hall zurück. In Peru haben sich aus Online-Netzwerken Offline-Netzwerke gebildet, die sich aus Bollywoodfans und deren diversen Aktivitäten konstituieren. Fankultur lasse sich dabei als „Hybridkultur“ verstehen, die eine Neukonstruktion von Bedeutungsinhalten und kreative Medienaneignung beinhaltet. So werden etwa Lieder aus den Filmen rekontextualisiert und verändert. Hirzer betonte insbesondere die Verbindung von lateinamerikanischem Salsa-Tanz und indischer Musik und Choreographien zur hybriden Neukreation „salsa-hindu“.

Um Identität und Repräsentation ging es auch im nächsten Beitrag, obwohl thematisch scheinbar weit entfernt: Maja Sticker stellte die Entwicklung der Öffentlichkeitsarbeit der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ ) dar. Das Medienreferat der IGGiÖ wurde unter anderem in Reaktion auf politische Diskurse gegründet und diente als zentrale Anlaufstelle für JournalistInnen: „Plötzlich“, zitierte Sticker einen Journalisten, „gab es eine Telefonnummer des Islam“, was für JournalistInnen im Tagesgeschäft praktisch war. Gleichzeitig wurde über die Repräsentation in der Öffentlichkeit auch die Identität der IGGiÖ geprägt bzw. zum Gegenstand interner Diskussionen gemacht. Ab der „Imane-Debatte“ 2005 fanden sich im öffentlichen Diskurs vermehrt andere und kritische Stimmen, die die Diversität der muslimischen Gemeinschaften in Österreich widerspiegeln und die Legitimität der IGGiÖ als zentrale Vertretung aller MuslimInnen in Frage stellen.

Podiumsdiskussion: „Ein Teil schwappt immer rüber ins Klischee“

Die Strategien rund um Öffentlichkeitsarbeit waren auch einer der Schwerpunkte der Podiumsdiskussion zum Thema „Das Verhältnis der KSA zu Medien und Öffentlichkeit“. Das Podium war vielfältig zusammengesetzt: Irene Brickner, Chronikredakteurin und Menschenrechtsexpertin bei der Tageszeitung Der Standard, und der bei Ö1 tätige Kultur- und Sozialanthropologe Thomas Haunschmid sowie der Journalist und Soziologe Simon Inou berichteten von ihren Erfahrungen, sozusagen aus dem Kern der Medien. Werner Zips, außerordentlicher Professor am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie und Valentine Auer, KSA-Studierende und Redakteurin der Zeitschrift Paradigmata, brachten verschiedene Perspektiven innerhalb der Kultur- und Sozialanthropologie ein. Moderatorin war Heidi Weinhäupl, Lektorin und Teilnehmende Medienbeobachterin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie.

Bereits bei der Frage, welches Bild der Kultur- und Sozialanthropologie in den Medien existiere, gingen die Meinungen auseinander. In Bezug auf eine in mehreren Medien publizierte Aussage, wonach Ethnologen das „Fluchtverhalten von Afrikanern“ untersuchen würden (so die rassistische Verteidigungsstrategie im Prozess gegen den Betreiber eines Asylheimes in Kärnten), vermutete Zips eine Verwechslung zwischen „Ethnologie“ und „Ethologie“ (Verhaltensforschung). Brickner hingegen betonte, dass häufig noch überkommene „Völkerkunde“-Vorstellungen in den Redaktionen existieren: „Das Bild der Kultur- und Sozialanthropologie in den Medien ist als solches nicht wirklich existent.“ Es gebe keine genaue Vorstellung darüber, wozu man einen Kultur- und Sozialanthropologen befragen könnte. Haunschmid und Auer forderten, dass das Institut stärker nach außen gehen solle – gerade dann, wenn die Disziplin so dargestellt werde, als ob sie rassistische Studien anfertigen würde. Man hätte beispielsweise mit einer Pressekonferenz reagieren sollen und die Gelegenheit nutzen, das eigene Image zurecht zu rücken.

Schließlich, betonte Inou, „passen auch Unternehmen heute ganz genau auf ihr Bild in der Öffentlichkeit auf.“ Der Journalist leitet den Verein M-Media, eine Selbstorganisation von MigrantInnen, die ihre Bilder in den Mainstream-Medien selbst gestalten wollen. In Kamerun hätte er die Kultur- und Sozialanthropologie als Teil des kolonialen Systems wahrgenommen, hier in Österreich jedoch gute Erfahrungen gemacht: Bei verschiedenen Aktionen hätten Studierende der KSA kritisches Denken gegen Unterdrückung und Engagement gezeigt. Er regte eine über den Anlassfall hinausgehende Medienarbeit des KSA-Institutes an, wobei er auf Aktion, nicht nur Reaktion setzen würde – beispielsweise könne man die Medienberichterstattung „scannen“ und ein Ranking veröffentlichen, um so Druck auf die Medien auszuüben, damit diese objektiver und vorurteilsfreier berichten.

In der Medienberichterstattung gebe es schließlich einiges zu verbessern – was auch eine gewisse Skepsis der Kultur- und SozialanthropologInnen den Medien gegenüber erklären könnte. So meinte Zips, der auch als Filmemacher tätig ist: „Ein Teil schwappt immer rüber ins Klischee.“ Man müsse in der eigenen Medienberichterstattung mit diesen Klischees spielen, sie quasi als Lockvogel gebrauchen, um sie dann gezielt durchbrechen zu können. Das könne auch schief gehen – wie eine Anmoderation eines Filmbeitrages von ihm gezeigt hatte, in der von „Buschmännern“ die Rede war.

Skeptisch gegenüber solchen Klischees zeigte sich Inou am Beispiel des derzeitigen Afrika-Schwerpunktes auf Ö1: „Trommeln, Tanz, immer die gleichen Klischees – warum kein afrikanisches Orchester?“ Dies habe er auch bereits im Kontakt mit Kulturveranstaltern angeregt und sei durchaus auf offene Ohren gestoßen. Haunschmid versprach, dies an seine Vorgesetzten weiterzuleiten. Generell aber, so der Ö1-Journalist, der auch Initiator des Medienbüros nameit ist, das zurzeit das Webjournal Kaptransmissions.org zur Fußball-WM produziert, würde vor allem in Boulevard-Medien verzerrt dargestellt. Die Standard-Journalistin Brickner machte auch darauf aufmerksam, dass Interviewte das Recht haben, sich ihre Zitate vor der Veröffentlichung zeigen zu lassen. Dafür müsse man aber auch das Zeitkorsett und die Verständlichkeit der Sprache beachten. Das Ergebnis sei „meistens ein Kompromiss aufgrund des journalistischen Zeitdrucks“.

Auer kritisierte das veränderte Wissenschaftsverständnis der Kultur- und Sozialanthropologie: Früher hätte es mehr Kontakt zu den Medien gegeben. Haunschmid schlug Lösungen vor: Newsletter, Pressekonferenzen, Kommuniqués oder ein Pressereferat wären sinnvoll. Das sah auch Zips nicht anders, fragte jedoch: „Wer soll das machen? Wir kriechen ja ohnehin schon am Boden.“ In Bezug auf die Suche nach AnsprechpartnerInnen seien auch die Medien in die Pflicht zu nehmen, die immer die gleichen ExpertInnen befragen. Er hätte vor kurzem mit einer Kollegin gesprochen, die in Somalia eine Feldforschung unternommen hatte. „Welcher Mensch weltweit hat so ein Wissen über Somalia?“ Statt dubioser Experten von Politbüros mit unklarem politischen bzw. wirtschaftlichen Hintergrund sollten hier lieber wirkliche ExpertInnen befragt werden, forderte Zips.

Brickner erklärte, dass die Medien Telefonnummern und konkrete AnsprechpartnerInnen für tagesaktuelle Themen bräuchten, gezielte Presseaussendungen würden ebenfalls helfen. All dies sei aber natürlich auch im Rahmen der „Krise des Wissenschaftsbetriebs“ zu sehen: Man brauche einfach finanzielle Mittel, um Medienarbeit zu leisten.

Diese seien derzeit nicht in Sicht, so Zips – und auch in der Beurteilung der Arbeit von WissenschafterInnen spiele es keine Rolle, ob Wissenschaft an die Öffentlichkeit kommuniziert wird: Symbolisches Kapital erwerbe man nur über die Publikation in Fachjournalen. Der Filmemacher und außerordentliche Professor des Instituts sah jede Wissenschafterin und jeden Wissenschafter selbst in der Verantwortung, ihre Medienkontakte Redaktion für Redaktion aufzubauen und zu pflegen. Das Institut selbst könne diesen Zeitaufwand nicht leisten – das sei auch Aufgabe der AbsolventInnen und Studierenden.

Dabei verwies er auch auf die Medieninitiativen des Institutes, die vor der Podiumsdiskussion vorgestellt worden waren: Die Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung, die Zeitschrift Paradigmata (hervorgegangen aus der Maske) sowie den Podcast Talking Anthropology (siehe unten). Hier widersprach Valentine Auer: „Die Studierenden können nicht alles machen!“ Auch sie würden bereits „am Boden kriechen“. Klar wurde, auch in der nachfolgenden Diskussion, dass das KSA-Institut Medien- und Öffentlichkeitsarbeit als durchaus wichtig ansieht – was auch die Schwerpunktsetzung über die sehr gut besuchte Podiumsdiskussion bewiesen hat. Doch von einer Institutionalisierung scheint man, angesichts von Personalknappheit und drückender Budgetnot, weit entfernt. (Heidi Weinhäupl)

Medieninitiativen am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie

Am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien haben sich im Laufe der letzten Jahre mehrere eigenständige Medieninitiativen gebildet: Paradigmata, die Zeitschrift für Menschen und Diskurse (ehemals Die Maske), wird von einem interdisziplinären Team herausgegeben. Das studentische Neue-Medien-Projekt Talking Anthropology hat sich das Ziel gesetzt, anthropologische Themen im Gespräch einem breiten Publikum nahe zu bringen. Und das Team der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung, das sich aus Studierenden und Lehrenden des Instituts zusammensetzt, übt Medienkritik in Form von LeserInnenbriefen und Gastkommentaren, die zusätzlich per Blog veröffentlicht werden.

Paradigmata – Zeitschrift für Menschen und Diskurse
Die Maske wird Paradigmata – Zeitschrift für Menschen und Diskurse. Sie betrachtet die Zusammenhänge der verschiedenen Facetten des menschlichen Lebens. Als Kind der Anthropologie ist sie eine Denkerin, eine bekennende Pluralistin, die sich mehr als nur einer Strömung verpflichtet fühlt und aus Kontroversen verschiedenster Disziplinen neue Perspektiven eröffnen will. Schließlich reicht es in unserer komplexen Welt nicht mehr, sich auf nur eine Disziplin zu beschränken. Dieser Komplexität sowie der Vielfalt des menschlichen Lebens soll durch das neue Format Paradigmata entsprochen werden. Ein weiteres Ziel der Zeitschrift ist es, den Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu wagen. Die verschiedenen Themen werden den LeserInnen einerseits wissenschaftlich fundiert, andererseits verständlich und zuweilen unterhaltsam näher gebracht.

Talking Anthropology
Talking Anthropology verfolgt das Ziel, anthropologische Themen einer breiten Gruppe von Menschen näher zu bringen. Dazu werden Gespräche zwischen ExpertInnen und dem Moderator aufgezeichnet und im Internet frei zur Verfügung gestellt. Der Podcast Talking Anthropology will Grundkenntnisse vermitteln, Gefahren aufzeigen und positive Aspekte herausstreichen. Die Sendungen sollen möglichst allgemein verständlich sein, gleichzeitig aber auch theoretische Hintergründe und komplexe Zusammenhänge beleuchten.
Alle Sendungen sind auf www.talkinganthropology.com gratis unter freier Lizenz abrufbar. Trägerverein ist MASN Austria (Moving Anthropology Student/Social Network).

Teilnehmende Medienbeobachtung
Die Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung hat es sich zum Ziel gesetzt, Medien kritisch zu beobachten, zu hinterfragen und zu kommentieren beziehungsweise zu ergänzen. Mindestens alle zwei Wochen, bei Bedarf auch öfter, werden Beiträge zu verschiedenen Themen gestaltet, als Blogbeitrag auf www.univie.ac.at/tmb veröffentlicht und den jeweiligen Medien als LeserInnenbriefe bzw. Gastkommentare zugesandt. Dadurch möchte das Team aus Studierenden und Lehrenden der Kultur- und Sozialanthropologie problematische Medieninhalte nicht nur innerhalb eines akademischen Rahmens diskutieren, sondern direkt im öffentlichen Diskurs sichtbar machen. Kritisiert werden dabei Stereotype, diskriminierende Diskurse und Falschinformationen über als fremd konstruierte Menschen, Gesellschaften, Religionen oder Regionen. Doch auch positive Berichterstattung wird thematisiert.

Links:
Bericht in der Kleinen Zeitung Online (vergleichbar auch auf ORF Kärnten):
Asylheimbrand: Verteidiger will Fluchtverhalten prüfen

Fremde Feder von Clara Akinyosoye auf derStandard.at: Im Zweifelsfall gegen den Afrikaner

Irene Brickners Blog auf derStandard.at

Kaptransmissions.org – Webjournal zur Fußball-WM des Medienbüros nameit

Projekt M-MEDIA: Selbstorganisation von MigrantInnen, die ihre Bilder selbst gestalten wollen.

Paradigmata – Kontakte derzeit noch unter http://www.diemaske.at/

Talking Anthropology

Tage der Kultur- und Sozialanthropologie 2010

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  1. […] guter Artikel von TMB zum Medien Workshop und Podiumsdiskussion des 1. Tages […]

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