Albinos in Ostafrika

LerserInnenbrief von Heidi Weinhäupl und Anna-Sophie Tomancok an Herrn Obert, Magazin der Süddeutschen Zeitung:

Sehr geehrte Redaktion des Süddeutschen-Magazins,

Sehr geehrter Herr Michael Obert,

Vieles an Ihrem Artikel „Der Fluch der weißen Haut“ über die grausame Verfolgung von Menschen mit Albinismus in Tansania ist nicht nur interessant, sondern auch aus Sicht unserer Initiative „Teilnehmende Medienbeobachtung“ positiv hervorzuheben – beispielsweise dass Sie darin das „Afrika-Klischee eines rückständigen, barbarischen Kontinents, das der Westen gern von Afrika zeichnet“ nicht nur ansprechen, sondern ihm auch klar widersprechen.

Gerade unter dem Gesichtspunkt dieser Stereotype ist jedoch der dramatische und reißerische Stil der Aufarbeitung dieses ernsten Inhaltes hinterfragenswert: Die Leiden der Opfer werden in allen Details geschildert, was beispielsweise in dem folgenden Zitat ersichtlich wird:

»Seine Klinge ist stumpf, er hackt und hackt«, erzählt Mariamu atemlos, als geschehe es in diesem Moment noch einmal. »Blut, überall Blut, ein Ruck, mein Arm gibt nach, erst jetzt spüre ich das Brennen, erst jetzt schreie ich vor Schmerz.«

Dass Arme „abgehackt“ und Köpfe abgetrennt werden, ist furchtbar, und das Leiden der Menschen mit Albinismus (der Begriff Albinos wird, nebenbei bemerkt, nur für das Tierreich angewandt, für Menschen ist er abzulehen) soll und muss öffentlich werden, damit diese Verbrechen energischer verfolgt werden und statt der Opfer die Täter eingesperrt werden. Hier ist Ihnen voll zuzustimmen. Auch die Schilderung von Josephat Torner als engagierten, aktiven Mensch mit Albinismus, der sich politisch engagiert, widerspricht vielen Afrika-Klischees. Zudem erwähnen Sie kritisch die Verantwortung Deutschlands aufgrund der kolonialen Vergangenheit, die Ausrichtung von Hilfsprojekten für Tiere statt für Menschen und sehen die aktuellen Verbrechen primär als Resultat einer neoliberalen Wirtschaftsordnung.

In vielen Passagen Ihrer Reportage wird jedoch eine überdramatisierte Wortwahl und Art der Schilderung angewandt, die eher an das Genre des Horrorfilms erinnert als an einen reflektierten Artikel. Gerade bei derart grausamen Vorgängen sollte die Art der Schilderung bewusst gewählt werden.. So wie Sie sich – nachvollziehbar und reflektiv – im Artikel die Frage stellen, ob Sie als Journalisten durch Ihre Recherche den Marktwert von Körperteilen erhöht haben, könnte auch gefragt werden, ob Sie mit ihrem reißerischen Artikel an der Nachfrage nach Afrika-Horrorgeschichten in Europa mitgewirkt haben.

 

 

Reaktion von Hernn Obert auf den LeserInnenbrief via Email am 20.April 2015:

herzlichen Dank für Ihre Mail. Die Initiative „Teilnehmende Medienbeobachtung“ ist mit bekannt und wird von mir für ihre Arbeit hoch geschätzt.

Doch bei dem, was Menschen mit Albinismus in weiten Teilen Afrikas erleben müssen, handelt es sich nicht, wie Sie schreiben, um „Horrorgeschichten“, sondern um den realen Alltag von Frauen, Männern und Kindern. Tausenden. Und dies ist seit Jahren bekannt.

In meiner Arbeit setze ich mich diesem Alltag vor Ort aus, um seine Umstände von innen heraus zu ergründen und meine Erkenntnisse anschließend in eine Form zu transzendieren, die mir – als Autor und Journalist und als Mensch – angemessen erscheint und mit der ich meiner Verantwortung gegenüber dem Sachverhalt und seinen Protagonisten gerecht zu werden glaube.

Aus dieser Position heraus empfinde ich den Ton meiner Reportage als alles andere als reißerisch, sondern – angesichts der tatsächlichen Verhältnisse vor Ort – als betont gemäßigt und zurückgenommen.

Ich glaube nicht, dass es meine Aufgabe als Journalist ist, der Welt einige der menschenunwürdigen Details solcher Verstümmelungen und Hinrichtungen zu ersparen, sondern bin vielmehr überzeugt, dass entschieden und mit aller Konsequenz darauf hinzuweisen ist. In der Hoffnung, dass meine Texte nicht nur gelesen, sondern auch „gehört“ werden, nicht zuletzt damit die Dinge vor Ort in Bewegung kommen.

Mit den besten Grüßen
Michael Obert

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail wird nicht veröffentlicht.

(erforderlich)
(erforderlich)