Alles ist erlaubt? Hass-Posten in den Onlineforen

Der Artikel erschien am 25. 11. 2010 als Gastkommentar in der Presse.

Islam ist in Mode gekommen. Die Welt zerfällt in Islamophile und Islamophobe, Islam lässt viele nicht kalt. Kein anderes Thema polarisiert dermaßen, kein anderes Thema provoziert ähnlich kontroversielle Meinungen.

Als geschützte Werkstätte für antiislamische Übergriffe profilieren sich derzeit die Online-Foren österreichischer Medien. Da können Interessierte unter Berufung auf die Freiheit des Wortes jegliche Rassismen und Beleidigungen von sich geben. Viel zu selten schreitet die Administration ein und entfernt die Beiträge.

Betrachtet man hingegen überregionale deutsche Zeitungen (beispielsweise SZ, FR, FAZ, Zeit), und verfolgt deren Praxis von Posten und Petzen, stellt man überrascht fest: Der Ton ist höflicher, das Bildungsniveau weit höher, die Diskussion sachlich und weniger emotional. Rassistisches, Islamophobes, Antisemitisches wird unverzüglich entfernt, ebenso Diskriminierendes, Beleidigendes, Obszönes. Entweder schließen diese Blätter nachts und an Wochenenden ihre Kontaktzonen und verhindern dergestalt das unkontrollierte Wuchern verbaler Entgleisungen, oder sie überwachen sie bei einzelnen Artikeln rund um die Uhr.

Weiters sind da bei den einschlägigen Themen weit weniger Postings als in Österreich, obwohl Deutschland über nahezu die zehnfache Einwohnerzahl verfügt. Es sieht also ganz danach aus, als ob das ethisch höher stehende Format, das die Werte von Respekt und Toleranz gegenüber Andersdenkenden hochhält, gewisse Schreiberlinge fernhält, weil es eben kein Forum bietet, um Meinungen hart an der Grenze des Medienrechtlichen und jenseits journalistischer Ethik zu veröffentlichen.

Die Anzahl der Klicks

In Österreich aber lässt man die Leute sich austoben. Hier werden nur die übelsten Ausschreitungen gelöscht. Wir haben schließlich keine Zensur. Das lässt die Anzahl der Postings ebenso in die Höhe schnellen wie die Anzahl der Klicks darauf, die wiederum die Werbeeinnahmen nach oben treiben. Denn Letztere werden unter anderem nach dem Verkehr auf einer Seite berechnet.

Viel Frequenz ergibt sich aber nur, wenn es Spannendes zu lesen gibt, und daher ist es ganz im Sinne der Verantwortlichen solcher virtuellen Unflat-Räume, wenn die Parteien einander befetzen. Was abendländischer Anstand, Knigge und Etikette lange Zeit verpönten, nämlich das Absenden anonymer Texte, wird als Netiquette in den Foren der Nachrichtenseiten nicht nur nicht geächtet, sondern ist im Gegenteil erwünscht. Islam sells in Mitteleuropa – wer hätte das vor zehn Jahren gedacht?

Viel zerschlagenes Porzellan

Die gesellschaftspolitische Verantwortung, die Medien für sich reklamieren, wenn es ihnen gerade dienlich ist, nehmen sie beim Betreiben der Online-Foren im Dienste der Profitmaximierung nicht wahr. Ganz im Gegenteil: Wie die beschimpften Muslime und Musliminnen sich fühlen müssen, wenn sie derart Schmähungen über sich und ihre Religion lesen, daran wird nicht gedacht, ebenso wenig wird berücksichtigt, wie viel Porzellan dabei im interkulturellen Zusammenleben zerschlagen wird.

Zwar gibt es dagegen jetzt die Facebook-Seite A comment a day (acad), deren Angehörige täglich einen positiven Kommentar schreiben und auch fleißig twittern (#acad). Aber das wird nicht genug sein.

Höchste Zeit, dass auch von offizieller Seite Maßnahmen gegen solche Texte der Verhetzung vorgenommen werden! Die gesetzliche Handhabe dazu gibt es. Im Übrigen müssten simple Menschlichkeit, Kinderstube oder christliche Gesinnung eigentlich ausreichen um zu wissen: Die Freiheit jedes Einzelnen hört dort auf, wo die Freiheit der Anderen beginnt.

Ingrid Thurner
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/tmb)

Brief von Katharina Meichenitsch/Diakonie Österreich vom 26. 11. 2010:

Betreff: Geschützte Werkstätten

Sehr geehrte Frau Thurner,

bezugnehmend auf Ihren Gastkommentar am Donnerstag, den 25. November in der „Presse“ möchte ich Sie auf Ihre missbräuchliche Verwendung der Worte „geschützte Werkstätte“ hinweisen.

Derzeit arbeiten etwa 20.000 Menschen mit Behinderungen in „geschützten Werkstätten“ oder „Beschäftigungstherapie“. Diese Menschen leisten nicht mehr oder weniger, sie leisten im Rahmen ihrer Möglichkeiten, Fähigkeiten und Vorlieben, so wie jede und jeder andere auch. Sie arbeiten z.B. als Tischlerinnen, und fertigen Möbel für Montessori-Schulen an, oder ziehen Gemüse, das sie selbst bei Märkten verkaufen. Trotzdem sind diese Menschen nicht eigenständig sozialversichert. und beziehen keine Lohn, da ihre Tätigkeit vor dem Gesetz nicht als Arbeit gilt.

Die Diakonie fordert im Rahmen ihrer Kampagne „Lass uns Partner sein“ die Einführung einer eigenständigen Sozialversicherung, um würdevolles Arbeiten zu ermöglichen. Wir sind dabei auf unterschiedlichste Unterstützung angewiesen – nicht zuletzt auch darauf, dass Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, ein diskriminierungsfreies Bild von Behinderung vermitteln. Nur so kann das Bewusstsein der Bevölkerung für Problem lagen geschaffen werden, und sozial- und gesellschaftspolitische Verbesserungen für Menschen mit Behinderungen erreicht werden.

Ich hoffe ich konnte Ihnen zeigen, wie wichtig Ihre Wortwahl auch für Menschen mit Behinderungen ist, und würde mich freuen, würden Sie unsere Kampagne durch den Versand einer Protestkarte an Sozialminister Hundstorfer unterstützen.

mit freundlichen Grüßen

Katharina Meichenitsch
Diakonie Österreich

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