Auf Safari!

Fragwürdige Stereotypen der Tourismuswerbung

Im Rahmen der Vermarktung indigener Kulturen im Tourismus werden die Lebenswelten verarmter Minderheiten zu Sehnsuchtsorten reicher Zivilisationsflüchtiger auf Zeit. Im südlichen Afrika sind es „Buschmänner“, deren Vergangenheit als Jäger und Sammlerinnen zum gefälligen touristischen Konsum aufbereitet wird.

Die Titelseiten vieler Reise-Beilagen von Zeitungen zieren vordergründig sehr ansprechende Bilder. Und der Exotismus beschränkt sich meist nicht auf das Cover. In den Reisebeschreibungen reiht sich ein Stereotyp ans nächste. Bilder von Landschaften als Idyll und Kulisse für wilde Tiere und Menschen, die westlichen Vorstellungen von „Eingeborenen“ entsprechen: Nackt, bis auf einen perlengeschmückten Lendenschurz, die Frauen mit Röcken aus Tierhaut, mit einem farbenprächtigen Schmuck oder elaborierter Haarpracht. Da wird berichtet von Beutezügen in der Wildnis, die man hautnah miterlebt hat, oder von Besuchen in Dörfern mit wurzelkauenden Alten und barbusigen Jungen – ein Leckerbissen für die Tourismuswerbung. Da muß man doch unbedingt einmal hin! Diese Menschen leben im Einklang mit der Natur – und das im 21. Jahrhundert!

Das Problem dabei ist: Die damit angedeutete Naturnähe und Unverdorbenheit sind exotistische Verklärungen. Wie schnell diese in Rassismus umschlagen können, wurde in zahlreichen wissenschaftlichen Studien belegt. Im Westen jedenfalls wecken solche Bilder Assoziationen von Primitivität und Rückständigkeit und erhalten den rassistischen Diskurs über Afrika aufrecht. Der enge Bezug zur Natur wird nicht nur über die Beschreibung der (vermeintlichen) Lebenswelt hergestellt. Die bloße Verwendung der Bezeichnung „Buschmann“ bzw. „Buschleute“, die nicht nur in Medien, sondern auch von NGOs wie Survival International gerne verwendet werden, trägt zur eindeutigen Verortung bei, sowohl im räumlichen Sinn wie auch hinsichtlich eines unterstellten niedrigen Entwicklungsniveaus. „Buschmann“ ist eine Wortschöpfung aus der Kolonialzeit, die auch dazu diente, die europäische Herrschaft über den afrikanischen Kontinent zu rechtfertigen. Verschiedene Gruppen wurden unter einem Namen zusammengefaßt, als naturnah, primitiv, wild und bedrohlich beschrieben und dadurch abgewertet. Wer diesen Begriff heute noch unreflektiert und unkommentiert verwendet, transportiert – gewollt oder nicht – rassistische Bedeutungen.

Für sich selbst haben die verschiedenen Gruppen verschiedene Eigenbenennungen, zum Beispiel !Khung oder G/wi. Im Übrigen ist auch die Bezeichnung „San“ die heute gern verwendet wird, mitnichten politisch korrekt, denn auch dies ist eine abwertende Fremdbenennung und zwar von Seiten der Khoi, die sich als Viehzüchter den Jägern und Sammlerinnen überlegen fühlten und sich abgrenzen wollten.

Tatsächlich leben diese Bevölkerungsgruppen heute keineswegs im Einklang mit der Natur, aus dieser wurden sie längst vertrieben – Prozesse, die in der Kolonialzeit begannen und nach der Unabhängigkeit fortgesetzt wurden. Ihrer Wirtschaftsgrundlage sind sie beraubt, die Jagd ist ihnen verboten, und wenn sie heute in sogenannten bushwalks mit Lederlendenschurzen und nacktem Oberkörper auftreten, so ist das ihre Arbeitskleidung, die sie vor Dienstantritt angelegt haben. Sie leben als wenig geachtete Landarbeiter an den Rändern der Siedlungen, halten ein paar Ziegen, stehen in allen Ländern auf der untersten Sprosse der sozialen Stufenleiter und haben kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Am wöchentlichen Zahltag bevölkern sie zahlreich die lokalen Schänken, Alkohol scheint das einzige Exil, das ihnen verblieben ist, was sie in den Dörfern nicht beliebter macht.

In Zeiten der Globalisierung ist für Bevölkerungen kein Platz, die in aneignender Wirtschaftsform ihren Lebensunterhalt bestreiten. Dabei waren ihre Lebensentwürfe so gestaltet, daß manches davon Idealen entspricht, die im Westen bisher nie verwirklicht werden konnten. So war ihre Gesellschaft geprägt durch egalitäre Strukturen – keine hierarchische Gliederung, keine Klassen, keine Schichten, keine Unterdrückten – und weitgehende Gleichheit der Geschlechter. Denn Frauen trugen durch das Sammeln von Früchten, Beeren, Nüssen, Samen, Wurzeln, Ameisen, Insekten, Würmern und dergleichen mehr als die Hälfte zum Lebensunterhalt bei. Diese Geschlechteregalität ist allerdings seit den Einflüssen der Kolonialzeit, des Christentums und auch der sie umgebenden Angehörigen anderer Ethnien heute nicht mehr im selben Ausmaß gegeben.

In den siebziger Jahren, als es noch Gruppen gab, die ihrer angestammten Lebensweise nachgingen, fanden Zeitverwendungsstudien heraus, daß wenig Streß und viel Muße zur Produktion von Wissen und von künstlerischen Ausdrucksformen führten, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind: Lieder, Geschichten, Tänze, Trance, Spiritualität, Heilung. Auch die teils jahrtausendealten Felsbilder im südlichen Afrika werden ihnen oder einer Vorgängerbevölkerung zugeschrieben.

Tatsächlich könnten wir von diesen Jägern und Sammlerinnen sehr viel lernen. Nachhaltiger Umgang mit Ressourcen war überlebensnotwendig, ein Gebiet wurde nur bejagt, solange die Bestände nicht gefährdet waren. Materieller Besitz war nicht wichtig, denn er behinderte die Beweglichkeit, die oberstes Gebot war. Im Übrigen hat das Leben in unwirtlichen Gegenden zur Entwicklung von Kenntnissen geführt, über die die westliche Zivilisation bei aller Arroganz nicht verfügt, etwa ein hochspezialisiertes biologisches und medizinisches Wissen, das in der Pharmaindustrie nachgefragt ist. Deswegen sind sie auch seit Jahrzehnten Opfer von Biopiraterie, gegen die sie kämpfen – David gegen Goliath, entrechtete Landlose gegen internationale Konzerne.

In Medienberichten werden die Hintergründe der Lebensbedingungen jener Menschen, die in den Tourismusdestinationen leben, selten thematisiert. Auch die Rolle des Westens, Fragen von Macht und ihrer ungleichen Verteilung werden nicht angesprochen – die Antworten würden die touristische Idylle trüben. Stattdessen bedient man lieber weit verbreitete Stereotype und stellt die sozialen Probleme als hauptsächlich selbstverschuldete Entwicklung dar. Der häufig zu lesende Hinweis auf den angeblichen Niedergang wirkt wie eine Aufforderung: Fahrt hin und schaut euch das an, bevor die alle ausgestorben sind!

Zwar bringt der Tourismus Geld in die Kassen von Reiseunternehmen und Reiseländern. Die Bereisten selbst sind aber diejenigen, die davon am wenigsten profitieren – auch wenn heute manche von ihnen davon leben, daß sie einen Blick in die Welt ihrer Vorfahren verkaufen und deren Gerätschaften als Souvenirs nachbauen. Folgenreicher als die Kommodifizierung von Kultur, deren finanzieller Aspekt ohnehin nur einigen wenigen zugutekommt, ist allerdings, daß diese Art von Lifeseeing Menschen als Herzeige-Volk instrumentalisiert und
dadurch ihren Status – soziale Ausgrenzung und Perspektivenlosigkeit – verfestigt.

Susanne Oberpeilsteiner und Ingrid Thurner sind Mitarbeiterinnen der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/tmb)
Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien
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Dieser Beitrag erschien in der Zeitschrift INDABA, 72/11.

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