Der Falter und der Islam – Leserbrief zum Gastkommentar von Bianca Tschaikner, Falter 1-2/16

Die Bemühungen des Falters, die aktuellen Entwicklungen und Vorfälle in der Flüchtlingsthematik sachlich und tabufrei zu diskutieren, sind zu würdigen. Jedoch ist es leider so, dass im Rahmen dieser Bemühungen mitunter durchaus antimuslimische Ressentiments geschürt werden, nicht zuletzt durch den Artikel von Frau Tschaikner.

Und nein, es ist nicht so, dass mit einer Entgegnung bzw. Kritik am Artikel dessen Autorin mundtot gemacht werden soll, im Gegenteil soll dieser Leserbrief genau dem dienen, was ständig gefordert wird, nämlich der Abhaltung einer sachlichen Debatte.
Die Schreiberin dieses Leserbriefes ist geneigt, den persönlichen Erfahrung Tschaikners ihre eigenen persönlichen Erfahrungen gegenüberzustellen (zehnjährige Ehe mit einem Muslim afrikanischer Herkunft, zahlreiche Reisen in afrikanische, teilweise muslimische Gesellschaften), jedoch fühlt sich das grundfalsch an. Denn es sollte in einer solchen Debatte nicht darum gehen, welche subjektiven Erfahrungen gemacht wurden, sondern welche gesellschaftlichen Notwendigkeiten sich ergeben, welche Aktionen gesetzt und gefordert werden müssen.
Leider scheint es aber momentan nicht darum zu gehen, was getan werden muss, wie das Problem frustrierter junger Männer angegangen werden kann, die sich auf nicht-tolerierbare Weise in einer gesamtgesellschaftlich schwierigen Situation Genugtuung durch Ausübung einer bestimmten Form von Macht verschaffen. Es scheint momentan oberstes Anliegen zu sein, laut und deutlich und von jedem und jeder anerkannt festschreiben zu wollen, dass es sich um ein „muslimisch-kulturelles“ Problem handelt.
Abgesehen davon, dass vollkommen unreflektiert mit den Begriffen Kultur und Religion operiert wird und sehr unterschiedliche Länder pauschal unter dem Begriff „muslimisch“ vereinheitlicht werden, werden durch dieses ständige Wiederholen einer angeblichen kulturellen Ferne von „rückständigen, patriarchal erzogenen Muslimen“ sehr wohl antimuslimische Ressentiments gefördert. Es stellt sich die Frage, wieso es vielen momentan so wichtig erscheint, diesen Aspekt der Religion als kausal für die Übergriffe darzustellen und darüber hinaus, wie Tschaikner, zu behaupten, dass sexuelle Gewalt in Österreich oder Deutschland nichts (!) mit Kultur zu tun hat bzw. von dieser nicht legitimiert wird.
Ein Gedankenexperiment: Man könnte behaupten, dass der christlich-katholische Schuldkomplex einen unfreien Umgang mit Sexualität fördert und bestimmte, als abnormal wahrgenommene sexuelle Vorlieben dadurch einerseits stärker tabuisiert werden müssen. Andererseits müssen diese dadurch viel stärker im Geheimen befriedigt werden, was österreichische Männer dazu verleitet, junge Frauen, mitunter auch die eigenen Töchter, in den Keller zu sperren und dort zu missbrauchen. Würde man eine wissenschaftliche Erforschung der Hintergründe dieser schrecklichen Taten betreiben, könnte der katholische Glauben vielleicht ein Aspekt von vielen sein, die zur Erklärung herangezogen werden. Daraus einen kausalen Zusammenhang zu konstruieren und zu behaupten, weil sie katholisch erzogen wurden, werden österreichische Männer ihre Töchter eher in den Keller sperren und missbrauchen, wäre offensichtlicher Unfug, der jedem/jeder sofort auffiele – was jedoch bei derlei Behauptungen im Zusammenhang mit muslimischen Männern nicht der Fall ist.
Was wiederum zurück zur Frage führt, warum es auf der alltagspraktische Ebenen so wichtig erscheint, diese vermeintliche Schuldigkeit der muslimischen Kultur/Religion/Herkunft derartig festzuschreiben. Da die Autorin auch viel über ihre Angst berichtet, noch eine These: Geht es vielleicht darum, festschreiben zu können, vor wem ich mich auf der Straße fürchten muss? Begegne ich einer Gruppe von arabisch/dunkler aussehenden Männern: Ja, Furcht, Flucht planen!, begegne ich hingegen einer Gruppe von weißen Männern mit helleren Haaren: Entspannung, keine Gefahr!
Würde die Welt so funktionieren, brächte dies in der Tat Erleichterung. Nur leider ist dies nicht der Fall – belegt durch viele Vorfälle sexueller Gewalt von österreichischen Männern, zum Beispiel bei Veranstaltungen wie Zeltfesten zu beobachten.
Ein weiterer Auswuchs dieser Logik ist, daraus bestimmte Ausschlusskriterien zu formulieren: Weil Muslime „kulturfern“ und frauenverachtend erzogen werden, begehen sie eher sexuelle Übergriffe. Daher soll, so deutet die Autorin zumindest an, eine „unkontrollierte Massenzuwanderung“ solcher Muslime eingebremst werden. Aus dieser Forderung ließe sich schließen, dass Unterschiede zwischen muslimischen und christlichen Flüchtlingen gemacht werden sollen, dass eine angebliche „Kulturferne“ Hinderungsgrund für eine Aufnahme in Österreich sein soll. Und diese Forderung hat wohl eindeutig eine diskriminierende Schlagseite.

Mag.a Margarete Gibba
Kultur- und Sozialanthropologin
Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung
an der Universität Wien

Ein Kommentar

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  1. Vladislav Marjanovic

    Es ist immer gefährlich, über Menschen und Ereignisse pauschall zu urteilen. Es ist aber ebenso gefährlich, die Augen vor den Tatsachen zu schließen und sie durch verschiedene ideologische Brillen zu betrachten. Religionen lassen sich leicht für ideologische Zwecke missbrauchen. Früher war das mit dem Christentum den Fall. Jetzt ist das radikale Islamismus an der Reihe. Militante, monotheistische Religionen tendieren zu missionieren, zu expandieren und sind dabei selten tolerant. Es geht, schließlich, um eine Angelegenheit der Macht, bzw. die Auspübung der Macht seitens ihren Trägern. Das alttestamentarische Spruch: „Ich bin dein Gott und habe keine andere Götter außer mich“ (im Koran: „Es gibt kein Gott außer Gott“) ist ein deutlicher Ausdruck dieses Strebens. Heilige Schriften sind aber auch ein Grundgesetzbuch der kodifiziert für alle Zeiten die Gesellschaftsordnung aus der Epoche ihrer Erstehen. Wenn sie sich, dank geistlicher und weltlicher Macht jahrtausendelang durchsetzen, dann entstehen Dogmen und Tabus, die sich durch Rituale zu einer ständige Gehirnwäsche entwickeln, die man dann „Kultur“, ja sogar „Zivilisation“ nennt. Das Resultat ist bekannt. Religionen, die durch Interpretierung und Anpassung an die Entwicklung der Menschheit, Ansatz für seine ihre Humanisierung hätten sollen, werden zu Ideologie abgesetzt. Mit allen Religionen und mit Islam insbesondere ist das geschehen. Es hat sich seit 1979, d.h. seit der Ankunft von Khomeini an die Macht in Iran und dem Anfang der sowjetischen Invasion von Afghanistan radikalisiert in einem besorgniserregenden, intoleranten, militanten, diskriminatorischen, sexistischen Ausmass. Für Fundamentalisten ist der Koran keine philosophische Quelle, sondern hat dieselbe Funktion wie das kleine Rote Buch von Mao Tse Tung aus der Zeit der Kulturrevolution oder eines „Mein Kampfes“. Und genauso wie die totalitäre Machthaber von anno dazumal die destruktive energie der Massen entfaltet haben, das geschieht jetzt auch mit dem radikalen Islam. Ja, die Islamisten, vor allem jugendliche, lassen sich leicht mit schwarz-weißen Argumenten, in eine Hetzenmeute umwandeln. Wenn sie schon in Selbstmordattänteter oder Schlächter umprogrammiert werden können, warum sollen sie auch nicht als Gräpscher angestiftet werden? Man muss sich dennoch fragen, zum welchen Zweck? Um ihre Frustrationen zu befriedigen oder um eine Mission zu erfüllen? Man wird natürlich an ihren religiösen Auftrag, „Ungläubige“ zu bekämpfen. Dieses Vorgehen führt aber auch zur politischen Destabilisierung von Staaten, vielleicht sogar von der Europäischen Union. Immerhin sind die meisten Vorfälle in Deutschland passiert. War das eine Absicht oder ein Zufall? Mag sein, dass die Islamisten Deutschland als Feind betrachten, weil es sich an die Luftangriffe gegen die ISIS in Syrien angeschlossen hat. Man darf auch nicht vergessen, dass Deutschland de facto der führende Staat in der EU ist und als solches dazu strebt, sich aus der Umarmung der USA zu befreien. Eine starke EU mit einem starken Deutschland könnte weniger ein Problem für den Nahen Osten sein als für die USA und zwar als Wirtschaftskonkurrent. Eine schwache EU und ein destabilisiertes Deutschland könnten der USA erleichtern, das Freihandelsavkommen zu schließen und so auch zu verhindern, dass die EU sich nicht zu stark an Russland und China anlehnt. Die Flüchtlingströmme und Flüchtlingsrevolte, die mehr und mehr den Anschein von einer gut koordinierter Aktion lassen und dessen Hauptziel Deutschland ist, könnten dazu einen wertvollen Dienst leisten. Da sie schon so aktiv von vershiedenen NGOs, die von großen US Stiftungen finanziert sind, unterstüzt werden, dann ist es schwer eine solche Möglichkeit auszuschließen. Man provoziert zuerst „farbige“ Revolutionen, diese Revolutionen werden Kriege, Zerstörungen, Hunger und Flucht erzeugen, ein Teil von diese Flüchtlinge (mehrere hundert tausend) werden sich nach Europa begeben, empfangen, mit Routenplaner Richtung Deutschland gesteuert und de facto geschleust. Damit sind zwei Fliegen mit einem Schlag erledigt: die USA, bzw. ihr Kapital, bekommt freie Hand zu den Rohstoffen und strategisch wichtigen Stützpunkten und Europa wird destabilisiert durch die Flüchtlingströme. Bezahlen (mit ihrem Leben) werden das die Flüchtlinge. Das Menschenleben hat für die neoliberale Machthaber sowieso keine Wert. In einer solchen Situation bleibt die Frage, ob man sich damit zufrieden stellen soll, den ankopmmenden Flüchtlkingen Hilfe zu leisten, oder die Sache am Wurzeln zu packen und das ganze globalistische neoliberale System zu ersetzen? Offensichtlich haben die Machthaber keine Mut zu radikalen Lösungen, sondern sie werden jede Kritik als Verschwörungstheorie abstufen, was die gutgläubigen scheinbar linksorientierte Gutmenschen aus den NGOs und Vereine bestimmt wiederholen werden. Leider, die Geschichte der Menschheit beruht auf Verschwörungen, Intrigen, Machtgier und Raub. Mit dem Schweigen darüber und Selbskastaiungen, wie es Intellektuelle aus diesem Spektrum ununterbrochen empfehlen, wird man der Sache eher schaden als nutzen.

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