Möchtegern-Islamexperten

Der Kommentar ist am 13. 1. 2015 in Die Presse und am 15. 1. 2015 in Die Furche erschienen.

Der Flächenbrand im Nahen Osten produziert im Schnellverfahren Möchtegern-Islamexperten. In letzter Zeit häufen sich wieder die Anti-Islam-Texte, im Kurier vom 5. 1. („Zehn aktuelle Thesen zum Islam und Europa“), in der Presse vom 3. 1. („Die Sache des Leviathan“), in der Wiener Zeitung vom 27. 12. 2014 („„Die Wahrheit ist zumutbar, auch dem Islam“).

Mit wenig Recherche und vielen Vorurteilen wird da Meinung produziert und verbreitet, Sachkenntnis scheint nicht vonnöten, dass man eine Plattform in einer Zeitung findet. Leider häufen sich nicht in gleicher Zahl die Gegenstimmen, die Islamverbände und muslimischen Kommentatoren des Landes sind es anscheinend leid, den immer gleichen Anschuldigungen gegen ihren Glauben zu begegnen. Und wir von der Teilnehmenden Medienbeobachtung haben auch schon häufig darauf hingewiesen, dass man nicht immer wieder der Religion und ihren Angehörigen zur Last legen kann, was in Wirklichkeit Kämpfe um Macht und Ressourcen und geopolitische Vorherrschaft sind.

Als Kronzeugen der Inkompetenz werden von Theo Faulhaber im Kurier bekennende Islamgegner herangezogen (Leon de Winter, Peter Sloterdijk, Hamed Abdel-Samad), Zitate von ihnen dienen als Beleg für Behauptungen, die eine ganze Religion samt allen Gläubigen diffamieren. Interessant auch und im Grunde paradox, dass sich die Islamkritiker besonders gern auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan berufen (Kurier, Wiener Zeitung), den sie ja eigentlich zu jener Fraktion zählen, die sie verbal bekämpfen.

Wo andere überrascht sind, sieht man im Kurier Zusammenhänge: „Wieso man sich über die Grausamkeiten der Al-Kaida, des IS, der Boko Haram usw. wundert, ist erstaunlich: Sie agieren nicht anders als Mohammed.“ Dabei wird ignoriert, dass von der Al-Azhar Universität abwärts die führenden islamischen Institutionen der Welt erklärten, dass der Terror dieser Gruppen nichts mit ihrem Propheten und ihrer Religion zu tun hat (Ernst Fürlinger hat die beeindruckende Liste der Organisationen veröffentlicht).

Weiters wird da behauptet: „der Islam enthält demokratie- und menschenrechtsfeindliche, faschistische Tendenzen“. Das kann auch für andere Religionen gelten. Entscheidend ist, wie die jeweiligen heiligen Texte politisch umgesetzt werden. Die vier Rechtsschulen bieten ausreichend Raum, Islam mit Demokratie zu verbinden, und eine überwältigende Anzahl von Muslimen und Musliminnen in aller Welt wünscht sich nichts sehnlicher als Demokratie, wie der Arabische Frühling gezeigt hat. Auch wenn dieser nun leider im Blut der Gegenrevolutionen erstarrt – es wird ein neuer Frühling kommen, und die Rufe nach Mitbestimmung, Menschenwürde und Teilhabe werden wieder ertönen.

Aber während man sich im Kurier damit begnügt, die Religion zu verunglimpfen, und zu verlangen, dass man sie beschimpfen darf, ohne dass man mit der Faschismuskeule bedroht werde, ist man in der Presse radikaler. Hier werden Forderungen gestellt: „Ein europäischer Islam beziehungsweise ein reformierter Islam müssen zumindest eine radikale Reform der Scharia respektive deren Abschaffung vornehmen, also nichts Geringeres als eine grundlegende Religionsreform.“

Da der Satz sich als bar jeglicher Kenntnis dessen erweist, was Scharia ist, sei auf Thomas Bauers gut geschriebenes Buch, Die Kultur der Ambiguität verwiesen, aus dem klar hervorgeht, dass Reform, Veränderung, Verschiedenheit und auch Widersprüchlichkeit der Deutungen – eben Ambiguität – in der Theologie selbst angelegt sind und in allen vier Rechtsschulen auch gelebt werden.

Subtiler geht es Christian Ortner in der Wiener Zeitung an: Er differenziert. Er wirft nicht alle in einen Topf. Er weiß, dass die muslimische Mehrheit mit IS und Konsorten nichts am Hut hat. Da vergleicht er sie eben mit den Mitläufern des Nazi-Regimes. Es seien „auch die meisten Chinesen im Maoismus, Russen im Stalinismus und wohl sogar Deutschen im Nationalsozialismus … keine blutrünstigen Bestien“ gewesen. Die „schweigende Mehrheit“ sei „letztlich mehr Teil des Problems als der Lösung“.

Eine solche Gleichsetzung friedliebender Gläubiger, die Hunderte und Tausende Kilometer entfernt von den Schlachtfeldern ihre Religion praktizieren, mit dem menschenverachtendsten Regime aller Zeiten erscheint uns besonders erbärmlich.

Ingrid Thurner

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