Die antimuslimischen Vorurteile pflegen

Der Kommentar erschien am 17. 5. 2013 gekürzt in der Wiener Zeitung.

„Mehrheit der Muslime weltweit für Scharia“, so oder so ähnlich lauteten weltweit die Schlagzeilen anlässlich einer Umfrage des Pew Research Center*), die dieser Tage für mediale Aufregung sorgte.
Es klang zugleich wie eine Anklage und wie ein Triumph, wie wenn endlich offiziell bestätigt würde, was man immer schon befürchtet hat. Aber was ist daran überraschend, wenn Muslime für die Scharia sind? Selbstverständlich befürworten die Angehörigen einer Religion ihre Glaubensinhalte.
Die Berichterstattung über diese Studie war tendenziös bis islamfeindlich. Es wurden genau jene Stereotype wiederholt, mit denen man von Seiten diverser Medien und Blogs in den letzten Jahren bis zum Überdruss gefüttert wurde.

Vorurteile und Stereotype

„Die Frau muss dem Mann gehorchen“ so lautete das wohl zweitliebste Ergebnis, das aus der Studie abgetippt wurde, vielleicht mit schadenfrohem oder auch neidvollem Grinsen.
Dazu wäre vieles zu sagen, etwa dass eine prinzipielle Zustimmung zu den heiligen Texten einer Religion ja nicht heißt, dass man bereit ist, auf Biegen und Brechen danach praktisch zu leben. Genau das zeigt auch die Umfrage, denn in der Mehrheit der Länder betonen eine Mehrheit der Befragten, dass Frauen selbst bestimmen sollen, ob sie ihre Köpfe verhüllen wollen und räumen ihnen das Recht ein, eine Scheidung zu verlangen.
Zum Anderen wird man allmählich zur Kenntnis nehmen müssen, dass viele, auch gebildete Musliminnen keine Lust haben, sich westlich-feministische Weiblichkeitskonzepte und Geschlechterrollenverständnisse anzueignen oder aufdrängen zu lassen. Das haben islamische Aktivistinnen unlängst eindrucksvoll kundgetan, indem sie bekopftucht gegen die nacktbusigen Femen-Auftritte demonstrierten, auf denen sie sich nicht vertreten lassen wollten. Und übrigens: dass die Frau dem Manne untertan sei, das kennt man auch aus der katholischen Kirche, trotzdem treten viele Frauen nicht aus, und dennoch reiten die Medien nicht ständig deswegen auf ihnen herum.
Jedenfalls passt zwischen maskulistische und feministische Wunschträume so einiges an Geschlechterrollen hinein – im Islam ebenso wie im Christentum.

Ist diese Studie repräsentativ?

Man kann die Ergebnisse dieser Studie in Zweifel ziehen, aus mancherlei Gründen, beispielsweise der Repräsentativität. 38.000 Befragte in 39 Ländern, das ergibt pro Land nicht einmal tausend Interviews. Hinzu kommen die linguistischen Differenzen, die Erhebungen wurden in mehr als achtzig Sprachen durchgeführt.
Zwischen Kosovo und Pakistan liegen Welten, wie will man historisch und kulturell so unterschiedliche Gesellschaften mit den gleichen Fragen vergleichend erfassen? Wie verschieden sind bloß die politischen Gegebenheiten in Ägypten (Machtkämpfe zwischen verschiedenen Kräften), Afghanistan (wenig staatliche Strukturen, partikulare Machtzentren), Palästina (Ringen um Eigenstaatlichkeit), Marokko (ein dominanter, aber vielfach geliebter Monarch)?
Man stelle sich vor, man befragt die Angehörigen der verschiedenen christlichen Richtungen von England bis Bulgarien, von Guinea bis Tansania, von den USA bis Chile zu politischen Parteien und Geschlechterrollen, zu Moral und Familienehre, zu Evolution und Musikvorlieben, also quer durch die Welt und quer durch den Meinungsdschungel? Würden wir da inhaltsreiche Ergebnisse erwarten? Würden wir nicht bloß bestätigt bekommen, was wir ohnedies immer schon wussten? Würden wir nicht mit stereotypen Verallgemeinerungen abgespeist?
Wie kann man erwarten, dass solch komplexe Erhebungen zutreffende Erkenntnisse liefern? Es scheitern doch mit schöner Regelmäßigkeit selbst auf regional begrenztem Raum die Prognosen zum Wahlverhalten, wie jüngst in Tirol gerade wieder eindrucksvoll demonstriert.

Chancen für interreligiöse Dialoge

Dennoch hätte man von Seiten der medialen Berichterstattung die Chance nutzen können. Anstatt negative Erwartungshaltungen zu bedienen, hätte man ein wenig in die andere Richtung arbeiten können, um – Zuverlässigkeit der Studie hin oder her – das Verständnis und das Verhältnis zwischen den Religionen zu verbessern.
So wird in 31 von 37 Ländern, in denen die Frage gestellt wurde, mit großer Mehrheit Demokratie der Vorzug gegeben gegenüber einem starken Mann, der das Land führt.
Die Mehrheit derjenigen, die islamisches Recht zum offiziellen Recht in ihrem Land machen wollen, sind auch der Meinung, dass dieses nur für Angehörige des Islam gelten solle. Damit treten sie für Religionsfreiheit und für den Respekt gegenüber anderen Religionen ein. Und sie befürworten überwiegend, dass Nicht-Muslime ihren Glauben im jeweiligen Land praktizieren dürfen.
Sie fürchten sich, was wenig überrascht, vor extremistischen Gruppen und lehnen mit überwältigender Mehrheit Selbstmordanschläge ab. Und bloß weil sie islamisches Recht befürworten, sind sie nicht zwingend für Körperstrafen im Rechtsvollzug und noch weniger für Todesstrafe bei Apostasie.
Diese Detailergebnisse sind – wenngleich für interreligiöse Dialoge viel versprechend – so doch wenig spektakulär, da behauptet man halt lieber, dass Frauen ihre eigene Unterdrückung befürworten. Klar, dass allenthalben mit Kopftüchern illustriert wurde, als ob es nicht gerade aus islamischen Kulturen eine besonders reiche Bilderwelt gäbe, aus der man schöpfen und das Thema untermalen könnte.
Die Leute wollen nicht, dass ihre Kinder Christen heiraten? Man ergründe einmal in Österreich, was die Väter und Mütter davon hielten, wenn ihre Töchter und Söhne Muslime und Musliminnen heirateten! Spannende Resultate sind zu erwarten.
Und wie wären wohl die Auskünfte, wenn man christliche Gläubige in aller Welt fragt, ob es multiple oder nur eine einzige Interpretation ihrer Religion gäbe?
So gilt, was leider oft auf Umfragen zutrifft: hoher Unterhaltungswert bei geringem Erkenntniswert. Manche Redaktionen taten wieder einmal ihr Möglichstes, alle unsere Vorurteile über Muslime zu bestätigen, die Islamfeindlichkeit zu pflegen und nutzten nicht die Chance, einige davon zu zertrümmern. Zum Dank dafür waren die Foren in den Online-Ausgaben sehr belebt, die antimuslimischen Postings zahlreich und ebenso die Klicks, was sich günstig auf die Werbeeinnahmen auswirken wird.

Ingrid Thurner

*) Pew Research Center: The World’s Muslims: Religion, Politics and Society, 2013

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