Die merkwürdigen Kulturbegriffe einflussreicher Herren

Der Kommentar erschien am 6. 6. 2017 in der Wiener Zeitung.

Der deutsche Innenminister beschwört eine „deutsche Leitkultur“, der österreichische Außenminister spricht von „kulturfernen Regionen“ und meint die Türkei, und in rechtskonservativen bis rechtsextremen Kreisen ist zunehmend die Rede von „Gewaltkulturen“.

Was sind das für rückwärtsgewandte eurozentristische Ideologie-Konzepte, denen manche Politiker und manche Medienschaffende verfallen? Wer solche Begriffe im aktiven Wortschatz führt, sollte ein wenig Kulturgeschichte büffeln, seinem ethnologischen Basis-Wissen dringend ein Update verpassen und das Wording überdenken.
Zunächst zum Begriff „kulturfern“: Egal, welchen kulturtheoretischen Ansatz man zu Grunde legt, aus einer ethnologischen oder soziologischen Perspektive sind alle Hervorbringungen, an denen Menschen beteiligt sind, Kultur, seien sie materiell (Werkzeuge, Kunst), geistig (Sprachen, Religionen) oder sozial (Formen menschlichen Zusammenlebens, Rechtssysteme), wobei die Bereiche einander klarerweise überschneiden und keiner ohne die beiden anderen entstehen und bestehen kann.

Kulturferne Regionen wären solche, die keine Hinterlassenschaften menschlichen Tuns aufweisen, die nicht besiedelt sind, wie Wüsten, Urwälder, Gletscher oder Inseln. Von dort können auch keine Menschen aus- und in Europa einwandern, Forderungen nach Zuwanderungsbeschränkungen kann man sich folglich sparen.

Auf dem Gebiet der heutigen Türkei aber bestand bereits um 1.600 vor Chr. ein hoch entwickeltes Reich mit dem Zentrum Hattuša, 150 km östlich von Ankara im anatolischen Hochland gelegen, eine der größten antiken Stadtanlagen mit einem Tontafelarchiv, das Aufschluss gibt über die kommerziellen und diplomatischen Beziehungen bis nach Babylonien und Ägypten.

Zu jener Zeit war in Mitteleuropa die mittlere Bronzezeit, sie war geprägt von dörflichen Siedlungsstrukturen. Es gab keine Stadtanlagen, keine Paläste und Tempel aus Lehmziegeln, keine steinernen Skulpturen, keine Schrift, also keine Aufzeichnungen über historische Ereignisse, Verwaltung, Haushaltung, Rechtssystem. Die Türkei und ihre Bevölkerung kann mit berechtigtem Stolz auf eine mehr als dreieinhalbtausendjährige Geschichte zurückblicken, und die Aussage von den kulturfernen Regionen offenbart nichts über diese Regionen, allenfalls etwas über die Bildungsferne dessen, der sie tätigt.

Der Begriff „Leitkultur“, neuerdings wieder ausgegraben, postuliert ein Recht der Mehrheitsgesellschaft zu bestimmen, wo es langgeht. Da wird ein einheitliches Wertesystem herbeifantasiert, dem sich die gesamte Bevölkerung verpflichtet oder verbunden fühlen soll – als ob es eine solche Einheitlichkeit geben könnte oder je gegeben hätte. Dabei ist implizit enthalten ein Nationalismus-Konzept, von dem seit dem Zweiten Weltkrieg zu hoffen war, dass es überwunden sei.

Wer zuwandert, hat sich anzupassen, so lautet die Botschaft. Es wird eine „Wir“-Gruppe aufgebaut, wir in Europa, im Westen, in Österreich, wo auch immer, und wer sich diesem Wir nicht assimiliert, wird in eine Gegengruppe verfrachtet – das seid „ihr“. Damit verbunden ist ein Hegemonialgedanke, denn zugleich ist selbstverständlich, dass Waren, Informationen, Ideen, Arbeitskräfte, Auszubildende um den Globus zirkulieren und dort eingesetzt werden, wo es gerade sinnvoll scheint. Die dazugehörige „Leitkultur“ reist mit und geht viral – der europäische/westliche Kulturimperialismus, der überall auf der Welt so verhasst ist, feiert fröhliche Urständ.

„Gewaltkulturen“ wiederum tauchen auf in Boulevardblättern, in sozialen Medien, in rechtsextremen Blogs. Sie werden auch gerne von Journalisten mit einer zuwanderungsfeindlichen Agenda benutzt, besonders von solchen, die in einer muslimfeindlichen Mission unterwegs sind. Das hieße: ganze Länder, Millionen von Menschen der Gewalt verpflichtet? Gewalt als kultureller Code, den die der Gruppe zugehörigen Individuen als gültig anerkennen? Gewalt als Basis einer stabilen kollektiven Identität?

Der Begriff impliziert, dass ein kulturelles Schema namens Gewalt für die alltägliche Handlungspraxis und Lebensführung konstitutiv ist. Das hieße, dass Gewalt die „massive Kausalkraft“ (Clifford Geertz) wäre, die ein solches Kulturgebilde hervorbringt. Außerdem liegt dem Begriff ein holistisches Konzept von Kultur zu Grunde, das alle Individuen im abgesteckten Gebiet umfasst, alle Geschlechter, Bildungsgrade, Berufe, alle politischen, religiösen und sozialen Gruppen und Institutionen. Ein solches Konstrukt ignoriert Diversitäten, impliziert ein abgeschlossenes, homogenes Gefüge und so etwas wie starre Unveränderbarkeit. Wer so einer Gewaltkultur angehört, ist für alle anderen Nicht-Gewaltkulturen für immerdar eine Gefahr.

Tatsächlich sind es aber viele Faktoren – klimatische, historische, politische, religiöse, gesellschaftliche –, die ein kulturelles Bedeutungsgefüge schaffen. In ihrer Gesamtheit und durch fortdauernde Interferenzen führen sie dazu, dass eine Gruppe, eine Gesellschaft, ihre Wissensordnungen und Handlungspraktiken so oder so gestaltet. Und immer gibt es auch regionale Varianten, individuelle Abweichungen und Veränderungen in der Zeit. Die Diagnose Gewaltkultur für ganze Länder ist – abgesehen von ihrer Wissenschaftsferne – eine Stigmatisierung. Da wird kein Versuch unternommen, nach bestem Wissen und Gewissen zu einer objektiven Beschreibung von sozialen Gegebenheiten zu gelangen. Wer von Gewaltkulturen spricht, fällt ein moralisches Urteil, das Millionen von Menschen an den Pranger stellt.

Solche Begrifflichkeiten und Kategorisierungen dienen dazu, bestimmte Menschen auszugrenzen und zu diskriminieren. Außenpolitisch wird ganz unnötig Porzellan zerschlagen, innenpolitisch wird polarisiert und die Gefährdung des sozialen Friedens zynisch in Kauf genommen. Applaus kommt ausschließlich von Seiten, die ideologisch rechtem Gedankengut verhaftet sind.

Ingrid Thurner

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