Eine differenzierte Sicht auf den IS

Eine Replik auf die Glosse Totschlag und Wissenschaft; sie erschien als Leserkommentar am 2./3. 5. 2015, S. 12 in der Wiener Zeitung.

Selbst den dümmsten Kulturwissenschaftlern ist klar, dass die Terror-Organisation IS leider mehr ist als ein intellektuelles Konstrukt.

Über das Eingangsszenario in der Glosse von Hermann Schlösser („Extra“ vom 18. 4. 2015) konnten wir herzhaft lachen, und es ist auf den ersten Blick sehr treffend. Betrachtet man jedoch historische und ethnologische Zusammenhänge, dann werden – unvermeidbar in der Kürze eines Witzes – die Ursachen ausgeklammert, die zu all dem Chaos im Nahen Osten geführt haben, genau jene nämlich, die von der postkolonialen Theorie aufgezeigt werden.

Eine Erklärung liefern insbesondere die historischen Entwicklungen seit den fünfziger Jahren (wenngleich die Wurzeln bis ins Osmanische Reich zurückgehen): Die postkolonialen Hoffnungen, die sich auf einen arabischen Nationalismus stützten, zerrannen in Systemen, die sich politisch repressiv, ökonomisch korrupt und gesellschaftlich liberal gebärdeten. Hinzu kommen seit dem ersten Weltkrieg enttäuschte Hoffnungen, nicht eingehaltene Versprechen und Gewalterfahrungen mit den westlichen Ländern.

Der Befürchtung, mit dem Witz in eine islamophobe Schublade gesteckt zu werden, können wir entgegenhalten, dass Kritik an der Terrororganisation IS allseits erwünscht ist, sogar von Kulturwissenschaftlern. Und Leute, die Terrorismus kritisieren, werden nicht pauschal als islamfeindlich verurteilt, auch nicht an Universitäten. Die Forderung, den Islam differenziert zu betrachten und nicht all seine Angehörigen pauschal zu verurteilen, ist nicht das Gleiche wie eine Blindheit gegenüber Gräueltaten. Und der Versuch zu verstehen, wie so eine terroristische Bewegung entstehen kann, bedeutet nicht zugleich deren Verteidigung.

Ihre Bedenken wegen des Begriffs Islamophobie teilen wir und verwenden ihn genau wegen der pathologischen Konnotation nicht mehr – wenngleich das Islamkritische manchmal durchaus schon krankhaft wirkt. Stattdessen ist in den Sozial- und Kulturwissenschaften eher von Islamfeindlichkeit und Antiislamismus die Rede, seltener von Antimuslimismus oder Muslimfeindlichkeit.

Dem Zitat von Bruno Schirra möchten wir teils widersprechen: Das Chaos, in dem der Nahe Osten versinkt, ist kein Glaubenschaos. Die Religion ist, was typisch ist für so genannte Religionskriege, bloß ein Vorwand, es geht um Macht, Einfluss, Ressourcen, um Geld und um die Vorherrschaft im Großraum. Die Strategen des IS sind die ehemaligen Generäle von Saddam Hussein aus der Baath-Partei, die war sozialistisch und säkular orientiert und hatte geringes Interesse an Glaubensfragen. Wenn die Militärs jetzt Bärte tragen, fügen sie sich bloß den Vorlieben des neuen Arbeitgebers. Ein anderes Beispiel: Der schiitische Iran unterstützt seit Langem die sunnitische Hamas gegen Israel mit Waffen, Logistik und Durchhalteparolen. Viel mehr als nach konfessionellen Zugehörigkeiten bilden sich befristete Allianzen nach gerade aktuellen Interessenslagen und nach einem altbewährten Prinzip: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Im Feuilleton scheint es in Mode zu kommen (siehe auch Die Zeit, 9. 4. 2015, S. 54), Edward Said dafür verantwortlich zu machen, dass weder die westlichen, noch die arabisch-islamischen Länder dem IS-Vormarsch Einhalt gebieten können. Das hat Edward Said nun erstens wirklich nicht verdient, und zweitens ist es eine Überschätzung seines Einflusses. Zudem hat er nur mit Worten gekämpft. Auch wenn wir ihm die These verdanken, dass der Orientalismus nichts anderes sei als eine westliche Erfindung, ist selbst den dümmsten Kulturwissenschaftlern klar, dass die Terror-Organisation IS leider mehr ist als ein intellektuelles Konstrukt.

Ingrid Thurner
Teilnehmende Medienbeobachtung (www.univie.ac.at/tmb)
Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien

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